Pfr. Martin Dubberke
Gracebait statt Ragebait | Bild: Martin Dubberke (Originalfoto von Martin Dubberke mit einem Prompt von Martin Dubberke mit KI bearbeitet)

Gracebait statt Ragebait

Ich weiß nicht, wie es Euch mit solchen Predigttexten geht. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass ich immer älter werde oder, ob es diese verrückten und unvernünftigen Zeiten sind, in denen wir heute leben, die nicht weniger verrückt sind als zur Entstehungszeit des Briefes an die Epheser, dass mich die meisten Predigttexte so klar anspringen ob ihrer Aktualität und damit Zeitlosigkeit.

Manchmal stelle ich mir die Frage, ob ich nicht vielleicht zu sehr Predigttexte durch die Brille meiner aktuellen Lebenssituation oder gesellschaftlichen Situation sehe und sie dann irgendwie auf die aktuelle Situation zurechtbiege.

Und dann schaue ich mir immer wieder an, in welcher Zeit diese Texte – vor allem die Briefe – entstanden sind, wer die Adressaten waren, was der Anlass dieser Briefe war. Auch wenn der Brief mit den Worten beginnt:

Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, an die Heiligen in Ephesus…

So ist dieser Brief nicht von ihm, sondern wahrscheinlich von einem seiner Schüler oder Erben geschrieben. Entstanden zwischen 80 und 90 nach Christus, liegt uns hier ein Schreiben vor, das nicht nur gut eine Generation nach dem Tod des Apostels entstanden ist, sondern auch der ersten Generation der Christinnen und Christen, die Jesus noch selbst begegnet sind.

Und Ephesus, das in der heutigen Türkei liegt, war eine Provinzhauptstadt. Eine Großstadt, Hafen, Handelsplatz, Schmelztiegel von Menschen aus aller Welt, ein Ort, an dem verschiedene Kulte, Kulturen und Religionen nebeneinander und miteinander lebten. Ephesus war berühmt für den riesigen Tempel der Artemis. Es war eine Stadt voller Märkte und Stimmen.

Zeitgleich lag Jerusalem nach dem jüdischen Krieg in Trümmern. Die Welt des Mittelmeerraumes erlebte eine politische Unsicherheit.

Und genau in dieser Stadt entstanden erste christliche Gemeinden. Sie waren klein und sie waren eine Minderheit. Aber sie waren keineswegs einheitlich. Im Gegenteil: Dort trafen Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten aufeinander. Einige kamen aus jüdischen Familien und waren mit den Geschichten und Geboten Israels aufgewachsen. Andere hatten noch wenige Jahre zuvor in den Tempeln der Stadt den verschiedensten Göttern Opfer dargebracht.

Wo so unterschiedliche Menschen zusammenkommen, entstehen natürlich auch Spannungen. Unterschiedliche Erfahrungen, Überzeugungen und Prägungen reiben sich aneinander. Missverständnisse, Konflikte und Verletzungen bleiben nicht aus. Die christlichen Gemeinden waren keine Inseln außerhalb ihrer Zeit. Sie spiegelten die Gesellschaft wider, in der sie lebten – mit all ihren Gegensätzen, Herausforderungen und Konflikten, an denen die Gemeinden zu zerbrechen drohten. Oder mit anderen Worten: Die Gemeinden sind ein Spiegel ihrer Zeit – und zugleich Gottes Werkstatt für eine bessere Zeit. Damals wie heute.

Darum ist der zentrale Gedanke des Epheserbriefes die Einheit. Wie können Menschen zusammenbleiben und zusammeleben, obwohl sie verschieden sind?

Mit anderen Worten: Dieser Predigttext hat etwas unheimlich Aktuelles: Er stammt aus einer Zeit von politischen Spannungen, kulturellen Umbrüchen, Identitätsfragen und gesellschaftlicher Polarisierung – und klingt, als sei er erst gestern geschrieben worden.

