Liebe Geschwister, dieser Predigttext ist voll der geflügelten Worte, die uns noch heute leicht über die Lippen gehen. Da ist das mit der Feindesliebe, an der die Nächstenliebe konkret wird, der Wange, die man dem anderen hinhalten soll, dem Bitten und dem Geben und Schließlich der Barmherzigkeit, die Ausdruck unserer Nächstenliebe ist.
Und dann ist da unsere Welt, die uns herausfordert, in der wir erleben, was gerade geschieht, wenn es Auge um Auge, Zahn um Zahn geht, wenn die Nächstenliebe zum Nächstenhass wird und die Mauern in unseren Köpfen und Herzen wieder hochgezogen werden, so dass man den anderen gar nicht mehr sehen kann und sich auf solche Weise sicher wähnt.
Und so erwartet uns auch heute wieder ein Dreierschritt, nämlich: Lieben. Bitten. Geben.
Der Kontext
Aber erst einmal ist es, glaube ich, wichtig, sich anzuschauen, in welche Situation, in welchen Kontext hinein Jesus das sagt, was Lukas für uns dokumentiert hat:
Jesus spricht hier in eine Situation hinein, in der Menschen nach Orientierung und einem neuen Lebensstil suchen. Die sogenannte „Feldrede“ – sie ist bei Lukas das Pendant zur „Bergpredigt“ bei Matthäus – richtet sich an seine Jünger, aber auch an die große Menschenmenge, die ihm zuhört. Viele erleben Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Gewalt – politisch, sozial und religiös. Jesus fordert seine Zuhörer heraus, einen radikal anderen Weg zu gehen: nicht nach dem Prinzip „Wie du mir, so ich dir“, sondern nach dem Prinzip der Feindesliebe, des aktiven Segnens und Füreinandereinstehens, der Großzügigkeit und der Nichtverurteilung. Er spricht in den Spannungsfeldern menschlichen Lebens damals wie heute – mitten in menschlicher Unsicherheit, Rivalität, Angst und Schuld.
Und warum macht er das? Er könnte doch auch den Dingen einfach seinen Lauf lassen. Jesus tut das, weil er die Menschen, die ihm gerade zuhören, zu echter Nachfolge und zur Erneuerung der Beziehungen zwischen den Menschen bewegen will. Es soll keine Sonntagsrede sein, keine politische Rede, wie wir sie immer wieder nach Unglücken hören, die aber nur ein Echo in den Medien, aber nicht in den Herzen der Menschen finden und kein Handeln in Politik und Gesellschaft zur Folge haben. Jesu Botschaft aber durchbricht den Kreislauf von Vergeltung und schiebt eine neue Regel ins Leben ein: die Goldene Regel – „Was ihr wollt, dass Euch die Leute tun, das tut ihnen ebenso.“
Jesus erreicht mit seiner Feldrede die Menschen in einer Lebenssituation, die viele Parallelen zu unserer Welt heute aufweist:
Die Menschen in Galiläa leben unter der Herrschaft des Römischen Reiches. Diese Herrschaft wird als Unterdrückung, Ungerechtigkeit empfunden. Immer wieder gab es Aufstände und gegenseitige Gewalt. Hass gegen Besatzer und Kollaborateure lag nahe – die Frage nach Rache war allgegenwärtig.
Hinzu kamen große Unterschiede zwischen Armen und Reichen, Ausgeschlossenen und Privilegierten. Zahlreiche Konfliktlinien zwischen verschiedenen Gruppierungen, den Pharisäern, Zeloten, Zöllnern und auch religiösen Außenseitern prägten das alltägliche Leben.
Und natürlich gab es auch ein Vergeltungsdenken, das dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ folgte. Und genau in diese Haltung, in dieses Verhaltensmuster hinein provoziert Jesus die Menschen, die ihm zuhören, auf eine Weise, die auch heute immer noch gerne missverstanden wird:
Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem halten auch die andere dar.
Wie oft, haben wir hier in der Geschichte uns sagen lassen, dass wir Christenmenschen Weicheier seien, dass wir dem, der uns schlägt auch noch die andere Wange hinhalten sollen, statt ihm selbst eine auf die Zwölf zu geben.
Nee, um dem anderen die andere Backe hinzuhalten, braucht man Mut, echten Glaubensmut. Denn die andere Wange hinzuhalten, ist, weiß Gott, kein Zeichen der Schwäche, sondern eine aktive Provokation dem gegenüber, der einem Gewalt angetan hat, die Verantwortung für sein Handeln deutlich werden zu lassen und damit aktiv die Spirale der Gewalt zu unterbrechen. Indem ich dem anderen noch die zweite Wange hinhalte, demonstriere ich ihm die Stärke, die ich aus meinem Glauben ziehe.
Jesus reagiert also mit seinen Worten auf die Verletzlichkeit, die Zerstrittenheit und die Gewalterfahrungen seiner Zeit und setzt bewusst einen neuen Maßstab: Menschen sollen aus einer göttlichen Großzügigkeit leben – lieben, bitten, geben und vergeben – und dadurch Zeichen einer neuen Welt setzen, mitten in der alten. Seine Worte sind damals wie heute revolutionär und stellen unsere ganze Lebenshaltung auf den Kopf.
