Pfr. Martin Dubberke
Vom Willen Gottes | Bild: Martin Dubberke & KI

Vom Willen Gottes

Liebe Geschwister, nun ist es so weit: Meine letzte Predigt als Pfarrer dieser Gemeinde, in der mir so liebgewordenen Johanneskirche.  Am Freitag habe ich die Geschäfte an meine liebe Kollegin Heike-Andrea Brunner-Wild übergeben. Noch während der Übergabe vibriert mein Telefon und ich sehe auf dem Display eine mir vertraute Telefonnummer aus dem Oman. Und so kam es, dass ich mich noch nach der Übergabe mit dem abgesandten des Sultan von Oman traf. Gemeinsam mit Ralf unterhielten wir uns und dankten für die großzügige Spende in Höhe von 25.000 Euro für die Gemeinde. Und ich denke: Es hätte kaum einen besseren Tag dafür geben können.

Zwei Tage vor der Übergabe sind Heike und ich – chauffiert von ihrem Mann Hartmut – alle sechs Kirchen unserer Gemeinde abgefahren und haben alle Vasa Sacra, also die liturgischen Gegenstände, gezählt und fotografisch dokumentiert. Ja, auch das gehört zu einer Übergabe der Amtsgeschäfte. Und als wir so Ort für Ort die Vasa Sacra aus dem Schrank oder dem Tresor nehmen, die Schränke öffneten, in denen die Altardecken liegen und die Paramente hängen, muss ich mit einem Schmunzeln daran denken, wie ich auf die Idee kam, die Serie über die Kirchenausstattung zu schreiben, die nun bald auch als Buch erscheinen wird.

Was war geschehen? Jan, unser Mesner in der Not und der Mesner unserer Herzen hatte es gewagt mit meiner Zustimmung auf dem Altar der Johanneskirche eine Altardecke auf den Altar zu legen. Nach diesem Gottesdienst ging ein Sturm der Entrüstung los. Dabei fielen Sätze wie: „Eine Decke auf dem Altar ist katholisch.“

Als das alles an mich herangetragen wurde, dachte ich: Wissen die überhaupt, was evangelisch ist und was nicht evangelisch ist?

Und so besann ich mich der Bitte aus Luthers Sakristeigebet:

„Aber weil du mich zum Hirten und LEHRER des Wortes gesetzt hast, das Volk auch der Lehre du des Unterrichts bedürftig ist, so sei du mein Helfer und lasse deinen heiligen Engel bei mir sein.“

So kam es, dass ich neben der Aufgabe des Predigers, Seelsorgers und Pfarramtführers nun auch die Aufgabe gewissermaßen als Volkslehrer annahm, ganz im Sinne Luthers und konnte damit auch noch meinen lieben Freund und katholischen Amtsbruder damit in Erstaunen versetzen, dass das von mir so gern getragene Collarhemd eine protestantische Erfindung ist, die sich die katholischen Kollegen kulturell angeeignet haben, so dass heute alle Welt glaubt, dass das Collarhemd eine katholische Erfindung sei. Soviel zum Thema, was evangelisch und was katholisch sei.

Wie viel Spaß haben wir immer miteinander gehabt, wenn wir am Reformationstag Kanzelgemeinschaft gefeiert haben und ich mir mit einem katholischen Kollegen die Kanzel geteilt habe. Welch ein Reichtum!!!

Und ich erinnere mich immer wieder gerne daran, wie wir es 2024 ganz und gar wild getrieben haben und mein Freund Achim Marshall von der FeG, Andreas Lackermeier und ich die volle Johanneskirche mit drei Predigten am Reformationstag beglückt haben. Denn mit den Jahren kamen immer mehr Menschen zu diesem ökumenischen Gottesdienst am Reformationstag. Und manchmal hatte ich das Gefühl, dass sogar mehr katholische Geschwister als evangelische kamen.

