Martin Dubberke | Pfarrer

Was ist Glaube?

Was, liebe Schwestern und Brüder, ist Glaube? Diese Frage ist einfach und schwierig gleichermaßen. Die Beantwortung dieser Frage füllt ganze Bücherregale. Allein Amazon nennt zum Stichwort „Glaube“ 89.160 Buchtitel – mehr als ein Mensch in seinem ganzen Leben lesen kann. Und Google nennt – und schränkt sich dabei schon ein – „ungefähr 65.900.000 Ergebnisse“. Allein an diesem beiden Zahlen, die ich in weniger als 10 Sekunden an meinem Rechner herausfinden kann, lässt sich ablesen, wie bestimmend das Thema Glaube in dieser Welt sein muss. Wie viele Menschen sich mit dieser Frage, diesem Thema auseinandersetzen und dazu etwas schreiben. Und das sind nur die deutschen Ergebnisse.

Wir wollen uns davon aber nicht einschüchtern lassen. Was also, ist Glaube? Lassen Sie uns Quasimodigeniti – also, wie die kleinen Kinder – der Frage nähern. Auf der Suche nach einer Antwort helfen uns die Texte und Lesungen in diesem Gottesdienst.

Schauen wir zuerst auf den Psalm:

Ich liebe den HERRN,
denn er hört die Stimme meines Flehens. Psalm 116, 1

Glaube ist also die Liebe zu Gott dem HERRN. Und diese Liebe gründet in der Fähigkeit Gottes, unser Flehen zu hören. Uns in der Not, nicht alleine zu lassen, sondern als letzter Anker in der Bedrängnis für mich da zu sein. Wenn alle anderen mich verlassen haben, dann ist Gott noch immer da. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unheil.“ Ich kann zu Gott immer kommen, egal, ob es mir gut oder schlecht geht.

Glaube ist also die Liebe zu Gott, die auf einer existentiellen Erfahrung mit Gott beruht.

So, und was gibt mir nun die Epistel mit auf den Weg?

Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb;
und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht. 1. Petrus 1, 8

Das ist ein ganz zentraler Aspekt des Glaubens. Gott nicht zu sehen und doch an ihn zu glauben. Glaube ist also Vertrauen, obwohl ich keinen fassbaren Beweis für die Existenz Gottes habe. Ich kann in die Kirche gehen, auf das Kreuz als Zeichen des Leidens und der Erlösung schauen. Ich kann das Kreuz anfassen. Ich kann das Abendmahl feiern und hier eine besondere Nähe spüren. Aber ich kann Gott nicht sehen. Und gleichzeitig erfasst uns heiliges Schauern und Faszination, wenn wir Bilder vom berühmten Turiner Grabtuch sehen, dass das Gesicht Jesu zeigen soll.

Wir leben in der Zeit nach dem Tod Jesu, seiner Auferstehung und seine Himmelfahrt. Zweitausend Jahre glauben Menschen an Jesus Christus. Glaube ist also auch die Kraft aus der Tradition, der Weitergabe des Glaubens, weil andere glauben oder geglaubt haben und uns dem Glauben nahe gebracht haben.

Und doch hat Glaube auch etwas mit Anfassen zu tun. Jesus hat Verständnis dafür, dass man manchmal auch etwas zum Anfassen braucht, um das Unfassbare fassbar zu machen. Und das erfahren wir aus dem Evangelium:

Weil Du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst Du! Johannes 20, 29

Thomas steht für einen sehr robusten Mann des Glaubens, der schon mal sagt: „Wenn ich an Dich glauben soll, dann musst Du mir auch etwas zeigen.“ Thomas steht nicht für den Unglauben, sondern dafür, dass Glaube nicht nur hinnehmen und akzeptieren bedeutet, sondern auch nachfragen, um zu verstehen. Und, seien wir mal ehrlich, stellen wir uns doch mal vor, wir wären mit Jesus durch das Land gezogen und hätten erlebt, wie er qualvoll am Kreuz hingerichtet worden ist und jemand würde zu uns sagen: „Du, Jesus ist heute bei uns gewesen.“ Wir würden ihm alles andere glauben, nur das nicht. Wir dächten vielleicht, dass er zu tief in den Weinschlauch geschaut hätte. Und würden einen Beweis dafür fordern. Das ist absolut ok und normal.

Also, Glaube, heißt auch, den Glauben zu hinterfragen und nichts für selbstverständlich zu nehmen.

Tja, und damit komme ich nun endlich zum Predigttext. Und hier fällt mir natürlich – wie kann es anders sein – der vorletzte Vers ins Auge:

…ich habe Gott von Angesicht gesehen… 1. Mose 32, 31

Jakob hat eine ganz besondere Erfahrung gemacht. Er hat nämlich nicht nur Gott gesehen, sondern auch mit ihm gerungen. Und er hat es überlebt. Er hat es nicht nur überlebt, sondern Gott – wenn man es überhaupt so nennen kann – körperlich in die Knie gezwungen. Selbst als Gott ihm auf die Hüfte schlug und ihm diese ausrenkte, gab Jakob nicht auf.

