Pfr. Martin Dubberke
Kraft - Liebe - Besonnenheit Designer | ©Martin Dubberke (Mit KI erstellt auf der Grundlage eines Originalbildes von Martin Dubberke und einem vom Autor geschriebenen Prompt)

Der Geist der Angst oder der Geist Gottes?

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
2. Timotheus 1,7

Ist es Zufall oder Fügung, dass ausgerechnet dieser Vers am Wahltag in Sachsen-Anhalt Lehrtext war und am 16. Sonntag nach Trinitatis – also gestern am letzten Wahlsonntag dieses Jahres – auch noch Predigttext? Ausgerechnet dieser Vers. Ausgerechnet jetzt.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich habe gestern und auch heute Morgen noch einmal auf die Wahlergebnisse geschaut, auf Reaktionen geschaut, auf Kommentare. Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Sachsen-Anhalt. Und ich habe gestern noch lange die entsprechenden Sendungen und Talkformate gesehen. Das Ergebnis in meiner alten Heimatstadt Berlin ging mir schon nahe. Und ehrlich gesagt: Irgendwann habe ich gedacht: „Leute, nehmt doch alle einmal einen Gang raus!“

Denn kaum lagen die Zahlen auf dem Tisch, begann der große Deutungswettbewerb. Eigentlich begann dieser Wettbewerb oder besser Wettlauf ja schon vor den ersten Zahlen kurz nach 18:00 Uhr. Und dann immer und immer wieder die gleichen Fragen:

  • Wer hat Schuld?
  • Wer hat versagt?
  • Wer muss jetzt Angst haben?
  • Wer muss jetzt kämpfen?
  • Wer wird gewinnen?
  • Wer wird verlieren?
  • Wer hat verloren?
  • usw. usf.

Und mitten hinein höre ich diesen Satz:

„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht.“

Interessanterweise schreibt Paulus das nicht aus einer Wohlfühlphase heraus. Er sitzt vermutlich im Gefängnis. Er spürt, dass sein Ende nahe sein könnte. Die christlichen Gemeinden stehen unter Druck. Timotheus ist verunsichert, müde, vielleicht sogar eingeschüchtert. Die Zukunft ist alles andere als klar.

Und genau in dieser Situation schreibt Paulus nicht:

„Mach dir keine Sorgen.“

Er schreibt auch nicht:

„So schlimm wird es schon nicht werden.“

Und schon gar nicht:

„Ignoriere die Realität.“

Nein. Er sagt:

Gott hat euch einen anderen Geist gegeben. Nicht Furcht.

Und Furcht ist etwas anderes als Sorge. Furcht macht eng. Furcht macht laut. Furcht macht nervös. Furcht sucht Schuldige. Furcht liebt einfache Antworten auf komplizierte Fragen.

Vielleicht ist das die eigentliche Versuchung unserer Zeit: Dass wir uns von der Furcht regieren lassen.

Die einen haben Angst vor Veränderung. Die anderen vor Stillstand. Die einen vor dem, was kommt. Die anderen vor dem, was verloren geht.

Und die Kirche? Ja, wir als Kirche? – Wir sind manchmal auch nicht viel besser. Sinkende Zahlen, knapper werdende Mittel, gesellschaftliche Veränderungen. Da ist die Versuchung groß, aus der Defensive heraus zu leben.

Doch Paulus nennt drei Gegenmittel:

Kraft. Liebe. Besonnenheit.

Kraft heißt: Wir müssen nicht apokalyptisch werden. Gott hat seine Kirche durch schwierigere Zeiten getragen als diese. Die ersten Christen hatten keine Kirchensteuer, keine Immobilien und keine Social-Media-Abteilung. Und irgendwie hat sich das Evangelium trotzdem durchgesetzt. Wieviel mehr Möglichkeiten haben wir dahingegen heute?

Liebe. Das ist vielleicht die größte Herausforderung. Menschen nicht nach ihrem Wahlzettel zu sortieren. Nicht zuerst zu fragen: „Wie konntest Du bloß?“, sondern: „Was bewegt Dich? Was macht Dir Angst? Was hoffst Du?“ – Liebe hört zu, ohne sofort recht haben zu müssen.

Und schließlich Besonnenheit. Ich liebe dieses Wort. Besonnenheit ist die geistliche Form von: Erst einmal tief durchatmen.

Besonnenheit bedeutet, dass nicht jede Empörung unsere Empörung werden muss. Nicht jede Schlagzeile unsere Wirklichkeit. Nicht jeder politische Reflex schon eine christliche Haltung.

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen Orientierung suchen. Vielleicht ist genau das unsere Aufgabe als Kirche: nicht zusätzliche Nervosität zu produzieren, sondern Räume der Besonnenheit zu schaffen.

Zukunft entsteht dort, wo Menschen ein tragfähiges Fundament haben. Unser Fundament ist Jesus Christus. Und genau darum geht es hier. Wer nur auf die nächste Schlagzeile schaut, wird unruhig. Wer auf Christus schaut, gewinnt Haltung.

Deshalb ist dieser Vers nicht nur Wegzehrung für heute. Er ist auch ein Auftrag.

Wenn Gott uns nicht den Geist der Furcht gegeben hat, dann dürfen wir auch nicht zu Multiplikatoren der Furcht werden. Dann sind wir berufen, Kraft statt Resignation zu säen, Liebe statt Verachtung, Besonnenheit statt Hysterie.

Und vielleicht beginnt das ganz schlicht und ergreifend damit, dass wir heute nicht über die Frage sprechen, wer woran schuld ist, sondern über die Verantwortung, die uns gegeben ist.

Denn die Zukunft der Kirche und unseres Landes entscheidet sich nicht allein an den Wahlurnen, sondern auch daran, ob es Menschen gibt, die dem Geist Gottes mehr zutrauen als dem Geist der Angst.

Angst hat noch nie eine Gesellschaft aufgebaut.

Angst hat noch nie einen Menschen geheilt.

Angst hat noch nie Glauben hervorgebracht.

Unser Fundament ist Jesus Christus. Wer darauf steht, bleibt standhaft, auch wenn die Zeiten stürmisch sind. Wir können zuhören statt schreien, widersprechen statt verachten und Hoffnung säen statt Angst zu verbreiten.

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Amen.

Pfarrer Martin Dubberke

Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke
Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke

 

 

 

 

 

Andacht zur Dienstkonferenz in St. Markus (21. September 2026) über den Predigttext vom 16. Sonntag nach Trinitatis (20. September 2021) aus 2. Timotheus 1,7-10

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