Was alle in diesen Gottesdiensten einte, war nicht die Konfession, sondern der Glaube und die Neugier auf diesen, unseren Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Diese nur so schwer zu verstehende Dreieinigkeit, die einzigartig großartig ist.

Und ich erinnere mich noch an einen besonderen Abend im Kleinen Theater, als mein Freund und wieder einmal katholischer Kollege Josef Konitzer, der heute leider in Spanien weilt, auf der Bühne auf die Frage, warum er sich gegen seine Freundin und für das Priesteramt entschieden hat, mit einem Lächeln antwortete:

„Hätte ich mich anders entschieden, hätte ich meinen Freund und evangelischen Kollegen Martin Dubberke und seine wunderbare katholische Frau Christiane nicht trauen können.“

Ja, meine Frau und ich haben hier in Garmisch vor fünf Jahren noch einmal Ja zueinander gesagt. Und Sissy, Du erinnerst Dich vielleicht noch, was damals im Kleinen Theater geschah. Du warst ja auch dabei. Das Publikum erhob sich und applaudierte uns Dreien.

Das ist nicht nur gelebte Ökumene, sondern freigelassene Liebe aus dem gemeinsamen Glauben heraus.

Doch dann kam der Tag, als Tanja im Tagblatt über meinen Wechsel nach München schrieb und für den Artikel die Überschrift wählte: „Abschied aus Liebe.“

Und heute stehe ich nun vor Euch, liebe Geschwister, um ein letztes Mal in dieser Kirche als Pfarrer dieser Gemeinde zu predigen. Und: Ja, ich erinnere mich noch an so vieles mehr, aber meine Erinnerungen heute dienen nur einem einzigen Zweck: Der Hinführung zum eigentlichen Thema der Predigt. Ja, ich gebe es zu. Es war eine ziemlich lange Hinführung. Aber ich bin ja auch ein evangelischer Pfarrer. Und eine anständige evangelische Predigt dauert nun einmal mindestens eine dreiviertel Stunde. Alles andere ist eine Andacht, wie in meinem Vikariat mal ein Gottesdienstbesucher nach dem Gottesdienst zu mir sagte, weil ihm meine Predigt zu kurz geraten schien.

Also, ich hoffe, Ihr habt heute genug Zeit mitgebracht 😉

Und ich bin mir sicher, Ihr ahnt schon, dass es heute in diesem Gottesdienst und auch in dieser Predigt irgendwie um das Evangelisch-Sein geht, ob ich evangelischer oder katholischer Christ bin. Aber ich sag’s Euch. Am Ende ist es so wie mit Garmisch und mit Partenkirchen. Man ist entweder Garmischer Bayer oder Partenkirchner Bayer.

Am Ende ist jeder von beiden ein Bayer und das eint gegen den Rest der Welt. Und als Christinnen und Christen sind wir geeint in der Liebe Gottes und durch die Liebe Gottes, die nichts anderes als den Frieden in dieser Welt will.

Und damit komme ich zu dem Zitat von Dietrich Bonhoeffer, das dieser Predigt zugrunde liegt. Es stammt aus einem seiner wohl bekanntesten Werke, der „Nachfolge“.  – Hier fasst er die radikale Nachfolge Christi als kompromisslosen Gehorsam gegenüber Jesu Ruf zusammen, der billige Gnade ablehnt und einen Bruch mit weltlichen Bindungen verlangt.

Hier interpretiert Bonhoeffer die Bergpredigt als Leitfaden für ein Leben im Glauben, das den Einzelnen in die Gemeinde Christi führt. Und so schreibt er:

„Gott wird uns einmal nicht fragen, ob wir evangelisch gewesen sind, sondern, ob wir seinen Willen getan haben.“

Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, DBW 4, Seite 187ff

Wham! Das sitzt. Treffer mitten ins Herz. Ihr habt es gemerkt. Ich sehe es Euch an. In der Hinführung ging es genau darum. Nicht die Konfession ist von Bedeutung, sondern das bekennende Handeln, das Handeln nach Gottes Willen.