Gerade die Zeitungen dieses Wochenendes verstärken diesen Eindruck:

Streit,

Empörung,

Polarisierung,

Vertrauensverlust,

Kriege,

Betrugsmaschen,

Sprachvergiftung,

politische Lagerbildung,

– und gleichzeitig die Sehnsucht nach Gemeinschaft,

Vertrauen und Verlässlichkeit,

Wahrheit statt Verzerrung,

Aufbau statt Abwertung,

Versöhnung statt Eskalation,

Gemeinschaft statt Lagerbildung,

Barmherzigkeit statt Empörung.

Das sind wir!

Das ist unsere Zeit.

Und der Autor des Epheserbriefes erinnert auch uns heute daran, was wir dieser orientierungsfreien Zeit entgegensetzen können.

Erklärungsbedürftig

Das Thema dieses Predigttextes wird ohne Umschweife im ersten Satz genannt:

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

So weit so gut. Wir sollen also den alten Menschen mit seinem früheren Wandel ablegen. Das klingt ja ganz logisch:

Gefallen dir die Umstände, in denen du lebst, nicht, musst du etwas ändern. Und in der Regel bedeutet es, dass ich etwas ändern muss. Denn die aktuellen Umstände sind ja meistens daraus entstanden, dass ich durch mein Verhalten zugelassen habe, dass wir erst einmal in diese Situation geraten sind. Und in der Regel ist das ja kein allein individuelles Thema, sondern ein gemeinschaftliches Thema. Und meistens kann man dieses Thema mit solchen Begriffen wie Bequemlichkeit, Egoismus, Gleichgültigkeit beschreiben.

Bis dahin ist der Text klarverständlich. Und in einer solche Situation kommen dann immer solche Sätze wie:

Da braucht man ein neues Mindset.

Da muss man umdenken.

Da bedarf es einer inneren Erneuerung.

Wir müssen uns von alten Gewohnheiten verabschieden.

Oder wie es der Autor des Epheserbriefes schreibt:

Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn.

All das können wir auch heute gut verstehen und gut nachvollziehen. Doch dann kommt jetzt ein ganz entscheidender Satz:

Und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Ja, Gott, wer soll das denn heute noch verstehen?

Was heißt den neuen Menschen anziehen?

Was heißt der neue Mensch, der nach Gott geschaffen ist, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit? Als Christ und Theologe ist mir an dieser Stelle natürlich klar, dass das eine Anspielung auf die Gottesebenbildlichkeit ist. Heißt es doch im Schöpfungsbericht, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat. Das ist ja ohnehin ein ganz wichtiger Gedanke,  verbindet er doch alle Menschen in dieser Welt. Und dabei ist es vollkommen egal, ob der andere Mensch, Christ, Sozialist, Jude, Moslem, Christdemokrat, Grüner, Deutscher oder von wo auch immer ist. Und damit hat jeder Mensch, seine von Gott gegebene Würde. Denn in jedem Menschen spiegelt sich die Ebenbildlichkeit Gottes.

Ihr merkt schon allein an so einem kleinen Beispiel, wie erklärungsbedürftig solche Texte für heute sind. Und ich habe jetzt nur einen Aspekt dieses Satzes kurz erklärt. Doch dann kommt die Sache mit dem Anziehen.

Ich soll diesen neuen Menschen anziehen. Wie kann ich einen neuen Menschen anziehen? Und genau an dieser Stelle wird ein Problem deutlich: Die Menschen von heute können vielfach mit der Bildsprache und Symbolik dieser Texte nicht mehr viel anfangen.

Dieses Anziehen des neuen Menschen erinnert uns an die Taufe. Ich ziehe, bevor ich in den Fluss, in das Wasser steige, in dem ich getauft werde, meine alten Kleider aus. All meine Sünde, all den Mist, den ich in meinem Leben vorher gebaut habe, wird in der Taufe von mir abgespült. Und dann steige ich aus diesen Fluss ans Land und ziehe mir als Zeichen dieses neuen Lebens ein weißes Gewand an. Und dieses Gewand symbolisiert den Reset in meinem Leben, den Neuanfang, das Leben frei von der Sünde, in der Nachfolge Jesu Christi, beschenkt mit dem Heiligen Geist.

Und wer sich damals hat taufen lassen, der tat das als erwachsener Mensch. Für ihn war das ein absolut entscheidender Moment in seinem Leben. Mit diesem Schritt machte der Mensch deutlich, dass sein Leben unter vollkommen neuen Vorzeichen nun geschieht.

