Martin Dubberke

…denn ohne mich könnt ihr nichts tun

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. (Johannes 15, 1-8)

„Ohne mich könnt Ihr nichts tun.“ Dieser Satz aus Jesu Mund bleibt mir nach aller Weinlyrik besonders im Gemüt hängen. Ich kann ohne Jesus nichts tun? – Ich kann ohne Jesus nichts tun.Ohne Jesus bin ich außerstande auch nur irgendetwas zu tun. Was für eine Vorstellung?!? Ich bin ein Nichts, eine Null, unvermögend, eine Nullnummer ohne Jesus. Unvorstellbar in 21. Jahrhundert. Unvorstellbar in einer Zeit, wo Millionen Menschen arbeitslos sind. Viereinhalb Millionen Menschen sind es offiziell in Deutschland und mit der verdeckten Arbeitslosigkeit sind es zwischen sechs und zehn Millionen Menschen in unserem Land, die arbeitslos am Rande ihrer Existenz sind. Rechnen wir die Familien dazu, die Kinder, dann kommen wir bei wenigstens zwanzig Millionen Menschen an, die von der Arbeitslosigkeit und ihren Folgen betroffen sind. Hier tickt eine Zeitbombe in unserer Gesellschaft. Menschen, die der Staat als Weingärtner der Gesellschaft wegwirft und in der Perspektivlosigkeit verdorren lassen will. Menschen, die keine Frucht bringen. Menschen, die der Gesellschaft schaden. Sie kaufen nicht genug ein. Sie müssen durchgefüttert werden. Werden als wertlos, faul und kriminell hingestellt von den Weingärtnern unseres Landes. Nutznießer der Gemeinschaft, die der Gemeinschaft schaden, weil sie Geld kosten und kein Geld, keine Frucht bringen. Ich bin selbst lange genug arbeitslos gewesen. Habe Bewerbungen geschrieben, die ich nicht mehr zählen kann, habe ein Fortbildung gemacht, als es noch möglich war, vom Arbeitsamt eine Fortbildung zu bekommen und habe zahllose arbeitslose Leidensgenossinnen und –genossen kennengelernt, von denen nicht ein einziger gerne arbeitslos gewesen ist. Nicht einer, der nicht darunter gelitten hätte. Nicht einer darunter, der nicht die Hoffnung aufgegeben hätte, doch noch etwas zu finden. Nicht einer darunter, der gute Erfahrungen mit dem Arbeitsamt gemacht hat. Nicht einer, der an einen kompetenten Mitarbeiter dieser Bundesanstalt geraten ist. Nicht einer, der nicht gegen die Bundesanstalt prozessiert hat. Nicht einer, der vor Verzweiflung nicht schon einmal zusammengebrochen ist, weil er die Entwertung durch die Weingärtner dieses Staates nicht mehr ausgehalten hat: Du bist an Deiner Arbeitslosigkeit selbst schuld. Wenn Du Dich nur ein wenig mehr bemühen würdest, dann würdest Du auch etwas finden. Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit.

Ich erinnere mich noch sehr gut, an den Tag, an dem ich mich arbeitslos gemeldet habe und die Frau auf der anderen Seite des Schreibtisches zu mir sagte: „Ich kann nichts für sie tun.“ Mit diesem Satz werden täglich neue Arbeitslose auf dem Arbeitsamt begrüßt.

Wenn ein Weingärtner nur die Reben vom Stock schneidet, die kein Frucht bringen, nicht aber nach den Ursachen fragt, dann wird er immer weniger Wein ernten. Dann wird sein ganzer fruchtbarer Weinberg verrotten. Und dann wird nichts anderes mehr geschehen, als daß der ganze Weinberg verbrennt.

Und die Weingärtner Deutschlands fragen nicht nach den Ursachen. Sie schauen sich nur die Reben an und sagen, die Reben sind schuld. Also, schneiden wir die Reben ab.

Die Reben sind aber nur das sichtbare Zeichen einer Ursache. Sie sind das Zeichen dafür, daß der Weingärtner nicht den richtigen Grund gelegt hat.

Jesus nennt in seinem Gleichnis die Ursache für die guten Reben: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Der Weingärtner Gott hat einen guten Grund gelegt.

Das ist das ganze Geheimnis. Aber was heißt das: Wer in mir bleibt? – Wer in ihm bleibt, lebt nach seiner Lehre, der verwirklicht die gute Botschaft, der liebt seinen Nächsten wie sich selbst. Der weiß, daß der Sabbat um des Menschen willen gemacht wurde und nicht umgekehrt. Der liebt seine Feinde. Der tut Buße, ist friedfertig, barmherzig, hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, ist sanftmütig, trägt Leid und wird getröstet.

Also, müsste doch alles in unserer Welt eigentlich, leicht zu regeln sein, müsste unsere Welt doch das Paradies auf Erden sein.

Aber der Mensch ist nun einmal ein Mensch, auch wenn er nach dem Bilde geschaffen wurde. Der Mensch ist fehlbar, bequem und manchmal auch feige. Er hat Angst der Schwächere zu sein, zu unterliegen, verlacht zu werden. Er passt sich an und verrät sich nicht als Christ und verrät damit Gott.

Ich bin der festen Überzeugung, wenn alle Christen ihrer christlichen Verantwortung an allen Stellen, Orten und Bereichen, wo sie leben, wirken, leiten erkennbarnachkämen, dann gäbe es weniger Arbeitslose, so naiv wie es klingen mag.

Aber warum wird diese Verantwortung nicht wahrgenommen? Diese Antwort kann jeder Christ nur bei sich selbst finden.

Ja, ich bin ein Christ. Ich, Martin Dubberke, bin ein bekennender Christ. Aber bin ich auch ein guter Christ? Das können nur die Menschen wirklich beurteilen, die mich kennen. Und die Menschen wissen in aller Regel, daß ich ein gläubiger, aktiver Christ bin, weil ich daraus kein Geheimnis mache.

Aber bin ich deshalb ein guter Christ? Wie oft hätte ich in meinem Leben als Christ anders handeln müssen als ich es wirklich getan habe? Wie oft habe ich andere ausgebootet, weil ich – egoistisch wie ich nun einmal auch sein kann – an die Durchsetzung meiner eigenen Interessen gedacht habe. Wie oft habe ich getrickst? Wie oft habe ich das Maul gehalten, wo ein lauter Zwischenruf nötig gewesen wäre? Wie oft habe ich mein Mundwerk aus opportunistischen Gründen gehalten?

Wie oft habe ich mir aber auch den Mund verbrannt, weil ich mich z.B. mit meiner eigenen Kirche angelegt habe, weil ich nicht anders konnte? Wie oft bin ich dafür von ihr klein gehalten worden?

Wie oft wird ein Mensch minimiert und um einen Kopf kürzer gemacht, weil er aus seinem Glauben heraus nicht anders kann? Wie oft soll ein solcher Mensch unschädlich gemacht werden, indem man ihm seine Kompetenz abstreitet? Egal wo, ob am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft oder in unserer Kirche.

Wir müssen und sollen auch keine Kamikaze-Christen sein. Aber im Gebet, im Vertrauen auf Jesus Christus, seinen Vater und den Heiligen Geist wird es uns immer gelingen, die Lösung zu finden. Im Glauben und Gebet müssen wir aber aushalten, daß die Lösung oftmals dauern kann. Eine Rebe ist nicht von heute auf morgen reif. Bis ein Weinstock das erste Mal guten Wein gibt, dauert es eine ganze Weile. Und bis aus den Reben ein guter Wein geworden ist, dauert es noch einmal eine gute Zeit. Aber wir wissen, wenn wir es in seinem Sinne beginnen, wird es auch Frucht bringen.

Und an jeder Stelle meines Lebens, sowohl in den guten als auch in den schlechten Zeiten wird mir früher oder später immer wieder deutlich: Ohne Jesus, meinen Weinstock, kann ich nichts tun, kann ich nicht wirklich Frucht bringen.

Amen.

Gottesdienst am Sonnabend vor Jubilate 2003

10. Mai 2003

Silas-Kirche zu Berlin-Schöneberg

Predigttext: Johannes 15, 1-8

Perikopenreihe: I