Martin Dubberke

Drei in Eins

Zuletzt, Brüder und Schwestern, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

2. Korinther 13, 11-13

Liebe Schwestern und Brüder,

was für ein Predigttext! Das klingt doch nach Abschied und Vermächtnis. Dabei verabschiede ich mich doch erst am 21. Juli von Ihnen und Euch. Aber das ist nicht so schlimm, bin ich schon seit ein paar Wochen im Abschiedsmodus. Das ist auch zuweilen ein komisches Gefühl, weil ich meine Dinge anders ordne als bei all meinen anderen Umzügen. Ich ziehe halt nicht von einer Straße in eine andere Straße oder von einem Bezirk in den anderen, sondern nach Bayern.

Für manche, die mir in dieser Zeit begegnen, ist das gefühlt am Ende der Welt. Und da ordnet man seine Dinge anders als je zuvor. Und was im Gegensatz zu anderen Umzügen hinzukommt, ist, dass man sich auch von vielen Menschen verabschiedet. Und das ist nicht nur die Hausgemeinschaft, sondern auch die Familie, die Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen und nicht zuletzt die Gemeinde und damit Schwestern und Brüder.

Manche verlässt man bis zum nächsten Wiedersehen, manche vielleicht auch für immer und mit anderen bleibt man in Kontakt und schreibt Briefe – wie Paulus – oder eher E-Mails oder skypt vielleicht. Und dann macht man noch etwas. Also, wenn ich jetzt Mails an Kolleginnen oder Kollegen oder Menschen, mit denen ich schon lange zusammenarbeite, Mails schreibe, in denen ich mitteile, dass ich das Unternehmen oder die Region verlasse, schließe ich mit den Worten:

Ich bedanke mich bei Ihnen für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, das gemeinsame Ziehen an einem Strang, viele, viele gute Gespräche, manch einen Dissens, der am Ende Entscheidungen besser konturiert hat. Ich bedanke mich auch für sehr viel gemeinsame Fröhlichkeit, manche Lästerei und herzhaftes miteinander Lachen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes reichen Segen.

Naja, und was bekomme ich dann zu lesen und zu hören? – Segenswünsche.

Wenn man sich voneinander trennt oder einander grüßt, dann spricht man in der Regel einen Segen oder bringt einen Segen als Gruß mit.

Der Segen ist der deutliche Wunsch, dass Gott begleitend und bewahrend bei dem anderen sein und bleiben möge. Und mancher Segen benennt die Schwachstellen der oder des Gesegneten. Und das ist dann keine ermahnende Schelte, sondern Ausdruck der Zuneigung, der Liebe dem anderen gegenüber, Bruder, Schwester, Geschwister. Mit dem Segen wünscht man dem anderen gegenüber das Beste, was es nur geben kann, die helfende Nähe Gottes. Man wünscht dem anderen, dass seine Schwächen zu Stärken werden und seine Stärken erhalten bleiben. Und der Segen ist zugleich Ausdruck der Empathie des Segnenden mit dem Gesegneten. Spreche ich einen Segen aus oder bitte um einen Segen, bleibe ich mit dem Gesegneten auch verbunden, verbunden durch Gott, Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Und damit bin ich bei dem angekommen, was nun mit dem heutigen Sonntag beginnt: Die Trinitatiszeit. Die grüne Zeit – also, liturgisch grüne Zeit – die Zeit des Werdens und Wachsens, des Gedeihens und der Hoffnung. Wobei der Sonntag Trinitatis ja Weiß als liturgische Farbe hat, also Licht und Freude.

Vom heutigen Sonntag an beschäftigen wir uns mit dem wichtigsten und wohl schwierigsten, was unser christlicher Glaube für uns bereithält: Die Dreieinigkeit Gottes, die, die wir auch im Apostolikum bekennen:

Ich glaube an Gott, den Vater
Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn.
Ich glaube an den Heiligen Geist.

Und gleichzeitig bekennen wir damit auch wer wofür verantwortlich ist:

Gott, Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde.

Jesus Christus, eingeborener Sohn, der uns von unseren Sünden erlöst hat.

Der Heilige Geist, der mich zum Evangelium berufen hat.

Damit stehen wir vor dem Dreischritt von:

  • Schöpfung
  • Erlösung
  • Heiligung

Und mit einem Male ist unser Glaube, der in der theologischen Literatur auf Millionen von Buchseiten in den vergangenen zweitausend Jahren erklärt und durchleuchtet wurde, auf die drei überschaubaren Begriffe zusammengefasst:

  • Schöpfung
  • Erlösung
  • Heiligung

Darin liegt der Schlüssel unseres Glaubens: „Die erlöste Schöpfung ist heil!“

Ja, das ist sie auch, wenn wir uns die Worte des Paulus zu eigen machen.

Zuletzt, Brüder und Schwestern, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! 
2. Korinther 13, 11-13

Was auf den ersten Blick so wunderbar genderlike klingt, nämlich „Brüder und Schwestern“ steht so nicht wirklich im Original. Da steht nämlich „adelphoi“ – also Brüder – und nicht „adelphoi kai adelphai“ also Brüder und Schwestern. Ich weiß nicht, was die Übersetzer der Luther-Bibel 2017 dazu bewogen hat, aus „adelphoi“ Brüder und Schwestern zu machen. In der Luther-Ausgabe von 1984 steht noch „Brüder“ – nebenbei gesagt auch in der Zürcher von 1942 und auch der der Einheitsübersetzung von 1980 steht „Brüder“. In den aktuellen Versionen übersetzen auch diese nun „Brüder und Schwestern“. Warum bin ich an dieser Stelle so spitzfindig? Schließlich bin ich doch ein alter Männerarbeiter und müsste mich freuen, wenn Brüder und Schwestern gleichberechtigt und ebenso verpflichtet angesprochen würden. Aber mich beschleicht hier ein seltsamer Verdacht, wenn an solchen Stellen gegendert wird, dass vielleicht nicht ganz zu Ende gedacht worden sein könnte. Sie, liebe Schwestern und Brüder, kennen mich ja ganz gut und wissen, dass ich zuweilen auch wenig spitzfindig sein kann. Natürlich kann es auch sein, dass Paulus mit seinem „adelphoi“ auch „Geschwister“ verstanden haben könnte, also Brüder und Schwestern gleichermaßen gemeint haben könnte. Im 2. Brief an die Korinther benutzt Paulus insgesamt zwölfmal den Begriff „adelphos“, sprich immer nur in der maskulinen Form.

Also, was machen wir, wenn Paulus wirklich ganz bewusst nur die Brüder gemeint haben sollte? Ich finde das einen spannenden Gedanken, weil uns das vielleicht noch einmal einen anderen Blick auf das Verhältnis von Brüdern und Schwestern eröffnen könnte. Stellen wir uns also einmal vor, Paulus spricht nur die Männer an, dann könnte das ja heißen: „Schwestern, Ihr seid ok, aber die Brüder müssen noch einmal bei den Punkten:

  • Freude
  • Zurechtbringen
  • Einerlei Sinn haben
  • Frieden halten

nacharbeiten. Also, Jungs, nehmt euch mal ein Beispiel an den Frauen!“ – Könnte es ja auch heißen…

Was an dieser Stelle auf alle Fälle deutlich wird, ist, dass es hier in der Gemeinde Konflikte gibt. Und einer dieser Konflikte ist wohl, dass es zwischen der Gemeinde und Paulus gerade nicht so ganz rund zu laufen scheint. Es gibt da wohl noch andere Apostel, die allem Anschein in seiner Gemeinde zu wildern versuchen und auch noch in anderer Weise versuchen, daraus Kapital zu schlagen.

Naja, und das löst natürlich auch Konflikte in der Gemeinde aus. Wir erleben das ja in unserer Kirche heutzutage auch, wenn zum Beispiel Rechtspopulisten mit dem christlichen Abendland um die Ecke biegen. Das bringt Konflikte in eine Gemeinde, weil dem so verstandenen christlichen Abendland doch ein ganz anderer biblischer Befund gegenübersteht. Und schon prallen mindestens zwei unterschiedliche Gruppen aufeinander. Da gäbe es noch eine Reihe anderer Beispiele. Jedenfalls macht Paulus mit seiner auffordernden Ermahnung eines deutlich, dass sich die Gemeinde auf das Wesentliche konzentrieren solle, und das wären:

  • Die geistliche Freude im Herrn. Also die Heilsfreude in der Gemeinde der Erlösten.
  • Dann sollen sie sich wieder zurechtbringen. Auch ein schöner Begriff. Damit meint Paulus, dass sich die Gemeinde durch ihn wieder in den Zustand bringen lassen soll, der ihrem Wesen als Gemeinde Gottes entspricht. Und das vonstattengehen soll, macht Paulus auch deutlich: „Lasst Euch ermahnen, und zwar von mir! Und das Ziel meiner Ermahnung: Habt einerlei Sinn! Lasst Euch also nicht spalten und haltet Frieden!“

Wenn das mal keine Ansage ist. Sie macht aber zugleich deutlich, dass man bei den ganzen Leuten, die sich Apostel nennen, ganz schon aufpassen muss, um nicht z.B. an einen me-first-Populisten zu geraten. Das bedeutet, dass man ihnen auf den Grund gehen muss, dass man sehr genau hinschauen muss, was sie wirklich wollen, was ihre Intention ist, ob sie eigenen Interessen oder gar Ängsten dienen.

Paulus mahnt uns sehr deutlich, sich wieder auf die Grundlage unseres gemeinsamen Glaubens zu konzentrieren: Die Freude am Erlöstsein. Und wenn sie das so machen, wird auch der Gott der Liebe und des Friedens mit ihnen sein. Das heißt nicht Gott des Friedens, der Freude und des Eierkuchens, sondern in der Tat der Liebe und des Friedens. Und genau das ist harte Arbeit, weil sie tief von innen heraus gelebt sein will und nicht als Eierkuchenattitüde. Und um das nicht zu vergessen, mögen sie sich mit dem heiligen Kuss grüßen. So wird dieser Kuss gewissermaßen auch zu einem Bekenntnis zum Gott-Vater, der Schöpfung, dem Sohn der Erlösung und dem Heiligen Geist, der verbindet.

Damit wird deutlich, dass die Stärke eine Gemeinde in der gelebten Gemeinschaft liegt. Und dann schließt Paulus seine Ermahnungen und auch seinen Brief mit einem trinitarischen Segen reinsten Wassers:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Und dieser Satz ist zugleich Bekenntnis zu Gemeinschaft, zur Gemeinde:

Ich glaube an Jesus Christus,
unsern Herrn, der uns gnädig ist und erlöst hat.
Ich glaube an Gott,
der uns alle liebt und
in uns die Liebe zu allen Menschen ins Herz gelegt hat,
so dass es wieder so gut werden kann,
wie Gott uns in und mit dieser Welt
einst zusammen geschaffen hat.
Und ich glaube an den Heiligen Geist,
der Gemeinschaft schafft.

Und so wird deutlich, dass wir der Einheit der Dreiheit von Gnade, Liebe und Gemeinschaft bedürfen, um Frieden zu halten.

Und so sei nun, liebe Schwestern und Brüder, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes mit Euch allen.

Amen.

Predigt am Sonntag Trinitatis am 16. Juni 2019 in der Königin Luise-Gedächtniskirche in Berlin-Schöneberg