Dieses Ringen mit Gott hat noch einmal eine ganz andere Qualität, als das „Warum-Fragen“ von Hiob, der einfach nur verstehen wollte.

Glaube ist Ringen mit Gott! Und das unglaublich Faszinierende daran ist, dass es mich nicht umbringt, sondern ganz im Gegenteil, mich stärkt. Das Ringen mit Gott hinterlässt Spuren an mir. Das macht die ausgerenkte Hüfte von Jakob deutlich. Es macht aber auch etwas anderes deutlich. Das Ringen mit Gott verändert mich. Ich kann mehr Selbstbewusstsein entwickeln. In diesem Ringen mit Gott erkenne ich meine eigene Stärke. Und welche Kraft und Energie muss in Jakob gewesen sein, dass er bis zur Morgenröte mit Gott ringen konnte. Und das nach einer harten Arbeitsnacht. Jakob hatte seine ganze Familie, seine Mitarbeiter und seinen Besitz über den Jabbok gebracht. Um zu erahnen, welche Arbeit er geleistet hat, müssen nur ein paar Verse nach vorne schauen, wo wir nachlesen können, dass zu seiner Belegschaft mindestens 400 Menschen gehört haben. Und wir können dort nachlesen, was Jakob seinem Bruder Esau als Geschenk von seinem eigenen Besitz vorausgeschickt hat:

  • Zweihundert Ziegen,
  • zwanzig Böcke,
  • zweihundert Schafe,
  • zwanzig Widder und
  • dreißig säugende Kamele mit ihren Füllen,
  • vierzig Kühe und zehn junge Stiere,
  • zwanzig Eselinnen und zehn Esel… (1. Mose, 23, 15f)

Das alles war nur ein Bruchteil seines Besitzes. Wir bekommen eine Ahnung davon, wie erschöpft Jakob eigentlich gewesen sein muss, als er alleine zurück blieb.

Alleine – auch das ist ein Teil des Glaubens. Glaube ist also mein persönliches Verhältnis zu Gott. Ich ringe mit ihm nicht in der Gruppe oder lasse ringen, sondern ICH ALLEIN ringe mit ihm.

Und dann passiert etwas ganz Verrücktes: Jakob hält Gott anscheinend so sehr im Schwitzkasten, das Gott ihm auf die Hüfte schlägt und als das nicht reicht, bittet er ihn gehen zu lassen, denn sie hätten ja nun lange gerungen und der Morgen bräche an.

Aber für Jakob wäre es ein ergebnisloses Ringen gewesen, denn Jakob ist bewusst, mit wem er da über Stunden im Kampf ist. So sagt er zu ihm: „Ich lasse dich nicht, du segnest mit denn!“

Damit gibt Jakob Gott zu verstehen, dass er ihn erkannt hat. Glauben heißt also auch, Gott zu erkennen.

Aber Gott gibt nicht so ohne Weiteres seinen Segen, sondern fragt nun Jakob, wie er heißt. Und dazu muss man wissen, dass im der Name auch immer das Wesen seines Trägers preisgibt. Jakob heißt so viel wie „Von Gott beschützt“. Doch was passiert? Gott sagt nicht: „Nett, Dich kennen zu lernen. Mein Name ist Gott.“ Sondern Gott gibt Jakob in diesem Moment einen neuen Namen, einen sogenannten Ehrennamen:

„Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“

Der neue Name Israel heißt so viel wie „Gottes-Streiter“. Zu Jakobs Wesen ist nun eine neue Eigenschaft hinzugekommen. Er ist Gottes-Streiter. Sein Glaube hat sich im Ringen als so stark erwiesen, dass Gott nun ihm vertraut und dies mit seinem Segen untermauert.

Jakobs Frage, wer er denn sei, kann hier nur als rhetorische Frage verstanden werden. Sie ist eigentlich überflüssig. Jakobs Geschichte macht deutlich, dass es um das Erleben Gottes geht. Er muss dann nicht mehr sagen, wer er ist.

Mit dem Segen weicht die Anfechtung von Jakob. Er ist nun so zugerüstet, dass er sich der schwierigen Begegnung mit seinem Bruder Esau, die im nachfolgenden Kapitel der Genesis ansteht, stellen kann.

Und damit sind wir eigentlich wieder am Anfang unseres kleinen Glaubensexkurses:

„Ich liebe den HERRN,
denn er hört die Stimme meines Flehens.“ Psalm 116, 1

AMEN.

Predigt am Sonnabend vor Sonntag Quasimodigeniti 2015 – gehalten am 11. April 2015 in der Silas-Kirche in Berlin-Schöneberg