Pfr. Martin Dubberke
Mangel. Vertrauen. Fülle. | Bild: Martin Dubberke - Das Bild wurde mit KI erstellt auf der Grundlage eines Originalbildes in Verbindung mit einem vom Autor verfassten Prompt.

Mangel. Vertrauen. Fülle.

Manchmal habe ich den Eindruck, wir leben in einer Zeit der leeren Körbe. Nicht unbedingt, weil uns tatsächlich alles fehlt, sondern weil wir ständig darauf schauen, was fehlt.

Da ist die Sorge um die Zukunft.
Da ist die Angst vor Veränderungen.
Da ist das Gefühl, dass vieles unsicher geworden ist.
Menschen ziehen sich zurück.
Der Ton wird rauer.
Die Geduld wird kürzer.
Das Vertrauen wird kleiner.

Viele sehnen sich nach Orientierung, aber immer weniger wissen, wem sie noch vertrauen können.

Viele wünschen sich Gemeinschaft, aber gleichzeitig wachsen die Gräben.

Viele suchen nach Hoffnung und finden stattdessen immer neue Gründe zur Sorge.

Und so macht sich etwas breit, das man kaum greifen kann und das doch überall spürbar ist:

Das Gefühl, es könnte nicht reichen.
Nicht reichen für die Zukunft.
Nicht reichen für den Zusammenhalt.
Nicht reichen für die eigenen Kräfte.
Nicht reichen für die eigenen Kinder.
Nicht reichen für unser Land.
Nicht reichen für die Kirche.

Und genau in eine solche Stimmung hinein wird heute unser Predigttext erzählt.

Da sitzen Tausende Menschen in einer einsamen Gegend.

Sie haben Hunger.
Die Vorräte reichen nicht.
Die Jünger rechnen nach.
Und ihr Ergebnis fällt eindeutig aus:
Zu wenig.
Zu wenig Brot.
Zu wenig Möglichkeiten.
Zu wenig Perspektive.
Zu wenig von allem.

Doch mitten in diese Geschichte des Mangels tritt Jesus. Und damit beginnt etwas Neues. Denn die entscheidende Frage im Predigttext für den heutigen Erntedank lautet nicht:
Wie groß ist der Mangel?

Sondern:
Was geschieht zwischen Mangel und Fülle?

Oder anders gefragt:
Wie wird aus Angst Vertrauen?
Wie wird aus Sorge Zuversicht?
Wie wird aus dem Gefühl, es reicht nicht, die Erfahrung: Gott sorgt für uns.

Denn genau von dieser Bewegung erzählt uns Markus heute. Es ist eine einfache Bewegung, die sich mit drei Worten beschreiben lässt:

Mangel. Vertrauen. Fülle.

Mangel

Beginnen wir also mit dem Mangel. Drei Tage waren die Menschen bei Jesus und haben ihm zugehört. Das muss so intensiv gewesen sein, dass sie darüber vergessen haben müssen, was zu essen, nicht nur ihrer Seele, sondern auch ihrem Körper etwas Guten angedeihen zu lassen. Was liegt also näher als die Sorge Jesu, dass die Menschen auf dem langen Weg nach Hause verschmachten und so sagt er:

Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. 3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.

Und wie reagieren seine Jünger darauf? Ich finde mal wieder unschlagbar. Sie fragen:

„Woher nehmen wir Brot, damit diese Menschen satt werden?“

Eine verständliche Frage.
Eine vernünftige Frage.

Eine realistische Frage, angesichts des Umstands, dass sie sich in einer Einöde befanden. Kein Laden, kein Caterer weit und breit, den man so wie heute mal rasch via Smartphone hätte buchen können.

Aber – Achtung – die Frage der Jünger ist zugleich eine Frage, die den Blick nur auf den Mangel richtet.

Und Jesus reagiert wohltuend anders, als das heute viele Menschen tun.

Er diskutiert nicht.
Er analysiert keine Versorgungslage.

Er fragt stattdessen schlicht und ergreifend:

„Wie viele Brote habt ihr?“

Er frag nicht: Wie wenig?

Sondern: Wie viel? Was ist da?

Das ist der große Perspektivwechsel, den uns Jesus in dieser Geschichte offeriert.

Und ich glaube, genau diesen Perspektivwechsel brauchen wir heute. Denn Erntedank ist nicht nur das Fest der landwirtschaftlichen Ernte. Es ist auch das Fest der gesellschaftlichen Ernte.

