Pfr. Martin Dubberke
Lätare 2026 | Bild: Martin Dubberke & KI

Getröstet. Genährt. Gestärkt.

Puh!!! – Liebe Geschwister, wisst Ihr eigentlich, wie aufgeregt ich bin? Sechs lange Wochen habe ich nicht mehr gepredigt, nicht mehr auf der Kanzel gestanden. Das ist mir schon ganz schön abgegangen. Sechs Wochen Predigtpause zwischen Abschied in Partenkirchen und Anfang heute hier in St. Markus.

Ich könnte schon fast sagen: Sieben Wochen ohne – ohne zu predigen.

Ich hab’s vermisst, schmerzlich vermisst zwischen all dem Neuen und auch den vergangenen intensiven Wochen.

Und nun stehe ich hier oben am Sonntag Lätare, dem „Freut-Euch-Sonntag“, dem kleinen Ostern. Es ist Passionshalbzeit. Der schönste Sonntag in der Passionszeit, weil er in der Zeit des Leidens, ein Moment der Hoffnung ist, des Durchschnaufens, auf dem Weg zum Ziel, dem Neubeginn mit Ostern.

Und was brauchen wir mehr in dieser vogelwilden Zeit als das Durchschnaufen, das zu Kräften kommen, das Losgehen mit Gott?

In die liturgische Farbe der Passionszeit – das Violett – mischt sich heute ein wenig österliches Weiß. Da kommt heute also ein Rosa bei heraus. Das heißt aber nicht, dass die Zeiten rosig sind oder wir heute mal alles mit einer rosa Brille betrachten. Sondern das bedeutet, dass wir heute auf das schauen, was uns Kraft und Zuversicht gibt, was uns Trost spendet.

Und hier kann uns der Predigttext dieses Sonntags eine wahnsinnig große Hilfe sein. Er stammt nicht, wie man heute erwarten könnte, aus dem Neuen Testament, sondern aus dem Alten Testament. Und genau das finde ich spannend, weil damit deutlich wird, dass Gott schon deutlich länger mit uns auf dem Weg ist und die Themen, um die es heute geht, schon eine ganz, ganz lange Geschichte haben. Ich lese aus Jesaja 66, die Verse 10 bis 14:

Heil und Gericht

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Jesaja 66,10-14

Was für ein wunderbarer, mutmachender Text…

Aber schauen wir uns zuerst einmal die Situation an, in die hinein dieser Text spricht. Es ist die frühe nachexilische Zeit um 538 vor Christus. Ein Teil des Volkes war aus dem Babylonischen Exil inzwischen zurückgekehrt. Diese Heimkehrer haben aber nicht das vorgefunden, was man das gelobte Land nennen könnte. Jerusalem war zerstört. Die Heimat war verwahrlost. Und im Mittelpunkt stand ein mühsamer Wiederaufbau, Entbehrung, Enttäuschung und noch so manches mehr. Viele von ihnen fragten sich, ob sich das Vertrauen auf Gott überhaupt gelohnt hat. Das, was man ihnen versprochen hatte, schien ausgeblieben zu sein. Die nachexilische Zeit ist alles andere, nur kein Happy End. Der Wiederaufbau ist schleppend, die politische Situation ist unsicher.

Und genau in diesen wilden Mix aus Erschöpfung, Entmutigung und bitterer Nüchternheit spricht Jesaja 66 eine alles übersteigende, überbordende Verheißung von Trost, Frieden und Fülle aus. Dieses zerstörte und trostlose, desillusinierende Jerusalem wird zur tröstenden Mutter. Ein Bild, das Jesaja auf Gott überträgt, der nun seinerseits zum mütterlich Zärtlichen wird.

So will Jesaja diese von Resignation geprägte Grundstimmung des Volkes aufbrechen und es wieder in eine Haltung des Vertrauens führen. Sein Ziel ist es, dass sich die Menschen wieder neu mit der Stadt, mit dem Tempel und schlussendlich mit Gott verbinden – getröstet, genährt, gestärkt.

