Pfr. Martin Dubberke
Jesus in der Alten St. Martin Kirche in Garmisch | Bild: Martin Dubberke

Vom Verlieren, Wiederfinden und Umkehren

Liebe Geschwister,

wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils, der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie Du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

So steht es beim Propheten Micha im 7. Kapitel, die Verse 18 bis 20. Das ist heute unser Predigttext. Ich weiß nicht, wie es Euch und Ihnen geht, aber für mich sind in den vergangenen Monaten die Propheten immer wichtiger und immer spannender geworden. Die Propheten sprechen im Auftrag Gottes in Situationen hinein, in denen es in der Gesellschaft, der Welt, einem Staatengebilde nicht so richtig rund läuft. Und sie sagen auch sehr genau, woran es liegt. Sie nennen die Ursachen und weisen knallhart, klar und deutlich auf die Konsequenzen hin. Sie mahnen und machen zugleich Mut. Und sie machen deutlich, dass wenn es anders werden soll, besser werden soll, dieses nicht in Gottes Hand liegt, sondern in der Hand der Menschen, weil die Menschen die Verantwortung für die Situation tragen, in der sie sich befinden. Sie selbst haben sich mit ihrem Handeln in diese Lage manövriert. Gleichzeitig machen sie aber deutlich, dass Gott ihnen alle Hilfe an die Hand geben wird, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Wir haben vorhin den Spruch der Woche aus dem Lukas Evangelium Kapitel 19, Vers 10 gehört:

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Was ist verloren? Wir haben heute das Evangelium vom verlorenen Sohn gehört. Im gleichen Kapitel erzählt Lukas auch die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Groschen.

Beethoven hat ja ein sehr schönes Stück mit Titel „Die Wut über den verlorenen Groschen“ komponiert, wo man den Ärger über den Verlust und die Mühen des Suchens gut nachhören und empfinden kann.

Also, was ist verloren? – Das Schaf ist verloren gegangen, weil der Hirt wohl nicht genug aufgepasst hat. Der Groschen ist verloren gegangen, weil er vielleicht unbemerkt aus der Tasche gerutscht ist. In beiden Fällen haben der Hirt und die Frau unermüdlich nach dem Verlorenen gesucht und es gefunden.

Auch wir machen seit rund vier Monaten Verlusterfahrungen. Wir haben manches von dem verloren, was uns selbstverständlich war. Jeder Verlust löst Angst, Zweifel oder das Gefühl des Verloren seins aus. Und jeder Verlust stellt auch die Frage: Wie konnte das geschehen? Oder: Warum habe ich nicht richtig aufgepasst?

Das ist dann die sogenannte Fehleranalyse. So, wie ich nach dem Verlorenen suche, suche ich den Fehler, der dazu geführt hat. Ich könnte das auch die Verursacherfrage oder die Schuldfrage nennen. Wer oder was war daran schuld, dass es verlorengegangen ist?

Und daraus entwickelt sich dann Stück für Stück die Frage: Was kann ich in Zukunft anders machen?

Und genau diese Frage stellt uns das Coronavirus. Was können, was müssen wir anders machen? Und Corona liefert uns jeden Tag neue Hinweise auf die Missstände, die Fehlentscheidungen, die wir miteinander – und nicht nur unsere Politiker und Politikerinnen oder Unternehmerinnen und Unternehmer – getroffen haben.

Und Tönnies ist dabei nur ein Beispiel von vielen. Ich möchte hier jetzt niemanden richten. Das ist auch nicht meine Aufgabe als Pfarrer. Dieser Job kommt allein Gott zu. Aber in so einem Fall wie Tönnies spiegelt sich auch unser eigenes Verhalten wieder, unsere Kaufentscheidungen, wenn wir lieber jeden Tag Fleisch auf dem Teller haben wollen und nicht viel dafür bezahlen wollen. Wenn Fleisch billig sein soll. Gerade in diesem Bereich wird deutlich, wie sehr wir miteinander etwas verloren haben, um etwas gewinnen zu wollen.

All das wirkt sich auf die Tierhaltung, die Arbeitsverhältnisse, das Konsumverhalten aus. Dabei können wir, jeder einzelne von uns, mit unserem Konsumverhalten sehr viel verändern. Das Konsumverhalten gewinnt dann den Charakter eines demokratischen Regulativs, weil wir mit unserem Verhalten gegen Dinge, die der Schöpfung zuwiderlaufen, abstimmen.

Das Beispiel Tönnies macht das Menschen- und Tierverachtende auf erschreckende Weise mit all seinen Konsequenzen deutlich.

Wie hilfreich ist da das Gleichnis des verlorenen Sohns. Ich fühle mich hier zuweilen an die Geschichte von Hans im Glück erinnert, der alles verlieren muss, um das Glück zu finden. Ähnlich ist das auch bei der Geschichte des verlorenen Sohnes. Er möchte seinen Erbteil ausgezahlt bekommen und sein eigenes Leben führen. Das ist ja zuerst einmal nichts Verwerfliches. Nun zieht der Sohn aber los, und weiß den Wert seines Erbteils nicht zu schätzen. Die Geschichte vom verlorenen Sohn ist eine Geschichte des Verprassens der väterlichen Werte in Form des Geldes und am Ende, wenn der Sohn im wahrsten Sinne des Wortes in der Scheiße sitzt, zur Einsicht gelangt, dass es ohne diese Werte nicht geht, weil das ein Leben im Leid bedeutet.

Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass er umgekehrt ist, ja heimgekehrt zum Vater. Er hat am eigenen Leibe, die schmerzhafte Erfahrung gemacht, was es bedeutet, wenn man die Orientierung im Leben verloren hat. Er hat die Peinlichkeit, die Scham, die damit verbunden ist, erlitten. Und genau das hat er gebraucht, um zu wissen, was richtig und wichtig ist. Er ist nicht nach Hause zu seinem Vater gegangen, weil die Pension Papa immer die letzte Rettung ist, sondern, weil er erlebt hat, dass er ohne die Werte seines Vaters zugrunde geht. Seine Heimkehr war also ein Bußgang. Und das Fest, das ihm sein Vater gegeben hat, war nicht nur Ausdruck der Freude über seine Rückkehr, sondern auch über die Einsicht seines Sohnes. Darin lag kein Triumph seines Vaters, Recht behalten zu haben. Da fällt kein Satz: „Hättest Du mal gleich auf mich gehört.“ Oder: „Habe ich es Dir nicht gesagt?“

Das ist heute auch nicht anders. Gott hat uns unseren Erbteil ausgezahlt. Und wir sind fröhlich dabei, dieses Erbe zu verprassen und dabei haben wir etwas sehr Wichtiges verloren: Die Orientierung. Die Orientierung durch die einfachen Gebote Gottes.

Der verlorene Sohn hat am Ende unter der Entscheidung gelitten, sich vom Vater losgesagt zu haben. Auch unsere Welt, auch wir leiden, weil sich immer mehr Menschen losgesagt haben, losgesagt von Gott und losgesagt von den Werten, die uns Gott anvertraut hat, losgesagt von der Kirche, weil sie glauben, meinen, fühlen, denken von der Kirche oder von Gott bevormundet zu werden. Doch was ist die Folge? – Genau. Corona und Fälle wie Tönnies lehren uns die Folgen.

Und damit komme ich zum eigentlichen Predigttext zurück. Micha klagte soziale Ungerechtigkeit, religiöse Verderbtheit und die gesellschaftlich schlechte Stellung der Kleinbauern und Bürger durch den Staat und seine Bürokratie an, die gewissermaßen ihren Gewinn optimieren wollten. Micha prangert als besonderes Problem auch das Schuldenwesen an. Michas Sozialkritik macht deutlich, dass sich die Menschen in sozialer Hinsicht außerhalb des Gottesverhältnisses gestellt haben, was er mit folgenden Worten zum Ausdruck bringt:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)

Micha ist der Mann, der das Recht verkündigt, das die großen nicht anerkennen, sondern verdrehen. (Metzner, 2020)

Ihr solltet die sein, die das Recht kennen. … So hört doch dies, ihr Häupter im Hause Jakob und ihr Herren im Hause Israel, die ihr das Recht verabscheut und alles, was gerade ist, krumm macht. (Micha 3,1.9)

Bei Micha wird deutlich, dass Gott einen Teil seines Volkes verloren hat, weil die Menschen das Vertrauen in ihn verloren haben, in Zeiten des Exils und der Bedrohung, aber auch durch Wohlstand, durch Macht und falsche Sicherheiten. (Gorski, 2019, S. 330)

Das erinnert mich ein wenig an eine Gesprächsrunde, die ich in dieser Woche erlebt habe, in der eine ganze Reihe von Pfarrerinnen und Pfarrern den Bedeutungsverlust der Kirche gerade in dieser Zeit beklagt haben. Ich empfinde das anders. Wer weiß denn oder fragt danach, ob die Menschen nicht viel öfter in dieser Zeit gebetet haben oder zum ersten Mal nach langer Zeit gebetet haben?

Können wir nicht auch mit Micha lernen, dass Gott im Mittelpunkt steht und wir als Kirche dabei helfen können, Menschen auf diesem Weg zu begleiten, Gemeinschaft zu erleben, das Gefühl nicht allein in dieser Welt zu stehen, sondern in einer Gemeinschaft, die viel bewegen kann, wenn sie fröhlich im Glauben loszieht. Ich kann dieses ganze niederdrückende Blei nicht mehr ertragen. Wann, wenn nicht jetzt, können wir erfahren, welche Kraft in einem fröhlichen Glauben steckt. Auch das ist die Botschaft des Micha.

Also, ich kann die Lektüre des ganzen Micha-Buches nur wärmstens empfehlen. Die sieben Kapitel lesen sich zuweilen wie eine Gegenwartsanalyse verbunden mit Handlungskonsequenzen.

Und der Predigttext – der zugleich auch der Schluss des Micha-Buches ist – ist ein großartiges Lob der Barmherzigkeit Gottes.

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils, der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie Du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Und ich denke, wir haben inzwischen erkannt, wo wir die Orientierung verloren haben. Und ich glaube, dass wir die Einsicht gewonnen haben, was wir anders machen müssen, wie wir umkehren müssen, um unsere Orientierung wiederzufinden und nicht verloren zu gehen.

Micha und auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn machen deutlich, dass wir immer in die Arme des barmherzigen Vaters zurückkehren können, dass wir wieder neu anfangen dürfen, weil wir die Konsequenzen aus dem falschen Weg gezogen haben und wieder den Werten Gottes vertrauen, weil wir ihren Sinn erkannt haben. Also, lasst uns Gott mit unserem Lebenswandel preisen.

Amen.


Pfarrer Martin Dubberke, Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis 2020 über Micha 7, 18-20, Perikopenreihe II, am 28. Juni 2020