Pfr. Martin Dubberke

Eine Art von Kind-Vater-Beziehung

Losung und Lehrtext lösen heute weniger bei mir aus, als die zweite Strophe aus dem Lied „Wunderbarer König“ von Neander, das heute Losung und Lehrtext ergänzt.

Gott breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers. Er macht den Großen Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens.
Hiob 9,8.9

Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erst-geborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare.
Kolosser 1,15-1

Himmel, lobe prächtig deines Schöpfers Taten mehr als aller Menschen Staaten. Großes Licht der Sonne, schieße deine Strahlen, die das große Rund bemalen. Lobet gern, Mond und Stern, seid bereit, zu ehren einen solchen Herren.
Joachim Neander

„Himmel, lobe prächtig deines Schöpfers Taten mehr als aller Menschen Staaten.“ Gleichzeitig beschreiben Losung und Lehrtext auf so wunderbare Art Weise das Wesen Gottes, die Weite seiner Schöpfung und darin klingt der tiefe Atem der Freiheit und des Eingebundenseins in ein Großes Ganzes.

In diesen Zeiten Freiheit zu erleben, zu erfahren, hat sich vollends verändert. Manche empfinden Freiheit im Rückzug ins Innere, manche empfinden Gefangenschaft.

Mich erinnert das Ganze irgendwie an das Verhältnis von Eltern und Kindern. Als Kind bin ich ja irgendwie immer abhängig von dem, was meine Eltern mir sagen, von mir wollen, mir erlauben, mir verbieten.

Ich bin ein Kind Gottes. Und Gott hat mir ganz viel erlaubt. Er hat mir auch erlaubt, ganz vieles nicht zu tun. Irgendeine feministische Theologin, deren Namen mir gerade nicht einfällt, sprach einmal von den „Zehn Erlaubnissen“. In und mit Gott erlebe ich Freiheit. Und wenn ich mir die Statusbilder mancher Freunde und Kolleginnen auf WhatsApp oder Stories in Facebook anschaue, sehe ich, wie sie Freiheit leben, nämlich nicht aus dem Verbot, sondern aus der Erlaubnis heraus. Und manch einer entdeckt in der Weite der Schöpfung Gottes mit einem Mal sich selbst wieder.

Und auf der anderen Seite haben wir den Staat. Und da haben immer mehr mehr Menschen das Gefühl, von Vater Staat entmündigt zu werden. Aha, schon wieder so eine Kind-Eltern oder in diesem Fall Kind-Vater-Geschichte. Aber anders als bei Gott, empfinden sich hier viele Menschen entmündigt oder bevormundet. Sie fühlen sich ohnmächtig und ausgeliefert. Sie fangen an zu rebellieren, treffen sich auf den Märkten und Plätzen unserer Orte – auch hier in Garmisch-Partenkirchen auf dem Richard-Strauss-Platz.

Wir alle – egal, ob wir besser oder schlechter mit dieser Situation umgehen können – haben die Chance, in dieser Zeit, etwas zu erkennen und zu lernen, z.B. den Wert meiner Freiheit, die mit einem Male doch nicht so selbstverständlich ist, wie ich immer dachte, weil ich doch so groß geworden bin. Ich habe die Freiheit, den Wert von Freundschaften, zwischenmenschlichen Beziehungen neu zu entdecken. Ich habe die Freiheit, einen neuen Blick auf meine Arbeit zu gewinnen. Und ich habe die Freiheit meine eigene Existenz und meine Existenzängste zu erkennen. Ich habe die Freiheit überhaupt, meine Ängste auch zu hinterfragen. Für manchen mag das nicht nach Freiheit klingen, gerade, wenn er Angst um seine eigene berufliche Existenz hat, was hier in unserer Gemeinde sehr häufig vorkommt. Aber es macht deutlich, dass Freiheit auch eine Herausforderung ist, die seelisch und körperlich sehr anstrengend und kräftezehrend sein kann.

Hier muss ich gerade an Psalm 56, Vers 5 aus der heutigen Bibellese denken:

Ich preise Gottes Wort. Ich vertraue auf Gott und fürchte mich nicht. Was können mir Menschen antun?

Wie dankbar bin ich da als Christ, dass meine Freiheit bei Gott liegt und nicht beim Staat. In diesem Zusammenhang bin ich dieser Tage in Wolfgang Hubers wunderbarem Buch „Dietrich Bonhoeffer – Auf dem Weg zur Freiheit“ (Seite 102) über folgende Zeilen gestolpert, in denen er Bonhoeffer zitierend zusammenfasst:

Im Zentrum steht die Überzeugung, dass es «durch jedes Ereignis, und sei es noch so ungöttlich, hindurch einen Zugang zu Gott» gibt; darum soll man «Gott in dem finden und lieben, was er uns gerade gibt» (8: 242, 244).

Darauf kann ich nur mit „AMEN“ antworten.


Pfr. Martin Dubberke, Gedanken zur Freiheit zu Beginn der Dienstbesprechung am 5. Mai 2020 über Losung und Lehrtext.