Die Taufe war eine bewusste Änderung im Leben und der Lebensführung. Die Menschen damals verstanden sofort, was damit gemeint war.

Es ging und geht nicht um neue Kleidung.

Es geht um eine neue Haltung.

Gracebait statt Ragebait

Und wie sieht diese neue Haltung aus?

Auch hier bleibt der Autor im Bild des Ausziehens und des Anziehens – legt die Lüge ab und redet die Wahrheit.

Rhetorisch sehr geschickt, lenkt er den Blick nicht auf das Verbotene, sondern auf das Gute:

Rede Wahrheit.

Baue andere auf.

Hilf Bedürftigen.

Vergib.

Sei freundlich.

Sei barmherzig.

So schwierig das schon vor knapp zweitausend Jahren zu leben war, so viel schwieriger scheint es heute geworden zu sein, weil uns mehr denn je das Verbindende verlorengegangen zu sein scheint. Zumindest schaut es so aus, wenn wir an diesem Wochenende in den Zeitungen von Gewalt und Krieg lesen.

Von politischen Grabenkämpfen.

Von wachsenden gesellschaftlichen Spannungen.

Von Menschen, die versucht werden, einander zu misstrauen.

Von Betrügern, die die Angst alter Menschen ausnutzen.

Von einer Gesellschaft, die immer öfter in Lager zerfällt.

Und was sagt dazu der Autor unseres Predigttextes?

„Und gebt nicht dem Teufel Raum.“

Tja, und spätestens hier steigen die Menschen von heute aus. Genauso wie die meisten von uns mit Sicherheit sich gestern die Frage gestellt haben, was denn das Jugendwort 2026 überhaupt zu bedeutet. Ich gehe mal davon aus, dass die meisten von uns keine Jugendlichen mehr sind, und das Wort „Ragebait“ gestern zum ersten Mal gehört haben und sich die Frage gestellt haben: Hä? Was ist das?

Zumindest ging es mir gestern so, als mir meine Frau, während wir in einem Café saßen, mitteilte, dass das das Jugendwort 2026 sei. Natürlich wusste meine Frau im Gegensatz zu mir, was das Wort bedeutet.

Dieses Wort ist nichts anderes als das neue Wort für Teufel. Ehrlich! Glaubt ihr mir das nicht? Ja, es ist so. Im Grunde genommen bezeichnet dieses Wort nichts anderes als das, wovor der Autor des Epheserbriefes an dieser Stelle warnt.

Also schauen wir uns an, was das Wort Ragebait bedeutet. Ragebait bedeutet: Jemand sagt oder schreibt absichtlich etwas Empörendes, um andere wütend zu machen. Nicht weil er an einer ehrlichen Diskussion interessiert ist, sondern weil Wut Aufmerksamkeit erzeugt.

Je mehr Menschen sich aufregen, desto erfolgreicher war der Ragebait.

Unsere ganze Gesellschaft scheint manchmal nach diesem Prinzip zu funktionieren.

Die sozialen Medien.

Die politischen Debatten.

Die Kommentarspalten.

Manchmal sogar die Familienfeiern.

Hauptsache Empörung.

Hauptsache Aufmerksamkeit.

Hauptsache der andere ist schuld.

Ragebait heißt übersetzt auf Deutsch: Der Wut-Köder.

Der Köder, bei dem immer mehr Menschen anbeißen.

Wahrscheinlich würde der Autor des Epheserbriefes heute schreiben:

Gebt nicht dem Ragebait Raum!

Der Ragebait wirft alles in unserer Welt durcheinander und übernimmt damit durch Spaltung immer mehr die Macht.

Und wo wir schon bei Fremdsprachen sind, lese ich Euch jetzt mal diese Stelle im griechischen Original vor:

μηδὲ δίδοτε τόπον τῷ διαβόλῳ.

Der Teufel heißt im griechischen Text diabolos. Das kommt von dia-ballein: durcheinanderwerfen, auseinanderwerfen, verdrehen, verleumden. Der Diabolos ist der Durcheinanderwerfer. Der, der Menschen gegeneinander aufbringt. Der, der aus einem Funken einen Flächenbrand macht.

