Psalm 23

Ein Jesus Folgender zu sein, heißt Schaf zu sein

Kennen Sie Siegfried Wagner oder Franz Xaver Wolfgang Mozart? Die Familiennamen haben Sie alle schon mal gehört. Und wenn ich Sie jetzt bitten würde, von Richard Wagner oder Wolfgang Amadeus Mozart mal eine Melodie zu summen, müsste wohl keiner hier lange überlegen. Anders, wenn ich sie bitten würde, eine Melodie von Siegfried Wagner oder Franz Xaver Wolfgang Mozart nachzusingen. Es würde Ihnen mit Sicherheit keine Melodie einfallen.

Dabei hat Siegfried Wagner siebzehn Opern geschrieben und damit sieben mehr als sein Vater. Auch Franz Xaver Wolfgang Mozart war ein fleißiger Komponist.

Beide Komponisten hatten aber ein großes Problem: den großen Schatten ihrer Väter, die großen Fußtapfen, die ihre Väter hinterlassen hatten. Beide standen mit ihrem Werk immer im Schatten ihrer Väter. Ein Leben lang haben sie sich an der Übermacht ihrer Väter abgearbeitet, die eine große Vorbildwirkung hatten, die der Musik neue Türen geöffnet hatten. Die beiden Söhne haben wunderbare Musik geschaffen. Von Franz Xaver stammt z.B. ein traumhaft schönes Klavierkonzert. Siegfried war ein Meister des Orchesterklangs. Aber was immer die beiden taten, sie wurden nicht als die wahrgenommen, die sie waren, als Siegfried oder Franz Xaver, sondern standen lebenslang in einem Vergleich zu ihren Vätern, einem Vergleich, dem sie kaum standhalten konnten.

Warum erzähle ich Ihnen das? – Weil ich einfach daran denken musste, als ich den Predigttext las:

…da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen…

Mein nächster Gedanke war: Das ist eigentlich übermenschlich. Auch wenn Jesus Mensch war, so war und ist er auch Gott. Da kann, da muss ich armer, kleiner Mensch doch nur scheitern, oder?

Und dann schaue ich mir die Liste dessen an, worin er uns Vorbild ist:

  • im Leiden
  • in der Sündlosigkeit
  • der Ehrlichkeit
  • in der Standhaftigkeit, der naheliegenden Versuchung zu widerstehen, nicht widerzuschmähen, wenn man selbst geschmäht wird, nicht zu drohen, wenn man leidet.

Keine lange Liste, aber eine gewichtige Liste. Reden wir nicht vom Leiden. Fangen wir ruhig gleich mit der Sündlosigkeit an. Sein Tod am Kreuz bedeutet die Vergebung unserer Sünden, aber begehen wir deshalb keine Sünden? Gut, manchmal denken wir schon, dass wir, wenn wir nur könnten, jemanden am liebsten umbringen könnten. – Wie war das doch gleich mit den Sünden in Gedanken??? Genau!

Schauen wir uns die Ehrlichkeit an. Wer von uns kann wirklich von sich selbst behaupten, er hätte noch nie gelogen? Niemand! Wir sind doch in Wirklichkeit alle – um es mal so zu sagen – brillante Gestalter der Wahrheit. Jedem seine eigene Wahrheit. Jede Wahrheit ist eine neue Perspektive auf eine Sache. Verzeihen Sie die sanfte Ironie. Die Zahlen, wie oft ein Mensch am Tag im Durchschnitt lügt, liegen weit auseinander. Die einen sprechen 2,9 und andere von 200 Lügen am Tag. Wie, also, ist es um unsere Ehrlichkeit bestellt?

Jürgen Schmieder hat vor ein paar Jahren mal ein amüsantes Buch geschrieben, das den Titel trägt: Du sollst nicht lügen! Von einem, der auszog, ehrlich zu sein.

Jürgen Schmieder wagte das Selbstexperiment in der Fastenzeit sieben Wochen lang nicht zu lügen. Das Buch macht deutlich, an wieviel Stellen wir im Alltag aus Gründen der Konvention nicht ehrlich zueinander sind.

Tja, und dann die Sache mit dem Schmähen. Was geht denn in Ihnen oder mir vor, wenn man uns beleidigt, uns runtermacht, kleinmacht, uns wehtut? Genau: Der Adrenalinspiegel steigt. Alles in unserem Körper und Kopf geht in die Alarm- und Verteidigungsbereitschaft und geht dann am liebsten gleich zum Angriff über. Jesus, der geschmäht wurde, dem man eine Dornenkrone aufgesetzt hat, den man geschlagen und geschunden hat, ging kein Wort der der Drohung über die Lippen. Und es wäre ihm ein Leichtes gewesen, zu sagen: „Noch ehe die Sonne untergeht, wird Euch der Feuerhauch meines Vaters vernichten!“ Er tat es nicht.

