Pfr. Martin Dubberke
Judika 2026 - Atmen. Freiheit. Aufatmen. | Bild: Martin Dubberke & KI

Atem. Freiheit. Aufatmen.

Liebe Geschwister, was hat „Liebe sei Tat“ mit der Luft zu tun? „Liebe sei Tat“ ist das Thema des Hungertuchs 2026. Und Luft ist das Thema, um das es heute geht.

Die Luft nimmt auf dem Bild den meisten Platz ein und ist mindestens genauso vielgestaltig wie die Menschen, die wir auf diesem Bild sehen.

Da gibt es einen Hubschrauber, der in der Luft ist, der es schafft, in der Luft, die keine Balken hat, zu fliegen.

Und auf dem Zelt steht ein Storch, der in der Luft fliegen könnte, der es versteht mit seinen großen Flügeln sich in die Luft zu erheben und die Thermik auszunutzen. Ein Wunder der Schöpfung Gottes.

Wir sehen aber auch die Luft, die die Menschen auf diesem Bild atmen. Sie könnten sonst kaum leben und lachen.

Zugleich sehen wir aber auf diesem Bild auch soetwas wie eine Wetterscheide. Rechts ist der Himmel hell. Die Luft wirkt unbewegt. Und auf der linken Seite sehen wir einen dunklen Himmel und  einen Wirbelsturm, der die Luft wirbelt und eine ungeheure Energie, Kraft und auch Gewalt mit sich bringt. Ein Sturm, der die Luft vor sich hertreibt, der das Wasser in Bewegung setzen wird. Luft, die das Leben bedrohen wird. Ahnt die Frau im roten Kleid, was da auf sie zukommen könnte?

Wir sehen aber auch Luft, die trägt. Das Schlauchboot ist gefüllt mit Luft, die dem Boot nicht nur Form und Stabilität gibt, sondern auch auf dem Wasser schwimmen lässt. Und hätte das Boot ein Segel, dann müsste das Kind nicht paddeln, weil der Wind das Boot vorwärtsbewegen würde.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich vor mehr als vierzig Jahren noch Leistungsruderer war und wenn es besonders windig war, der Steuermann rief: Skulls hoch und mit dem Wind! – Wie unser Boot fahrt gewann, weil unsere Ruder wie kleine Segel waren.

Es gibt aber auch noch eine andere Luft, eine Luft, die vor dem Ertrinken bewahrt. Das ist die Luft in den Schwimmflügelchen, die das Kind an seinen Oberarmen trägt.

Auch der Kanister weist darauf hin, dass Luft trägt und nicht untergehen lässt.

Aber was hat diese Luft mit dem Titel dieses Bildes „Liebe sei Tat“ zu tun?

Ich glaube, dass uns dieses Bild weit mehr erzählt, als es uns auf den ersten Blick zeigt.

Was ist Luft?

Naturwissenschaftlich betrachtet, ist Luft das Gasgemisch der unteren Erdatmosphäre, das die Erde umhüllt. Trockene Luft besteht zu etwa 78% aus Stickstoff, rund 21% aus Sauerstoff und zu knapp 1% aus Edelgasen wie Argon; Kohlendioxid und andere Gase machen nur Bruchteile eines Prozents aus.

Diese Luft ermöglicht Atmung, Verbrennung, Schallausbreitung und schützt durch die Atmosphäre das Leben auf der Erde.

Und theologisch?

Was fällt mir, was fällt uns dazu ein, wenn wir an Luft in der Bibel denken?

Interessanterweise kommt die Luft weder im ersten noch im zweiten Schöpfungsbericht vor? Hat Gott etwa keine Luft erschaffen? – Wir wollen nicht spitzfindig sein. Ich denke, dass mit dem Erschaffen des Himmels auch die Erschaffung der Luft gemeint ist. Und diese kommt im zweiten Schöpfungsbericht zur Sprache:

Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. 1. Mose 2,7

Luft ist Leben, denn ich brauche die Luft zum Atmen. Die Luft, der Odem Gottes macht uns zu lebendigen Wesen. Ohne Luft, kein Leben.

In einem einzigen Satz wird hier verdichtet, was der Mensch ist: geerdet und zugleich angehaucht, Staub und doch von Gottes Atem durchweht. Der Mensch ist nicht einfach „fertig“ als Tonfigur; erst der Odem macht aus der von Gott gestalteten Materie ein Gegenüber Gottes.

Theologisch ist hier eine doppelte Bewegung zu sehen: Von unten und von oben. Aus Erde – das erinnert uns an unsere Begrenztheit, an Vergänglichkeit, an die Verletzbarkeit unseres Leibes. Wir haben keinen Grund zur Selbstüberhebung; wir sind „erdig“, verwoben mit der übrigen Schöpfung. Und zugleich: Gott beugt sich hinab und haucht. Er kommt uns so nah, dass sein Atem unseren Atem berührt.

Leben ist damit nicht nur ein biologischer Vorgang, sondern eine Beziehungsgabe. Wir leben, weil Gott uns „anbläst“, weil er uns seinen Lebenshauch anvertraut.

„Odem“ ist also so viel mehr als Luft im technischen Sinn. Luft ist das, was jede und jeder atmet – eben ein Gasgemisch, das uns alle umgibt. Odem ist diese Luft als empfangene Gabe Gottes: unsichtbar, aber wirksam; unverfügbar, aber lebensnotwendig. So wie wir die Luft nicht sehen und doch an ihrer Wirkung erkennen – die Brust hebt sich, die Lunge füllt sich –, so bleibt auch der Lebensatem Gottes unsichtbar und ist doch in jedem Atemzug gegenwärtig. Jeder Atemzug wird so zu einem leisen Gebet: Du gibst mir Leben. Ich empfange.

Die Reihenfolge im Vers ist wichtig: Gott formt – Gott haucht – der Mensch lebt. Nicht umgekehrt. Daraus erwächst eine Haltung der Dankbarkeit und der Demut. Ich habe mein Leben nicht aus mir selbst.

Ich „mache“ meinen Atem nicht, ich empfange ihn. Wer das ernst nimmt, schaut anders auf sich und auf andere: Jeder Mensch, den ich sehe, atmet denselben von Gott geschenkten Odem. Damit bekommt jede und jeder eine unantastbare Würde.

Niemand ist „nur“ Staub, niemand bloß Material, das man verbrauchen darf. In jedem Atemzug des anderen klingt ein Hauch Gottes mit.

Mit anderen Worten: Wir können ganz am Anfang der Geschichte Gottes mit dem Menschen einen Auftrag erkennen: Wenn Gott uns Odem gibt, damit wir leben, dann sollen wir nicht anderen die Luft zum Atmen nehmen.

Wo Menschen einander einengen, wo Worte wie ein Kloß im Hals sitzen, wo Strukturen Menschen „ersticken“, wird der Sinn dieses Odems verraten. Umgekehrt wird Gottes Atem im Miteinander sichtbar, wo Menschen einander Raum schaffen, wo jemand „aufatmen“ kann, weil er angenommen ist, weil Schuld ausgesprochen und vergeben wird, weil Lasten geteilt werden.

Schließlich tröstet dieser Vers auch angesichts unserer Endlichkeit. Der Odem, den Gott gibt, kehrt nicht einfach ins Nichts zurück. Der, der uns den ersten Atemzug geschenkt hat, wird uns auch im letzten nicht aus seiner Hand fallen lassen. Wenn unser Atem stockt, bleibt der Atem Gottes. Wenn wir loslassen müssen, hält er. So lädt 1. Mose 2,7 dazu ein, jeden Atemzug bewusst zu empfangen – als tägliches Zeichen: Ich bin geerdet, begrenzt, sterblich. Und zugleich: Ich bin angehaucht von Gott, gewollt, getragen, belebt von seinem Odem.

So hat uns Gott geschaffen. Dieser Odem, dieser Atem Gottes, mit dem er uns angehaucht hat, ist eine besondere Luft, denn sie hat eine besondere Beziehung geschaffen, die nichts anderes sagt, als dass der Mensch ohne Gott nicht leben kann.

