Martin Dubberke | Pfarrer

Die ganze Kraft Gottes

Gedanken zu Losung und Lehrtext

Als ich gestern meine Söhne aus dem Hort abgeholt habe und sagte, dass wir noch in einen großen Technikmarkt bei uns um die Ecke gehen werden, fragte mich doch der eine mit glänzenden Augen, ob ich ihm ein iPad kaufen könnte. Meine Antwort war klar: „Natürlich nicht.“ Daraufhin fing er mit seinen sechs Jahren an, mit mir zu verhandeln. Er argumentierte, warum er jetzt unbedingt ein eigenes iPad bräuchte. Ich blieb stur bei meinem Nein. Schließlich schaut er mich an und sagt: „Papa, wenn Du mir ein iPad kaufst, verspreche ich Dir, immer artig zu sein und alles sofort zu machen.“

Was für ein verlockendes Angebot.

Ich war kurz davor schwach zu werden.

Jeder von uns kennt solche Situationen. Entweder macht uns jemand ein Angebot oder wir bieten selbst etwas dafür an, auf dass wir das bekommen, wonach wir uns so sehr sehnen.

Und dann gibt es noch eine Situation: Ich bin aus der Liebe eines anderen gefallen, weil ich mich falsch verhalten habe, weil ich ihn verraten haben, weil ich illoyal war.

So geht es dem Beter des achtzigsten Psalms, aus dem der heutige Losungstext stammt. Er sehnt sich nach Frieden, Ruhe und der spürbaren Liebe Gottes.

Er stellt Gott die Frage:

„HERR, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen, während dein Volk zu dir betet?“

Das klingt ganz danach, als hätte Gott auf stur geschaltet und gesagt: Ihr müsst erst einmal zu Kreuze kriechen. Und Gott schenkt voll ein:

Du speisest sie mit Tränenbrot und tränkest sie mit einem großen Krug voll Tränen.  7 Du lässest unsre Nachbarn sich um uns streiten, und unsre Feinde verspotten uns. 8 „Gott Zebaoth, tröste uns wieder;“ 9 Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholt, hast vertrieben die Völker und ihn eingepflanzt. 10 Du hast vor ihm Raum gemacht / und hast ihn lassen einwurzeln, dass er das Land erfüllt hat. 11 Berge sind mit seinem Schatten bedeckt und mit seinen Reben die Zedern Gottes.  12 Du hast seine Ranken ausgebreitet bis an das Meer und seine Zweige bis an den Strom.  13 Warum hast du denn seine Mauer zerbrochen, dass jeder seine Früchte abreißt, der vorübergeht?

14 Es haben ihn zerwühlt die wilden Säue und die Tiere des Feldes ihn abgeweidet. 15 Gott Zebaoth, wende dich doch! / Schaue vom Himmel und sieh darein, nimm dich dieses Weinstocks an!

Das Volk Gottes ist vertrieben und in alle Welt verstreut. Das Volk ist schutzlos dem Hohn und Spott der anderen ausgeliefert. Sie hatten sich von Gott entfernt und das Exil war ihre Strafe. Es gab kein Zuhause mehr, sondern nur noch die Fremde, in der man schutzlos ausgeliefert war.

Der Mensch hat ja vor vielen Dingen Angst. Sei es, seine Arbeit zu verlieren oder vor Krankheit oder, oder, oder nicht geliebt zu werden.

In der Liebe spürt der Mensch seinen Wert als einzigartiges Wesen, das durch die Liebe aus der Masse der Millionen anderen plötzlich hervorgehoben wird.

Die Liebe braucht der Mensch wie die Luft zum Atmen. Fällt ein Mensch aus der Liebe eines anderen, geht es ihm damit nicht gut. Ich denke, jeder von uns hat schon mal diese Erfahrung gemacht. Sie ist schmerzhaft und man fühlt sich klein und wertlos. Und man verspricht alles, um wieder geliebt zu werden.

So ein Angebot macht auch der Beter unseres Psalms und damit komme ich zur Losung: „Lass uns leben, so wollen wir deinen Namen anrufen.“ (Psalm 80, 19)

Wenn – Dann. Der Mensch ist nicht in der Position, Gott vor so eine Entscheidung zu stellen oder sie zu erzwingen, denn es geht nicht um weniger als die Gnade Gottes.

Das Volk Israel ist damals in die Irre und deshalb ins Exil gegangen. Um wieder in die Heimat zurückzukommen, musste es umkehren und umkehren ist nichts anderes als sich zu seiner Tat zu bekennen und sein Leben neu auszurichten, also Buße.

Deshalb finde ich es schade, dass nur die zweite Hälfte des Verses auf das Los geraten ist. Vollständig heißt er nämlich:

19 „So wollen wir nicht von dir weichen. Lass uns leben, so wollen wir deinen Namen anrufen.“

„So wollen wir nicht von dir weichen.“ Ist ein Gelöbnis und das Einräumen und Bekennen der Schuld: „Gott, wir sind von Dir abgewichen. Das reut uns sehr und wir wollen es nicht wieder tun.“

Und noch etwas wird deutlich: Eine Gesellschaft ohne Gott ist dem Untergang geweiht.

Und wie versöhnlich ist da der Lehrtext:

Jesus sprach zu Bartimäus: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

Markus 10,52

Der Glaube ist es, der alles möglich werden lässt.

Und meine Söhne glauben fest daran, daran, dass Sie eines Tages ein iPad von mir bekommen werden und eines Tages wird es auch so sein. Nun bin ich nicht der liebe Gott oder der große Wunscherfüller, aber ich bin ein Vater. Und als liebender Vater wird man immer wieder mit den kindlichen Wünschen und vor allem mit der festen Hoffnung und dem Glauben konfrontiert, wenn man nur heftig genug bittet, dass der Vater dann weich wird und es tut. Dieser kindliche Glaube fasziniert mich jeden Tag aufs Neue, denn als Sohn weiß ich auch, wie kritisch das Verhältnis zum Vater sein kann, dass man da auch schon mal selber auf Distanz gehen kann.

Der Lehrtext aus Markus 10 macht daher eines unmissverständlich deutlich: Der Glaube macht’s möglich.

Wenn ich nur glaube wird alles gut – im Glauben wirkt die ganze Kraft Gottes.

Amen.