Martin Dubberke | Pfarrer

Es bedarf keiner weiteren Zeichen… hoffentlich

Wie oft ging es Ihnen im Leben schon so, dass Sie den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen haben? So nach dem Motto: “Liebling, ich suche gerade meine Brille, hast Du sie irgendwo gesehen?” Und der andere antwortet: “Aber Schatz, sie liegt doch direkt vor dir.”So ungefähr ist es heute auch mit unserem Predigttext aus dem Matthäus-Evangelium, der die schöne Überschrift trägt:

Die Zeichenforderung der Pharisäer

38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Matthäus 12, 38-42

Haben Sie es gehört? Jesus antwortet, als wäre er genervt und so als hätte er keine Lust mehr auf Wunder und weitere Erklärungen:“Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.”

Er hat das Thema durch. Das kennen Sie doch auch. Stellen Sie sich vor, da kommt jemand zu Ihnen und stellt Ihnen ständig die gleichen Fragen und fordert Sie unentwegt heraus. Sie werden fast jeden Tag mit der gleichen Frage provoziert. Es scheint fast so, als wollte sie jemand vor sich hertreiben. Und irgendwann sind Sie es leid. Da haben Sie einfach keine Lust, wollen es nicht mehr erklären. Das sagen Sie dann nur noch: “Zu dem Thema habe ich alles gesagt. Wenn Du noch was wissen willst, dann schau da und da nach!” Oder: “Das habe ich schon tausendmal gesagt!” Jesus hat keine Lust mehr auf Wunder, wenn sie so verpuffen. Und so bezieht er sich auf alte Wunder, und hier auf Wunder weit vor seiner Zeit.Sie erinnern sich an Jona und Ninive?

Die Niniviten waren ein ziemlich dekadentes Gottvergessenes Volk, an denen Gott ein Exempel statuieren wollte, also kurz ein Zeichen setzen wollte. Und so schickte er den Jona, der ihnen mal erklären sollte, wie das so funktioniert, wenn man sich nicht an die göttlichen Spielregeln hält: Nämlich die totale Vernichtung. Und Jona hatte schon eine diebische Vorfreude auf das göttliche Vernichtungsspektakel. Aber das passierte etwas vollkommen Unerwartetes: Die Niniviten kleideten sich in Sack und Asche und kehrten um. Sie taten Buße.

Also, das was Jesus hier macht, ist ein absolut prophetisches Verhalten. Die Propheten des Alten Testaments gingen zu den Menschen und sagten ihnen, was Sache ist und was passieren wird, wenn Sie sich nicht daran hielten.

In der Regel haben sich die Menschen auch nicht daran gehalten, sondern einfach das gemacht, was sie schon taten und haben sich von Warnungen und guten Argumenten, einer deutlichen Ansage, was die möglichen Folgen betrifft, nicht beeindrucken lassen.

Wir alle wissen, wie gefährlich zum Beispiel die Atomkraft ist. Gerade in Deutschland gibt es eine starke Bewegung quer durch alle Schichten der Gesellschaft gegen die Kernkraft. Bauern, Anrainer, Wissenschaftler warnen seit Jahrzehnten davor. Im Ausland sagt man dazu immer ein wenig despektierlich: “The German Angst.” Aber Generationen von Politikern und Energiewirtschaftlern samt deren Lobbyisten ignorieren ebenso lange stoisch die Bedenken und sagen: “Alles ist sicher!”

Es gab Zeichen genug, was Atomkraft bewirken kann: Hiroshima, Nagasaki, die Wüste von Nevada, Harrisburg, Tschernobyl… und jetzt Fukushima. Der Zeichen gab es viele. Und eigentlich brauchen wir keine weiteren. Es reicht, wenn auf die verwiesen wird, die es schon gab. Man muss nur daraus lernen und die entsprechenden Konsequenzen ziehen.

In Hiroshima und Nagasaki sind auch heute noch, bald siebzig Jahre nach dem Abwurf der Atombombe, die Folgen zu sehen. Der Reaktorunfall von Tschernobyl hat 218.000 Quadratkilometer verseucht und auf Jahrhunderte hin unbewohnbar gemacht. Zum Vergleich: Deutschland ist 357.111,91 Quadratkilometer groß.Und hier kommt das Evangelium für diesen Gottesdienst zum Tragen. Die Geschichte von den bösen Weingärtnern. Gott hat einen Weinberg gepflanzt und an Weingärtner verpachtet. Und irgendwann forderte er seinen Pachtzins ein. Aber die Weingärtner dachten bei sich: Der olle Großgrundbesitzer soll mal ganz ruhig sein. Der hat genug. Der ist nicht auf unseren Pachtzins angewiesen. Den behalten wir mal schön für uns.

Wie wir wissen, beließ es der Weinbergbesitzer nicht bei einer schriftlichen Mahnung, sondern schickte eigene Bevollmächtige zum Eintreiben des ausstehenden Pachtzins. Aber die Pächter schlugen diese in die Flucht, verprügelten sie oder töteten sie. Sie schlugen also jede Warnung in den Wind. Immer wieder versuchten Sie deutlich zu machen, dass sie den Weinberg in Besitz genommen haben und nicht im mindesten daran dachten, dem Weinbergbesitzer – auch Gott genannt – das zu geben, was sie ihm schuldig waren. Sie vergaßen, dass der Weinberg nur gepachtet war und für sie damit ein Vertragsverhältnis bestand, in dem auch ihre Verantwortung geregelt war. Sie kamen aber ihrer Verantwortung nicht nach. Und schließlich töteten sie auch den Erben des Weinbergbesitzers. Das war ihr Ende. Der Weinbergbesitzer würde nun kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg anderen geben.

Die Schöpfung – auch einfach nur Welt genannt – ist uns nur geliehen und wir schulden dem Verleiher, dem der sie wirklich besitzt, also Gott, einen verantwortlichen Umgang mit ihr. Stellen Sie sich doch einfach mal vor, Sie leihen jemandem Ihr Auto oder ein Buch und sie bekommen das Auto verbeult, verdreckt und technisch zerstört zurück. Oder das Buch ist beschmiert, angebrannt und die Hälfte der Seiten rausgerissen. Dann würden Sie nicht nur sauer sein, sondern auch auf Schadensersatz drängen. So ist es auch mit der Schöpfung, die Gott uns nur geliehen hat. Das einzige Problem nur, das es dabei nur gibt, ist: Die Schöpfung kann nicht von uns ersetzt werden.Die Zeichen stehen also auf Umkehr. Sie sind so deutlich, dass sie nicht deutlicher sein können. Der Mensch wird auch in Fukushima wieder mit seiner Fehlbarkeit und mit der Unberechenbarkeit der Schöpfung konfrontiert. Der Mensch kann sich die Schöpfung Gottes untertan machen, aber er kann sie nicht beherrschen.

Der Mensch ist und bleibt in Gottes Hand gestellt. Das ist der Rest, der immer bleiben wird. Egal was passieren wird.Wir leben gerade in der Passionszeit, der Zeit, die an das Leiden Jesu Christi erinnern soll. In unseren Breiten versuchen wir uns mit “Sieben Wochen ohne” daran zu erinnern. Sieben Wochen ohne Süßigkeiten, Alkohol, Fernsehen, Fleisch, Sex und was sich so die Menschen dabei ausdenken. Alles Pillepalle, wenn man sich anschaut, mit welchem Leid die Welt in diesen Tagen und Wochen konfrontiert wird. Und die Welt sind Menschen, lauter Menschen, Individuen mit ihrer je eigenen Geschichte, mit ihren Verlusten, Verletzungen, ihrem Schmerz, ihrer Trauer und ihrer Angst.

Jesus antwortet den Pharisäern: “Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.”

Das Zeichen von Fukushima ist auch ein Bußzeichen. Buße bedeutet, Erkennen und Bekennen des Irrwegs, der Abweichung vom göttlichen Willen und die Umkehr auf den Weg Gottes zurück.

Es macht deutlich, dass wir nicht länger auf Kernenergie setzen können und dürfen. Es macht deutlich, dass wir auf regenerative Energieformen setzen müssen und einen verantwortungsvollen Umgang mit der Energie. Es macht deutlich, dass wir nicht länger gegen die Schöpfung, sondern mit der Schöpfung leben müssen. Sie ist unser Partner und nicht unser Sklave, den wir nach Belieben ausbeuten können. Der Schöpfung stehen viele Möglichkeiten zur Verfügung uns unsere menschliche Machtlosigkeit zu demonstrieren. Dazu gehören auch Erdbeben und Tsunamis.Das vielgesprochene Wort vom “Leben im Einklang mit der Schöpfung” bekommt eine immer stärkere Dringlichkeit.

Paulus schreibt im fünften Kapitel an die Römer – wir haben es vorhin gehört: “Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.”

Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich hoffe darauf, dass sich die Bedrängnis, die wir tagtäglich in den Medien sehen, bewähren wird und die Menschen verstehen und vor allem nicht vergessen werden, was die Bedrängnis ausgelöst hat. Ich hoffe darauf, dass die Menschen, die auch an unserer Stelle, weil sie von uns gewählt worden sind, Entscheidungen treffen, die eine Umkehr von dem irren Weg sein wird, dass Kernenergie eine sichere und saubere Energie ist.

Ich bete mit dem Psalmbeter, dass Gott Recht schaffe den Waisen und Armen, dass der Mensch nicht mehr trotze auf Erden.Amen.

Martin Dubberke

Zweiter Sonntag der Passionszeit Reminiszere 2011

am Sonnabend 19.03.2011

Matthäus 12, 38-42

Perikopenreihe III