Liebe Geschwister, die Türen sind verschlossen. Nicht nur damals bei den Jüngern. Auch heute.
Verschlossen aus Angst. – Verschlossen vor dem, was draußen vor den Türen von St. Markus in dieser Welt passiert. Vor einer Welt, die uns zunehmend fremd wird.
Die Jünger sitzen da in diesem Haus – eingeschlossen, verunsichert, erschüttert. Alles, worauf sie gebaut haben, ist zusammengebrochen. Jesus ist tot. Alle Hoffnung ist gestorben. Jegliche Zukunft ist unklar.
Und ich frage mich: Ist das wirklich so weit weg von uns? Ich glaube, dass vielen unter uns, diese Situation, diese Gefühle und Gedanken der Jünger nicht fremd sind.
Wir schauen in diese Welt – und was wir sehen, macht uns wohl kaum mutiger oder zuversichtlicher. Der Krieg in der Ukraine, an den wir uns schon fast gewöhnt haben. Die Eskalationen im Nahen Osten. Der Krieg von Trump und Netanjahu gegen den Iran und sein Regime. Machtspiele, die sich jeder Vernunft ent-ziehen. Strategien, die nicht zu Ende gedacht sind. Wie schrieb einst Helmuth von Moltke?
„Kein Operationsplan reicht … über das erste Zusammen-treffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus.“
Josef Joffe beschreibt heute in seinem Essay in der „Welt am Sonntag“ ganz nüchtern diese Situation:
- Da wird zwar militärisch gewonnen, aber politisch verloren.
- Da wird Stärke demonstriert, aber am Ende profitieren die, die man doch schwächen wollte.
Eine Welt, in der selbst die scheinbar Mächtigen die Kontrolle verlieren. Eine Welt, die nicht stabiler wird, sondern brüchiger. Wir leben in einer Welt, in der Präsidenten nur noch aufgrund ihrer Unberechenbarkeit ernstgenommen werden und nicht wie einst König Salomo, der ernstgenommen wurde, weil er mit Weisheit regierte.
Und mittendrin: wir.
Mit unserer Angst.
Mit unserer Müdigkeit.
Mit der Frage:
Was bringt mir eigentlich dieser Glaube noch?
Und genau an dieser Stelle kommt Thomas ins Spiel. Genau hier befindet sich nämlich Thomas.
Ich mag diesen Thomas. Ich mag ihn, weil er ehrlich ist. Da können ihm seine Mitjünger erzählen, was sie wollen. Er war nicht dabei. War kein Augenzeuge. Wie kann er das glauben, was sie ihm erzählen? Und diese Frage mündet bei ihm in der ganz einfachen Feststellung:
„Wenn ich das nicht anfassen kann, glaube ich es nicht.“
Endlich einer, der ausspricht, was viele denken.
Glaube ist schön und gut – aber bitte mit Substanz.
Mit Beweis. Mit Handfestigkeit.
Thomas will keine Vertröstung. Er will Gewissheit.
Und sind wir nicht genauso? Was denkt Ihr eigentlich, wenn wir als Pfarrerinnen und Pfarrer hier oben auf der Kanzel stehen und Euch vom Glauben erzählen? Welche Fragen gehen Euch durch den Kopf? Vielleicht solche wie diese hier:
- Was bringt mir ein Gott,
der mir vielleicht ein gutes Gefühl gibt –
aber keinen Frieden in der Welt schafft? - Was bringt mir ein Gott,
der mich innerlich stärkt –
aber meine äußeren Sorgen nicht löst? - Was bringt mir ein Gott, den ich nicht anfassen kann?
Kann uns auf diese Fragen vielleicht Jesaja eine Antwort geben?
