Liebe Geschwister, das mit dem Predigttext von heute finde ich schon eine ziemlich schräge Nummer. Jesus erzählt seinen Jüngern etwas davon, dass er der Weinstock sei und sie die Reben. Er baut scheinbar einen Leistungsdruck auf, denn wenn die Reben keine Frucht bringen, wird sie der Weingärtner, also sein Vater, ins Feuer werfen. Aus, futsch, vorbei.
Mal ganz ehrlich: Ist das ein Predigttext, der zum Jubeln einlädt? – Also, ich weiß nicht.
Wir hatten doch gerade Ostern. Das Jubelfest schlechthin. Und dann steht heute mit Johannes 15,1-8 ein Predigttext auf der liturgischen Tagesordnung, der eine Abschiedsrede Jesu an seine Jünger ist. Jesus bereitet seine Jünger auf die Zeit danach vor, wenn er nicht mehr unter ihnen ist, nicht mehr mit ihnen durch die Welt zieht, ihnen Tag für Tag deutlich macht, was mit dem Glauben an diesen einen Gott verbunden ist, und welch befreiende Wirkung er haben kann, wenn man mal den Kopf so richtig aufmacht und frischen Wind ranlässt.
Der Predigttext berichtet, wie Jesus seine Rede an seine Jünger richtet. Sorry, aber was hat das mit uns zu tun? Sind und sollen wir heute am 26. April 2026 auch angesprochen sein?
Naja, und Abschied. Was hat Abschied eigentlich mit Jubilate zu tun. Also mit dem namensgebenden Vers aus Psalm:
Jubilate Deo omnis terra – Jauchzet Gott, alle Lande!
Was hat das mit Jubel zu tun? Ich gebe es ja zu. Ehrlicherweise wüsste ich zwei oder drei Namen, bei denen ich jubeln würde, wenn sie sich endlich mal von der Weltbühne verabschieden würden. Und wahrscheinlich würdet Ihr in diesem Falle wie Millionen andere Menschen auf dieser Welt auch ins Jubeln kommen, aber doch nicht, wenn sich Jesus verabschiedet. Das löst in mir eher Verunsicherung aus. Wie soll ich ohne ihn in dieser vogelwilden Welt zurechtkommen?
Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage, möchte ich Euch mit auf einen kleinen Schlenker nehmen, einen kleinen Umweg, der am Ende eigentlich kein Umweg ist.
Und dafür möchte ich mit Euch gerne einen kurzen Blick auf den besagten Psalm 66 werfen. Hier erklärt uns der Psalmbeter überschwänglich, warum wir alle – undwar alle Lande – jauchzen und Gott lobsingen sollen:
Kommt her und sehet an die Werke Gottes,
der so wunderbar ist
in seinem Tun an den Menschenkindern.Psalm 66,5
Und ich sag’s Euch, wenn wir uns die Werke Gottes ansehen und sie nicht einfach als selbstverständlich gegeben hinnehmen, sondern bewusst wahrnehmen, passiert etwas. Es verändert uns. Wie ihr wisst, habe ich die vergangenen Jahre in den Bergen gelebt. Wenn man sich die Berge als von Gott geschaffen anschaut, kann man sie auf den ersten Blick als selbstverständliche Touristen- oder Wintersportattraktion anschauen, ein traumhaftes Fotomotiv. Doch wenn man sie – wie Gott es gerne hätte – genauer anschaut, kann man erkennen, wie sehr sich diese Berge und die Natur unter unserem Einfluss verändern – nicht zum Guten wohlgemerkt.
Und man kann an diesen Bergen etwas lernen, wenn man mal anfängt, näher mit ihnen Bekanntschaft zu schließen, dass man ihnen mit Demut begegnen muss, um nicht in, an und auf ihnen umzukommen. Mit den Bergen kann man das lernen, was heute selten geworden ist: Demut.
Und zu nichts anderem lädt uns dieser Psalm ein, sich das Werk Gottes, seine Schöpfung genau anzuschauen, um das eigentliche Wunder darin zu entdecken, das er da für uns geschaffen hat. Und wenn wir das tun, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als demütig zu werden. Und aus Demut erwächst der Mut zur aktiven Verantwortung, zur Verantwortung vor und gegenüber Gott.
So, und was bedeutet das nun im Hinblick auf unseren Predigttext von heute? Jesus sagt im Grunde genommen nichts anderes als der Psalmbeter, wenn er für sich das Bild des Weinstocks wählt. Und das ist ein großartiges Bild, weil es so vielschichtig ist. Ich war gerade am vergangenen Wochenende mit dem Kirchenvorstand von St. Markus im Kloster Neustift in Brixen in Klausur. Dieses Kloster ist von Weinbergen umgeben. Man kann sich die Weinstöcke dort aus allernächster Nähe anschauen und erkennen, was der Weingärtner so alles tun muss, damit am Ende der großartige Wein herauskommt, den man am Abend gemeinsam dort trinken kann. Würde man den Wein einfach so wachsen lassen und am Ende die guten und die schlechten Trauben in eine Kelter schütten, würde der Wein nicht schmecken.
Man kann also mit einem einfachen Weinstock das wunderbare Handeln Gottes an den Menschen erklären. So wie ein Weinstock seine Kraft aus dem Boden zieht und der Boden auch für den Geschmack des Weines sorgt, so ist Jesus Christus. Er kommt von Gott und wurzelt fest in seinem Glauben und der untrennbaren Verbundenheit mit seinem Vater. Und wenn die Jünger wie die Reben sind, dann ziehen sie die Kraft des Glaubens aus ihm. Und Gott, der Weingärtner achtet aktiv darauf, dass am Ende die Reben, die Früchte bleiben, die viel Frucht bringen.
Damit sind – oh staune und Wunder – weder Leistungsdenken noch Leistungsdruck verbunden, sondern einzig und allein die Kraft des Glaubens. Und so kann auch ein einfacher Weinstock Demut in uns auslösen.
Aber Jesus sagt noch etwas:
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht;
denn ohne mich könnt ihr nichts tun.Johannes, 15,5
Jesus sagt: Wer glaubt, ohne mich etwas zu vermögen, der irrt. Der Mensch kann nicht ohne ihn einfach so aus sich selbst heraus leben. Und wir merken doch in unserer Welt, was dabei herauskommt, wenn der Mensch glaubt, ohne ihn zu leben und sich selbst mit seinen Bedürfnissen zum Maßstab macht. Das ist der Moment, in dem der Mensch alle Demut fallen lässt und auf Kosten aller anderen lebt.
Und dann sagt Jesus:
Wer nicht in mir bleibt,
der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt.
Und man sammelt die Reben und
wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.Johannes 15,6
Das ist der Moment, in dem es kritisch werden könnte. Wenn ich Johannes 15,6 ernst nehme, stellt sich doch die Frage, warum es dann noch z.B. einen Putin oder einen Trump gibt. Müssten die, wenn ich das Bild, das Jesus gewählt hat, ernst nähme, nicht schon längst im Feuer brennen?
Die Frage nach Johannes 15,6 im Licht von Figuren wie Putin oder Trump berührt eine tiefere theologische Spannung: Wie lässt sich das Bild vom „Abschneiden und Ins-Feuer-Werfen“ unfruchtbarer Zweige mit der Tatsache vereinbaren, dass Menschen, deren Leben offenbar nicht von Christus geprägt ist, dennoch Macht und Einfluss besitzen?
Zunächst ist zu beachten, dass Johannes 15,6 keinen automatischen Urteilsspruch über jeden einzelnen Moment des Nicht-Fruchtbringens ausspricht. Exegetisch gesehen, geht es nicht darum, dass Gott sofort jeden schwachen und fruchtlosen Zweig abschneidet – solange sich dieser nicht ausdrücklich von Jesus trennt, wird der Weingärtner – also Gott – nicht aufhören ihn zu umsorgen – ihn zu pflegen und zu hegen, wie es jeder gute Weingärtner tun würde.
Jesus beschreibt mit diesem Bild vielmehr eine – wie soll ich’s nennen – Fundamentalentscheidung: Wer sich bewusst und beharrlich von der Quelle des Lebens – also Jesus – lossagt, gerät letztlich in Verwüstung – vergleichsweise mit einem Zweig, der vom Stock abgeschnitten verdorrt und schließlich verbrennt.
Das klingt jetzt alles sehr moralisch oder auch moralin. Ist es aber nicht. Denn primär ist mit der „Frucht“ im Johannes-Evangelium weder äußerer Erfolg noch moralische Perfektion gemeint, sondern das Bleiben in der Liebe Jesu, das sich in Gehorsam gegenüber seinem Gebot zur gegenseitigen Liebe äußert. So geht es nämlich im nächsten Teil seiner Abschiedsrede weiter:
Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.
