Liebe Geschwister, am Anfang dieses Gottesdienstes, sagte ich, dass es heute um einen Dreischritt gehen würde, um Krise. Verheißung. Erneuerung. Der Predigttext aus dem Propheten Jeremia erzählt uns genau diese drei Schritte und warum diese Schritte so sind, wie sie sind und warum sie von so existenzieller Bedeutung für unser Leben und nicht nur unser Leben als Individuen, sondern für das Leben der von Gott geschaffenen Menschheit sind.
Krise
Der Predigttext beginnt mit der Verheißung und der Beschreibung der aktuellen Situation.
Man kann sich von Gott an die Hand nehmen lassen und aus der Not herausführen lassen. Dass das funktioniert, hat Gott in der Geschichte mit uns Menschen unzählige Male erwiesen. Doch der Mensch war seinerseits nicht immer bereit, sich auch von Gott an die Hand nehmen zu lassen. Die Väter, von denen bei Jeremia die Rede ist, waren so. Sie mussten gewissermaßen zu ihrem Glück getrieben werden. Sie sahen nicht ein, weshalb sie ihre Komfortzone, die Fleischtöpfe Ägyptens, verlassen sollten und sich stattdessen auf den Weg durch die Wüste zu begeben. Mangels Einsicht hat es dann doch immerhin 40 Jahre auf diesem Weg gebraucht, den man – wie wir heute wissen – mit dem ganzen Vieh und allem Drum und Dran in gut einem Monat hätte schaffen können. Und so kamen nicht alle, die einmal losgezogen waren ans Ziel.
Das ist genauso wie bei uns heute. Trotz der Kriege und Krisen um uns herum, trotz der Inflation, der Teuerung und wirtschaftlichen Herausforderungen befinden wir uns immer noch im Verhältnis zum Rest der Welt in einer Komfortzone. Doch wenn wir uns diese Welt anschauen, diese Krise, diese Krisen geschüttelte Welt. Dann wird deutlich, dass wir aufbrechen müssen. Dann wird deutlich, wie wichtig es wäre, sich von Gott an die Hand nehmen zu lassen.
Gott sagt bei Jeremia, dass eben genau diese Väter, mit denen er einst den Bund geschlossen hat, die er einst aus Ägypten herausgeführt hat, aus der Knechtschaft heraus in die Freiheit, den Bund mit ihm gebrochen haben.
Was bedeutet dieser Bruch mit Gott? Dieser Bruch bedeutet, dass sich das Volk von Gott entfernt hat. Ein Volk, dass sich aber von Gott entfernt, verliert den Kontakt zur Realität und damit die Orientierung, die einem Gott bietet. Wenn Gott jemanden an die Hand nimmt, dann zieht er ihn nicht hinter sich her, sondern bietet ihm eine Orientierung an. Diese Orientierung dient einzig und allein dem Zweck, in Frieden und Freiheit zu leben. Doch Frieden und Freiheit bedeuten Verantwortung und insbesondere Verantwortung Gott gegenüber. Das bedeutet, dass meine Lebensführung die Antwort auf Gottes Angebot ist.
Lebensführung heißt in diesem Falle aber nicht, dass ich selbst die Führung habe, sondern, dass ich mich in meinem Leben der Führung Gottes anvertraue, mich auf ihn einlasse, mich auf ihn verlasse – gewissermaßen exklusiv auf ihn verlasse.
Es wundert also nicht, wenn wir in dieser Welt in einer Krise leben, die an unsere Existenz gehen kann und vielleicht auch wird, die uns fordert, die uns mehr abfordert, als wir manchmal denken. Das ist ja nicht nur eine Krise, sondern es sind Multikrisen. Es sind Krisen, die einander bedingen. Ich will jetzt nichts über die Männer sagen, die sich gerade in China getroffen haben, oder bei Gewerkschaftstreffen, ausgebuht worden, oder sich beim Katholikentag einsichtig zeigen. Ich will auch nicht über die Gewerkschaften sprechen. Ich glaube, dass jeder weiß, wovon ich rede und was ich meine.
Im Grunde genommen ist also unsere Situation heute nicht großartig anders als die Situation zu Zeiten Jeremias.
Lasst uns eine kleine Zeitreise machen! – Unser Predigttext ist im babylonischen Exil entstanden. Das war im sechsten Jahrhundert v. Chr. Die Situation war sehr einfach: Jerusalem war zerstört, der Tempel verloren, das Königshaus am Ende, die eigene Identität erschüttert und der Glaube an Gottes Nähe infrage gestellt. Mit anderen Worten: ein komplettes Systemversagen. Ein komplettes Staats-, Religions- und Kultursystem war gesprengt.
Was war geschehen? Nach dem Tod Josias, der als Reformkönig in die Geschichte eingegangen war, gerät Juda in eine Phase politischer Instabilität. Innerhalb weniger Jahren wechselten die Könige, und das kleine Land wurde zum Spielball zwischen den beiden Großmächten, Ägypten und dem aufsteigenden Babylon.
