Pfr. Martin Dubberke
Der Heilige Geist - Ausschnitt aus einem Kirchenfenster der Johanneskirche in Partenkirchen | Bild: Martin Dubberke

So sieht Begeisterung aus

„Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel, wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“ (Apostelgeschichte 2, 1-2) So beginnt die Erzählung von Pfingsten in der Apostelgeschichte.

Ja, sie waren alle beieinander an einem Ort. Aber, wer sind alle?

Alle, sind Petrus und die elf anderen Apostel (Vers 14). Es waren also zwölf im Haus, als der Heilige Geist über sie kam. Zwölf, so viele, wie wir im Augenblick heute in unserer Johanneskirche zum Gottesdienst kommen dürfen. Alle anderen Menschen, also, die sogenannte Menge, kam erst als sie das Brausen des Heiligen Geistes hörten (Vers 6). Die anderen Menschen kamen aber nicht ins Haus, sondern blieben draußen im Freien stehen. Und dann heißt es:

„Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete mit ihnen.“ Apostelgeschichte 2,14

Das ist für mich nach dem Brausen des Heiligen Geistes und dem Sprachwunder die zentrale Stelle der Geschichte.

Petrus und die elf Apostel erkannten, dass das, was der Heilige Geist bei Ihnen auslöste, nichts Exklusives war, das sie für sich behalten konnten, weil sie es auch durch die Wirkung, die damit nach außen verbunden war, nicht in den eigenen vier Wänden belassen konnten, sondern dass es allen galt und gilt, sie als vor die Tür gingen, um genau das zu tun, was sie dann getan haben.

Wären sie im Hause geblieben, hätten sie anderen die Deutungshoheit über dieses Ereignis überlassen. Petrus hat aber nun allen gegenüber in der Öffentlichkeit diese Deutungshoheit übernommen, als er seine Rede, seine Predigt hielt. Er ordnete das Geschehen ein und bezog sich dabei auf den Propheten Joel.

Ausgerechnet heute, zu Pfingsten, dem Geburtstag der Kirche, quasi zu zwölft hier in unserer Johanneskirche Pfingsten zu feiern, hat für mich eine besondere symbolische Kraft.

Beseelt vom Heiligen Geist, haben diese Zwölf die Kraft und die Fähigkeit besessen, auf dem Grundstein, der von Jesus gelegt worden war, das aufzubauen, was wir heute Weltkirche nennen.

Es waren zwölf. Auch wir sind zwölf. Lasst uns der Energie nachspüren, die der Heilige Geist in uns auslöst. Oder vertrauen wir ihm nicht?

Das Sprachwunder von Pfingsten hat bewirkt, dass Menschen einander verstehen. Aber haben sie nur einander verstanden, weil das Pfingstwunder wie der Google-Übersetzer in meinem Smartphone gewirkt hat?

Es ist gar nicht so lange her, das stand ein Rumäne hier morgens vor der Tür meines Pfarrhauses. Er konnte kein Deutsch und ich kein Rumänisch. Er konnte Italienisch und ich Englisch. Wie dankbar war ich in dem Moment für diese Anwendung auf meinem Smartphone, die das in seine Sprache übersetzte, was ich sprach und umgekehrt. Jeder von uns konnte in seiner Sprache sprechen und die App übersetzte. Aber war das jetzt etwa wie ein kleines Pfingstwunder? – Nein!

Ich glaube, dass das Sprachwunder, das der Heilige Geist bewirkt hat, viel tiefer geht. Das Sprachwunder bewirkt – glaube ich – ein noch viel tieferes Verstehen.

Wie oft sagen wir selbst zu anderen Menschen: „Ich verstehe dich nicht!“ obwohl wir beide Deutsch miteinander sprechen? Ja, wir sprechen zwar Deutsch miteinander, aber allem Anschein doch nicht die gleiche Sprache.

Das bedeutet doch, dass das Sprachwunder von Pfingsten noch eine ganz andere Dimension haben muss.

Das Pfingstwunder löst meines Erachtens noch eine ganz andere Sprachverwirrung auf. Erinnern wir uns doch nur mal an die Sprachverwirrung zwischen den Konfessionen. Und damit meine ich nicht die zwischen Evangelisch und Katholisch, sondern erst einmal die unter den Evangelischen Konfessionen, also lutherisch, reformiert oder uniert. Erst 1973 fanden wir untereinander und miteinander eine gemeinsame Sprache, die es möglich machte, u.a. untereinander das unterschiedliche Verständnis vom Abendmahl anzuerkennen und gemeinsam das Abendmahl zu feiern. Immerhin 456 Jahre nach dem offiziellen Beginn der Reformation.

Für mich ist es ein Teil des Pfingstwunders, wenn ich mich, wie diese Woche geschehen, mit meinen beiden katholischen Kollegen und meinem baptistischen Kollegen auf einen Kaffee zum Austausch verabrede – auch zum theologischen Austausch und wir trotz der unterschiedlichen Sprachen unserer Konfessionen miteinander sprechen können, Spaß miteinander haben und lachen können, weil wir durch das Wirken des Heiligen Geistes miteinander verbunden sind und die Offenheit haben, uns einander verstehen zu können. Pfingsten hat damit für mich auch eine ökumenische Dimension.

Pfingsten bedeutet also, sich trotz unterschiedlicher Sprachen unterschiedlichster Art zu verstehen, weil der Heilige Geist und die Offenheit und Bereitschaft in einem bewirkt, den anderen zu verstehen und verstehen zu wollen.

Und was ist dabei unser Job? Also, der Job, den z.B. wir zwölf hier haben?

Genau! Das vorzuleben und im Gespräch mit anderen die Offenheit des Heiligen Geistes erlebbar zu machen. Darum sind wir Kirche.

Und nicht zuletzt ist Pfingsten auch ein Friedensfest. Hier kommt die Doppeldeutigkeit der Symbole für den Heiligen Geist und den Frieden zum Tragen: Die Taube. Pfingsten hat in sich auch die Dimension des Friedens. Wenn wir einander verstehen, müssen wir den anderen nicht mehr bekriegen, sondern können im Verstehen miteinander Lösungen finden.

Der Heilige Geist, der uns alle miteinander verbindet, verbindet uns ja nicht durch Streit und Krieg, sondern durch seine Kraft, die uns das erkennen lassen und vor allem leben lassen kann, was uns Jesus gelehrt hat:

Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“ (5. Mose 6,4-5).

Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Markusevangelium 12, 29-31

Und diese Liebe lasst uns miteinander in diese Welt tragen, leben und predigen – und zwar jede und jeder von uns.

Pfingsten heißt, begeistert zu sein. Und Begeisterung überträgt sich nach draußen. Auch das macht die Pfingstgeschichte deutlich. Also, lasst uns der Welt da draußen zeigen, dass wir Begeisterte sind.

Und dass zwölf Menschen mit Hilfe des Heiligen Geistes viel bewegen können, hat uns heute die Pfingstgeschichte auch noch einmal Mut machend vor Augen gehalten.

Also: Halleluja und Amen! Lobt Gott! So soll es sein.


Pfr. Martin Dubberke, Predigt am Pfingstsonntag über Apostelgeschichte 2, 1-21 – Perikopenreihe II – in der Johanneskirche in Partenkirchen, 31. Mai 2020