Seht Ihr, was ich meine? Ragebait ist ein diabolisches Geschäftsmodell. Nicht, weil hinter jedem Post ein Teufelchen mit Hörnern sitzt, sondern weil es genau das tut, was der Durcheinanderwerfer immer getan hat: Es wirft uns auseinander. Es lebt davon, dass wir anbeißen.

Und das gibt es nicht nur im Netz. Ich habe mir die Zeitungen dieses Wochenendes angeschaut. Auf der Leserbriefseite einer großen Boulevardzeitung steht unter einer Meldung: „Widerlich, unfassbar.“ Daneben: „… würde sich im Grab umdrehen.“ Ich will gar nicht beurteilen, ob die Empörung im Einzelfall berechtigt ist. Manches ist tatsächlich empörend. Aber merkt Ihr, wie schnell der Ton steigt? Wie sehr wir alle darauf trainiert sind, zu reagieren, bevor wir nachgedacht haben?

Wahnsinn, das ist der Predigttext zum Jugendwort 2026. Das hättet ihr mit Sicherheit auch nicht gedacht, als ihr das gestern in der Tagesschau oder wo auch immer mitbekommen habt.

Aber nun kommt das Erstaunliche. Im Epheserbrief gibt es kein Verbot des Zorns. Zorn ist nicht verboten. Aber es gibt eine ganz klare Spielregel:

Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.

Zorn ist erlaubt. Ja, man muss auch manchmal zornig werden. Wer sich über Unrecht nicht mehr aufregen kann, nicht mehr zornig werden kann, in dem ist etwas abgestorben. Im Zorn spüre ich die Energie, dass aus Hass, Verachtung, Spaltung, Krieg und Streit wieder Liebe, die Liebe zum Nächsten werden muss, dass ich erkenne, dass die Gottesebenbildlichkeit des anderen nicht gesehen oder wissentlich zerstört wird.

Doch ich soll nicht im Zorn handeln. Die Sonne soll nicht über unserem Zorn untergehen. Der Zorn soll gewissermaßen der Doppelpunkt zur Versöhnung sein. Da könnt ihr mal sehen, dass diese Sonnenuntergangsregel älter ist als jedes Konfliktmanagementseminar. Und dann ist es auch noch deutlich billiger.

Sowohl der Teufel – also der Diabolos – als auch Ragebait wollen nicht, dass die Sonne über unserem Zorn untergeht. Sie wollen diesen Zorn anheizen. Dieser Zorn soll zur Wut werden lassen.

Als Christinnen und Christen wollen wir aber nicht, dass der Zorn, dass die Wut regiert, sondern die Gnade und der Frieden. Und genau deshalb wünsche ich mir für das Jahr 2027 als Jugendwort des Jahres: Gracebait  – also Gnadenköder.

Ragebait fragt: Wie kann ich möglichst viele Menschen gegen jemanden aufbringen?

Gracebait dahingegen fragt: Wie kann ich möglichst viele Menschen miteinander versöhnen?

Gracebait soll die Menschen in die Gnade locken.

Und genau darauf läuft die ganze Paränese – also Ermahnung – des Epheserbriefes hinaus: Wir Christinnen und Christen sollen nicht Brandbeschleuniger für Konflikte sein, sondern Anstifter zur Gnade.

Und das versteht jede Generation.

Amen.

Pfarrer Martin Dubberke

Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke
Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke

 

 

 

 

 

Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis (11. Oktober 2026) über Ephemer 4, 22-32 (Perikopenordnung II) in der Kreuzkirche München

Kontakt & Feedback

Wenn Sie mit mir Kontakt aufnehmen wollen oder mit mir ins Gespräch kommen möchten oder ein Feedback zu meiner Predigt geben wollen, schreiben Sie mir bitte einfach eine kurze Nachricht mit dem Betreff: Gracebait statt Ragebait


Das Fundament – Eine Swingkantate von Martin Dubberke


Kleiner Buchtipp am Rande

Ihr erhaltet das Buch in der Buchhandlung Eures Vertrauens oder: