Pfr. Martin Dubberke
Gott erwählt. Gott bindet. Gott sendet. | Bild durch einen Prompt von Martin Dubberke mit KI erzeugt

Gott erwählt. Gott bindet. Gott sendet.

Liebe Geschwister, ich weiß ja nicht, wie es Euch so geht, wenn Ihr die Zeitung aufschlagt, das Radio oder den Fernseher anschaltet. Ich für meinen Teil spüre mehr und mehr das Bedürfnis, all das nicht mehr sehen, lesen oder hören zu wollen. Einer lügt den anderen an. Es geht nur noch um Macht und Vormachtstellung. Jeden Tag werden Menschen kaltblütig getötet, um diesem Ziel näher zu kommen. Egoismus und Gewinnstreben führen zu Entscheidungen, die am Ende im Desaster enden. Und am allerschlimmsten finde ich es, dass leider viele führende gewählte Politiker – egal welcher Couleur – glauben, ihren Dienstherrn – also uns, das Volk, das diese wählt für dumm zu verkaufen. Was das mit einer Demokratie macht und was das mit einer Gesellschaft anstellt, das erleben wir in dieser Zeit auf beeindruckende und bedrückende Weise. Und das macht etwas mit uns? Wie sieht denn unsere Zuversicht aus? Wie schauen wir in die Zukunft? Was ist aus unserer Zukunft geworden und was ist aus unserer Zuversicht geworden?

In vielen Gesprächen höre ich immer wieder: „Lass mich in Ruhe mit der Politik!“

Die Menschen sind enttäuscht von den Politikerinnen und Politikern und viele wenden sich einer Alternative zu, die am Ende auch keine Alternative ist und auch aus vielen Gründen nicht sein kann, weil es um ein viel, sehr viel grundsätzlicheres Thema geht, das aktuell wohl keine Partei wirklich und authentisch abdeckt.

Ich bekomme mehr und mehr das Gefühl, dass die Politik den Bund mit dem Wähler aufgekündigt hat, den Bund, mit dem Volk, das sich gut regiert fühlen will.

Und dann höre ich in vielen Gesprächen die immer gleiche Frage: „Was soll ich denn tun?“

Diese Frage konfrontiert uns mit der Frage nach unseren Möglichkeiten, unserer Macht und unserer Ohnmacht. Wie groß oder wie klein sind wir? Was können wir schon ausrichten?

Und damit sind wir schon mittendrin im Predigttext dieses 6. Sonntages nach Trinitatis aus dem 5. Buch Mose:

Warnung vor Gemeinschaft mit den Heiden

Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.

Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,  sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Verheißung des göttlichen Segens

Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat. 

5. Mose 7,6-12

Für mich lassen sich hier drei zentrale Botschaften ableiten:

  • Gott erwählt.
  • Gott bindet.
  • Gott sendet.

Beginnen wir mit:

Gott erwählt

Der Predigttext beginnt im Grunde genommen mit einer absoluten Überraschung. Gott erwählt nicht ein großes, mächtiges und einflussreiches Volk, sondern das kleinste Volk. Das, was da schon fast wie ein Nebensatz daherkommt, macht deutlich, dass Gottes Logik, nicht die Logik der Welt ist, die die Welt nach Weltmächten und geopolitischer Bedeutung sortiert. Gott sortiert nach Liebe, Treue und Beziehung. Und damit ist ein vollkommenes Umdenken verbunden: Denn Gottes Erwählung ist nicht die Belohnung für Größe, sondern der Beginn von Größe.

Das bedeutet für uns: Auch wenn wir uns klein und einflusslos empfinden, sind wir nicht klein, weil wir Gott im Rücken haben, der uns stärkt, und vor allem Orientierung gibt.

Mit Blick auf die aktuelle Weltlage und Staaten wie die USA, Russland oder China, sehen wir eine Logik der Macht, eine Logik der Drohung und geopolitischen Dominanz. Daneben wirkt der Rest der Welt ziemlich orientierungslos und politisch zerrissen.