Johannes 15,12
Wer diese lebenswichtige Verbindung ablehnt – sei es durch offenen Unglauben, durch die Verfolgung der Jünger oder durch die Instrumentalisierung des Glaubens für Macht und Gewalt, wie es z.B. Putin tat, als er seinen Angriff auf die Ukraine mit Johannes 15,13 rechtfertigte:
Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.
Johannes 15,13
Wer so agiert gefährdet letzten Endes seine eigene Verbindung zum Weinstock.
Warum gibt es also dennoch Menschen, die große Macht haben und deren Handeln scheinbar nicht von der Liebe Christi geprägt ist?
In der Bibel können wir immer wieder Geschichten und Begebenheiten nachlesen, die diese Spannung sehr gut kennen und am Ende immer zum gleichen Schluss kommen: Gott zwingt keinem Menschen die Verbindung zu sich auf. Freiheit bedeutet auch die Möglichkeit zum Missbrauch von Macht. Gleichzeitig wirkt Gottes Geduld – nicht als Zustimmung, sondern als Einladung zur Umkehr.
Und damit komme ich an einen wichtigen Punkt. Denn die Botschaft des Textes richtet sich nicht zuerst an die Beurteilung anderer, sondern an die Jünger selbst:
Bleibt in mir und ich in euch.
Johannes 15,4
Die Existenz von Machtträgern, deren Leben offensichtlich nicht von Christus getragen ist, soll nicht zu Spekulationen über ihr Schicksal führen, sondern uns selbst zurückwerfen auf die Frage: Wo bleibe ich selbst in der Rebe? Wo lässt meine Liebe nach? Wo vertraue ich eher auf eigene Kraft denn auf den Saft des Weinstocks?
Und damit wird ein weiteres Wichtiges deutlich: Es geht nicht darum, wen Gott verbrennt, sondern darum, dass wir selbst täglich neu entscheiden, an der Quelle des Lebens zu bleiben – denn „getrennt von Jesus können wir nichts tun“ (Johannes 15,5).
Jesus lädt uns in seiner Abschiedsrede also nicht zur Weltverurteilung ein, sondern zur eigenen Innenschau: Vertraue ich auf seine Kraft und Liebe, oder versuche ich, aus eigener Macht zu leben? Erfolg, Einfluss und Dominanz sind kein Maßstab für göttliche Nähe – Frucht entsteht nur aus der Verbundenheit mit dem Weinstock und der immer wieder neuen Antwort auf die Frage: Bleibe ich wirklich in dem, der da sagt:
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Johannes 15,5
Im letzten Vers unseres Predigttextes sagt Jesus zu seinen Jüngern etwas ganz Entscheidendes:
Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt, und werdet meine Jünger.
Johannes 15,8
Es geht ums WERDEN – „und werdet meine Jünger“. Es geht nicht ums Bitten und Erfüllen von Bitten, wie es noch einen Vers davor heißt, sondern ums WERDEN. Es geht um die Nachfolge Jesu Christi. Es geht darum in Jesus zu bleiben und seine Worte in uns bleiben und wirken zu lassen. Leider sieht es in unseren Breiten etwas anders aus. Es gibt ein Entfolgen und ein Nichtwerden. Und damit komme ich zu einer weiteren zentralen Frage:
Was ist Kirche? Was könnte die Frucht unserer Reben sein?
In einem anderen Evangelium, dem Matthäus-Evangelium, sagt Jesus hier im Rahmen seines Abschiednehmens von den Jüngern:
Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Matthäus 28,19-20
Damit ist alles gesagt: Lehren – Taufen – in der Lehre halten.
Und genau das können wir. Dass ist unser Fruchtbringen, im Glauben zu leben, die Worte Jesu zu lehren und die Menschen dabei zu begleiten, im Gelernten zu bleiben und zu wachsen.
Und warum können wir das? Ich sag’s Euch. Denn genau deshalb ist dieser Predigttext ein Text, der zum Jubeln einlädt:
Weil Jesus Christus der Weinstock ist. Auch wenn Jesus nicht mehr unter uns lebt und wir nicht so wie die Jünger mit ihm durch die Welt ziehen können, so sind wir als seine Reben mit ihm verbunden, ziehen aus ihm Kraft, Saft und Leben.
Ihr Lieben, wenn das kein Grund zum Jubeln ist, dann weiß ich’s auch nicht.
Amen!
Pfarrer Martin Dubberke
Predigt am Sonntag Jubilate 2026 (26. April 2026) über Johannes 15,1-8 (Perikopenordnung II) in der Kreuzkirche München Schwabing-West
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