Pfr. Martin Dubberke
Reiß dich aus und verpflanze dich... | Bild: Martin Dubberke

Glaube ist kein Aktionismus, sondern ein Langstreckenlauf

Liebe Geschwister, wer am vergangenen Sonntag bei mir im Gottesdienst gewesen ist, kann sich mit Sicherheit noch daran erinnern, dass ich eine lange, sehr lange Predigt über insgesamt vierzehn Ermahnungen des Paulus an seine geliebte Gemeinde von Thessalonich gehalten habe.

Heute – und da kann ich Euch beruhigen – geht es nur um eine einzige Ermahnung, die aber im Grunde genommen keine Ermahnung, sondern eher eine Ermutigung ist. Ihr könnt also aufatmen.

Und so beginne ich gleich mal mit dem Predigttext. Der steht bei Lukas im 17. Kapitel:

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer! und er würde euch gehorsam sein.
Lukas 17, 5-6

So, und nun stellt Euch mal folgende Situation vor: Da käme jetzt einer von Euch nach dem Gottesdienst auf mich zu, weil ihm gefällt, was ich über den Glauben erzähle, über Gott predige und er das Bedürfnis hat, noch intensiver zu glauben und das Gefühl hat, dass ich ihm dabei helfen könnte. So, und der würde nun nach dem Gottesdienst am Ausgang zu mir sagen: „Herr Pfarrer, ich würde so gerne noch mehr glauben. Bitte helfen Sie mir!“

Und dann würde ich Sie freundlich anlächeln und frei nach unserem Predigttext antworten:

„Wenn Sie Glauben hätten wie ein Senfkorn, würden Sie zu dem riesigen Tannenbaum neben unserer schönen Johanneskirche sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich auf die Zugspitze! Und er wäre Ihnen gehorsam.“

Was würden Sie da über mich denken? Wie würden Sie sich in dem Moment fühlen? Ich hätte ja nichts anderes gesagt als das, was da heute in unserem Predigttext steht?

Das Mindeste wäre wohl gewesen, dass Sie denken würden: „Was für ein arroganter mit fünf Buchstaben.“

Also, lasst uns die ganze Geschichte mal ein wenig genauer anschauen. Da kamen auf Jesus ja nicht irgendwelche Menschen zu, die neu dabei waren, sondern es waren seine Jünger, die, die ihn von Anfang an begleitet haben, die er gleich am Anfang seiner Wirkungszeit gewissermaßen abgefischt hatte. Das waren die Männer, die Tag für Tag mit ihm verbracht haben, die gesehen haben, welche Wunder er bewirken kann. Sie haben mit Jesus in dieser Zeit jede Menge Glaubenserfahrungen gemacht. Jeden Tag aufs Neue durften sie erfahren, was es bedeutet, an diesen Gott zu glauben, von dem Jesus Tag um Tag erzählt, predigt und dessen Sache er zu seiner Sache werden ließ.

Diese Zwölf waren – um es mal so zu sagen – Glaubensprofis. Also, genauso, wie Ihr es seid. Ihr habt doch auch alle Eure Glaubenserfahrungen, habt in vielen Situationen Eures Lebens erfahren und erleben dürfen, wie der Glaube in Euer Leben eingreift, wirkt, Euch sensibel macht, Euer Leben bestimmt, Euch vor vielem bewahrt hat.

Ihr seid ja alle keine Glaubensneulinge mehr, sondern gestandene Christinnen und Christen, so wie es auch die Jünger Jesu waren.

Ich glaube, Ihr würdet Euch von meiner Antwort, vor den Kopf gestoßen fühlen, nicht ernst genommen fühlen. Dabei hätte ich nichts anderes getan, als Euren Glauben ernst zu nehmen und Euch einfach nur zu sagen, dass es keine Steigerung von Glauben geben kann, sondern einfach nur den Job, den Glauben wirken zu lassen, ihn im Leben zuzulassen und auch in den unmöglichsten Situationen einzubringen.

Aber genau das scheint mir heute – mehr als noch zu Jesu Zeiten – häufig genau das Problem zu sein, insbesondere angesichts der Herausforderungen, die uns unser Leben, unsere Zeit, diese Welt Tag für Tag aus Neue stellen. Da scheint uns manchmal sicherlich unser Glauben eins ums andere Mal zu klein, zu schwach, zu wirkungslos. Was soll ich armes, kleines Christenmenschlein schon bewirken?

Wumms, und genau bei so einem oder ähnlich gelagerten Gedanken sind wir exakt beim eigentlichen Thema angekommen, der zweiten Ermahnung des Paulus:

…tröstet die Kleinmütigen…
1. Thessalonicher 5, 14

Es geht um unseren Kleinmut oder – erinnert Euch an das Evangelium für diesen Sonntag: Die Kleingläubigkeit.

