Martin Dubberke | Pfarrer

Wir alle sind kleine Felsen…

Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien,die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels. Johannes 1,35-42

Wir sind mit diesem Text noch ganz am Anfang der Geschichte Jesu. Es ist wie ein Vorspiel. Noch ist Johannes der Täufer aktiv. Er tauft die Menschen, die zu ihm kommen und kündigt ihnen den Messias an. Die Wirkungszeit Jesu hatte noch nicht wirklich begonnen. Alles steht auf Start.Und Johannes der Täufer tut auch in dieser Geschichte das, was sein Auftrag war: Die Ankündigung des Messias. Die Ankündigung Jesu.

Johannes erkannte, wer ihm folgen würde. Er sah sofort, als Jesus vor ihm stand, dass nun die Zeit gekommen war, mit der seine Zeit zu Ende gehen sollte, weil sein Auftrag nun erfüllt war.Johannes, der dieser Tage gerade in Bethanien, jenseits des Jordan taufte, hatte auch Jünger im Gefolge. Sie lernten bei ihm, waren seine Assistenten und warben wahrscheinlich auch Menschen an, die sich taufen lassen wollten.Wie gesagt, Johannes erkennt, dass eine neue Zeit anbricht und sein Werk der Vollendung entgegengeht und damit ist eine Staffelübergabe verbunden. Es hat keinen Sinn mehr, wenn er selbst Jünger hat, die ihm folgen, denn Johannes wird nun ein Mann von gestern sein.Die Zukunft hat begonnen, denn Jesus, das Lamm Gottes, ist nun da. Und so weist Johannes zwei seiner Jünger, die gerade bei ihm standen, auf Jesus hin: “Siehe, das ist Gottes Lamm!” Sie sollen nun ihm folgen.

Die beiden Johannes-Jünger laufen dem Mann, der sich Jesus nennt, in gebührendem Abstand nach. Natürlich fällt Jesus das sofort auf und er fragt sie, was sie wollen. Sie nennen Ihn Rabbi, also Meister, und damit ist der religiöse Lehrer gemeint.Jesu lädt sie ein, ihm in seine Herberge zu folgen und sie kommen miteinander ins Gespräch. Es bleibt kein Zweifel. Er ist der Messias. Andreas, der eine von den beiden Johannes-Jüngern, sagt zu seinem Bruder Simon: “Wir haben den Messias gefunden.”

Und dann schleppt Andreas seinen Bruder zu Jesus und jetzt passiert etwas absolut spannendes – und das schon nach erst 42 Versen. Jesus sagt zu Simon: “Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.”Wir kennen den Satz aus einem anderen Evangelium anders: Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Mt 16,18Mit einem Male stehen hier drei Generationen zusammen, drei Epochen. Die Vor-Jesus-Ära, geprägt durch Johannes und seine Jünger, die Jesus-Ära und die Nach-Jesus-Ära, in der wir heute leben.

Die Geschichte des Simon Petrus oder Simon Fels setzt sich bei unseren katholischen Schwestern und Brüdern bis heute in der Gestalt des Papstes fort.In wenigen Wochen wird Papst Benedikt auch in Berlin sein. Er steht in einer langen, langen Linie, die von jenem Simon Petrus in Betanien jenseits des Jordan herkommt. Mit einem Male rückt die kleine Szene aus dem alten Israel ganz in unsere Nähe, ganz in unsere Zeit.

Und ich bin – auch als nüchterner Protestant – tief beeindruckt, wie das, was Jesus einmal angekündigt hat, bis heute – auch im Papst – fortlebt.Und ich stelle mir die Frage, was dieser Predigttext für uns heute bedeuten kann und komme da auf eine ganze einfache Lösung:

Jeder von uns ist ein kleiner Stein, ein kleiner Fels, auf dem Jesus seine Gemeinde baut. Jeder von uns ist auch ein kleiner Rabbi, ein Lehrer, der den Glauben an Jesus mit seinen Fragen und Antworten weitergibt.

Ohne uns kleine Steine gäbe es heute keine Kirche mehr. Und damit komme ich zu dem berühmten Begriff, den Martin Luther geprägt hat: Das Priestertum aller Getauften. Wir alle, ob mit oder ohne Theologiestudium, sind befähigt von Gott zu reden und zu predigen und damit seine Kirche aufzubauen, am Leben zu erhalten und sie in die Zukunft hinein zu bauen.Und plötzlich fühle ich mich wieder der kleinen Szene in Betanien ganz nah: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

Amen.