Liebe Geschwister, als ich noch in Garmisch-Partenkirchen lebte, kam es öfter vor, dass mich Menschen ansprachen und mich darum baten, sie zu segnen. Das konnte zwischen den Regalen bei Aldi geschehen oder auch in einem kleinen italienischen Café oder auch einfach so auf der Straße. Und jedes Mal ergab sich ein kurzes seelsorgerliches Gespräch. Dann legte ich meine Hände auf und spendete den Segen. Und sogleich konnte ich spüren, wie der Mensch sich unter dem Segen entspannte und sich das Gefühl von Zuversicht und Erleichterung einstellte.
Das erste Mal habe ich das während meines Vikariats in Berlin erlebt, als ich in einer Kirche so groß wie dieser mit nur einer Frau einen Sonntagsgottesdienst gefeiert habe und sie unter Tränen sagte: „So eine schöne, große Kirche und niemand kommt mehr zu Gott.“
Ich legte ihr damals in meiner jugendlichen Unbeholfenheit tröstend meine Hände auf die Schulter, sprach ein paar aufrichtende Worte und segnete sie. Damals war es das erste Mal, dass ich die Wirkung des Segens spüren konnte. Seitdem weiß ich, wie wichtig der Segen ist und was er Menschen bedeuten kann und vor allem auch bei Menschen bewirken kann.
So auch vor ein paar Jahren, als in Garmisch-Partenkirchen von der Marktgemeinde ein neues Haus für Senioren eröffnet wurde und die Geschäftsführung nicht die übliche ökumenische Segenshandlung wollte. Ich ging zu dieser Eröffnung, die sie auf der Einladung „Einweihung“ nannten im Collarhemd, also dem Hemd mit der sogenannten Kalkleiste, so wie es heute auch trage. Natürlich sprachen mich dann viele Menschen und auch die Presse an, wann ich endlich anfangen würde und warum ich noch keinen Talar anhätte. Und jedes Mal sagte ich, dass es nicht gewünscht sei.
Als ich dann beim Empfang mit der Bürgermeisterin ein Bier trankt, sagte ich zu ihr: „Du weißt schon, dass das heute keine Einweihung ist, sondern eine Eröffnung, und so auf dem Haus kein Segen liegt.“
Ein paar Wochen später haben dann mein Katholischer Kollege und ich das Haus und die Menschen, die darin lebten, nach allen Regeln der Kunst gesegnet. Eine Bewohnerin bedankte sich mit den Worten: „Jetzt bin ich hier endlich richtig zu Hause.“ Und zur Erinnerung an diesen Tag und diesen Segen hängt heute noch immer das Kreuz, das wir damals miteinander aufgehängt haben.
Und vor wenigen Tagen habe ich noch hier in unserer Kirche ein kurzes Video mit einem Segen aufgenommen, weil mich mein Sohn darum bat, für eine Freundin, die gerade ins Examen gegangen ist. Sie war so nervös und aufgeregt, dass mein Sohn dachte, vielleicht hilft ihr das ja. Und die Freundin hat sich dann riesig gefreut und ist durch alle Prüfungen gut durchgekommen.
Warum habe ich Euch heute so viele Geschichten vom Segen erzählt?
Vielleicht wie wir viel öfter über diese besondere Kraft und ihre Wirkung miteinander reden sollten, so ganz ohne Scham, weil Segen einfach ein großartiges Ereignis ist, ein geistliches Geschehen, das wir an Geist, Seele und Körper spüren können. Im Segen kommt uns Gott ganz nah. Und wenn ich gesagt habe, dass ich jedes Mal die Wirkung des Segens bei den Menschen spüren konnte, lag das nicht daran, dass ich vielleicht so ein cooler Pfarrer bin, sondern weil ich in dem Moment nur das Werkzeug Gottes, der Mund Gottes war und bin, denn nicht ich segne, sondern Gott.
Und so wird im Segen dreierlei deutlich:
Gott ist Beziehung.
Gott ist Zuwendung.
Gott ist Wirksamkeit.
