Martin Dubberke | Pfarrer

Heiligt Euch!

Heiligt Euch! Ja, liebe Gemeinde: Heiligt Euch! – Wenn das nicht mal ein starker Einstieg in eine Predigt ist, dann weiß ich es auch nicht. Nein, es ist nicht so – wie kürzlich eine Gottesdienstbesucherin bei mir vermutete –, dass ich ein Sektierer bin. Nein, ganz und gar nicht, denn ich grüße Sie heute lediglich mit zwei Worten, die im Predigttext aus dem Josua-Buch eine wichtige Rolle spielen.

Josua, der Nachfolger Moses, spricht diese Worte am Vorabend eines historischen Ereignisses, das in der Geschichte ohne Vergleich ist. Das Volk Israel steht an den Ufern des Jordan, an dessen anderer Seite das verheißene Land auf sie wartet. Sie sind kurz vorm Ziel einer langen, sehr langen Wanderung durch die Wüste. Vor ihnen liegt das ersehnte Ziel. Aber so einfach durch den Jordan geht es dann doch nicht. Wen wundert’s?

Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der Herr Wunder unter euch tun. Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der Herr sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen.

Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des Herrn, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan.

Und die Priester, die die Lade des Bundes des Herrn trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Josua 3, 5-11.17

Tja, wenn etwas Altes zu Ende geht und etwas Neues beginnt, dann muss man das Alte auch hinter sich lassen, damit man sich ganz auf das Neue konzentrieren kann, man keine Altlasten mit hinüber schleppt, die einem im neuen Leben unangenehm einholen könnten, die Ballast sind. Also: „Heiligt Euch! Bringt alles in Reine! Vertragt Euch miteinander. Schaut, was Euch von anderen trennt, was ihr hinter Euch lassen wollt und sollt. Heiligen heißt, sich heil machen. Ein Streit, ein nicht beendeter Konflikt ist eine Wunde, die mich schwächt. Also, klärt mit Eurem Nächsten, was Euch voneinander trennt. Klärt das mit euren Eltern, Kindern, Lebenspartnern, Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeitenden, wo immer Ihr noch offene Rechnungen miteinander habt. Entschuldigt Euch für Verletzungen, die Ihr anderen zugefügt habt und sorgt für Wiedergutmachung. Klärt, wo Ihr mit Euch selbst oder gar mit Gott im Unreinen seid! Klärt, wo Ihr vom Weg Gottes abgewichen seid, und warum Ihr von diesem Weg abgewichen seid.

Morgen beginnt ein neues Zeitalter. Wir werden endlich in das Land kommen, das uns Gott versprochen hat. Da beginnt ein neues Leben. Wenn wir den Jordan durchschritten haben, werden wir vollkommen neue Menschen sein. Dann werden wir ein neues Volk sein, ein Volk mit einer Heimat, mit einem eigenen Land und dafür brauchen wir einen sauberen Schlussstrich mit dem alten Leben, damit es uns nicht auf die Füße fällt. Also: Heiligt Euch, sonst wird es nichts mit dem Wunder, das der HERR unter uns tun will.“

Und dann sollten die Priester die Bundeslade aufheben und vor dem Volk hertragen. Die Bundeslade, war dem Volk Israel das Heiligste. In ihr bewahrten sie die beiden Tafeln mit den zehn Geboten auf. Die beiden Tafeln, die die Handschrift Gottes trugen. Die Bundeslade war der Garant für die Gegenwart Gottes.

Und diese Bundeslade sollten Sie vorantragen bis an das Wasser des Jordans und dann schließlich im Jordan stehen bleiben. Und was geschieht dann? – Die Priester, die die Lade des Bundes mit Gott trugen, standen still im Trockenen, mitten im Jordan. Das erinnert doch sofort an den Auszug aus Ägypten, den Weg durch das Rote Meer, als Gott das Meer teilte und das Volk Israel trockenen Fußes an die andere Seite kam, während die Verfolger – also das alte Leben – im wahrsten Sinne des Wortes in den Fluten ersoffen.

Noch einmal teilt Gott die Wasser und das Volk Israel kann trockenen Fußes das andere Ufer, das Neue Leben erreichen.

Was ich an der Stelle so spannend finde, ist, dass nicht ein einzelner Mensch auf die andere Seite gegangen ist, sondern ein ganzes Volk. Ein ganzes Volk hatte am Abend zuvor reinen Tisch miteinander und untereinander gemacht. Ein ganzes Volk hatte sich am Abend zuvor geheiligt, um sich miteinander – wohlgemerkt – miteinander auf den Weg zu machen. Es herrschte Einigkeit in diesem Volk, niemand agierte mehr gegen den anderen. Niemand hielt sich für etwas Besseres. Verletzungen waren angesprochen, ausgesprochen und geheilt worden. Ich finde das absolut faszinierend. Das hat Gänsehautcharakter. Wenn ein ganzes Volk dem Weg Gottes folgt, steht ein ganzes Volk auf trockenem Boden. Dann ist Frieden. Das Wort kommt gar nicht im Predigttext vor, aber wenn das geschieht, was hier geschieht, dann ist Frieden. Und soll ich Ihnen etwas verraten? – Das gilt heute noch immer! Das kann heute auch noch funktionieren, denn – und auch das sagt Josua:

Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan.

Genau: Des Herrn der ganzen Erde. Wer der Lade des Bundes folgt, folgt dem Herrn der ganzen Erde. Dann ist auf der ganzen Welt Frieden.

An dieser Stelle möchte ich nur für einen Moment die Jahreslosung für das Jahr 2019 aufblitzen lassen:

Suche Frieden und jage ihm nach!
Psalm 34,15

In dieser Lade ist alles enthalten, was ich wissen und tun muss, um in Frieden zu leben.  Wenn ich dem folge, wenn ich mein Leben an Gott ausrichte und nicht noch andere Dinge neben ihn stelle, dann weiß ich, wo es im Leben und in der Welt lang geht. Also, lasst uns noch einmal die Zehn Gebote hören – auch wenn sie die meisten von uns auswendig können:

Das erste Gebot
Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Das zweite Gebot
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.

Das dritte Gebot
Du sollst den Feiertag heiligen.

Das vierte Gebot
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Das fünfte Gebot
Du sollst nicht töten.

Das sechste Gebot
Du sollst nicht ehebrechen.

Das siebte Gebot
Du sollst nicht stehlen.

Das achte Gebot
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Das neunte Gebot
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Das zehnte Gebot
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Eigentlich – und das ist für mich immer wieder aufs Neue spannend – gehört nicht viel dazu, um in Frieden zu leben. Es sind zehn einfache, kleine Spielregeln. Aber diese Regeln treffen uns in das Mark unserer Verführbarkeit. Wie leicht packten wir uns den Feiertag mit Arbeit zu, mit Dingen, die unbedingt noch erledigt werden müssen. Wie leicht missbrauchen wir den Feiertag als Pufferzeit?

Und dann die Sache mit den Eltern? Ohne Eltern würde eine ganze Berufsgattung wahrscheinlich arbeitslos sein, nämlich die der Psychotherapeuten. Vater und Mutter zu ehren, heißt ja nicht, sie zu Heiligen zu machen.  In Luthers Kleinem Katechismus heißt es an der Stelle:

„Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.“

Da steckt ein ziemlich altes Verständnis dahinter. Für mich bedeutet es, sich gegenseitig mit aller Fehlbarkeit anzunehmen und in der Achtung zu begegnen, zu der uns die Nächstenliebe einlädt.

Wird nicht getötet, gibt es keinen Krieg. Wer tötet, fügt der Schöpfung Gottes Schaden zu. Ich soll nicht das begehren, was der andere hat. Neid schafft Unfrieden. Wir sehen das doch in unserer Gesellschaft, welche Dynamik Neid in unserem Zusammenleben auslöst.

Neid, macht das Herz eng für den Willen Gottes.

In unserer Gesellschaft geht es mit dem Neid sogar so weit, dass er in „Nicht-Gönnen“ umschlägt, wenn der andere, der dem Unfrieden in einem anderen Land flieht oder geflohen ist, der Frieden in unserem Land mit all seinen Errungenschaften des Wohlstands nicht gegönnt wird. Daran kann eine Gesellschaft zerbrechen, vor allem wenn man vergisst, dass Gott der Herr der ganzen Erde ist – wir haben es ja gerade bei Josua noch einmal gehört.

Und so könnten wir uns jetzt die Zehn Gebote Gebot für Gebot anschauen.

Und genau diese Zehn Gebote tragen nun die Priester in der Bundeslade auf die andere Seite des Jordan. Sie sind die Verfassung eines ganzen Volkes, sie konstituieren beispielhaft ein ganzes Volk, eine Gemeinschaft. Man stelle sich nur mal vor, alle Welt würde diesen Geboten folgen. Was würde geschehen? Genau! Es gäbe keine Flüchtlinge und damit kein Flüchtlingsproblem, denn es gäbe ja keine Kriege, weil es kein Begehren nach der Macht des Anderen gäbe. Es gäbe auch keine Wirtschaftskriege, weil niemand das begehren würde, was dem anderen gehört, was dem anderen gelingt. Die Welt würde in einem Gleichgewicht leben. Es gäbe auch keine hausgemachten Klimaprobleme oder Klimakatastrophen.

Doch was machen wir Menschen? Wir brechen die Gebote, weil andere sie auch brechen. Wir brechen die Gebote, weil wir glauben mit dem Bruch der Gebote alles heil zu machen. Wer in einer Gesellschaft sagt „Alles für uns!“ oder „Wir zuerst!“, hat sich gegen den Weg Gottes entschieden, hat sich gegen die Gebote Gottes entschieden. Und genau das ist das Ende des Friedens.

Und genau deshalb sollen sich am Vorabend alle heiligen. Sie sollen miteinander klären, wo sie und warum sie im Unfrieden miteinander verbunden sind.

Und damit niemand vergisst, was die Gemeinschaft miteinander konstituiert, trugen die Priester dem Volk die Bundeslade als deutliches Zeichen der Gegenwart Gottes voran. Erst das Tragen der Bundeslade machte die Überquerung des Jordan möglich.

Und so wie einst Gott als Feuersäule das Volk durch die Wüste führte und ihm Orientierung bot, so war es jetzt die Bundeslade, die dem Volk auf dem Weg durch den Jordan in das neue Leben Orientierung bot und so ist es für uns heute Jesus, der im Jordan von Johannes getauft worden ist, der unserem Leben Orientierung bietet. So wie Gott als Feuersäule dem Volk vorausgegangen ist, so wie die Bundeslade dem Volk vorangetragen worden ist, so geht uns Jesus voraus. Wir müssen ihm nur folgen.

Oder wie wir heute in der Epistel bei Paulus an die Römer gehört haben:

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Römer 12, 1-2

So und nicht anders soll es sein. Amen!

Martin Dubberke, Predigt in der Evangelischen Königin Luise Gedächtniskirche in Berlin Schöneberg am 1. Sonntag nach Epiphanias über Josua 3, 5-11.17