Der Predigttext stammt aus dem Teil des Jesajabuchs, den man in der Forschung Deuterojesaja nennt. Dieser Teil des Jesaja-Buches spielt in der Zeit um 539 v. Chr. Zweimal wird der Perserkönig Kyros II. erwähnt. Wenn wir uns die Situation anschauen, in die hinein Jesaja hier spricht, befinden wir uns in Jerusalem. Und es ist eine Situation, die aktueller kaum sein könnte. Ein Teil des Gottesvolkes hat sich noch in Babylon aufgehalten und anderer Teil war schon wieder in Jerusalem. Das einstige Gerichtswerkzeug Babylon, das Jerusalem erobert hat und die ganze Oberschicht, die sogenannte High Society ins Exil verschleppt hat, wurde nun selbst durch den Perserkönig Kyros II. erobert. Man könnte auch sagen: Wenn aus Siegern Verlierer werden. Auch die kraftvollsten Sieger können fallen. Und sie fallen meist über sich selbst, weil sie die eigene Macht als so selbstverständlich verstehen, dass sie darüber am Ende ins Straucheln geraten und selbst unter die Besiegten fallen.
In jener Zeit kam ein Teil des Gottesvolks wieder aus dem Exil zurück nach Jerusalem. Endlich zuhause. Endlich angekommen.
Und dann? – Nichts ist, wie es war.
Trümmer.
Enttäuschung.
Ernüchterung.
Und dann dieser Satz:
„Mein Weg ist dem Herrn verborgen.“
Jesaja 40,27
Mit anderen Worten:
Gott hat mich vergessen.
Das ist keine Glaubenslosigkeit. Das ist eine Glaubenskrise. Und genau da hinein spricht Gott:
Hebt eure Augen in die Höhe und seht!
Jesaja 40,26
Er sagt das nicht, weil da oben alles besser ist, sondern weil die Menschen sonst nur noch auf das schauen, was sie runterzieht.
Und nach der Aufforderung kommt seine Frage:
Wer hat all dies erschaffen?
Jesaja 40,26
Wer hat die Sterne geschaffen? Wer kennt sie alle mit Namen?
Und dann dieser unglaubliche Satz:
Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde ge-schaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Jesaja 40,28
Der HERR ist der ewige Gott. Er allein ist in den Wirren, in die der Mensch die Schöpfung versetzt, das einzige Kontinuum, die einzige Konstante, die einzige verlässliche Größe. Mögen Länder, Völker fallen, er wird bleiben und sein.
Gott wird nicht müde.
Aber du bist müde.
Ich bin müde.
Wir alle sind müde.
Und genau deshalb:
Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft
Jetzt könnte man sagen: Schön. Poetisch. Tröstlich.
Aber ändert das irgendetwas an der Weltlage?
Ganz ehrlich: Nein.
Die Kriege hören dadurch nicht auf.
Die Konflikte lösen sich nicht einfach auf.
Die Mächtigen dieser Welt werden nicht plötzlich vernünftig, obwohl das nicht das schlechteste wäre.
Und genau hier liegt der entscheidende Punkt.
Gott ist kein geopolitischer Akteur.
Er sitzt nicht am Verhandlungstisch.
Er schickt keine Drohnen.
Er kontrolliert keine Märkte.
Was also tut er?
Er verändert nicht zuerst die Welt.
Er verändert Menschen.
Ein guter Moment, noch einmal auf den sogenannten „ungläubigen“ Thomas zurückzukommen:
Jesus kommt durch verschlossene Türen.
Er tritt mitten hinein in die Angst.
Und das Erste, was er sagt:
Friede sei mit euch!
Johannes 20,19
Er sagt nicht: „Ich erkläre euch jetzt die Weltlage.“
Und er sagt auch nicht: „Ich löse eure Probleme.“
Sondern: Friede!
Und dann passiert etwas Entscheidendes:
Jesus zeigt seine Wunden.
Nicht seine Macht.
Nicht seine Stärke.
Sondern er zeigt seine Wunden. – Warum tut er das? Weil genau da die Wahrheit liegt.
Gott ist nicht der, der über den Dingen steht.
Er ist der, der mitten im Schmerz war.
Der, der Gewalt kennt.
Der, der Leid kennt.
Der, der Tod kennt.
Und genau deshalb glaubwürdig ist.
