Passionsnotiz Nr. 40 | Bild: Martin Dubberke

Palmarum

Heute ist Sonntag Palmarum. Der sechste Sonntag der Passionszeit. Vor uns liegt die letzte Woche der Passionszeit. Wir sind nun Ostern schon sehr nahe. Noch vier Tage, dann ist Gründonnerstag. Dann folgt Karfreitag und zwei Tage später ist Ostern.

Mit Palmsonntag, beginnen die letzten Tage im Leben Jesu. Diese Tage sind sehr symbolträchtig. Sie bestimmen bis heute unser christliches Leben. Es sind immer die letzten Tage, die sich besonders in das Gedächtnis einbrennen.

Gleichzeitig war Jesus aber auch ein sehr guter Dramaturg. Sein Einzug am Palmsonntag in Jerusalem war eine großartige Inszenierung und gleichzeitig auch eine theologische und politische Ansage an alle.

Er zog ein wie ein König und wie ein Bettler zugleich. Das Volk, das wenige Tage später das „Kreuzige ihn“ rufen würde, jubelte an diesem Tag Jesus zu und schwenkte Palmzweige. Die Botschaft, die mit diesen Palmzweigen verbunden ist, findet sich im Psalm 92 und hier im Vers dreizehn:

Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum,
er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon.

Jesus ist dieser Gerechte und er wird wachsen – auch wenn er in wenigen Tagen bestialisch hingerichtet werden wird. Er wird wachsen, so dass wir auch heute noch, zweitausend Jahre später, seine Geschichte, sein Leben kennen und noch immer Millionen Menschen über die ganze Welt verteilt, daran glauben, dass er Gottes Sohn ist, der gestorben, hinabgestiegen in das Reich des Todes und am dritten Tage auferstanden ist von den Toten, aufgefahren in den Himmel, wo er zur Rechten Gottes sitzt. Für sie, für uns, für mich ist er nach wie vor der König, der am Palmsonntag in Jerusalem auf einem Eselsfüllen unter dem Jubel der Menge eingezogen ist.

Weißt Du, es ist kein Zufall, dass die Judika-Woche dem Palmsonntag vorausgeht. Eine Woche lang haben wir uns beide Gedanken über das Recht gemacht und Du hast mich manches Mal ganz schön mit deinen Fragen ins Schwitzen, aber viel öfter noch zum Schmunzeln gebracht. Heute dürfen wir beide erleben, wie sehr Jesus für das Recht steht, das in diesem Fall Gerechtigkeit bedeutet.

Alles, was er getan hat in seinem Leben war beispielhaftes oder zeichenhaftes Handeln. Er hat uns vorgemacht, was es heißt, Gewohntes in Frage zu stellen und nach dem eigentlichen Sinn, der ursprünglichen Bedeutung einer Sache zu fragen. Er hat mit seiner Geduld unseren kritischen Geist geschult und uns damit eine zentrale Frage für unser Denken und Handeln gegeben: Ist das, was ist, vor dem Hintergrund des Gebot Gottes rechtens?

Und weil er uns diese Frage mit auf den Weg gegeben hat, sind wir als Christinnen und Christen damit beauftragt, das Recht und die Gerechtigkeit in dieser Welt wachsen zu lassen.

Als Jesus in Jerusalem einzog, riefen die Menschen:

Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!
Johannes 12, 13

Jesus kommt im Namen Gottes und er ist der König von Israel, der sein Leben für uns geben wird. Mit seinem Tod schließt Gott mit uns erneut einen Bund. Und was ist ein Bund anderes als etwas, das einen bindet? Ein Bund ist ein Vertrag und dieser Vertrag ist mit dem Blut Jesu Christi besiegelt worden. Ein Vertrag bindet beide Seiten durch verbindliche Aufgaben, die jeder Partei zukommen. Unsere Aufgabe ist es, durch das Leben der Gebote Gottes, das Recht in der Welt wachsen zu lassen.

Jesus wurde den Mächtigen gefährlich, weil er sie in Frage stellte, weil er sie immer wieder dabei überführte, wie sie das Recht so lange in ihrem Sinne bogen, bis sie es brachen. Indem Jesus auf einem jungen Esel in Jerusalem einzog, machte er den Mächtigen deutlich, dass Herrschen Dienen und nicht Knechten heißt. Jesus hat mit seinem Leben deutlich gemacht, das Herrschen dazu dienen muss, den Frieden und die Freiheit in der Welt zu garantieren.

Heute vor zweiundsiebzig Jahren ging ein Mann nackt seinen letzten Gang, weil er einem totalitären Regime gefährlich geworden war. Dieser Mann handelte aus seinem Glauben heraus. Sein Name: Dietrich Bonhoeffer.

Passionsnotiz Nr. 40 vom 9. April 2017