Martin Dubberke

Identität Liebe

„Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Wissen Sie, wann ich diesen Vers zum ersten Mal in meinem Leben gehört habe? Sie werden lachen, ich weiß sogar noch das Datum und den Ort und wer es gesprochen hat. Es war der 28. Januar 1965 – also vor ziemlich genau 38 Jahren.Wer jetzt gut geschätzt oder gerechnet hat, der wird sich nun fragen: „Wie kann sich der Dubberke an etwas erinnern, wo sieben Monate alt war?“

Gut, ich gebe es zu, ich kann mich nicht daran erinnern. Aber mein Vater hat mir von meiner Taufe erzählt und welche Taufsprüche er ausgesucht hat. Der eine lautet: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeuget.“ Und der andere lautet: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Wer von uns kann sich eigentlich an seine eigene Taufe erinnern, an seinen Taufspruch, an seinen Tauftag? Wohl kaum einer. Es sei denn, er hat sich als Heranwachsender oder Erwachsener taufen lassen. Und vor allem: Wer weiß, warum die Eltern dafür gesorgt haben, daß man getauft wird?

Und wer weiß schon, warum dieser oder jener Bibelvers für seine Taufe ausgesucht wurde.

Du bist mein Sohn. Heute habe ich dich gezeugt!

Ich war der erste Sohn meiner Eltern. Mein Vater, als Junge ein durchaus gläubiger Knabe, der noch in den letzten Wochen vor Kriegsende konfirmiert wurde, trat nach dem Krieg aus der Kirche aus, weil er glaubte, dass es keinen Gott geben könne, der einen solchen Krieg zugelassen hätte. Er trat 1954 wieder in die Kirche ein, um seiner Frau – meiner Mutter – den Wunsch einer kirchlichen Trauung zu erfüllen. Aber er ging nie zum Abendmahl. Mein Vater blieb in der Kirche, zahlte seine Kirchensteuern und ließ uns Kinder taufen, suchte für jeden von uns dreien die Taufsprüche aus. Er tat dies und erzog uns im christlichen Sinne, damit wir dereinst einmal selbst entscheiden könnten, ob wir Christen werden wollten oder nicht. Er schickte uns in den Religionsunterricht, ließ uns in den Kindergottesdienst, den Konfirmandenunterricht und die Junge Gemeinde gehen. Er wollte uns die Wahl lassen, uns diesen Weg, diese Dimension nicht versperren, redete es uns nicht aus, nur weil er etwas anderes glaubte und noch immer glaubt. Solche Ernsthaftigkeit einer Erziehung zur christlichen Mündigkeit wünschte ich mir von allen Eltern, die ihre Kinder taufen lassen.

Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Dies ist eine Zusage. Mein Vater brachte damit nicht nur die Freude an meinem in die Welt-Gekommen-Sein zum Ausdruck, sondern auch an seiner Einstellung zu mir, seinem Verhältnis. Ich liebe Dich und wie immer Du Dich in Deinem Leben entscheiden wirst, werde ich es respektieren und akzeptieren. Ich werde Dir in Deinem Leben nicht im Wege stehen, sondern immer hinter Dir. Mit diesem Vers hat sich mein Vater zu mir bekannt. Du bist mein Sohn.

Mit der Taufe war auch ein Wechsel verbunden. Er gab mich damit auch in die Hände von jemandem, von dem er glaubte, daß es ihn, wie er es erlebt hatte, nicht geben würde. Vielleicht war diese Taufe auch die Hoffnung, daß die Schatten des Alten durch das Neue gebannt würden. Ein neuer Versuch mit dem, an den er nicht mehr glaubte, aber auf den er vielleicht noch hoffte. Er setzte mich an jenem Tag auf einen Weg, von dem er nicht wußte, wo er hinführen würde. Aber er versprach, mich auf diesem Weg zu begleiten und das tut er bis zum heutigen Tage.

Als ich ihn vor ein paar Jahren einmal fragte, weshalb er uns überhaupt hat taufen lassen, antwortete er: „Man konnte doch nicht wissen, ob da mal ein zukünftiger Pfarrer drunter sein könnte.“

Die Identität Liebe

Die dänische Pfarrerin Birte Andersen schreibt:

Das Leben Jesu war so groß, daß es einer Einweihung bedurfte, damit das Gute siegen konnte. Er hatte ein Menschenleben zu leben. Ein Leben wie das unsere mit menschlichen Bedürfnissen: Essen und Schlaf. Und doch ein ganz ungewöhnliches Leben, weil es in ganz besonderer Weise den Willen Gottes mit dem Menschen ausdrücken sollte…

Die Taufe, mit der ihn Johannes tauft, ist zugleich eine ganz gewöhnliche Taufe, die die göttliche, geistliche Seite der menschlichen Identität hervorhebt. Zugleich ist sie ein Ereignis, bei dem sich der Himmel öffnet und Gott sich zu ihm als seinem Angesicht bekennt. Seitdem ist die Taufe eines der wichtigsten Ereignisse im Leben eines Christen, eine Weise, in der man das göttliche Leben Jesu in das eines jeden Menschen einschreibt.

Mit der Taufe seines Sohnes zeigt sich Gott den Menschen in einem neuen Licht und Angesicht. Er ist Mensch geworden. Er hat sich anschaubar, anfaßbar und verletzbar unter die Menschen begeben. Es ist aushaltbar geworden, ihm ins Angesicht zu schauen. Mit der Taufe seines Sohnes mit dem Heiligen Geist macht Gott deutlich, daß das Wasser allein nur ein Symbol sein kann. Das Wasser der Taufe ist kein Zaubermittel. Die Bedeutung der Taufe muß ins Herz gehen und den Menschen verändern. Das kann kein Wasser schaffen, sondern nur der Heilige Geist.

Die eigene Taufe ist damit Beginn der gemeinsamen Biographie mit Gott. Von der Taufe an lässt sich das eigene Leben nicht mehr von Gott lösen. Da kann ich zehnmal aus der organisierten Kirche austreten. Taufe ist Taufe. Sie bleibt bestehen als ein Versprechen, eine Zusage Gottes und lässt sich nicht durch einen Austrag beim Amtsgericht abwischen.

Durch die Taufe sind wir nicht mehr das Subjekt unseres eigenen Lebens. Durch die Taufe sind wir einer Macht überlassen, die größer ist als wir. Diese Macht gibt uns mit der Zusage „an dem ich Wohlgefallen habe“ eine ungeheure Freiheit. In diesen Worten wird das ungeheure Vertrauen deutlich, das Gott in uns setzt. „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Das ist eine Liebeserklärung, die nicht einengt, sondern befreit. Er vertraut mir, jedem einzelnen von uns, daß wir uns nicht gegen ihn wenden, sondern als seine Kinder, nach dem streben, was das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene ist, deren Identität die Liebe ist. Also, vom Geist Gottes Getriebene sind.

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Amen.

1. Stg. nach Epiphanias 2003
11. Januar 2003
Matthäus 3, 13-17