Warum kam es eigentlich zu dieser schnellen Abfolge von Königen im Juda des späten siebten und frühen sechsten Jahrhunderts v. Chr.? Die Antwort ist einfach. Es war nämlich kein Zufall, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus äußerem Druck und innerer Schwäche. Juda war politisch eingeklemmt, religiös gespalten und zugleich strategisch überfordert. Kommt uns irgendwie bekannt vor, oder?
Das Land gerät in eine wirtschaftliche und soziale Krise. Durch die ständigen Tribute an Ägypten und Babylon blutete das Land wirtschaftlich aus. Die Oberschicht versuchte mit aller Macht ihre Macht zu sichern und das wie immer auf Kosten der einfachen Bevölkerung.
Wenn man Jeremia liest, wird einem auffallen, wie stark er die Korruption, die soziale Ungerechtigkeit, die religiöse Heuchelei in seinem Land kritisiert. Das Land verliert mehr und mehr seine religiöse Orientierung. Was bedeutet, dass man zum Beispiel in alte Kulte zurückfällt, in denen der Gott Israels keine Rolle spielt. Man sucht das Heil in diesen alten Kulten, die nichts mit Gott zu tun haben, so wie heute Menschen, das Heil in überkommen geglaubten politischen Orientierungen suchen. Das Land lähmte sich durch die Machtkämpfe zwischen den Priestern. Heute lähmt sich das Land durch die Uneinigkeit und die Machtkämpfe zwischen Parteiführungen, Gewerkschaften, Opposition. Und so wie die Propheten einst gegeneinander predigten, reden heute Politikerinnen und Politiker in aller Öffentlichkeit in den Talkshows, den sozialen Medien und überhaupt in den Medien gegeneinander.
Wenn wir jetzt die Ländernamen austauschen würden gegen heutige Ländernamen und heutige Großmächte, dann würde es vielleicht gar nicht auffallen, dass unser Predigttext schon ein paar tausend Jahre alt ist. Der Predigttext bei Jeremia hat eine Aktualität, die uns heute berühren darf und aufrütteln sollte.
Kurzgefasst: Wir haben heute mehr mit dem alten Juda aus der Zeit um 600 v. Chr. mehr gemeinsam, als wir es auf den ersten Blick vermutet hätten. Es ist ja nicht so, dass sich Geschichte wiederholt, aber es sind immer wieder vergleichbare Situationen und Verhaltensweisen, die in Krisen hineinführen.
Verheißung
So, und obwohl hier alles an die Wand gefahren wurde, was man sich nur vorstellen kann und sich Gott von den Menschen, von seinem Volk eigentlich – ich bringe es mal gut lutherisch auf den Punkt – „verarscht“ fühlen müsste, will er nicht von Ihnen lassen. Er glaubt an seine Menschen. Er glaubt an das Gute und die Veränderungsfähigkeit der von ihm geschaffenen Menschen. Er hat die Hoffnung nach wie vor nicht aufgegeben, dass die Menschen einsichtig werden könnten.
Und so will er mit den Menschen, die sich von ihm entfernt haben, einen neuen Bund schließen. Er will diesen Bund mit ihnen nicht in dieser Krise schließen, sondern nach der Krise, nach dem Babylonischen Exil. Man könnte glatt den Eindruck gewinnen, dass das Volk noch eine Weile die Konsequenzen seiner Gottesentfernung spüren soll. Es klingt fast so, als wollte Gott den rechten Moment abwarten, in dem Herz und Sinn seines Volkes wieder offen für ihn sind, und so sagt er zu seinem Volk:
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein, und es wird keiner den andern noch ein Bruder, den andern lehren und sagen: erkenne den Herrn, denn sie sollen mich alle erkennen, beide Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will Ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmer mehr gedenken.
Jeremia 31,33b-34
Wenn das keine Verheißung ist, dann weiß ich’s auch nicht. Aber jetzt noch mal genau hingeschaut. Erinnert Ihr euch noch, wie einst das Gesetz zum Volk gekommen ist? Genau: Mose musste auf den Berg Sinai steigen, und dort schrieb Gott höchstpersönlich das Gesetz, also die zehn Gebote, in Steintafeln. Und wir wissen, was mit dieser ersten Auflage dieses in Stein gemeißelten Gesetzes geschah. Mose selbst warf die Tafeln aus der Hand, und zerbrach sie unten am Berg, als er sah, wie das Volk das goldene Kalb geschaffen hatte und um dieses Götzenbild herumtanzte. Erst nachdem Mose für sein Volk Fürbitte gehalten hatte, durfte er ein zweites Mal auf den Berg steigen und die zweite Auflage der Gesetzestafeln bei Gott abholen. Schon damals erhielt das Volk also eine neue Chance. Wie schon so oft.
Ein Gesetz, das aber in Stein gemeißelt ist, ist nicht im Menschen. Das ist mit unserem Grundgesetzt, unserer Verfassung nicht anders. Wir erleben hier bei Jeremia, dass auch Gott lernfähig ist. Er sagt sich: „Das Gesetz ist gut. Mein Gesetz ist richtig. Aber es bringt nichts, wenn ich es den Menschen aufschreibe, sondern sie müssen das Gesetz verinnerlichen. Das Gesetz muss ihnen gewissermaßen zur eigenen Natur werden.“
Und genau deshalb will Gott sein Gesetz in unser Herz geben und in unseren Sinn schreiben, damit wir es nie vergessen. Gottes Gesetz soll aus dem Innersten des Menschen heraus leben und gelebt werden.
Eigentlich eine tolle und großartige Idee. Und zugleich ist dieser neue Bund ja auch die Gnade pur. Gott optimiert nicht nur das alte, sondern er erlaubt, nein, er schenkt uns einen Neuanfang mit ihm. Und dieser Neuanfang, der macht Frieden und Freiheit miteinander und untereinander in seiner Schöpfung möglich.
Mit anderen Worten der Grundstein des neuen Bundes, dieses neuen Bundes ist die Vergebung. Gott sagt, er, will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken. Gott zieht einen dicken, fetten und endgültigen Schlussstrich drunter. Er setzt einen radikalen Schnitt. Es geht nicht um die Erinnerung an die Schuld, sondern es geht um Zukunft aus Vergebung.
Zukunft, und genau das ist die Botschaft dieses Predigttextes, wird möglich aus Vergebung, nicht durch Aufrechnung oder Abrechnung.
Und jetzt kommt noch etwas, was absolut wichtig ist. Gott sagt: „Sie sollen mich alle erkennen…“ – Das bedeutet, es gibt keine religiöse Elite und keine vermittelnde Instanz mehr, sondern Gott wird für jeden unmittelbar erfahrbar.
Ja, ich sehe es euch an. Jetzt stellt sich bei dem einen oder der anderen die Frage: Wozu gibt es dann Pfarrer?
Erneuerung
Damit komme ich zur Erneuerung. Also dem dritten Schritt nach Krise und Verheißung.
Wir leben jetzt in der nachösterlichen Zeit. Jesus ist am Kreuz für unsere Sünden gestorben. Er ist nach drei Tagen auferstanden. Er ist nach 40 Tage nach Ostern in den Himmel aufgefahren und 50 Tage nach Jesu Auferstehung beschenkt uns Gott mit dem Heiligen Geist. Genau das ist es, was wir in einer Woche feiern werden: Pfingsten.
Wir sind allesamt mit dem Heiligen Geist begabt. Dieser Heilige Geist dient dazu, dass wir alle einander verstehen. Der Heilige Geist ist wie eine gemeinsame Sprache wie eine universelle Sprache oder eine universale Sprache und es kommt noch etwas hinzu. Der Heilige Geist ist in uns. Er erneuert uns. Er ist in unsere Sinne und in unser Herzen geschrieben.
Und warum gibt es nun dennoch Pfarrer und Pfarrerinnen?
Ich verrate es euch. Die Antwort liegt im Missionsbefehl, den Jesus seinen Jünger gegeben hat. Nachzulesen bei Matthäus im 28. Kapitel:
Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. 18 Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Matthäus 28,16-20
Ich will nichts sagen, aber wieder einmal spielt ein Berg eine Rolle. Der Berg steht für den Perspektivwechsel, den uns der Glaube ermöglicht. Wie der Blick von einem Berg erlaubt uns der Glaube einen Blick, der weit über das Übliche hinausgeht und uns Dinge und Zusammenhänge erkennen lässt, die wir nur mit und durch den Glauben erkennen können. Unsere Perspektive wird durch den Glauben geweitet und erneuert.
So wie wir alle durch Ostern die Auferstehung Jesu Christi runderneuert sind. So sind wir durch Pfingsten mit dem Heiligen Geist ausgestattet. Gott hat Wort gehalten, bis zum heutigen Tag. Er wartet nur noch auf unsere Antwort. Die sind wir ihm, so wie die Welt gerade ausschaut, wohl noch immer schuldig geblieben.
Und jetzt wisst Ihr, warum es noch immer Pfarrerinnen und Pfarrer gibt: Um einander immer und immer wieder genau daran zu erinnern und Euch mit auf diesen Weg einzuladen und Euch mitzunehmen. Einander immer und immer wieder an das zu erinnern, was uns Jesus Christus einst befohlen hat zu halten.
Lasst uns also diesen gar nicht so neuen Wegen vertrauen, auf die uns Gott mitnehmen möchte. Lasst uns durch die Zeit wandern und das miteinander tun, was Gott sich von uns wünscht, nämlich ein Segen zu sein für seine Erde.
Amen.
Pfarrer Martin Dubberke
Predigt am Sonntag Exaudi 2026 (17. Mai 2026) über Jeremia 31,31-34 (Perikopenordnung II) in St. Markus München
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