Martin Dubberke | Pfarrer

Seid getrost

Ich mache in Gesprächen, wo es um Veränderungen geht – auch in Seelsorgegesprächen – immer wieder vergleichbare Erfahrungen. Es kommt in solchen Gesprächen immer wieder mal zu Sequenzen, wie z.B. dieser:

„Ok, Du meinst also, ich soll einfach aufbrechen und losgehen?“

„Ja“, antworte ich: „Du willst doch aus der Situation herauskommen…“

„Aber was passiert, wenn ich es wirklich tue?“

„Na, was soll schon passieren?“

„Nein, ich kann das nicht!“

„Warum nicht.“

„Ich traue mich das nicht.“

„Aber Moment mal, Du warst doch gerade absolut davon überzeugt, dass es besser für Dich wäre, wenn Du den Job kündigen würdest.“

„Nein, ich traue mich nicht.“

„Ja, aber was soll denn passieren, wenn Du Dich woanders bewirbst und dann kündigst? Glaubst Du, dass das Unternehmen dann zusammenbricht?“

„Nein, ich traue mich nicht.“

„Hast Du nicht gerade selbst gesagt, dass Du Deine berufliche Situation nicht mehr aushältst? Dass Du am Ende Deiner Kräfte angekommen bist?“

„Ja, aber ich traue mich nicht.“

„Ok, was glaubst Du denn, was passieren würde, wenn Du kündigen würdest?“

„Ich kann es Dir nicht sagen. Das ist eben so ein Gefühl. Ich habe Angst davor, diesen Schritt zu gehen.“

„Ok, das ist Deine Entscheidung, aber ich verstehe immer noch nicht, was Dich so lähmt? Was hindert Dich? Wo fühlst Du Dich gefangen?

„Naja, auch wenn es mir in meinem Job nicht wirklich gut geht, weiß ich doch, was mich jeden Tag erwartet. Ich weiß aber nicht, was mich erwartet, wenn ich mich auf einen neuen Job bewerbe. Ich bin jetzt so lange bei meinem alten Arbeitgeber, dass ich nahezu unkündbar bin.“

Ich glaube, jeder von uns kennt solche Geschichten aus seinem Leben, wo er gerne aufgebrochen wäre, einem aber die Knie geschlottert haben und man glaubte, weder die Kraft noch den Mut zu haben, sein Leben zu verändern.

Ich kann mich an eine Geschichte in meinem eigenen Leben erinnern, wo ich immer wieder neue Argumente gefunden habe, um zu bleiben. Und Sie glauben nicht, wie erfinderisch ich bei diesen Argumenten gewesen bin. Was haben meine Freunde auf mich eingeredet, mir gut zugeredet. Sie haben alles getan, um mich davon zu überzeugen. Und je mehr sie auf mich einredeten, desto größer wurde meine Angst vor diesem Schritt. Ich fühlte mich immer mehr und mehr unter Druck gesetzt. Alle glaubten zu wissen, was gut für mich ist. Irgendwann hatte ich sogar das Gefühl, wenn ich diesen Schritt gehen würde, ich ihn nur gehen würde, um endlich meine Ruhe wiederzuhaben. Ich hatte einfach nicht die Traute, diesen Schritt zu gehen und noch weniger Traute, zugegeben, diese Traute nicht zu haben. Bis dann irgendwann, als ich sagte, dass ich mir das nicht leisten könne, eine Freundin zu mir diesen fantastischen Satz sagte: „So lange Du mit solchen Argumenten kommst, bist Du noch nicht bereit, diesen Weg zu gehen.“

Und was soll ich sagen? Genau das war der Satz, der mein Leben nachhaltig verändert hat. Hätte es diesen Satz nicht gegeben, gäbe es z.B. meine beiden Söhne nicht.

Dieser Satz hatte mich eiskalt erwischt. Da wollte mich niemand davon überzeugen, etwas zu tun, sondern da hatte jemand einfach erkannt, dass ich noch nicht soweit war. Und mit diesem Satz sah ich mit einem Male die vielen Gitterstäbe, die ich in mein Leben eingezogen hatte, Gitterstäbe, gebaut aus meinen Ängsten, die mich eigentlich schützen sollten und am Ende gefangen genommen haben.

Dieser eine Satz meiner Freundin hatte mich erlöst.

Ich denke, das ist jetzt ein guter Moment, den Predigttext aus dem 35. Kapitel des Jesaja-Buches, die Verse 3 bis 10 vorzulesen:

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.
Jesaja 35, 3-10

Genau das war es, was ich damals erlebt habe. Es war, als hätte jemand zu mir genau diesen Satz gesagt:

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken.

Ja, genauso war es damals. Da hatte jemand wirklich mein verzagtes Herz angesprochen. Und ja, es war in dem Moment wirklich so, als fielen mir die Schuppen von den Augen. Ich konnte mit einem Male klarsehen und ja, meine Blockade, meine Lähmung war vorbei, ich konnte gehen, fortgehen in ein neues Leben und ich fand die richtigen Worte um zu gehen.

Und was soll ich sagen: Ich fiel nicht unter die Löwen. Es gab da keine reißende Bestie, die mich zerfleischt hätte. Ganz im Gegenteil, wenige Monate später wurde mein Leben reich, reich an Freude und Wonne, weil ich den Mut hatte aufzubrechen, die Mauern meiner diffusen Ängste aufzubrechen und den Weg in das neue Leben zu wagen.