Woran das liegt? Der Predigttext gibt uns hier eine sehr klare Antwort:

So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Verheißung des göttlichen Segens

Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat. 

5. Mose 7, 11-12.

Gott hat uns sehr einfache Gebote gegeben:

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

Du sollst den Feiertag heiligen.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Du sollst nicht töten.

Du sollst nicht ehebrechen.

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Muss ich dazu noch etwas sagen? Das ist selbsterklärend. Werden diese Gebote nicht gehalten, gerät die Welt in Unordnung. Und Gott sagt sehr deutlich, dass er seinen Bund mit uns halten wird, wenn wir auch diesen Bund halten. Er macht deutlich, dass er diesen Bund niemals brechen wird. Und damit liegt auf der Hand, dass die Situation dieser Welt so ist, wie sie ist, weil wir Menschen diesen Bund gebrochen oder verlassen haben. Wir können dafür nicht Gott die Schuld in die Schuhe schieben, sondern müssen bekennen, dass es in unserer eigenen Verantwortung liegt.

Und damit komme ich noch einmal auf die Kleinheit zurück. Diese ist kein Makel, sondern wir können aus dieser Position heraus viel mehr bewirken, als wir manchmal denken. Das Kleine ist der Ort, an dem Gott Geschichte schreibt.

Ja, Kleinsein kann natürlich auf der einen Seite heißen:

  • klein an Einfluss
  • klein an militärischer Macht
  • klein an Selbstbewusstsein
  • klein an gesellschaftlicher Stabilität
  • klein an kirchlicher Kraft

Aber im Kleinsein kann auch eine besondere Größe und damit Ressource liegen:

  • groß an Kreativität
  • groß an Freiheit
  • groß an geistiger und auch geistlicher Tiefe
  • groß an demokratischer Kultur
  • groß an moralischer Verantwortung
  • groß an der Fähigkeit, Frieden zu stiften

Gott erwählt das Kleine, weil das Kleine nicht sich selbst groß machen muss, sondern durch Gott Größe erlangt.

Und damit komme ich zum zweiten Schritt:

Gott bindet

Gott erwählt nicht die Starken, sondern die Geliebten. Das erleben wir mit jeder Taufe. Ein Mensch vollkommen egal wie groß, wie klein, wie stark, wie schwach —wird in diesen Bund mit Gott hineingenommen.

In der Taufe sagt Gott zu:

Du bist mein. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Fürchte dich nicht.

Da ist es, das „Fürchte dich nicht.“ Ich muss mich nicht fürchten, meinen Glauben und damit die Gebote Gottes zu leben.

Diese Treue Gottes ist nicht abhängig von politischen oder gesellschaftlichen Mehrheiten. Diese Treue Gottes ist nicht davon abhängig, wie groß eine Kirche oder Gemeinde ist. Diese Treue ist nicht abhängig von geopolitischen Kräften. Oder anders ausgedrückt: Gottes Treue ist nicht volatil, sondern verlässlich.

Und Gott bindet mich, jeden einzelnen von uns in diese Treue ein. Mit aller Klarheit bringt der Predigttext zum Ausdruck, dass Gott den Bund mit denen hält, die ihn lieben und seine Gebote halten.

Das bedeutet:

  • Der Bund ist Beziehung.
  • Der Bund ist Gegenseitigkeit.
  • Der Bund ist ein Weg, der gegangen werden muss.

Und wenn es nicht läuft, liegt es – wie schon gesagt – nicht an Gott, sondern daran, dass wir Menschen den Bund verlassen.

Die Symptome, die wir Tag für Tag sehen, sprechen eine eindeutige Sprache:

  • Die Wahrheit wird relativiert.
  • Die Macht wird absolut gesetzt.
  • Die Gewalt wird normalisiert.
  • Die Demokratie wird angegriffen.
  • Die Menschenwürde ist verhandelbar geworden.

Religion wird ins Private abgedrängt und Kirche wird marginalisiert. Schon allein daran könnten wir unser Potential in dieser Welt erkennen, denn warum sollte Religion ins Private abgedrängt werden, wenn sie harmlos wäre?