Es geht also um den Willen Gottes und deshalb habe ich diese Predigt auch so überschrieben: „Vom Willen Gottes“.

Nebenbei gesagt: Ich musste gestern Abend fast laut lachen, als ich noch einmal einen Blick auf meine Antrittspredigt geworfen habe. Die habe ich doch damals mit den Worten überschrieben: „Wer Gottes Willen tut.“ So schließt sich dann doch der Kreis.

Damals bezog ich mich auf einen Vers aus dem Predigttext aus Markus 3:

Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Markus 3,35

Anders Bonhoeffer. Er legt – wie schon gesagt – seinem Nachdenken die Bergpredigt zugrunde und sein:

„Gott wird uns einmal nicht fragen, ob wir evangelisch gewesen sind, sondern, ob wir seinen Willen getan haben.“
Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, DBW 4, Seite 187ff

bezieht sich direkt auf Matthäus 7,21:

Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.

Also, was bedeutet es vor diesem Hintergrund für uns, wenn Bonhoeffer sagt: „Gott wird uns einmal nicht fragen, ob wir evangelisch gewesen sind, sondern, ob wir seinen Willen getan haben“, dann holt er uns auf radikale Weise heraus aus allen selbstgemachten Sicherheiten. Aus allem, worauf wir uns so gern berufen: Kirchenzugehörigkeit, Tradition, Frömmigkeitsstil, liturgische Vorlieben, konfessionelle Identität.

All das kann wertvoll sein. All das kann heilsam sein. Aber keines davon entschuldigt uns vor Gott, wenn unser Leben, unser Handeln, unser Umgang miteinander nicht mehr dem entspricht, was Jesus uns in der Bergpredigt zugemutet hat. Nämlich:

  • Versöhnt euch.
  • Liebt eure Feinde.
  • Segnet, die euch fluchen.
  • Tut den ersten Schritt.
  • Verlasst die Selbstrechtfertigung.
  • Tragt einander.

Bonhoeffer stellt uns vor eine einfache, aber fordernde Frage: Lebst du den Willen Gottes – oder redest du nur darüber?

Und plötzlich wird der Satz ganz praktisch. Plötzlich geht es um unser Miteinander in Gemeinde, Kirche, Familie, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft. Denn genau hier zeigt sich, ob wir Täter des Wortes sind oder lediglich „Herr‑Herr‑Sager“.

Es wird sich wahrscheinlich niemand mehr daran erinnern, was ich in meiner Antrittspredigt vor sechseinhalb Jahren gesagt habe. Deshalb zitiere ich mich mal kurz selbst:

„Ich spreche nur das Wort Familienkonflikte aus. Wer unter uns Geschwister hat, weiß, was ich damit meine. Da steckt jede Menge Vitalität dahinter. Und Streiten bedeutet, Positionen zu klären und beieinander zu bleiben und zusammenzukommen. So, wie es auch in einer vitalen Gemeinde oder auch einem Pfarrteam sein muss.

Dass man zusammenbleibt, Konflikte erträgt, austrägt und sich am Ende wieder verträgt, funktioniert nur, wenn man den Willen Gottes tut.“

Ich gebe es zu, mir ist das leider nicht immer gelungen. Und es gab auch Beziehungen in dieser Gemeinde zwischen mir und anderen, die zerbrochen sind.

Ich wiederhole diese Worte heute nicht, weil es schön wäre, wenn am Ende alles glatt und harmonisch wäre. Ich wiederhole sie, weil Bonhoeffers Ruf zum Tun des Willens Gottes genau dort beginnt: im Ringen miteinander. Im Aushalten. Im Vergeben. Im erneuten Anfangen.

Wer Gottes Willen tut, der flieht nicht vor Konflikten.

