Martin Dubberke | Pfarrer

Die Kraft der Biographie

Ich habe gerade die Antrittsrede von Joachim Gauck als Bundespräsident gelesen. Es gibt hier ein paar Passagen, die mich sehr ansprechen. Eine davon ist: „Ich empfinde mein Land vor allem als ein Land des „Demokratiewunders“.“ Damit hat er vor dem Hintergrund der Geschichte recht. In der Tat, wer hätte gedacht, dass nach dem 2. Weltkrieg dieses Wunder gelingen sollte, dass nach dem 1. Weltkrieg so grausam gescheitert ist.

Was mich an der Rede so für ihn einnimmt, ist sein Standort der seine Perspektive bestimmt.

Anders als sein junger Vorgänger steht er in der historischen Abfolge von drei Systemen. Er hat die Folgen des Nazi-Regimes erlebt, die Verschleppung seines Vaters in den Gulag, die Stigmatisierung, die Zeit bis zur Mauer und damit endgültigen Abschottung der DDR, die DDR in ihrer reinen Form, die Wende und die neue Bundesrepublik. Heute ist er Bundespräsident. Ich glaube nicht, dass er jemals – auch nicht in seinen kühnsten Träumen – gedacht hätte, dass er einmal Staatsoberhaupt eines geeinten Deutschlands werden könnte.

Seine Rede macht deutlich, dass er stark aus dieser Biographie zehrt. Es wird deutlich, dass er eine Haltung, eine Überzeugung hat, die sich aus seiner Biographie speist. Das ist etwas, was ihn mit den Vätern und Müttern unserer Republik verbindet. Genau daraus erwächst eine besondere Kraft und Autorität, die ihn von den meisten und vor allem adoleszierenden Politikern unterscheidet, die keine Haltung mehr haben, sondern deren Überzeugung einzig und allein im Karrieregedanken resp. -streben verankert ist.

Gaucks Verwurzelung in seiner Familie, seinen Großeltern, Eltern, Kindern und Enkelkindern scheint ihm eine Erdung zu geben, die ich in dieser Weise schon lange nicht mehr im politischen Leben so wahrgenommen habe.
Es gibt aber noch andere Momente in seiner Rede, die mich sehr ansprechen, so z.B. diese Passage:

„In „unserem Land“ sollen auch alle zu Hause sein können, die hier leben. Wir leben inzwischen in einem Staat, in dem neben die ganz selbstverständliche deutschsprachige und christliche Tradition Religionen wie der Islam getreten sind, auch andere Sprachen, andere Traditionen und Kulturen, in einem Staat, der sich immer weniger durch nationale Zugehörigkeit seiner Bürger definieren lässt, sondern durch ihre Zugehörigkeit zu einer politischen und ethischen Wertegemeinschaft, in dem nicht ausschließlich die über lange Zeit entstandene Schicksalsgemeinschaft das Gemeinwesen bestimmt, sondern zunehmend das Streben der Unterschiedlichen nach dem Gemeinsamen: diesem unseren Staat in Europa.“

Mir gefällt die Auflösung der Schicksalsgemeinschaft. Ja, ich bin Deutscher und stehe in einer Geschichte und Tradition, die mich auch in einer gewissen Weise bindet. Unfreiwillig muss ich an das Wirken der Geschichte in meiner Familie denken. Meine Mutter, in Ostpreußen geboren und in Insterburg zur Schule gegangen. Mein Vater, Musiker, der bis zum 13. August 1961 im DEFA-Filmorchester gespielt hat, im Westen gewohnt hat und so wie ich heute, jeden Tag nach Potsdam zur Arbeit gefahren ist. Ich denke an die Stigmatisierung, die mein Vater erfahren hat und die vielen Erzählungen von Demütigungen. Ich erinnere mich an die Geschichten, die mein Vater immer wieder erzählt hat, als ich in einer Alter kam, in dem ich diese Geschichten auch verstanden habe. Ich denke daran, wie er und andere Musikerkollegen, die auch im Osten gearbeitet und im Westen gelebt hatten, vom Arbeitsamt morgens zum Kistenschleppen auf den Fruchthof geschickt wurden und sie einfach ihren Frack, also ihre Berufskleidung angezogen haben, die Instrumente, Noten und Notenständer eingepackt haben und sich so beim Vorarbeiter gemeldet haben, der dann natürlich sagte, dass es sich hierbei um die falsche Arbeitskleidung handele, worauf sie dann antworteten:
„Entschuldigung, wir sind Musiker. Das Arbeitsamt hat uns als Musiker hierher vermittelt. Wo dürfen wir spielen?“

Auch das ist ein Teil unserer deutschen Geschichte, der bis heute gerne verschwiegen wird. Als mein Vater 80 wurde, hat er sich die Glückwünsche und Blumen des Bezirksbürgermeisters verbeten, weil er sich bis heute von den Politkern verraten fühlt.

Gauck beschreibt die Realität und eröffnet vor dem europäischen Horizont eine neue Perspektive, die zu einer Eini ht werden kann, die Zugehörigkeit zu einer politischen und ethischen Wertegemeinschaft. Was das heißt führt er im Weiteren aus und lässt es in einem Appell münden:

„Wir stehen zu diesem Land, nicht weil es so vollkommen ist, sondern weil wir nie zuvor ein besseres gesehen haben.

Speziell zu den rechtsextremen Verächtern unserer Demokratie sagen wir mit aller Deutlichkeit: Euer Hass ist unser Ansporn.

Wir lassen unser Land nicht im Stich. Wir schenken Euch auch nicht unsere Angst. Ihr werdet Vergangenheit sein und unsere Demokratie wird leben.“

Und hier kommt etwas ins Spiel, das in der westdeutschen Geschichte – zumindest nehme ich es so wahr – eine untergeordnete Rolle gespielt hat, der Mut:

„Ob wir den Kindern und Enkeln dieses Landes Geld oder Gut vererben werden, das wissen wir nicht. Aber dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen, davon haben wir nicht nur geträumt, sondern das haben wir gelebt und gezeigt. Gott und den Menschen sei Dank: Dieses Erbe dürfen sie erwarten.“

Ich bin gespannt auf die Amtszeit unseres neuen Bundespräsidenten.