Und damit komme ich noch einmal zurück zur Taufe. Sie ist nämlich nicht nur die persönliche Bindung an Gott, der ruft, der erlöst, der begleitet, sondern auch sendet.

Taufe ist nicht einfach nur ein schönes Fest, sondern auch eine Verpflichtung Gottes Wort zu hören, zu halten, zu leben, danach zu handeln und es zu bezeugen.

Die Taufe ist nämlich nicht nur ein Geschenk, sondern sie ist Auftrag.

Und damit komme ich zum dritten und letzten Schritt:

Gott sendet

Hier kommt das Evangelium des heutigen Sonntags ins Spiel. Der Missionsbefehl aus Matthäus 28 ist die Fortsetzung dieses Bundes mit der Öffnung in die ganze Welt. Dieser Bund, der einst dem kleinsten Volk galt, bekommt nun eine globale Weite.

Mit dem Missionsbefehl schließt das Matthäusevangelium. Die elf Jünger gingen nach der Auferstehung Jesu Christi nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie eingeladen hatte zu kommen. Und dann stehen sie da auf dem Berg und sehen Jesus Christus, der doch eigentlich tot war. Sie fallen vor ihm nieder und obwohl sie ihn alle sahen, zweifelten einige. Das ist ja auch alles schwer zu glauben, wenn wir zueinander ehrlich sein wollen. Diese elf Jünger hatten alles bei Jesus gelernt, was er wollte, dass es in die Welt unter die Menschen kommt. Denn der Bund sollte die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit miteinander verbinden, Frieden schaffen in einer Welt die damals auch nicht so viel anders als heute war.

Da waren sie nun, diese Elf und wussten nicht so recht, wie ihnen da auf dem Berg geschah. Sie vertrauten vielleicht auch nicht so sehr auf Ihre Fähigkeiten, wenn Jesus nicht an ihrer Seite war. Sie zweifelten an ihren Möglichkeiten. Und dann sagt Jesus zu ihnen:

Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Matthäus 28,18-20

Jesus initiiert an diesem Tag auf diesem Berg den wohl gigantischsten Dominoeffekt aller Zeiten. Er beauftragt diese elf Jünger alle Völker zu lehren, zu taufen und – ganz wichtig – in der Lehre zu halten. Wenn diese elf Jungs damals gekniffen hätten und gesagt hätten: „Das schaffen wir doch nie“, gäbe es heute nicht 2,7 Milliarden Christinnen und Christen weltweit. Das entspricht etwas über dreißig Prozent der Weltbevölkerung.

So, und wenn wir uns das nun vor Augen halten und noch einmal an den Anfang denken, an das, was uns verzagt, dann ist doch der Auftrag, den wir alle heute mit nach draußen in die Welt nehmen, klar wie Kloßbrühe, oder?

Auch wir sind Gesandte. Jede und jeder einzelne von uns. Und wenn wir uns miteinander auf den Weg machen Gottes Wort zu lehren und zu erklären, was es praktisch bedeutet „Gott über alles zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben“, dann zu taufen und die Menschen in der Lehre zu halten – was die größte Herausforderung ist, dann wird der Bund, den Gott mit uns geschlossen hat, seine volle Wirkung entfalten. Und je mehr mitmachen, desto größer wird seine Wirkung sein. Und wir werden diesen Weg der Liebe und des Friedens nicht alleine gehen, denn Jesus hat uns versprochen:

Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Das ist die Fortsetzung des Bundesversprechens aus unserem Predigttext:

So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Verheißung des göttlichen Segens

Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat. 

5. Mose 7, 11-12.

Ich glaube, wir wissen jetzt alle, was unser Job ist.

Amen.

Pfarrer Martin Dubberke

Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke
Pfr. Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke

 

 

 

 

 

Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis 2026 (12. Mai 2026) über 5. Mose 7,6-12 (Perikopenordnung II) in der Kreuzkirche und St. Markus München

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