Martin Dubberke | Pfarrer

Wer, wenn nicht wir

„Wenn Du nicht artig bist, rufe ich den Weihnachtsmann an und dann wird es nichts mit Weihnachten.“

Oder: „Wenn Du am Nikolaustag eine Rute im Schuh findest, würde ich an Deiner Stelle etwas artiger sein, sonst wird es nichts mit Weihnachten.“

Ich gehe jede Wette ein, dass jeder von uns mal so einen oder einen ähnlichen Satz von seinen Eltern gehört hat oder gar selbst gesprochen hat. Schwarze Pädagogik oder einfach nur der klassische Tun-Ergehens-Zusammenhang. Sehr effektiv. Zumindest im Moment. Tust Du Gutes, wird Dir Gutes folgen. Das funktioniert alles gut, solange das Kind noch an den Weihnachtsmann glaubt und das damit verbundene Wunder glaubt. Sobald dieser Glaube an den großen, bärtigen Mann im roten Mantel mit weißem Fellbesatz noch existiert, ist das alles kein Problem. Diese kleine Drohung kann Wunder bewirken und Kinder zu Höchstleistungen in Artigkeit motivieren. Doch was macht man, wenn der Glaube an den Weihnachtsmann dann irgendwann einmal zerstört ist. Und der Moment kommt im Leben eines Kindes so sicher wie das Amen in der Kirche. Dann ziehen diese kleinen Drohungen oder  – positiv gesprochen – Versprechungen nicht mehr.

Und da stelle ich mir die Frage, wie viel die Zusage, die die Losung heute für uns bereithält, denn überhaupt noch wert ist? Wie viele Menschen glauben denn noch an den lieben Gott und die damit verbundenen Zusagen und Glaubenspflichten?

Der HERR wird einem jeden seine Gerechtigkeit und Treue vergelten. (1.Samuel 26,23)

Das ist doch auf den ersten Blick nichts anderes als die schwarze Weihnachtsmannpädagogik. Aber halt nur auf den ersten Blick. Der Vers aus dem 1. Samuel sagt nicht: „Biste nicht gerecht, jehste leer aus.“ Der Autor dieses Verses hat – im Gegensatz zu uns Schwarzsehern und Misanthropen des 21. Jahrhunderts, die Menschen so gerne in Schubladen packen, weil es so einfach ist und die Welt scheinbar so einfach und händelbar macht – einen absolut positiven Ansatz. Er geht davon aus, dass in jedem Menschen Treue und Gerechtigkeit zu Gott stecken. Er unterscheidet eben nur den Grad der Gerechtigkeit und Treue. Je mehr Gerechtigkeit und Treue du auf die Waagschale zu legen im Stande bist, desto höher fällt die Vergeltung durch Gott aus. Ich finde, das ist ein äußerst positives Menschenbild, das freundlich mit dem Menschen umgeht und ihn doch auch gleichzeitig anspornt, so viel wie nur irgend möglich von der Vergeltung Gottes zu bekommen. In jedem Menschen steckt das Zeug zum Guten. Man muss nur einen Weg finden, so viel wie nur möglich davon heraus zu kitzeln. Und je mehr es gelingt, davon heraus zu kitzeln, desto besser wird die Welt.

Das hat – die Geschichte macht es deutlich – leider nicht immer funktioniert. Ganz im Gegenteil. Wir sind heute an einem Punkt angelangt, an dem Kirche und damit der christliche Glaube in unserer Gesellschaft mehr und mehr an Bedeutung verliert. Wie kann ich da noch das Gute aus einem Menschen mit so einem Vers heraus kitzeln, wenn er gar nicht mehr an Gott glaubt und damit die Vergeltung Gottes für Ihn gar keine Belohnung mehr sein kann, weil er ja glaubt – ist das nicht eine schöne Formulierung – , dass es gar keinen Gott gibt. Ja, auch der Atheist, glaubt. Und manchmal glaube ich, dass Gott die Rechnung ohne den Menschen gemacht hat. Aber das kann nicht sein. Ich glaube vielmehr, dass er damit bei denen, die glauben, die Dringlichkeit offen gelebten Glaubens provozieren möchte, wider das schleichende Gift, dass Glaube vermeintlich eine Privatsache sei. Glaube ist öffentlich. Jeder Kirchturm, jedes Geläut macht deutlich, dass die frohe Botschaft nicht in die eigenen vier Wände eingesperrt werden darf, sondern öffentlich werden muss. Der dem Ruf der Glocke folgt, muss auf die Straße gehen und mit dem Betreten der Kirche vor aller Öffentlichkeit ein Bekenntnis ablegen. 

Damit kommt uns – immer kleiner werdenden Häuflein – in dieser Welt eine immer größer werdende Aufgabe zu: Nicht müde zu werden, unseren Glauben nicht zu verheimlichen oder wie einst Petrus zu verleugnen, sondern immer deutlich werden zu lassen: Ich tue das, weil ich als Christ nicht anders kann.

Und wie trefflich ist da der Lehrtext aus dem Brief an die Galater:„Lasst uns Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.“ (Galater 6,9)

Das ist die Antwort und der Auftrag an uns. Das ist nichts anderes als das Losungswort. Die Ernte ist die Vergeltung Gottes. Ihr geht unser Tun, unsere Mühe, unser nicht nachlassendes Engagement voraus. Nur wenn wir uns um die Saat mühen, können wir auch zur rechten Zeit ernten. Ohne Saat keine Ernte. Ohne Ernte, nicht auszudenken…

Egal wie steinig oder dornig auch der Acker im bildlichen Sinne sein mag, an dem wir uns abmühen, am Ende steht die Ernte. Egal wie heftig man uns angeht oder in Zweifel zieht. Egal, ob so ein steiniger Ackerboden – pardon Mensch – uns die kalte Schulter zeigt oder uns mit abwertender Rede wie mit einer Dorne verletzen mag. Es darf uns nicht von unserer Mission abhalten. Denn wer glaubt, der ist auch geschickt. Der hat eine Botschaft und die gehört nicht in die vier heimeligen Wände, sondern nach draußen in die Welt. Wer nicht sät, der kann nicht ernten. Wer nicht ernten kann, der wird verhungern. Und damit lande ich wieder bei der Losung. Der Grad unserer Gerechtigkeit und Treue wird deutlich in unserem Handeln, hier und jetzt und morgen und überhaupt. Unser Handeln macht täglich deutlich, wie ernst wir es mit der großen Sache, mit Gott, nehmen.

Also: „Lasst uns Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.“

Amen.