Thomas darf berühren. Aber eigentlich passiert etwas anderes: Thomas wird berührt. Er wird im Herzen berührt. Und genau in dem Moment sagt Thomas:
„Mein Herr und mein Gott!“
Johannes 20,28
Kein Beweis.
Keine Theorie.
Einfach eine Begegnung.
Und jetzt wird es unbequem.
Denn Jesus sagt:
„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“
Johannes 20,21
Das ist aus meiner Sicht der entscheidende Satz für uns heute, weil alles auf den Punkt bringt:
- Glaube ist keine Flucht aus der Welt.
- Glaube ist Sendung in die Welt.
Was heißt das konkret?
Wenn die Welt von Machtlogik bestimmt wird – dann ist es unser Auftrag, als Menschen, die in der Nachfolge Christi leben, anders zu handeln, nämlich in der Logik der Liebe und Gottesfurcht.
Wenn Gewalt mit Gewalt beantwortet wird – dann ist es unser Auftrag, den Kreislauf zu durchbrechen.
Papst Leo XIV. hat gestern Abend bei einem großen Friedensgottesdienst im Petersdom das Ende der Kriege gefordert. Er sagte: „Schluss mit dem Krieg!“ Und er appellierte in seiner Predigt an die Regierenden der Welt: „Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden!“
Und dann stellte er die Frage, ob es „noch nicht genug Gräber [gäbe], weil man weiter kreuzigt und Leben vernichtet, ohne Recht und ohne Gnade.“
Und nicht zuletzt kritisierte der Papst den Missbrauch unseres Glaubens, als er sagte: „Sogar der heilige Name Gottes, des Gottes des Lebens, wird für Todesreden herangezogen. So verschwindet eine Welt von Brüdern und Schwestern mit einem einzigen Vater im Himmel, und wie in einem nächtlichen Albtraum erscheinen allerorts Feinde.“
Der Papst fordert: „Schluss mit dem Krieg!“ Und im gleichen Atemzug erklärt er: „Wahre Stärke zeigt sich im Dienst am Leben.“ – Hier klingt das „Friede sei mit Euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ nach, das Jesus zu seinen Jüngern sprach. Diese Sendung ist auch unser Auftrag, dem etwas entgegenzusetzen:
Nicht Naivität.
Nicht Passivität.
Sondern:
Mut.
Haltung.
Menschlichkeit.
Was verändert unser Glaube also?
Vielleicht nicht sofort die große Weltpolitik. Aber er verändert jede und jeden einzelnen von uns. Und damit beginnt alles.
Ein Mensch, der nicht von Angst gesteuert ist, entscheidet anders. Ein Mensch, der Hoffnung hat, handelt anders.
Ein Mensch, der weiß, dass Gott ihn trägt, lässt sich nicht so leicht verführen von Hass, Zynismus oder Resignation.
Und genau das ist die Kraft, von der Jesaja spricht:
Nicht die Kraft, die Kriege gewinnt, sondern die Kraft, innerlich nicht kaputtzugehen. Die Kraft, weiterzugehen. Die Kraft, nicht müde zu werden im Guten.
Liebe Geschwister,
Quasimodogeniti heißt: „Wie die neugeborenen Kinder.“ – Neu anfangen. Nicht, weil die Welt neu ist, son-dern weil du und du und ich und wir alle neu werden.
Wir – vielleicht beginnt es genau hier:
Dass wir aufhören, von Gott zu erwarten, dass er die Welt für uns repariert. Und anfangen zu verstehen, dass er uns sendet, damit wir in dieser Welt anders leben.
Nicht laut. Nicht spektakulär. Aber wirksam. Wie ein Mensch, der trotz allem Wahnsinn um sich herum den Frieden lebt. Wie ein Mensch, der nicht aufgibt. Wie ein Mensch, der glaubt – auch ohne zu sehen.
Und vielleicht ist genau das das größte Wunder: Dass in einer Welt voller Angst Menschen leben, die hoffen.
Amen!
Pfarrer Martin Dubberke
Predigt am Sonntag Quasimodogeniti 2026 (12. April 2026) über Jesaja 40,26-31 (Perikopenordnung II) in St. Markus München
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