Martin Dubberke | Pfarrer

Eine Heilungsgeschichte

Blind vor Wut. Blind vor Hass. Festgefahren. Verrannt in alten Mustern. Der Vergangenheit zugewandt und der Zukunft verschlossen, weil früher alles schöner war und besser sowieso. Also wieder blind für die Gegenwart.Von wem ich hier rede? Natürlich von dem alten Adam, der in jedem von uns wohnt. Ist doch klar. Ach, wie oft hat sich jeder von uns schon mal in irgendwas verrannt, weil er Scheuklappen aufhatte. Ist doch so, wenn man irgendwas nicht mag, kann man es nicht mögen, auch wenn es noch so sympathisch daher kommt.

Da gibt es einen neuen Nachbarn. Ich kann den nicht ausstehen. Da rückt mir einer auf die Pelle, dem kann ich ausweichen kann, weil wir Tür an Tür wohnen und der ist eben nicht so wie der alte Nachbar, mit dem ich so toll quatschen konnte. Was mußte der auch von einem Tag auf den anderen sterben?

Veränderungen sind nicht jedermanns Sache. Sie fordern heraus, sich auf etwas Neues einzustellen, das Gewohnte zu verlassen. Deshalb verharren wir doch auch so gerne in der guten alten Zeit. Doch wenn man ehrlich ist, dann hat man einfach nur Angst vor der Veränderung, weil man nicht genau weiß, wohin die Reise geht. Man muß sich auf etwas Neues einstellen, das man nicht im Schlaf beherrscht. Neues stellt Altes in Frage und wer läßt sich schon gerne in Frage stellen? Es könnte doch dabei herauskommen, daß das alles, was ich mal für gut und richtig gehalten habe, am Ende falsch war. Soll ich etwa vierzig, fünfzig, sechzig oder siebzig, ja achtzig Jahre lang falsch gelebt haben? Unsinn! Es gibt kein falsches Leben im richtigen Leben, sondern Veränderung, Bewegung. Wenn ich still stehe, bin ich tot. Als Mensch entwickle ich mich doch weiter. Ich bin doch ein homo sapiens, also ein weiser und einsichtsvoller Mensch. Ich lerne aus Erfahrung und werde im Idealfall jeden Tag ein wenig besser. Doch das kann für andere Menschen gefährlich werden, für Menschen, die Angst um Ihre Definitionshoheit haben, Angst um Ihre Vormachtstellung, um Ihren Einfluß.

Anders läßt sich der Eifer und die Blindheit des alten Paulus nicht erklären. Wenn er mit Drohen und Morden gegen die Jünger Jesu vorgeht. Es war eine Machtfrage. Die Zahl der mehr und mehr werdenden Anhänger Christi nach dessen Tod stellte eine Gefahr für das bestehende System dar, weil es alles in Frage stellte, allem eine neue und unverstellte Sichtweise gab. Denken wir nur an so einfache Geschichten wie die vom Ährenraufen am Sabbat, als Jesus sagte, daß der Sabbat nicht um Gottes, sondern um des Menschen willen sei. Jesus gab allem eine neue Perspektive, die befreiend von altem Traditionsballast wirkte. Man schleppt ja so manchen Mist mit sich rum.

Das ist wie beim Umziehen. Im Laufe eines Lebens sammeln sich Sachen an. Ein Erinnerungsstück hier, eines da. Und von dem Pullover kann ich mich auch nicht trennen, weil den ja meine Mutter gestrickt hat. Und die leere Sektflasche ist die, die ich anläßlich meines bestandenen Examens geköpft habe. Ach und hier kommen noch meine alte Schulhefte, meine Vorlesungsaufzeichnungen. Meine Güte, das sind ja gleich fünf Umzugskisten. Ich sage Ihnen, ich habe mich bei meinem letzten Umzug von sage und schreibe einer knappen Tonne Lebensballast getrennt. Sie glauben ja nicht, wie befreiend das war.

So war es auch im alten Israel. Manche Regel hatte ein Eigenleben entwickelt und sich so verselbständigt, dass sie den ursprünglichen Zweck vergaß. Aber sie sicherte die Macht z.B. der Hohenpriester. Es gibt Dinge, die bleiben, nur weil sie die Macht eines Menschen, ja manchmal nur eines einzigen Menschen sichern. Und die kämpfen dann, wenn es um den Verlust dieser Macht gehen könnte. Und dann gibt es ja auch diejenigen, die in dem System Karriere gemacht haben, die sich auch fürchten, also wehren sie sich, verschließen sich in einem Panzer und blasen zum Angriff oder zumindest Widerstand.

Paulus gehörte zu den ganz besonderen Extremisten. Er war ein Mann des Systems, vielleicht sogar ein Überzeugungstäter, der das vermeintlich gottgegebene System schützen wollte und damit blind wurde. Ja, er war blind, bevor er blind wurde. Sehenden Auges war er blind. Ist doch klar. Und so ging er hart gegen alle Abweichler vor, bis ihm im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht aufging. Und ausgerechnet dieses erleuchtende Licht, diese Erleuchtung ließ Ihn erblinden. Es ist der Klassiker der Heilungsgeschichten. Jesus sagt: Steh auf und geh! Doch dieses Mal steht der so Angesprochene auf und ist blind.

Schock. Paulus muss sich führen lassen, erlebt Abhängigkeit. Aber wurde Paulus wirklich blind? Wurde er mit seiner Blindheit nicht plötzlich sehend? Sprich: War Paulus nicht schon längst blind? Paulus war blind für das Großartige, das mit Jesus in die Welt gekommen war. Er konnte es nicht sehen, weil er blind für sich selbst war. Die Blindheit nach der Begegnung mit Jesus war ein gewaltiger Einschnitt in seinem Leben. Und darum ist ist dieses sogenannte Damaskus-Erlebnis in Tat wieder eine Heilungsgeschichte, weil Jesus ihn von seiner Blindheit geheilt hat.

Wie? Wurde Paulus nicht blind? Wo ist da die Heilung, das Wunder? Jesus ermöglichte Paulus in seiner Verblendung nach innen sehend zu werden. Jesus nahm ihn aus seinem gewohnten Leben für drei Tage raus, gönnte ihm eine Auszeit, die Paulus nutzte. Drei Tage lang aß und trank er nicht. Drei Tage spürte er seinen Körper, sah in sich hinein, machte Inventur in seinem Leben. Sein Leben würde nun ein anderes sein. Er konnte ja nicht wissen, dass seine physische Blindheit nur drei Tage währen würde. Paulus muss nach der Begegnung mit Jesus den entscheidenden Anstoß bekommen haben. Paulus wird – so wie wir ihn später kennen gelernt haben – absolut ehrlich mit sich selbst umgegangen sein und sich die Frage gestellt haben, warum ausgerechnet ihm, dem schärfsten aller Christenverfolgerhunde, Jesus erschienen ist. Und er wird sich gefragt haben, warum er eigentlich so ein scharfer Hund gewesen und vor allem geworden ist.

In diesen drei Tagen vollzog sich ein vollkommener Sinneswandel. Paulus erkannte sich selbst und er erkannte Jesus und den eigentlichen Willen Gottes, den er fortan bis ans Ende seines Lebens verfolgte. Er erkannte seine Herzens Härtigkeit und vieles andere mehr.

Und wissen Sie, was für mich das Schönste an der Geschichte ist, die tröstliche Erkenntnis, dass ich nicht von heute auf morgen auf Neu umschalten muss, sondern Zeit dafür brauche und sie auch erhalte. Ich erhalte Zeit zum Innehalten, Zeit zum zeitweiligen Aussteigen aus meinem Funktionieren. Ich erhalte Zeit, Abschied vom Alten zu nehmen, mich von dem zu lösen und mich so befreit, dem Neuen zuwenden zu können. Und es heißt ja nicht, dass ich alles, was gestern war, auf die Müllkippe bringen muss, sondern es als Teil meiner Biographie, nämlich als Erfahrung, als Erfahrungswissen in mein Leben integrieren kann.

Der Zukunft des Glaubens zugewandt zu sein, heißt, nicht rückwärts gewandt zu leben, zu schauen wie es gestern und vorgestern und vor zwanzig Jahren war, sondern nach vorne zu schauen. Wer rückwärts gewandt lebt und nicht nach vorne schauen kann, der wird wie einst Lots Frau zur Salzsäule und dazu hat uns, jeden einzelnen von uns und unsere Kirche Gott durch Jesus nicht befreit.

Der Zukunft des Glaubens zugewandt zu leben, heißt von Zeit zu Zeit, sich aus allem herauszunehmen und Zeit für und mit sich selbst und Gott zu haben, Dinge auf der Basis des Evangeliums auf den Prüfstand zu stellen und schließlich in seiner Verantwortung vor Gott seine Konsequenzen daraus zu ziehen. Nicht mehr und nicht weniger.

Amen.

 

Freitag, 20. August 2010 11:54 am 21. August 2010

Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis

über Apostelgeschichte 9, 1-9