Und genau das wollen wir uns heute mit Hilfe des Predigttextes aus dem 4. Mose 6,22-27 anschauen, der mit Worten über schrieben ist:
Der Priesterliche Segen
Und der HERR redete mit Mose und sprach:
23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Der HERR segne dich und behüte dich; 25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Beziehung
Wir kennen alle diesen Segen und fast jeder kann ihn mitsprechen, denn es ist der Aaronitische Segen, der am Ende eines jeden Gottesdienstes gesprochen wird. Und damit stellt sich zuerst einmal die Frage, warum so ein alter Segen, der ja so keinerlei trinitarische Bezüge hat, ausgerechnet am Sonntag Trinitatis Predigttext ist.
Trinitatis ist ja ohnehin ein merkwürdiges Fest, dem in diesem Jahr noch 22 Sonntage nach Trinitatis folgenden werden. Kein Stall, kein Kreuz, kein leerer Grabstein, kein Brausen vom Himmel. Kein Ereignis, das man wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten erzählen könnte. Trinitatis ist halt ein Fest ohne Geschichte und doch voller Geschichten.
Trinitatis ist das Fest des Namens Gottes. Und das bedeutet, wir feiern heute nicht, was Gott getan hat, sondern wer Gott ist und ausgerechnet an diesem Sonntag steht als Predigttext, ein Text auf dem Programm, der älter ist als jede christliche Trinitätslehre, älter als die Kirche, älter als die Psalmen und auch älter als die Propheten: Der Aaronitische Segen. Ein Segen, der nicht aus der Kirche kommt, sondern aus der Wüste. Ein Segen, der nicht christlich ist, aber zutiefst trinitarisch klingt. Ein Segen, der nicht erklärt, aber eröffnet.
Der Aaronitische Segen ist ein Wort, dass in der Wüste gesprochen wird. Dieser Segen wird Israel zugesprochen, als das Volk noch unterwegs ist, nicht angekommen ist, nicht sicher ist, nicht stark.
Genau das ist die Situation, in die hinein dieser Segen ursprünglich gesprochen wurde, als Israel unterwegs, verletzlich, identitätssuchend, von außen und innen bedroht, noch nicht im eigenen Land war, noch nicht angekommen war. Dieses Volk ringt mit sich selbst. Es fragt: Wer sind wir? Wohin gehen wir? Wer hält uns? Wer sieht uns? Dieser Segen ist damit Gottes Antwort auf diese existenzielle Situation, auf diese existenzielle Lage seines Volkes gewesen.
Dieser Segen sollte zuerst einmal Schutz bieten, denn in der Wüste ist Schutz nicht Luxus, sondern Überleben. Sodann sollte er Gnade sein und Gnade heißt: Gott bleibt treu, auch wenn es Israel nicht ist, auch wenn wir es nicht sind, und schließlich Frieden, also Shalom. Shalom ist nicht Ruhe, sondern Ganzheit, Heil, Zukunft.
Dieser Segen ist auf diese Weise Ausdruck der Beziehung Gottes zu seinen Menschen, zu uns.
Und ganz ehrlich: Leben wir nicht auch wieder in einer Wüstenzeit? Kirchlich gesehen, leben wir in einer Zeit der Schrumpfung, der Unsicherheit und der Identitätsfragen. Gebäudebedarfsplanung, Regionalgemeindebildungen, Landesstellenpläne, usw. Was wollen wir eigentlich als Kirche sein? Was sollen wir als Kirche? Wer sind wir als Kirche?
Und gesellschaftlich gesehen? Hier nenne ich nur die Stichworte: Krisen, Kriege, Polarisierung, Erschöpfung. Wir sind unterwegs, aber nicht angekommen. Wir wissen, dass sich vieles verändert und noch verändern wird. Aber wir wissen nicht, wohin es wirklich geht. Genau deshalb brauchen wir diesen Segen. Nicht als Formel, sondern als Überlebensmittel. Gott sagt:
„So sollt ihr meinen Namen auf das Volk legen.“
Er sagt nicht: „Ihr sollt ihnen Mut machen, oder ihr sollt Ihnen gute Wünsche mitgeben, sondern meinen Namen.“
Gott legt seinen Namen auf Menschen, die nicht wissen, wie es weitergeht. Menschen in der Wüste. Menschen im Übergang. Menschen im Zweifel. Dieser Segen steht dafür, dass Gott mit uns in Beziehung steht. Aller Anfang ist Beziehung, die Beziehung zwischen Gott und Mensch.