Mein Christsein steht im übergroßen Schatten Jesu Christi, der meine Sünde an seinem Leibe auf das Holz hinaufgetragen hat, damit wir der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben.

Petrus schreibt am Anfang des Predigttextes:

„…da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen…“

Das Vorbild erkennen wir am Kreuz, das hier im Altarraum steht, dem Kreuz, das wir an einer Kette um den Hals tragen, dem Kreuz, das bei uns auf dem Schreibtisch steht oder an der Wand hängt. Mit diesem Kreuz werden wir an unser Vorbild Jesus Christus erinnert.

Als Christen orientieren wir uns an dem Vorbild Jesu Christi. Merken Sie was? Ich versuche ehrlich zu sein, in dem ich nicht sage: Wir leben nach dem Vorbild, sondern wir orientieren uns an dem Vorbild Jesu Christi. Und ich sage bewusst orientieren, weil ich mir nicht sicher bin, ob uns immer bewusst ist, welche Konsequenzen, welche persönlichen Konsequenzen unser Glauben hat und haben kann.

Dietrich Bonhoeffer – zum Beispiel – ist Jesus darin gefolgt. Gestern vor 71 Jahren wurde er für das, was er aus seinem Glauben heraus tat, im KZ Flossenbürg ermordet.

Ich habe gerade gesagt: Mein Christsein steht im übergroßen Schatten Jesu Christi, der meine Sünde an seinem Leibe auf das Holz hinaufgetragen hat, damit wir der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben.

Das Kreuz wirft einen großen Schatten, in dem ich Schutz suchen kann. Das Kreuz ist aber auch Orientierung. Das Kreuz kann mich aber auch genauso an Psalm 23 erinnern:

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück,
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.

So kann das Kreuz mir auch zum Trost werden, weil es mir die Furcht nehmen kann. Denn das Kreuz heißt ja, dass auch ich erlöst bin.

Mit dem Stecken und Stab bewahrt und rettet der Hirte die Schafe seiner Herde. Mit ihnen holt er die Schafe, die sich verirren, in die Herde zurück. Und so rettet uns das Kreuz, weil es uns Orientierung gibt und uns davor bewahren kann, in die Irre zu gehen.

Deshalb schreibt Petrus:

Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Dieser Vers beruhigt mich ungemein. Hatte ich noch am Anfang des Predigttextes die Angst oder zumindest Befürchtung, ein Christus Folgender zu sein, der niemals dem Vorbild Jesu gerecht werden kann, habe ich nun das Gefühl, verstanden zu haben, was mir Petrus sagen will:

Jesus hat mir ein Vorbild hinterlassen. Und ich soll seinen Fußtapfen nachfolgen. Das heißt, Jesus hat mir auf der einen Seite etwas vorgelebt und gezeigt, was möglich ist, wenn man sich an die Spielregeln Gottes hält und vor allem den Sinn der Spielregeln Gottes verstanden hat. Und wenn ich seinen Fußtapfen folge, heißt das nicht, dass ich ihn imitieren soll, sondern, dass ich am Beispiel seines Lebens lernen kann. An seinem Beispiel zu lernen, heißt, sich ihn zum Vorbild zu nehmen. Sprich: Muss ich wirklich meinem ersten Impuls des Widerschmähens folgen, wenn mich jemand geschmäht hat? Nein, muss ich nicht, auch wenn es mir schwerfällt. Niemand schreibt, dass es Jesus leichtgefallen sei, dem zu widerstehen. Also, muss es uns auch nicht leichtfallen. Wenn ich aber dem Impuls nachgebe, widerzuschmähen, räume ich dem anderen Macht über mich ein, weil ich ihm signalisiere, dass er mich getroffen hat. Er hat aber kein Recht, mich zu schmähen, mich zu peinigen. An der Stelle dürfen wir uns auch an die Geschichte mit der linken und der rechten Wange erinnern, dem Hinhalten der anderen Wange. Dem Impuls des Widerschmähens zu widerstehen, ist Ausdruck zutiefst von innen heraus gelebter Freiheit.

Und noch etwas: Ein Jesus Folgender zu sein, heißt nicht, selbst Jesus zu sein. Jesus zu folgen, bedeutet, eine Orientierung für sein Leben zu haben und vor allem eine Orientierung für die eigene Seele. Wir irren nicht mehr, weil wir uns bekehrt haben zu dem Hirten und Bischof unserer Seelen.

Ein Jesus Folgender zu sein, heißt Schaf zu sein.

Und genau an dieser Stelle kommt das Evangelium des Sonntags ins Spiel:

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.

Johannes 10, 11.27-30

Dem kann ich nichts Anderes hinzufügen als ein kräftiges Amen! Und das heißt: So ist es!

Predigt am Sonntag Miserikordias Domini 2016 über 1. Petrus 2, 21b-25 Reihe II in der Königin-Luise-Gedächtnis Kirche | 10. April 2016