Pfr. Martin Dubberke
Ein Hand voll Ruhe | Bild: Martin Dubberke & KI

Verantwortung und Vertrauen

„Besser eine Hand voll mit Ruhe
als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“ 

Prediger 4,6 (Monatsspruch für den September)

Liebe Geschwister, ich liebe die alttestamentliche Weisheit. Das ist die Weisheit des Prediger Salomo, gesagt hat, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt oder:

Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. 10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. 11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. 12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. 13 Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Prediger 3,9-13

Und auch in dem Vers, der uns in diesem Monat begleiten soll und wird, hat der Prediger Salomo ein Bild gefunden, das uns einiges in unserem Leben deutlicher macht als viele Erklärungen: Er lenkt unseren Blick auf unsere Hände.

Schauen wir einmal auf unsere Hände.

Die offene Hand

Da ist zunächst die eine offene Hand, von der der Prediger spricht. Eine Hand voll Ruhe. Merkwürdig eigentlich. Der Prediger sagt nicht: eine leere Hand. Er sagt nicht: eine Hand voll Nichts. Er sagt: eine Hand voll Ruhe.

Ruhe erscheint hier nicht als Mangel. Ruhe ist ein Besitz. Etwas Wertvolles. Etwas, das wir in Händen halten können. Und vielleicht ist genau das eine Weisheit, die wir heute besonders brauchen. Denn wir leben in einer Zeit, in der wir ständig versucht sind, unsere Hände zu füllen. Mit Nachrichten. Mit Sorgen. Mit Meinungen. Mit Ängsten. Mit Empörung. Mit all den Dingen, die uns jeden Tag begegnen.

Da geschieht vieles in unseren Kirchen. Da geschieht vieles in unserem Land. Da geschieht vieles in der Welt. Und vieles davon macht uns unruhig.

Doch der Prediger fragt uns heute:

Was hältst du eigentlich in deinen Händen?
Ist es Sorge?
Ist es Angst?
Ist es Wut?
Oder findest du mitten in all dem auch noch eine Hand voll Ruhe?

Nicht Gleichgültigkeit. Nicht Wegschauen.

Sondern jene Ruhe, die Besonnenheit schenkt. Jene Ruhe, die uns hilft, klar zu sehen und weise zu handeln.

Die Fäuste

Dann zeigt uns der Prediger ein zweites Bild: Beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind. Jetzt sind die Hände nicht mehr offen. Sie sind zu Fäusten geworden.

Fäuste wollen festhalten.
Fäuste wollen zugreifen.
Fäuste wollen Kontrolle.

Doch der Prediger sagt: Am Ende ist es oft nur ein Haschen nach Wind.

Wie treffend dieses Bild ist.
Wer von uns kennt das nicht?

Man versucht, alles im Griff zu behalten. Man möchte wissen, was kommt. Man möchte die Zukunft sichern. Man möchte Entwicklungen aufhalten oder beschleunigen. Doch je stärker wir den Wind festhalten wollen, desto deutlicher spüren wir unsere Grenzen. Und manchmal macht uns genau das wütend. Denn die Erfahrung der Ohnmacht gehört zum Menschsein dazu.

Nicht alles liegt in unserer Hand.
Nicht alles lässt sich kontrollieren.
Nicht jede Entwicklung können wir aufhalten.
Nicht jede Sorge können wir lösen.

Der Prediger lädt uns deshalb ein, die Fäuste wieder zu öffnen. Nicht weil die Welt unwichtig wäre. Nicht weil wir uns aus der Verantwortung stehlen dürften. Sondern weil wir erkennen sollen, was unser Auftrag ist – und was nicht.

Die betenden Hände

Und damit kommen wir zu einem dritten Bild – einem Bild, das beim Prediger jetzt nicht vorkommt, sich am Ende aber aus allem ergibt: Die Hände des Betens. Betende Hände sind weder leere noch geballte Hände. Sie sind geöffnete Hände. Hände, die Verantwortung übernehmen und zugleich loslassen können.

Wir beten nicht, weil uns die Welt gleichgültig wäre.
Wir beten, weil wir die Welt ernst nehmen.
Wir beten für unsere Kirchen.
Wir beten für unser Land.
Wir beten für die Menschen, die Verantwortung tragen.
Wir beten für Frieden, Gerechtigkeit und Zusammenhalt.

Aber im Gebet geschieht noch etwas anderes:

Wir erinnern uns daran, dass die Welt nicht in unseren Händen liegt.
Sie liegt in Gottes Händen.

Das entbindet uns nicht von unserer Verantwortung. Aber es bewahrt uns davor, uns selbst für den Mittelpunkt der Welt zu halten. Und vielleicht ist das die große Weisheit dieses Monatsspruchs:

Eine Hand voll Ruhe ist wertvoller als zwei Fäuste voller Anstrengung.

Ruhe ist kein Rückzug aus der Welt.
Ruhe ist die Kraft, der Welt besonnen zu begegnen.
Ruhe ist die Gelassenheit, die aus dem Vertrauen auf Gott wächst.

Und das Gebet ist der Ort, an dem wir beides miteinander verbinden: unsere Verantwortung für diese Welt und unser Vertrauen darauf, dass Gott sie trägt.

Darum dürfen wir unsere Hände öffnen.
Die Sorgen nicht verdrängen.
Die Aufgaben nicht vergessen.
Aber auch nicht nach Wind greifen.

Denn wir leben aus der Hoffnung, dass Gottes Hände größer sind als unsere eigenen.

Amen.

Gebet

Barmherziger Gott,

du kennst unser Leben mit seiner Freude und seiner Mühe. Du kennst die Unruhe unserer Tage und die Fragen, die uns bewegen. Darum kommen wir mit offenen Händen vor dich.

Wir bitten dich für deine Kirche. Bewahre sie davor, sich in Sorgen um sich selbst zu verlieren. Schenke ihr Vertrauen, Demut und die Freiheit, den Menschen von deiner Liebe zu erzählen. 

Christus, höre uns. Christus, erhöre uns.

Wir bitten dich für unser Land und für alle, die politische Verantwortung tragen. Gib ihnen Weisheit statt Schnellschüssen, Mut statt Angst, und den Willen, dem Frieden und dem Gemeinwohl zu dienen.

Christus, höre uns. Christus, erhöre uns.

Wir bitten dich für alle Menschen, die sich um die Zukunft sorgen: für die Verunsicherten, die Enttäuschten, die Wütenden und die Mutlosen. Lass sie Menschen finden, die zuhören, und Wege, die Hoffnung schenken. 

Christus, höre uns. Christus, erhöre uns.

Wir bitten dich für die Kranken, die Einsamen und die Trauernden, für alle, deren Hände leer geworden sind. Sei du ihre Kraft, ihr Trost und ihr Halt. 

Christus, höre uns. Christus, erhöre uns.

Und wir bitten dich für uns selbst. Lehre uns, unsere Verantwortung wahrzunehmen, ohne uns von Sorgen beherrschen zu lassen. Schenke uns eine Hand voll Ruhe, ein waches Herz und das Vertrauen, dass unser Leben und diese Welt in deinen Händen geborgen sind. 

Christus, höre uns. Christus, erhöre uns.

Denn du bist unsere Hoffnung, heute und alle Tage unseres Lebens.

Amen.

Pfarrer Martin Dubberke

Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke
Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke

 

 

 

 

 

Ökumenisches Abendgebet in der Maxvorstadt in St. Ludwig (2. September 2026) über das Monatswort für den Monat September Prediger 4,6

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