Liebe Geschwister, ich halte hier etwas in meinen Händen, das einst die drei Weisen aus dem Morgenland mitgebracht haben, als sie anlässlich der Geburt Jesu Christi ihn und seine Eltern im berühmten Stall von Bethlehem aufgesucht haben. Es ist Myrrhe. Hier als reines Räucherharz. Es entfaltet einen wunderbaren Duft.
Aber die Myrrhe begegnet uns auch heute am Karfreitag wieder. Nikodemus bringt einhundert Pfund davon gemischt mit Aloe mit. Das wären heute etwa 32 Kilogramm und es würde einen hohen fünfstelligen Eurobetrag kosten. Nikodemus investierte damals einen Großteil seines Vermögens in diese edle und teure Salbe.
Die Myrrhe war bei den drei Weisen eines der Symbolgeschenke. Myrrhe steht für die Sterblichkeit, das Leiden und den Tod. Sprich: In der Tradition wird sie als Zeichen dafür gedeutet, dass ein König, nicht nur herrschen, sondern auch sterben wird.
Also schon bei Jesu Geburt wird mit diesem Geschenk darauf hingewiesen, dass Gott in die menschliche Sterblichkeit hineinkommt und damit auch ein sterbender Mensch ist. In diesem Geschenk klingt schon das an, was später am Karfreitag am Kreuz und im Grab vollendet wird.
Die Myrrhe ist damit ein Zeichen der Vollendung des Weges Jesu Christi. Am Anfang seines Lebens steht die Myrrhe dafür, dass Jesus kommen, leiden und sterben wird.
Am Karfreitag bestätigt Nikodemus nun mit der Totensalbe aus Myrrhe und Aloe, dass Jesus gekommen, gelitten und gestorben ist. Der Kreis schließt sich.
Für mich ist diese Myrrhe der Dreh- und Angelpunkt im Evangelium bei Johannes, das wir heute gehört haben.
Johannes ist ein sehr guter Erzähler, der auf das Detail achtet:
Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund.
Johannes 19,39
Wir erinnern uns. Nikodemus ist Pharisäer, ein Schriftgelehrter und Mitglied des Hohen Rates in Jerusalem. Für ihn stand alles auf dem Spiel, wenn man gesehen hätte, dass er sich mit Jesus trifft, wäre das sein Karriereende gewesen. Als einflussreicher Pharisäer, hätte ein solches Treffen seinen Ruf und seine Position gefährdet. Und da bot die Nacht natürlich die notwendige Diskretion. Aber die Nacht hat hier bei Johannes noch eine symbolische Funktion. Sie steht bei ihm als Bild für Unverständnis, Finsternis. Ein Mensch, der in der Nacht zu Jesus kommt, sucht das Licht. Und wir erinnern uns, dass es um die Frage ging: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? (Johannes 3,4). Schon hier verbirgt sich eine erster Hinweis auf Ostern.
Am Karfreitag vollzieht sich ein Wandel bei Nikodemus. Nikodemus verkörpert jetzt den Weg vom geheimen Sympathisanten zum offenen und auch öffentlichen Bekenner. Er geht also in das volle Risiko und damit – um im Bild zu bleiben – helle Licht der Verantwortung.
Wir können am Beispiel von Nikodemus einen wichtigen Dreischritt erkennen. Nämlich den von Angst, Verantwortung und Vertrauen.
Angst
Kam Nikodemus zuerst aus Angst vor seinen eigenen Leuten heimlich zu Jesus, bekennt er sich nun mit der Grablegung Jesu in aller Öffentlichkeit zu ihm. Der Tod Jesu bedeutet für ihn nicht, sich zu verstecken, sondern ganz bewusst in die Öffentlichkeit zu gehen, sich in aller Öffentlichkeit zu dem zu bekennen, der in aller Öffentlichkeit ermordet wurde, um dessen Macht zu brechen und zu beenden. Das edle Bekenntnis, das Nikodemus durch die Totensalbe aus Myrrhe und Aloe zum Ausdruck bringt, spricht hier eine andere Sprache: „Ihr könnt Jesus ermorden, aber nicht seine befreiende Botschaft.“
Verantwortung
Mit diesem Schritt bringt Nikodemus zum Ausdruck:
„Ich bleibe mit meiner Sympathie für Jesus nicht mehr im Verborgenen, sondern ich gehe dorthin, wo ich Verantwortung tragen soll, eine Verantwortung, wie Jesus sie uns gelehrt hat.“
Vertrauen
Mit diesem sich zu Jesus bekennendem Gang in die Öffentlichkeit, bringt Nikodemus aber auch zugleich sein ganzes Vertrauen zu Jesus Christus zum Ausdruck. Es ist ein Vertrauen in eine Zukunft, die er nicht kennt, die er nicht kontrollieren kann. Er legt mit Josef von Arimathäa und anderen, nachdem sie ihn eingesalbt haben, in ein neues und leeres Grab, ohne auch nur den Ansatz einer Ahnung davon zu haben, was am dritten Tag danach geschehen wird.
Es ist, als würde er in dieser Situation, in der sich die Jünger Jesu verstecken, resignieren, sagen: „Ich vertraue darauf, dass aus dem scheinbar Endgültigen dieser Situation etwas Neues erwachsen kann, selbst, wenn ich es jetzt noch nicht sehen kann.“
Diese Geschichte von Nikodemus an dem Tag, der aus der Situation jener Zeit heraus, nicht nur ein Tag der Trauer, sondern für viele andere ein Tag der Freude und des Jubels war, denn noch klingt in unseren Ohren auch zweitausend Jahre später noch das „Kreuzige ihn“ nach, war für die Anhänger Jesu Christi auch ein Tag der Depression, Aussichtslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Doch diese Geschichte von Nikodemus weist uns auch heute noch den Weg aus der Angst, der Verzagtheit in die Verantwortung und das Vertrauen durch unserem Glauben an den Dreieinigen Gott.
Von Nikodemus dürfen wir auch in der dunkelsten Stunde lernen, nicht im Dunkeln zu bleiben, sondern ans Licht zu gehen: Du muss nicht heimlich zu deinem Glauben stehen, sondern du kannst ihn öffentlich leben mit allem, was du bist und hast, mit deiner Zeit und nicht zuletzt mit deiner Stimme. Es war wichtig, dass Nikodemus das getan hat, weil er uns damit die Möglichkeit eröffnet hat, es ihm heute gleichzutun.
Und an diesem und jedem Karfreitag kommt etwas zur Sprache, was auch die Menschen erreichen kann, die mit Jesus, Kirche und Glaube nichts am Hut haben. Denn wenn es heißt, dass Jesus am Kreuz die Schuld der Welt auf sich genommen hat, dann hat er sie ohne jede Ausnahme auf sich genommen.
In der weltlichen Perspektive bedeutet das: Nur wer sich mit Schuld und Verantwortung, wer sich mit den Ursachen auseinandersetzt, anstatt sie zu verdrängen und auf andere zu schieben, schafft die Grundlage für Frieden, Gerechtigkeit und das, wonach sich doch eigentlich alle Menschen sehnen: nach Versöhnung.
Karfreitag erinnert uns alle, die wir an Jesus Christus glauben, daran, uns wie Nikodemus öffentlich zu diesem Jesus Christus zu bekennen und bekennend zu handeln.
Amen!
Pfarrer Martin Dubberke
Predigt in St. Markus München am Karfreitag, 3. April 2026, über Johannes 19,31-42
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