Und mir scheint, dass genau das immer wieder das Thema der Jünger gewesen sein muss, dass sie Sorge hatten, dass ihr Glaube nicht ausreichen würde, weil doch der Glaube Jesu so unglaublich stark und groß auf sie gewirkt hat, ein Glaube, der Jesus diese unwahrscheinliche Souveränität und Sicherheit verlieh.

Ich glaube schon, dass sie das beeindruckt hat, dass sie ihm auch darin nacheifern wollten und immer wieder das Gefühl hatten, an ihre Grenzen, an die Grenzen ihres Glaubens zu stoßen. Ich stelle mir vor, wie es wohl mir gegangen wäre, wenn ich einer der Jünger Jesu gewähren wäre und erlebt hätte, wie es Jesus gelingt, dass tausende von Menschen mit einer Handvoll Brot satt werden, wie Blinde sehend, Lahme wieder fit oder Tote gar wieder ins Leben zurückkommen und immer wieder gehört hätte, dass Jesus sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, was ich meinem Glauben noch zugetraut hätte, welchen Glaubensmut ich gehabt hätte, ob ich nicht auch kleingläubig geworden wäre.

Der Wochenspruch macht auf schlichte Weise deutlich, wozu wir, die wir an Gott glauben, eingeladen sind:

„Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“
1. Petrus, 5,7

Und im Evangelium erklärt Jesus seinen Jüngern, was das bedeutet. Wir sind von der Sorge um das tägliche Leben befreit, weil Gott für uns sorgt.

Ja, jetzt könnte natürlich sofort jemand kommen und mich fragen: „Aber, Martin, wozu brauchen wir dann noch die Tafel?“

Was glaubt Ihr wohl, was ich auf diese Frage antworten würde?

„Ja, das stimmt. Da hast Du Recht. Wozu bräuchten wir dann die Tafel? Aber weißt Du, ich bin froh, dass Du diese Frage gestellt hast und nicht irgendein Kirchenkritiker, der uns mal wieder versucht hätte, einen Strick daraus zu drehen und zu glauben, dass die Tafel ein Anti-Gottesbeweis wäre. Ich glaube, dass die Tafel für zweierlei steht: Zum einen sicherlich auch für das Versprechen Jesu, dass Gott für uns sorgt, zum anderen aber auch dafür, dass wir unserem Glauben nicht genug zutrauen.“

Was bedeutet das nun schon wieder? – Das ist ganz einfach. Wenn wir eine Tafel brauchen, dann stimmt etwas in dieser Welt nicht. Dann gibt es ein Ungleichgewicht. Dann haben wir eine Situation, in der es für die einen reicht und die anderen nicht. Und damit steht die Frage im Raum, warum das so ist. Was hat das System aus der Balance gebracht? Das ist aber aus meiner Sicht keine Frage, die sich sozial oder sozialistisch oder kapitalistisch beantworten lässt, sondern einzig und allein aus dem Glauben heraus. Und wenn ich das sage, weiß ich auch, dass viele Politikerinnen und Politiker oder politisch denkende oder politisch orientierte Menschen angesichts eines solchen Satzes die Augen verdrehen werden und dann so ein Satz kommen könnte, dass das sogenannte Gutmenschentum nun bei unseren globalen, lokalen und regionalen Problemen nicht die Lösung sei.

In diesem Fall würde ich mal wieder milde und sehr bestimmt lächelnd sagen: „Da seid Ihr aber ganz schön auf dem Holzweg. Erst unser Kleinglaube und Keinglaube haben uns dahingebracht. Hätten wir von Anfang Gott vertraut, würden wir heute in einer ganz anderen Welt leben.“

Und damit fällt auf die Bitte der Jünger: „Stärke unseren Glauben!“ noch einmal ein ganz neues Licht. Es geht nämlich auch um den Glauben, in dieser Welt mit all ihren Herausforderungen bestehen zu können. Standhaft zu bleiben, den Luther zu machen – „Hier stehe ich und kann nicht anders! – , was nichts anderes bedeutet, als den Versuchungen des kaputten Systems zu widerstehen, sich nicht vereinnahmen zu lassen.

Und schon höre ich wieder den berühmten, schüchternen Satz, der einer Kapitulation gleicht: „Aber, was soll ich armes kleines Licht mit meinem Glauben schon bewirken können?“

Sind wir etwa ein Glaubensvolk der Verzagten geworden? Wer sagt denn, dass auch nur einer von uns mit seinem Glauben allein dastehen und allein die Welt retten muss? – Niemand!

Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, eine Gemeinschaft derer, die an den Gott glauben, der befreit, der erlöst, der Leben schenkt, der für uns sorgt. Ja, Glaube schafft Gemeinschaft. Gemeinsam lässt uns dieser Glaube miteinander und aneinander wachsen, miteinander im Glauben stark werden und sein. Dieser Glaube lässt uns Kräfte entfalten, von denen wir als einzelne kaum glauben möchten, sie zu haben.

So, und nun halten wir uns mal vor Augen, dass wir in allein in Deutschland vor zwei Jahren noch 45,75 Millionen Christinnen und Christen waren und das relativ gleichmäßig über die beiden großen Konfessionen verteilt. Das waren mehr als die Hälfte der Menschen, die in unserem Land leben. Stellen wir uns vor, diese Menschen würden sich allein in ihrem Einkaufsverhalten verändern, sich vom Markt nicht korrumpieren lassen, würden sich in ihrem Umweltverhalten verändern, also nicht mehr – wie man so gerne sagt – mit dem Auto die Semmeln an der Ecke holen, würden aus der Geiz-ist-geil-Sekte aussteigen, und, und, und… Was sich da verändern würde, nur weil 45 Millionen Menschen ihrem Glauben folgend konsequent leben und handeln würden. Und stellen wir uns vor, das würden alle Christinnen und Christen auf dieser Welt tun.

Ja, ich höre schon den innerlichen Gedanken: „Träum weiter, Martin!“ – Aber soll ich das mal als Frage zurückgeben? „Wovon träumt Ihr eigentlich?“

Ach, lasst uns noch einmal den Predigttext hören:

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer! und er würde euch gehorsam sein.
Lukas 17, 5-6

So ein Senfkorn ist nicht einmal einen Millimeter groß und ein Maulbeerbaum kann zwischen sechs und fünfzehn Metern hoch werden. Was für unterschiedliche Größenverhältnisse, aber sie entsprechen den gewaltigen Problemen, die wir in unserem Land, in unserer Welt haben, vor denen wir zuweilen in Ehrfurcht, Verzweiflung, Einschüchterung, Verzagtheit, Überforderung erstarren, wo wir glauben, nichts daran ändern zu können, weil doch jeder von uns so ein kleines Licht ist. Falsch!!! Unser Glaube mag zwar nicht viel größer als ein Senfkorn sein, aber wenn wir der Kraft vertrauen, die in diesem Senfkorn steckt, dann können wir diesem riesigen Maulbeerbaum auch sagen, dass er sich ausreißen und ins Meer verpflanzen soll.

Und wir haben so viele Maulbeerbäume in der Welt: Klima, Corona, Afghanistan – nur um drei davon zu nennen.

Wir leben in einer Zeit, in die wir über einen langen, sich über Generationen erstreckenden Weg aus Gottverdrängung, Gottvergessenheit und Kleingläubigkeit hineingegangen sind. Und der verbliebene Glaube hat sich mehr und mehr ins Private zurückgezogen, ins Wohlige und Gefühlige. So scheint es mir zumindest an vielen Orten und Momenten.

Ich persönlich glaube: Würden wir der Kraft unseres Glaubens vertrauen, sähe die Welt anders aus und würde sie auch wieder anders aussehen. Schon der kleinste Glaube bewirkt etwas. Das ist das, was Jesus gesagt hat. Und der kleinste Glaube fängt da an zu wirken, wo ich z.B. einem Menschen widerspreche, wenn der abschätzig von Menschen anderer Herkunft spricht, wenn ich ihm nicht durch Schweigen zustimme.

Es geht um das aktive Bekenntnis unseres Glaubens. Ich habe Euch heute eine Postkarte mitgebracht, die ich mal selbst gemacht habe und Euch am Ausgang in die Hand geben werde. Es ist das Glaubensbekenntnis, das Dietrich Bonhoeffer geschrieben hat. Und neben dem Text könnt Ihr seinen Schreibtisch sehen, an dem wohl dieser Text entstanden ist. Bonhoeffer bekannte:

Schreibtisch von Dietrich Bonhoeffer im Bonhoeffer Haus Marienburger Allee 43 | Bild: Martin Dubberke Schreibtisch von Dietrich Bonhoeffer im Bonhoeffer Haus Marienburger Allee 43 | Bild: Martin Dubberke

Ich glaube,
daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,
daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube,
daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und daß es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube,
daß Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern daß er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Dietrich Bonhoeffer (Quelle: Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 30 f)

Glaube ist kein Aktionismus, sondern ein Langstreckenlauf. Glaube ist ein Langstreckenlauf, an dessen Anfang – gewissermaßen als Startschuss – so ein Satz steht, wie:

Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!

Und Jesus hat ja gesagt, was dann passiert:

…und er würde euch gehorsam sein.

So einen Glauben wünsche ich uns allen. In diesem Sinne sage ich nun: Amen. So soll es sein.

Pfr. Martin Dubberke Pfarrer Martin Dubberke

Pfarrer Martin Dubberke, Predigt über Lukas 17, 5-6, Perikopenreihe III am 15. Sonntag nach Trinitatis, 12. September 2021 in der Johanneskirche in Partenkirchen

 

 

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