Kaum auszudenken, was global geschehen würde, wenn sich das alle Menschen, alle Völker, Kulturen, Wirtschaftsbosse und Regierenden zu Herzen nehmen würden. Es wäre vor Frieden auf dieser Welt kaum auszuhalten 😉
Und wenn wir uns mit Jesu Worten, die er in dieser Feldrede auch zu uns spricht, diese besagten drei 9. November unserer Geschichte anschauen, dann sind diese drei historischen Ereignisse, die ausgerechnet alle an einem 9. November stattgefunden haben, wie eine Mahnung, worauf wir zu achten haben:
9. November 1918
Der Erste Weltkrieg ist endlich zu Ende. Gleich zweimal wird an diesem Tag die Republik ausgerufen. Es ist ein Tag des Neuaufbruchs, aber auch der Unsicherheit, Hoffnung und Verantwortung. Jesu Worte fordern an dieser Stelle, neue Gesellschaftsformen mit Solidarität und Mitgefühl zu gestalten, nicht mit Hass und Ausschluss.
9. November 1938
Auf den Tag genau zwanzig Jahre später zeigt sich, dass diese Forderung Jesu ins Leere gelaufen ist. Die Reichspogromnacht ist ein Tag der tiefen Schuld und des Entsetzens über Hass und Gewalt gegen Juden. Und wieder ruft uns Jesus auf, dem Hass, der Ausgrenzung, dem Vergelten zu widerstehen – und zu lieben, wo andere hassen.
9. November 1989
Und 61 Jahre später wieder ein historischen Datum. Der Mauerfall – ein Tag des Aufbruchs, des unerwarteten Friedens, der Überwindung von Mauern zwischen Menschen. Jesu Worte stellen die Frage: Wie gestalten wir Freiheit, Vergebung, Versöhnung und ein Miteinander ohne neue Barrieren?
Und heute am 9. November 2025?
Wieder stehen wir neu vor den Herausforderungen: Polarisierung, Migration, Klimakrise, Krieg in Europa, gesellschaftliche Spaltung. Die Einladung Jesu zur Liebe, zum Gebet für andere, zur Großzügigkeit und zur Bereitschaft, nicht zurückzuschlagen, gilt konkret heute – im Zusammenleben, in dieser Welt, in unserem Land, in unserer Kirchengemeinde, in unserer Gemeinde vor Ort.
Und damit komme ich zum Schluss, dem Dreischritt von Lieben. Bitten. Geben.
Lieben
Jesus ruft uns zu:
Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen.
Die Liebe soll über die eigenen Grenzen hinausgehen und auch denjenigen gelten, die uns nicht freundlich gegenüberstehen. Das bedeutet: Liebe kennt keine Grenzen. Liebe heißt, sich aktiv für andere zu öffnen, sich nicht zurückhalten, sondern auch das Unannehmbare zu lieben.
Bitten
Jesus ruft uns zu:
Segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.
Das Bitten ist nicht nur das Gebet für unsere Feinde, sondern auch die Bereitschaft, andere um Gutes zu bitten und ihnen positive Worte zuzusprechen. Beten und Bitten ist das Eintreten für andere um des Guten willen. Bitten meint konkret: Für andere, auch für Feinde, bei Gott einzutreten und sie in das eigene Gebet einzuschließen, weil nur so Frieden möglich wird.
Geben
Gib jedem, der dich bittet, und fordere nicht zurück. Das Geben steht für Großzügigkeit und ein Selbstverständnis, das nicht an Gegenseitigkeit gebunden ist, sondern der göttlichen Überfülle vertraut. Auf solche Weise zu geben bedeutet: Mut zum großzügigen, bedingungslosen Handeln zu haben undzwar nach Gottes Maß und nicht nach menschlichem Gegenschlag.
Conclusio
Was bedeutet das ganz konkret für jede und jeden unter uns, die wir uns hier und heute zum Gottesdienst versammelt haben?
Zuerst einmal den Mut, die Komfortzone zu verlassen und Liebe zu zeigen, wo es schwer ist.
Dann fürbittendes Beten auch für diejenigen, mit denen wir nicht einverstanden sind.
Dazu gehört auch die Bereitschaft zum Geben und Vergeben – im Vertrauen darauf, dass Gott alles sieht und segnet.
Und vor allem auch im Anderen das Ebenbild Gottes zu sehen und ihm voller Respekt und Würde zu begegnen.
Schließlich zu erinnern, aber auch Neuanfänge zu wagen – am 9. November und an jedem Tag.
Unser Predigttext heute ist eine Herausforderung, die ganz nah an das Herz Jesu führt – und mitten hinein in die Geschichte und das Leben jeder Gemeinde, auch hier und heute in Partenkirchen.
Amen.
Pfr. Martin Dubberke
Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres 2025 am 9. November 2025 in der Johanneskirche zu Partenkirchen, Perikopenreihe I mit einer Predigt über Lukas 6,27-38.
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