Zuwendung
Dieser Segen besteht aus drei Bewegungen, aus drei Sätzen, drei Gesten Gottes. Diese drei Gesten nennen wir heute Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Gott wendet sich uns zu. Diese Zuwendung durften wir in der Menschwerdung Gottes in Gestalt von Jesus Christus erleben.
Der Herr segne und behüte dich.
Gott sieht was dich, was uns bedroht. Gott sieht, was uns müde macht. Gott sieht was du, was wir niemandem sagen. Gott sieht dich – nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe mit einem Blick, der trägt. Das ist gewissermaßen die Bewegung des Vaters, der Ursprung der Halt, die Hand, die schätzt und schützt. Das dürfen wir spüren, wenn wir zum Segen die Hand auflegen.
Gott wendet sich dir auch zu.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Das leuchtende Angesicht Gottes, das ist im neuen Testament des Gesicht Christi. Gnade ist der Blick, mit dem Gott auf uns schaut, ein Blick, eine Zuwendung, die in Jesus Christus Gestalt gewonnen hat, menschliche Gestalt. Im Evangelium dieses Sonntags konnten wir das heute hören. Nikodemus erlebt mit Jesus genau diese Zuwendung. Nikodemus kommt in der Nacht mit Fragen, mit Unsicherheit. Und Jesus sieht ihn. Er sieht ihn und er nimmt ihn ernst. Er wendet sich im zu. Gott wird in Jesus zum Gesicht, wird zur Nähe, wird Gnade.
Wirksamkeit
Und dann kommt gewissermaßen als dritte Bewegung im Segen der Satz:
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
In diesem Satz wird die Wirksamkeit Gottes spürbar. Shalom, Frieden ist nicht die Abwesenheit von Konflikt, sondern es ist die Gegenwart Gottes. Shalom heißt: Ganzheit, Heil und Zukunft. Hier wird die Wirksamkeit Gottes beschrieben, und man könnte auch sagen, hier wird der Geist spürbar, der sendet, der stärkt, der begleitet.
Liebe Geschwister, es war Martin Luther, der diesen Segen ganz bewusst vor mehr als 500 Jahren an das Ende des Gottesdienstes gesetzt hat. Er tat dies nicht, damit es ein cooles Schlusswort gibt, sondern er verstand diesen Segen auch als Sendwort. Luther macht hier deutlich, dass der Segen Gottes Handeln ist und das eines Priesters oder Pfarrers. Gott segnet. Der Pfarrer ist nur der Mund Gottes. Um das deutlich werden zu lassen, ist der Aaronitische Segen ideal, weil Gott diesen Segen selbst eingesetzt hat. Für Luther endete der Gottesdienst nicht mit dem Amen, sondern er beginnt mit dem Amen. Dieser Segen wird auf diese Weise zum Scharnier zwischen Liturgie und Leben. Der Segen ist damit der Moment, in dem Gott sagt: „Geh! Denn ich gehe mit dir.“
Und ich denke, dass dieser Segen genau deshalb einer der Predigttexte für den Sonntag Trinitatis ist, denn er zeigt uns, wer dieser Gott ist, der uns sendet.
Und genau auf diese Weise macht uns dieser Segen zu Trägerinnen und Trägern des Namens Gottes. Und damit wird auch uns der Segen zum Auftrag für diese Welt. Wir tragen das Licht Gottes in eine dunkle Welt, und wir tragen Gottes Gnade in eine harte Welt. Wir tragen Gottes Frieden in eine zerrissene Welt. Dieser Segen ist Gottes Zukunft für diese unsere Welt. Shalom ist Gottes Vision und wir – so, wie wir hier sitzen – sind ein Teil davon.
Amen.
Pfarrer Martin Dubberke
Predigt am Sonntag Trinitatis 2026 (31. Mai 2026) über 4. Mose 6,22-27 (Perikopenordnung II) in der Kreuzkirche und St. Markus München
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