Wir ernten immer das, was wir säen.
Wir ernten Vertrauen oder Misstrauen.
Wir ernten Zusammenhalt oder Spaltung.
Wir ernten Hoffnung oder Angst.
Wir ernten Besonnenheit oder Extremismus.

Schauen wir uns doch um.
In den sozialen Medien.
In den politischen Debatten.
Manchmal sogar in Familien und Gemeinden.

Wir erleben eine Gesellschaft, die immer schneller urteilt, immer schneller empört ist und immer weniger bereit scheint zuzuhören.

Wir ernten heute manches, was wir vor langer, fast vergessener Zeit gesät haben.

Und das sollte uns nachdenklich machen.

Ich denke, dass das auch für uns als Kirche gilt.

Wenn wir über finanzielle Engpässe sprechen, über Gebäude, die aufgegeben werden müssen, über Kirchen, die wir schließen, hat das selbstverständlich viele Gründe.

Aber vielleicht sollten wir uns auch die unbequeme Frage stellen:

Haben wir gelegentlich Vertrauen verspielt?

Ist es uns immer gelungen, Menschen die Hoffnung des Evangeliums sichtbar vor Augen zu stellen?

Haben wir manchmal mehr unsere Strukturen gepflegt als unseren Auftrag, in den uns Jesus Christus gerufen hat?

Mangel ist schmerzhaft.
Aber Mangel kann auch eine Chance sein.
Eine Chance zu fragen:
Was brauchen wir wirklich?
Wovon können wir uns trennen?
Was trägt tatsächlich?

Und was hat vielleicht längst mehr Kraft gekostet als Kraft gegeben?

Manchmal führt uns Gott gerade durch den Mangel zurück zum Wesentlichen.

Und damit komme ich zum Vertrauen.

Vertrauen

Denn Jesus bleibt nicht beim Mangel stehen. Er lenkt den Blick auf das, was da ist, nämlich auf die sieben Brote.

Nicht viel.
Aber auch nicht nichts.

Und dann geschieht etwas Bemerkenswertes.
Jesus vermehrt das Brot nicht sofort. Da gibt es keine Magie, keinen Zauber.

Er dankt zuerst.
Er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie.

Ich finde, das ist einer der wichtigsten Sätze in dieser Geschichte. Jesus dankt für das, was da ist, bevor das Wunder geschieht.

Wir würden wahrscheinlich andersherum denken. Wenn das Wunder geschieht, dann sind wir dankbar.

Jesus lehrt uns hier eine andere Reihenfolge:

Zuerst die Dankbarkeit.
Dann verändert sich der Blick.
Dann verändert sich das Herz.
Dann verändert sich die Wirklichkeit.

Dankbarkeit ist bei Jesus nicht die Folge der Fülle.
Dankbarkeit ist die Tür zur Fülle.

Wer immer nur darauf schaut, was fehlt, wird nie satt werden. Wer dankbar wird für das, was da ist, entdeckt plötzlich eigentlichen Reichtum. Genau daran erinnert uns Erntedank.

Er erinnert uns daran, nicht ständig zu beklagen, was wir nicht haben, sondern wahrzunehmen, was uns längst geschenkt ist.

Freundschaften.
Familie.
Gesundheit.
Menschen, die zu uns stehen.
Eine Gemeinde.
Glaube.
Hoffnung.
Vergebung.

Und die Zusage Jesu:
Ich bin bei euch alle Tage.
Das ist nicht wenig. Das ist ungeheuer viel.

Jesus führt seinen aufgescheuchten Jüngern vor Augen, was Vertrauen bewirken kann.

Welche Ruhe darin liegt.
Welche Kraft.
Welche Besonnenheit.

Während alle anderen in Panik denken, handelt Jesus aus Vertrauen. Und vielleicht ist genau das die Botschaft, die wir heute in dieser so vogelwilden, irren und aufgescheuchten Zeit und Welt dringend brauchen.

Gott-Vertrauen ist der beste Schutz vor Panik.
Gott-Vertrauen ist der beste Schutz vor Hektik.
Gott-Vertrauen ist der beste Schutz vor den einfachen Antworten der Radikalen.

Denn Extremismus lebt immer von der Angst.

Gott-Vertrauen dagegen lebt von der Hoffnung.

Jesus sagt: Vertraut mir. Wir kriegen das miteinander hin.

So wie ein Bauer seine Saat ausbringt.
Er kann den Regen nicht machen.
Er kann das Wachsen nicht erzwingen.
Aber er vertraut darauf, dass aus Saat und Mühe Frucht entsteht.
Ohne Vertrauen gäbe es keine Aussaat.
Ohne Gott-Vertrauen gäbe es keine Ernte.