Ich weiß, dass das viele, sehr, sehr viele und immer mehr Menschen ganz anders sehen, die – Achtung: Feinheit der Sprache – GLAUBEN, dass sie ohne Gott leben können oder es keinen Gott gibt. Und genau das sind in der Regel die Menschen, die zuerst fragen, warum Gott so viel Elend, Krieg, Zerstörung in der Welt zulässt und vor allem, wo denn dieser Gott ist.

Judika – Passionszeit

Wie hieß es vorhin in Psalm 104?

29 Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.

30 Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu das Antlitz der Erde.

Wir erinnern uns, in welcher Zeit wir gerade leben. Der Passionszeit – der Zeit, in der wir uns auf den Weg der Umkehr zu Gott zurückbegeben, um Ostern gewissermaßen neu geboren zu werden. Heute am Sonntag Judika beginnt nach altem liturgischem Brauch die eigentliche Passionszeit. Von diesem Sonntag an bis zum Sonnabend der Karwoche, wird nicht mehr die Gloria-Patri-Strophe, das „Ehr sei dem Vater und dem Sohn“ gesungen.

Judika stellt die Frage: Wo rufen wir Menschen heute: „Gott, schaffe mir Recht!“ – Judika stellt aber auch die Frage, wie es zu dem Unrecht kam. Wie schaut es aus mit unserer Antwort auf diese Beziehungsfrage Gottes?

Eine ganze Menge Luft

Und damit komme ich zu einer ganz besonderen Seinsform der Luft. Wenn wir noch einmal auf das Bild schauen und uns den aufkommenden Sturm anschauen, dann ist das Ausdruck der Energie, die etwas in Bewegung setzt. Und damit stellt sich die Frage, welche Energie uns Menschen in Bewegung setzen kann.

Gebe ich in der digitalen Version der Luther-Bibel den Suchbegriff „Luft“ ein, erhalte ich lediglich 18 Bibelstellen. Das ist nicht viel. Gebe ich „Atem“ ein, sind es nur noch zehn. Bei „Odem“ sind es 45 und bei „Wind“ 130 Stellen. Alles in allem kommt da schon eine ganze Menge Luft vor. Und was passiert, wenn ich mal die Sprache ändere und in das Hebräisch des Alten Testaments wechsle. Da wäre es das Wort „ruach“. Ein tolles Wort, weil es ein lautmalerisches Wort ist und das Geräusch des vorbeipfeifenden Windes und des erregten Atmens nachahmt. Dieses Wort bedeutet „Wind“, „Odem“ und nicht zuletzt „Geist“ – also Geist Gottes. Der Geist Gottes ist der Wind unter den Flügeln der Seele des Menschen. Der Geist Gottes, ist die Energie, die den Menschen zum lebendigen Menschen werden lässt.  Gott ist also keine Luftnummer, sondern spürbare Begeisterung. Und dieses „RUaCH“ kommt im Alten Testament 378mal vor. Und ich möchte Euch nicht vorenthalten, dass der Geist im Hebräischen nicht männlich, sondern weiblich ist. Der Geist ist damit die weibliche Seite Gottes.

Begeisterung

Und das Neue Testament übernimmt diesen Geist und übersetzt ihn mit „pneuma“. Und damit komme ich zu Paulus und seinem Römerbrief:

14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.

Römer 8,14-17

Dieser Geist Gottes ist ein Sturm der Befreiung und der Freiheit, im Leben und im Denken. Mit anderen Worten, wo nicht mehr frei gedacht werden darf, leugnet man Gott, will man Gott aussperren und dem Menschen die Luft zum Atmen nehmen. Der Geist Gottes ist die Energie, die uns antreibt – um es mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen – „Nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“

Paulus sagt:

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. (…) Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ 

Gott lässt uns also nicht allein mit den Stürmen, den Wetterumschwüngen, den dunklen Himmeln unseres Lebens. Er legt uns seinen Geist an – unsichtbar wie Luft, aber tragend wie die Luft im Boot, rettend wie die Luft in den Schwimmflügeln.

Sein Geist sagt uns zu: Du bist kein zufälliger Passagier auf diesem Bild der Welt. Du bist mein Kind.

Paulus beschreibt das mit einem starken Gegensatz, dem Geist der Knechtschaft – das ist die Luft, die uns die Brust eng macht. Die Stimme, die sagt: Du musst dich anpassen, sonst gehst du unter.

Das ist wie schlechte Luft in einem Raum: Sie nimmt uns Kraft, sie macht schwindlig, sie nimmt uns den Mut.

Und dann gibt es den Geist der Kindschaft.  Das ist die Luft, die wir brauchen, um aufzutanken und aufzuleben. Der Geist Gottes, der uns zuflüstert:  Du darfst sein. Du musst dich nicht erst beweisen, um geliebt zu werden.  Du darfst „Abba, lieber Vater“ sagen – so vertraut, so nah, so angstfrei.

Das ist der Moment, in dem wir innerlich die Schultern sinken lassen können, in dem wir nicht mehr krampfhaft paddeln müssen,  sondern spüren: Da ist ein Wind, der mich trägt.  Da ist eine Hand, die mich hält.  Da ist eine Luft, in der ich frei atmen darf.

„Liebe sei Tat“ – was heißt das in diesem Bild, in diesem Text?  – Wenn Gottes Geist uns so anspricht, wenn er uns als seine Kinder atmen lässt, dann bleibt das nicht ohne Wirkung.

Gottes Liebe bleibt nicht Theorie, sie wird Tat:

  • in seinem Sohn, der sein Leben gibt;
  • in seinem Geist, der uns aufrichtet;
  • in Menschen, die anderen Luft verschaffen.

Liebe wird Tat,

  • wo jemand den Mut hat, Hoffnung zu teilen.

Liebe wird Tat,

  • wo jemand nicht den Sturm anheizt, sondern sich schützend vor andere stellt.

Liebe wird Tat,

  • wo jemand wie das Schlauchboot oder die Schwimmflügel wird: nicht spektakulär, nicht im Mittelpunkt des Bildes, aber tragend, rettend, verlässlich.

Der Geist Gottes ist die Luft, in der wir als Kinder Gottes atmen.  Und wo wir in diesem Geist leben, werden wir selbst ein bisschen „gute Luft“ für andere.

Wir nehmen anderen nicht die Luft zum Atmen –  mit unseren Urteilen, mit unserer Härte, mit unserem Desinteresse – sondern wir schaffen Raum.

Wir hören zu.  Wir teilen.  Wir stehen ein für die, die vom Sturm bedroht sind.  Eben so wie Dietrich Bonhoeffer es einmal gesagt hat:

„Eine christliche Gemeinschaft lebt aus der Fürbitte der Glieder füreinander, oder sie geht zugrunde.“ 

Man könnte auch sagen:  Eine Gesellschaft lebt davon, dass sie einander Luft gönnt,  einander Raum zum Atmen lässt  und sich gegenseitig im Gebet trägt.  Sonst erstickt sie an sich selbst.

Conclusio

Wenn wir also heute dieses Hungertuch anschauen, sehen wir die Einladung, sich von Gott Luft machen zu lassen und den Geist der Kindschaft anzunehmen, der zu jedem Menschen spricht: „Du bist mein geliebtes Kind.“

Und weil Gottes Liebe in jedem von uns atmet, können andere durch jeden von uns aufatmen.

Luft ist eine Erfahrung Gottes. Luft ist wie Gott, ohne, dass Gott Luft ist. Gott umgibt uns wie die Luft. Und wir können diese Luft spüren, denn Gott ist derjenige, der diese Luft in Bewegung setzt, die den Geist des Menschen auf Trab bringt.

Amen!

Pfarrer Martin Dubberke

Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke
Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke

Predigt in der Kreuzkirche München am Sonntag Judika, 22. März 2026 im Rahmen der Predigtreihe zum Hungertuch 2026 „Liebe sei Tat“ und hier über das Thema „Luft“ mit 1. Mose 2,7 und Römer 8,14-17

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