Martin Dubberke | Pfarrer

Zeichen

Ja, das Bild drängt sich auf. Bush zieht in Bagdad ein. Und die Menschen begrüßen die amerikanischen GI’s auf den Straßen nicht als Besatzer, sondern als Befreier. So zeigt des das Fernsehen, so vermitteln es die Medien. Und sicherlich fällt auch von dem Land und den Menschen eine Last ab. Und wer jetzt Angst hat und um sein Leben fürchtet, sind entweder diejenigen, die zu sehr mit dem Regime verstrickt waren oder die Verblendeten oder einfach nur diejenigen, die nicht wollen, daß jemand über sie die Macht ergreift, der nicht einer der ihren ist. Bagdad ist gefallen. Und die Sieger stürzen nach altem Brauch die Heiligenbilder der Unterlegenen, schleifen die Statuen und Bilder Saddam Husseins in den Straßen der Stadt und des Landes. Sie stürmen die Paläste, setzen sich auf die Throne. Doch eines ist anders als sonst. Nicht der Sieger plündert die Heiligtümer der Macht und Symbole der Macht, sondern das Volk. Das Volk stürmt die Paläste und räumt sie aus. Das Volk schleift mit Hilfe der us-amerikanischen Truppen die Standbilder Saddams. Wenn man ihn selbst nicht fassen kann, so doch seine Bilder. Der Feind, das personifizierte Böse – Saddam Hussein – ist wie vom Erdboden verschwunden. Es ist wie ein Gleichnis. Ich kann das Böse bekämpfen, aber ich kann es nicht ausrotten. Wer glaubt, es mit aller Gewalt ausrotten zu können, der steht selbst auf der Schwelle zum Bösen. Das Böse gehört zur Natur unseres Seins. Das Böse ist eine unheimliche Energie, der wir versuchen, mit Hilfe der Energie des Guten nicht das Feld zu überlassen. Die Energie des Guten sind aber nicht Waffen, sind keine Panzer, sind keine Bunker brechenden Bomben, sind keine MG-Salven, die auf zivile Fahrzeuge abgefeuert werden. Die Pax amerikana kommt mit Waffen, gefolgt von Kaugummi und Coca Cola. Es hat sich nichts geändert. Die Pax amerikana, der amerikanische Friede bringt stülpt seine Interessen und seinen Way of Life, seine Art zu leben, über ein Land. Die Macht ist neu verteilt. Die Ölquellen werden von Konzernen verwaltet, die in das Umfeld des Bush-Konzerns gehören. Papa Bush gehört einer der größten amerikanischen Ölkonzerne. Ist das Befreiung?

Jesus, der Retter, der Befreier zieht in Jerusalem ein, eine besetzte Stadt. Jesus zieht in eine besetzte Stadt ein. Die geistliche Macht hat zwar noch der Hohe Rat, die weltliche und entscheidende aber hat die römische Besatzungsmacht. Rom hat über Israel die Pax Romana, den Römischen Frieden gebracht.

Jesus zieht in Jerusalem ein. Und er tut es nicht auf einem Streitwagen, also einem antiken Panzer, sondern auf einem Eselsfüllen. Einem Eselchen, einem jungen, kleinen, zarten Esel. Keinem starken und Respekt einflößendem Pferd. Auf diesem Esel sitzt er mit dem Volk auf Augenhöhe. Keine Insignien der Macht. Keine Inszenierung von Macht. Demut.

Und die Menschen rufen ihm zu: Hosianna! Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!

Hosianna ist kein wirklicher Jubelruf. Hosianna heißt: „Hilf doch!“ Hilf doch, Du bist der, der im Namen Gottes kommt.

Ein Hilferuf und ein Bekenntnis.

Das Volk schwenkte Palmenzweige. Das ist etwas anderes, als die weißen Tücher, mit den die Bürger Bagdads, Basras und der anderen irakischen Städte auf die Straße gehen. Ein weißes Tuch ist Zeichen der Kapitulation. Bitte, tu mir nichts! Ich kämpfe nicht! Ich ergebe mich! Ich unterwerfe mich!

Die Palmenzweige sind alles andere als Zeichen der Ergebenheit und Kapitulation. Die Palmenzweige sind ein Zeichen des Sieges. Mit Jesus können wir siegen. Mit Jesus kommt die Freiheit, die Befreiung.

Jesus sagt nicht, daß man die Bösen umbringen solle, sondern das Böse in sich selbst durch das Gute ersetzen solle. Jesus eröffnet Perspektiven durch Einsicht, nicht durch Befehl und Waffengewalt.

Jesus beeindruckt die Menschen nicht durch Drohungen, sondern durch Wunder. Jesus hat eine Macht über den Tod. Jesus kann wieder zum Leben erwecken. Das ist etwas anderes, als die Macht zu haben, jemanden zu töten. Jesus kann Tote wieder zum Leben erwecken. Was tot war, lebt wieder.

So ein Mann gefährlicher als alle Verbrecher zusammen. So ein Mann beeindruckt das Volk, mobilisiert die Massen ohne Demagoge zu sein ohne die Masse zu missbrauchen. Er verführt die Massen nicht durch frömmelnde Parolen. Jesus deckt den Missbrauch der Mächtigen auf. Er bricht mit einfachen Argumenten, Herz und innerer Autorität, durch sein Mensch- und Gottsein in einem die Bunker und Bastionen der Machtmissbraucher und Unterdrücker auf. Gott schenkt Freiheit, nicht Menschen. Weil Gott Freiheit geschenkt hat, habe ich auch ein Recht auf Freiheit. Ich muß dieses Recht erkennen und einklagen können. Ich selbst muß in die Freiheit wachsen können. Das verleiht mir Selbstbewusstsein und natürliche Stärke. Das gibt Stabilität, die nicht durch neuen Machtmissbrauch aufrechterhalten werden muß.

Ja, es ist gut, daß Saddam nicht mehr an der Macht zu sein scheint. Ja, es ist auch gut, daß das irakische Volk die Chance hat, nicht mehr von einem Diktator geknechtet und unterdrückt zu werden. Ja, es ist gut, daß die Menschen im Irak, eine Chance haben, nicht länger von der eigenen Regierung gefoltert und umgebracht zu werden.

Ja, es ist nicht gut, daß diese Chance mit Blut bezahlt werden musste von Menschen, die unschuldig sind. Ja, es ist nicht gut, daß Befreiung als Vorwand eigener vitaler us-amerikanischer Interessen mißbraucht worden ist. Ja, es ist nicht gutzuheißen, daß die Arbeit der UNO-Waffeninspektoren dazu missbraucht worden ist, herauszufinden, daß der Irak keine Chemiewaffen und keine Massenvernichtungswaffen besitzt, um die Sicherheit einer geringen Gegenwehr zu haben.

Ja, es ist ein Verbrechen, Zivilisten zu töten. Ja, es ist ein Verbrechen, bei aller Zielgenauigkeit und Präzision der Waffen, Raketen auf Märkte abzufeuern. Ja, es ist ein Verbrechen, auf Journalisten zu schießen, die kritisch über diesen Krieg berichten. Und es ist ein größeres Verbrechen, hier die eigene Verantwortung zu leugnen.

Ja, und ich bin ehrlich, ich weiß auch nicht, wie man Saddam Hussein hätte entmachten können. Ich weiß aber, daß Saddam das Ergebnis einer Politik gewesen ist, die dazu dienen sollte, die eigene Position in der Region zu stärken. Saddam ist keine Ursache gewesen, sondern ein Symptom. Und das sollte uns erschrecken. Menschen wie Saddam Hussein zu töten, Länder, die sich auf einer gedachten Achse des Bösen zu befinden, sind keine Ursache, sondern haben eine Ursache. Wenn ich solche Despoten und Länder durch Waffengewalt aus dem Weg räume, beseitige ich nie die Ursache, sondern nur das Symptom.

Die Ursache liegt u.a. darin, daß wir Gott dazu missbrauchen, um unsere Macht zu rechtfertigen und unsere Kriege zu rechtfertigen, sich und sein Land als das auserwählte Volk Gottes zu deuten und zu glauben. Gott hat nur einmal ein Land als sein besonderes Volk auserwählt und das waren bekanntermaßen nicht die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern das Volk Israel. Und in der Folge hat Gott das ganze Gottesvolk, seine Schöpfung erwählt und es durch die Mission seines Sohnes bestätigt.

Die Pharisäer, die ein ausgezeichnetes Gespür für die Macht und den Umgang mit der Macht hatten, haben die besondere Gefahr erkannt, die von Jesus Christus ausging, als sie untereinander sagten: „Ihr seht, daß Ihr nichts ausrichtet; siehe alle Welt läuft ihm nach.“

Sie haben erkannt, daß man letzten Endes nichts ausrichten kann, wenn man die Sehnsucht, die Herzen der Menschen erreicht hat, wenn die Menschen spüren oder verstehen, wie Freiheit funktioniert, wenn Sie den Glauben an die Mächtigen verlieren und sich von deren Macht befreien. Es gibt eine Freiheit, die in den Herzen lebt und diese Freiheit macht unabhängig. Solche Freiheit ist gefährlicher als jede Bunker brechende Bombe.

Deshalb musste Jesus so schnell wie möglich sterben, damit sich der Virus der Freiheit kontrollieren ließ. Deshalb wurde mit Barnabas ein Verbrecher freigelassen, der den Regierenden weniger gefährlich war, als Jesus.

Aber die Reaktion der Menge, als Jesus in Jerusalem einzog, macht deutlich, daß es ein verzweifeltes Vorhaben war, ihn aus der Welt zu schaffen. Die Menge hatte ihn als den erkannt, der er war, der, der im Namen des Herrn kam. Deshalb lobten sie ihn. Deshalb riefen sie: Hosianna. Hilf doch! Weil er der einzige war und ist, von dem uneigennützig Hilfe kommen konnte und kann. Deshalb schwenkten Sie Palmenzweige, weil nur mit Jesus der Sieg möglich wird. Ein Sieg, der nicht auf Attentate und Morde angewiesen ist, sondern auf eine Gesinnung, wie sie im Brief an die Philipper (2, 5-11) festgehalten ist:

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:[A] 6 Er, der [a] in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm [a] Knechtsgestalt an, [b] ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8 Er [a] erniedrigte sich selbst und ward [b] gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9 Darum hat ihn auch Gott [a] erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, 10 daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, [a] 11 und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. [a]

Ich hoffe und bete, daß alle Politiker, egal, ob sie in einen Krieg führen oder nicht, genau das erkennen und danach leben. Sie sind nicht Knecht einer Lobby, sondern Diener des Volkes. Sie haben für das Volk zu arbeiten, nicht für Ölkonzerne, nicht für Pharmakonzerne und ähnliches mehr, sondern für das Volk. Dafür müssen sie auch die eigene politische Existenz auf Spiel setzen. Sie dürfen es nicht für einen Raub halten, dem Volk gleich zu sein.

 

Amen.

Gottesdienst am Sonnabend vor Palmarum 2003
12. April 2003
Silas-Kirche zu Berlin-Schöneberg
Predigttext: Johannes 12, 12-19
Perikopenreihe: I