Fülle

Und genau deshalb endet die Geschichte nicht beim Vertrauen.

Sie endet bei der Fülle.
Alle werden satt.
Nicht einige.
Nicht die Schnellsten.
Nicht die Stärksten.
Nicht die Reichsten.
Alle.

Und am Ende bleiben sogar Körbe übrig. Jesus geht es dabei nicht in erster Linie um die Menge des Brotes.

Es geht um etwas anderes. Es geht darum, dass Vertrauen Frucht hervorbringt. Dass Dankbarkeit Frucht hervorbringt. Dass aus Gottes Hand mehr erwächst, als wir uns vorstellen können.

Vielleicht besteht das eigentliche Wunder nicht darin, dass Brot vermehrt wird.

Vielleicht besteht das Wunder darin, dass Menschen lernen, zu vertrauen, Jesus zu vertrauen – Gott zu vertrauen. Dass Menschen entdecken:

Es reicht.
Mit Gott reicht es.
Nicht immer für alle Wünsche.
Aber immer für das, was wir wirklich brauchen.

Und vielleicht ist das die wichtigste Ernte, von der dieses Fest erzählt:

Jesus sät Vertrauen.
Jesus sät Dankbarkeit.
Jesus sät Hoffnung.

Und aus dieser Saat wächst Fülle.
Eine Fülle, die nicht zuerst in Scheunen liegt, sondern in Herzen wächst.

Eine Fülle an Mut.
An Menschlichkeit.
An Zusammenhalt.
An Glauben.
An Liebe.

Abendmahl

Und damit komme ich zu dem, was wir heute miteinander feiern werden: Das Abendmahl.

Denn hier berühren sich bildlich gesprochen Predigttext und Erntedank auf wunderbare Weise.

Jesus nimmt das Brot.
Er dankt.
Er bricht es.
Er gibt es weiter.

Genau dieselbe Bewegung finden wir heute am Tisch des Herrn. Das Wunder beginnt nicht beim Vermehren. Das Wunder beginnt beim Teilen. Darum ist das Abendmahl Gottes Gegenentwurf zu allem, was Menschen trennt.

Hier fragt niemand:
Wer ist wichtiger?
Wer hat mehr?
Wer hat recht?
Wer gehört dazu?

Hier sagt Christus:

„Nimm hin und iss. Für dich gegeben.“

Hier sitzen Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten an einem Tisch. Menschen mit verschiedenen Meinungen. Menschen mit unterschiedlichen Sorgen und Hoffnungen.

Und doch empfangen alle dasselbe Brot.
Dieselbe Liebe.
Dieselbe Gnade.

Die Welt lehrt uns festzuhalten.
Christus lehrt uns zu teilen.

Die Welt organisiert den Mangel.
Christus eröffnet die Fülle.

Die Welt fragt: Wer gehört dazu?

Christus sagt: Komm.
Nimm Platz.
Ich habe für dich gedeckt.

Und vielleicht nehmen wir genau das heute mit nach Hause:

Mangel muss nicht das letzte Wort haben.
Wo Dankbarkeit wächst, entsteht Vertrauen.
Und wo Vertrauen wächst, schenkt Gott Fülle.

Mangel. Vertrauen. Fülle.

Das ist der Dreischritt, den uns diese Geschichte aus dem Markus-Evangelium anbietet, den Weg aus dem Mangel durch Vertrauen, durch Gott-Vertrauen zur Fülle.

Das ist die Verheißung des Erntedankfestes.

Und wenn Markus den Text heute geschrieben hätte, würde er vielleicht so lauten:

Jesus blickte auf die Menschen.
Er sah die Erschöpften.
Die Entmutigten.
Die Wütenden.
Die, die sich Sorgen um ihre Zukunft machten. Die, die sich in ihren Meinungen eingegraben hatten. Die, die nur noch auf das schauten, was fehlte.

Da sprach er: Gebt mir nicht eure Angst. Zeigt mir, was noch da ist.
Vertrauen.
Hoffnung.
Mitgefühl.

Und als die Menschen teilten, was sie hatten, merkten sie: Es war genug für alle da.

Amen!

Pfarrer Martin Dubberke

Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke
Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke

 

 

 

 

 

Predigt am Erntedank (4. Oktober 2026) über Markus 8,1-9 (Perikopenordnung II) in St. Markus München

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Das Fundament – Eine Swingkantate


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