Nun können Sie vollkommen zu Recht sagen, dass Jesaja hier an dieser Stelle etwas ganz anderes gemeint haben könnte, als das, was ich da gerade so aus meinem eigenen Leben erzähle. Ja, da haben Sie vollkommen recht. Jesaja hat ja auch nicht wirklich uns hier in der Königin-Luise-Silas-Gemeinde im Blick gehabt. An uns war ja vor rund 2720 Jahren noch nicht zu denken, ist doch unsere Gemeinde erst 106 Jahre alt.

Jesaja hatte da seine eigenen Leute vor Augen. Mitten in eine Zeit der Hoffnungslosigkeit spricht Jesaja von einer besseren Zukunft für Israel. Seine Zielgruppe sind die einst freien und souveränen Menschen im Exil, die – heute würde man sagen – Opfer einer globalen Politik geworden sind, die als Opfer einer globalen Politik ihre Heimat verloren haben und nun an den Wassern Babels im Exil sitzen. Es war – weiß Gott – nicht ihre Entscheidung, sondern andere haben über sie bestimmt. Selbstbestimmung, das war gestern. Hoffnungslosigkeit ist heute.  Und in dieser exilischen Zeit schaut Jesaja im 35. Kapitel seines Buches voraus auf das kommende Heil für Jerusalem.

Also, so ganz anders, als ich das gerade aus meinem Leben geschildert habe. Aber ist das wirklich so anders? Werden wir selbst in unserem Leben nicht immer wieder von anderen Kräften an einen Ort gestellt, wo wir eigentlich nicht hinwollten? Sind wir wirklich so selbst bestimmt, so souverän, so frei, wie wir manchmal denken?

Jesaja malt in satten Farben die Freiheit, die Rückkehr der Erlösten zum Zion. Hoffnung ist eben nicht immer nur ein Silberstrahl, sondern muss manchmal auch ganz plakativ rübergebracht werden, um sie wieder sehen zu können. Hoffnung soll müde gewordene Hände und wankende Knie wieder stärken und sicher machen, um sich auf den Weg machen zu können. Wenn man nur an seine wankenden Beine denkt, bricht man nicht auf. Wenn da aber jemand sagt, dass es keinen Grund zur Furcht gibt, weil wir doch Gott haben, der uns hält, begleitet, stärkt, der uns die Augen und Ohren öffnet, dann spüre ich, wie der Mut in meine Knochen zurückkehrt, damit ich losgehen kann, losgehen in die Freiheit, die mir Gott jeden Tag meines Lebens neu schenkt.

Wir leben jetzt in der Zeit des Advents. Advent ist Zeit der Buße, der Umkehr, in der ich mir mein eigenes Leben in meiner Verantwortung Gott gegenüber anschaue.  Advent ist die Zeit, in der ich auf die Geburt Jesu Christi zugehe, die Geburt, mit der sich alles verändern wird.

Ist es nicht faszinierend, dass wir noch heute, 2018 Jahre nach seiner Geburt noch immer von dieser Kraft zehren, von dieser Hoffnung, die wir mit Jesus verbinden? Ist es nicht ein Wahnsinn, dass auch heute noch Menschen aufstehen, die von dieser Hoffnung getragen sind, und gegen Missstände angehen?

Dieses kleine Kind, dessen Geburt wir feiern, um uns Jahr für Jahr daran zu erinnern, wie sehr uns Jesus, mit dem neuen Licht, das er in diese Welt gebracht hat, die Augen geöffnet hat, um die Mauern, die wir aus unseren Ängsten gebaut haben, zu erkennen und zu überwinden?

Advent, Zeit der Buße und der Umkehr, Zeit zu erkennen, was uns verzagt gemacht hat.

Und wenn wir dann ehrlich zu uns selbst und vor allem zu Gott sind, werden wir erkennen und bekennen müssen, wo wir unsere Herzen eng gemacht haben und warum wir das getan haben.

Und wenn wir die Adventszeit als eine Zeit der Umkehr leben, dringen wir Tag für Tag immer weiter in das vor, was uns verzagt macht, dann ist jede Kerze mehr, die wir an den vier Adventssonntagen anzünden, ein Licht mehr, das Licht in das Dunkel unserer Seelen bringt. Und je heller es wird, desto weniger werden wir verzagt sein, so wie Kinder, die sich erst in den Keller trauen, wenn man das Licht angemacht hat. Wir werden dann klarer sehen und auch die Zusammenhänge erkennen können, weil wir nicht mehr mit uns selbst und unserer Angst beschäftigt sein werden, sondern nun auch dazu erlöst sein werden, den anderen in diesem Licht sehen zu können, das von der Heiligen Nacht ausgehen wird, so dass „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ weltbefreiende Wirklichkeit werden kann.  Erst dann wird die Zeit des Exils, in der wir noch immer leben, vorüber sein.

In diesem Sinne sage ich: Amen! Und das heißt: So soll es sein.

Predigt am 2. Advent, dem 9. Dezember 2018, in der Königin Luise Gedächtnis-Kirche über Jesaja 53, 3-10