Wer Gottes Willen tut, der trägt sie aus – im Geist Christi.

Wer Gottes Willen tut, der verzichtet auf billige Gnade, auf schnelle Urteile, auf die selbstgerechte Pose.

Stellt euch vor, wir als Gemeinde würden das wirklich leben – nicht als fromme Theorie, sondern als Konsequenz unseres Glaubens:

  • Wir würden einander nicht festlegen auf vergangene Fehler, sondern auf Gottes Zukunft.
  • Wir würden Menschen nicht daran messen, wie oft sie in der Kirche sind, sondern daran, wie ernst sie die Liebe Gottes im Alltag nehmen.
  • Wir würden nicht übereinander reden, sondern miteinander.
  • Wir würden nicht zuerst fragen: „Wer hat Schuld?“, sondern: „Wie können wir Frieden finden?“
  • Wir würden nicht trennen in evangelisch, katholisch, freikirchlich oder konfessionslos, sondern wir würden erkennen: Wir alle leben aus der Gnade, nicht aus der Zugehörigkeit.

Eine Kirche, die so lebt, müsste sich weniger sorgen um Mitgliedszahlen, aber sehr viel mehr um Glaubwürdigkeit.

Eine Kirche, die so lebt, würde weniger Programme brauchen, aber mehr Mut.

Eine Kirche, die so lebt, wäre nicht mächtig, aber sie wäre leuchtend.

Denn genau das meint Bonhoeffer, wenn er sagt: Der „Herr‑Herr‑Sager“ erhebt Anspruch – der Täter des Willens Gottes lebt aus der Gnade.

Und wie würde sich unsere Welt verändern, wenn Menschen überall – in Garmisch-Partenkirchen, in München, in Berlin, in Washington, Moskau, Peking und überall woanders – so leben würden? Wenn Menschen nicht zuerst fragen würden:

„Was bekomme ich?“, sondern: „Was dient dem Frieden, der Gerechtigkeit, der Gemeinschaft, der Wahrheit?“

Ich sage es euch: Dann würde Gottes Reich sichtbarer werden. Nicht perfekt, nicht vollständig, aber spürbar.

In jedem gerechten Wort.

In jedem Schritt aufeinander zu.

In jeder ausgestreckten Hand.

In jeder vergebenen Schuld.

In jedem mutigen „Es tut mir leid“.

In jeder Träne, die getrocknet wird.

Denn dort – mitten im Alltag, mitten in unseren Unzulänglichkeiten – geschieht der Wille Gottes.

Liebe Geschwister, diese Gemeinde hat mir oft gezeigt, dass solches Tun möglich ist. Nicht immer. Aber immer wieder. Und das genügt Gott. Denn er sieht das Bemühen. Er sieht das Ringen.

Er sieht die Schritte, die wir gehen – und die Schritte, die wir zu gehen wagen.

Und deshalb möchte ich auch diese Predigt mal wieder mit einem Wort schließen, das mich seit Jahren begleitet und trägt. Ein Wort von Dietrich Bonhoeffer, das uns alle daran erinnert, dass Nachfolge keine Gefühlsduselei ist, kein Wohlfühlprogramm, kein spirituelles Hobby, sondern ein Weg, der Kraft kostet und zugleich Kraft schenkt – und Ihr wisst nun was kommt:

„Ein schwerer, verhängnisvoller Irrtum ist es, wenn man Religion mit Gefühlsduselei verwechselt. Religion ist Arbeit. Und vielleicht die schwerste und gewiß die heiligste Arbeit, die ein Mensch tun kann.“
Dietrich Bonhoeffer – Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931, DBW Band 10, Seite 484

Amen!

Pfarrer Martin Dubberke

Pfarrer Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke
Pfarrer Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke

Abschiedspredigt am letzten Sonntag nach Epiphanias am 1. Februar 2026 in der Johanneskirche zu Partenkirchen über ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer.

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