Ist das nicht eigentlich das, was wir heute als Kirche den Menschen sein sollen?

Soll noch mal jemand sagen, dass so alte Texte von gestern seien. Sie sind nach wie vor brandaktuell und machen etwas ganz wichtiges deutlich: Die Menschheit hat’s seit eh und je schwer gehabt, sich voll und ganz auf Gott einzulassen. Und deshalb befindet sich der Mensch wie in einem Hamsterrad, statt sich endlich mal voll und ganz auf diesen Gott einzulassen, der sich uns heute so mütterlich zeigt.

Sich auf Gott einzulassen, bedeutet aber auch, nicht nur den Trost anzunehmen, sondern auch die Gerichtsandrohung ernstzunehmen:

Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Das ist kein billiges Vertrösten durch Gott, sondern gehört zur Realität Gottes.

Frieden wird nur dann möglich, wenn ich das Gericht, die letzte Instanz, ebenfalls in Gottes Hand lasse.

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Alles wird gut? – Ja, alles wird gut! Alles wird gut, wenn ich Jerusalem liebhabe. Alles wird gut, wenn ich mich an ihren Brüsten des Trostes satttrinke.

Wir alle kennen das Bild des Friedens, wenn ein Kind an der Brust seiner Mutter liegt und trinkt. In dieser Situation nimmt das Kind alles in sich auf, was es braucht, und die Mutter gibt alles, was sie dem Kind geben kann: Wärme, Geborgenheit, Liebe, Nahrung – eben all das, was wir finden, wenn wir uns Gott und nicht den Menschen ganz hingeben.

Gebe ich mich Gott hin, sauge ich das in mich auf, was Gott mir geben kann, den Trost, die Liebe, die Zuversicht, woran dann am Ende auch mein Nächster unmittelbar teilhat.

Sich an Jerusalem als dem Sinnbild der Stadt und des Ortes Gottes zu erfreuen – egal wie diese Stadt aussieht – heißt, sich an einem Leben zu erfreuen, wie Gott es sich immer für uns gewünscht und geplant hat, als er uns einst in seine vollkommene Schöpfung hineingeschaffen hat, nämlich in eine Welt des Friedens mit der Schöpfung, den Geschöpfen und auch am Ende mit sich selbst.

Frieden ist in diesem Fall nicht die Abwesenheit von Krieg, sondern die Anwesenheit von Gott.

Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

Gott breitet den Frieden aus wie einen überfließenden Strom, der alles wegreißen wird, was dem Frieden im Wege steht oder wer sich dem Frieden in den Weg stellt. Auch den wird er weggreißen. Und er schafft Reichtum, nicht dem Einzelnen, dem Oligarchen, sondern den Völkern. Alle haben genug. Es reicht für alle.

Was für eine Kraft! Was für eine Power geht da von Gott aus? Gott sagt nicht einfach: „Kopf hoch!“ Das hier ist kein bloßes Zureden mehr, sondern viel mehr. Verdammt viel mehr. Gott geht in Beziehung zu den Menschen. Er stellt die Beziehung wieder her, die die Menschen zu ihm verloren oder aufgegeben haben. Es geht um Würde und Zukunftsfähigkeit, also einen Vorgeschmack auf das Heil.

Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Das lässt mich innerlich tief auf- und durchatmen. Und ich spüre, wie sich die Resignation, die auch mich manchmal hinterhältig überfällt, angesichts dieser Aufforderung, dieses Zuspruchs in Zuversicht und Glaubensmut verwandelt.

Nicht nur diese vogelwilde Welt fordert uns, sondern auch als Kirche und Gemeinden liegen vor uns herausfordernde und kräftezehrende Zeiten der strukturellen Veränderungen. Das ist eine äußere Notwendigkeit, weil in unserer Gesellschaft Glaube und Kirche aus der Mode gekommen sind, die Menschen beides nicht mehr als existenziell begreifen und verstehen, das Wissen um Glauben und Kirche im Verlorengehen ist, wo im Fernsehen – nicht lachen, habe ich gerade erst diese Woche in der ARD, also einem öffentlich-rechtlichen Sender, gesehen, bei einer katholischen Beerdigung, ein lutherischer Pfarrer im schwarzen Talar mit lutherischem Beffchen am Grab steht.

Die strukturellen Veränderungen sind eine Folge der Abkehr. Die strukturellen Veränderungen konfrontieren uns damit, dass Kirche und Glaube und damit Trost und Frieden nicht mehr selbstverständlich sind.

Doch wenn es heißt:

euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras…

…bedeutet es, dass wir miteinander den Glauben in den Mittelpunkt stellen sollen und jede und jeder von uns anpackt und die Menschen um sich herum im wahrsten Sinne des Wortes aus der inneren Kraft und Fröhlichkeit des Glaubens ansteckt und erfahrbar werden lässt, welche Kraft in diesem Glauben steckt.

Genau so ein Ort sollen unsere Gemeinden sein. Unser Job als Christinnen und Christen wird es immer sein, diesen Glauben wirksam, tatkräftig und glaubwürdig zu leben und in die Welt zu tragen, egal, welche Struktur wir uns als Kirche geben. Das ist das wahrhaft Konstante und Unveränderliche. Solche Orte wie unsere Gemeinden, sollen Orte der der Sehnsucht, des Trostes, der wachsenden Freude und Zuversicht sein. Unsere Gemeinden sind Glaubenskraft- und Glaubensmut-Zentren, wo Menschen in dieser vogelwilden Welt zur Ruhe kommen dürfen.

Gerne hätte ich heute gemeinsam mit Euch eines meiner Lieblingslieder gesungen. Aber im Vorgespräch stellte sich heraus, dass Ihr das wohl nicht wirklich kennt. Macht nichts! Wir werden das in den kommenden Jahren miteinander lernen:

1) Wir wollen uns gerne wagen,
in unsern Tagen
der Ruhe abzusagen,
die’s Tun vergisst.
Wir wolln nach Arbeit fragen,
wo welche ist,
nicht an dem Amt verzagen,
uns fröhlich plagen
und unsre Steine tragen
aufs Baugerüst.

2) Die Liebe wird uns leiten,
den Weg bereiten
und mit den Augen deuten
auf mancherlei,
ob etwa Zeit zu streiten,
ob Rasttag sei.
Sie wird in diesen Zeiten
uns zubereiten
für unsre Seligkeiten:
nur treu, nur treu!

EG 254, Nikolaus Ludwig von Zinzendorf

Statt in protestantischer Leidenschaft über die Kirche zu klagen, werden wir heute am „Freut-Euch-Sonntag“ eingeladen, Gott laut zu loben und fröhlich seine Liebe zu uns in die Welt hinauszutragen und zu feiern.

Amen!

Pfarrer Martin Dubberke

Pfarrer Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke
Pfarrer Martin Dubberke | Bild: Johannes Dubberke

Antrittspredigt in St. Markus München am Sonntag Lätare, 15. März 2026 über Jesaja 66,10-14, Preikopenreihe II.

Kontakt & Feedback

Wenn Sie mit mir Kontakt aufnehmen wollen oder mit mir ins Gespräch kommen möchten oder ein Feedback zu meiner Predigt geben wollen, schreiben Sie mir bitte einfach eine kurze Nachricht:

Zurück

Deine Nachricht wurde gesendet

Warnung
Warnung
Warnung
Warnung

Warnung.


Kleiner Buchtipp am Rande

edition.dubberke – Am Aschermittwoch fängt alles an

Ihr erhaltet das Buch in der Buchhandlung Eures Vertrauens oder: