Martin Dubberke | Pfarrer

Wie soll ich dich empfangen…

„Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?“ haben wir gerade gesungen. Das ist Advent pur. Wie bereite ich mich auf die Ankunft, die Geburt Jesu vor? Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie meine Frau und ich uns auf die Geburt unserer Söhne vorbereitet haben.

Zuerst musste ich in unserer neuen Wohnung das zukünftige Kinderzimmer von den Umzugskisten mit meinen Büchern, Schallplatten und CDs befreien, damit wir das schöne und helle Zimmer mit dem Walnussbaum vorm Fenster für den Einzug unserer Söhne vorbereiten konnten.

Wir kauften zwei Maxi und Cosys, ließen eine alte Kommode zur Wickelkommode umbauen, einen Schrank blau streichen und vieles andere mehr.

Wir schmökerten in dem einen oder anderen Buch, das man so empfohlen oder geschenkt bekommt, wenn man Eltern wird.

Dann packten wir die berühmte Reisetasche für das Krankenhaus. Stellten sie griffbereit in den Flur und gleichzeitig stieg die Spannung wie bei Kindern, die kaum noch die Bescherung abwarten können.

Ich wollte endlich meine Söhne von Angesicht zu Angesicht kennenlernen, sie berühren, sie auf dem Arm halten können, ihre Stimmen hören können.

Das war vor nahezu zwölf Jahren unser ganz persönlicher Advent in den letzten vier Wochen vor der Geburt.

Auch im Advent gehen wir der Geburt eines Kindes entgegen. Und es stellt sich hier die Frage, wie wir uns darauf vorbereiten oder ganz einfach:

„Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?“

Das Spannende aber an der ganzen Sache mit dem Advent und Weihnachten ist ja, dass wir nicht wirklich der Geburt Jesu entgegengehen, sondern der Erinnerung an seine Geburt und damit dem Beginn der Heilsgeschichte, die in Ostern und Pfingsten ihren eigentlichen Höhepunkt erreicht.

Wir schauen also heute auf die Geburt Jesu mit der Erfahrung der vergangenen 2017 Jahre zurück.

Wir schauen im Advent aus der Perspektive der Auferstehung auf Weihnachten.

Wir wissen heute mehr als die Hirten, die zur Krippe kamen, wer da geboren wurde. Wir wissen, mehr als die Hirten, was Jesus für die Welt und für das Leben von Milliarden Menschen in den vergangenen 2017 Jahren bedeutet hat.

Wir gehen in den Advent, in das neue Kirchenjahr, mit dem Wissen um eine lange Geschichte von Glauben, von Missbrauch des Glaubens – ja, auch uns Christen ist das Pharisäertum nicht so ganz fremd am eigenen Leibe.

Wir wissen, was Jesus gelehrt und gelebt hat. Und wir wissen natürlich, wozu Jesus uns eingeladen hat. Naja, aufgefordert hat. Er hat uns nie gezwungen, sondern immer die freie Wahl gelassen. Und ja, natürlich hat er auch auf die Konsequenzen hingewiesen, wenn man der Einladung nicht folgt. Denken wir doch nur an solche Geschichten, wie der vom Gastmahl, dem die Geladenen nicht gefolgt sind, weil sie scheinbar besseres zu tun hatten, geheiratet haben, einen Acker gekauft haben oder ein Paar Rindviecher… Wir kennen diese Geschichten und wissen, wie sie ausgegangen sind.

Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich Dir?

nähert sich dem genau aus dieser Perspektive. Da steckt ganz viel Unsicherheit dahinter, denn ich weiß ja selbst, wie weit ich abgewichen bin. Ich weiß ja, wann ich der Einladung nicht gefolgt bin. Ich weiß ja, wann und – im besten Fall auch – warum ich der Einladung nicht gefolgt bin. Ich kenne meine Acker oder – mit anderen Worten – meine Ausreden, meine Vorwände.

Ja, es gibt einen Grund, weshalb die Farbe des Advents nicht das schöne Grün der Tannenzweige ist, aus denen der Adventskranz gemacht wird, oder das Rot und Weiß der Kerzen am Adventskranz. Es gibt einen Grund, weshalb Violett die Farbe des Advents ist. Es ist die gleiche Farbe, die wir in der Passionszeit haben. Es ist die Farbe der Passion, die Farbe des Fastens.

Was für ein schöner Kontrast. Fasten in der Fülle der Lebkuchen, Marzipankugeln, Dominosteine, Printen, Spekulatius und Stollen und all der anderen schönen Kalorienträger. Der Advent mit seinen Feiern und den Massen an Lebkuchen und dem ganzen Weihnachtsmarkt-Kommerz ist eigentlich genau das Gegenteil von Fastenzeit.

Und damit bekommt die Frage

Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich Dir?

eine ganz neue Bedeutung. Es ist der Moment, in dem ich mich frage, was ich alles tun muss, um für den Moment der Begegnung mit Jesus gut vorbereitet zu sein. Und das Fasten bedeutet hier, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf das, worauf es wirklich ankommt, es sich wieder vor Augen zu halten.

Die Farbe violett erinnert mich an das Leiden, das Jesus auf sich genommen hat, damit mir meine Sünden vergeben werden. Wir erinnern gleich im Abendmahl noch einmal in ganz besonderer Weise daran, wenn ich die Einsetzungsworte, die Jesus gesagt hat, sprechen werde:

Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut,
das vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

Und genau das gilt auch heute noch. Das ist doch eigentlich Wahnsinn. Ich habe damals nicht gelebt und kein Mensch hätte jemals daran gedacht oder vermutet, dass es mich einmal geben würde. Und doch ist Jesus auch für meine Sünden, gestorben.

Für eine solche Gnade kann ich nicht dankbar genug sein. Und der Dank geschieht im Leben der Gebote, der Anregungen, der Lehre Jesu Christi. Dass mir das schon mal im sogenannten Alltag entgleiten kann, gehört dazu, so lange es nicht zu einer gottvergessenen Gewohnheit wird.

Advent bedeutet damit, sich all das noch einmal zu verinnerlichen und sein Leben neu auszurichten.

Das Violett verbindet Ende und Anfang oder ist es eher Anfang und Ende oder am Ende gar Anfang und Anfang?

Das Violett der Passionszeit erinnert uns im Advent an das Leiden Jesu, aber auch daran, dass Jesus für uns gestorben ist.

Das Violett der Adventszeit lädt uns dazu ein, sich genau daran zu erinnern. Denn sowohl mit Weihnachten also auch mit Ostern beginnt etwas Neues. Der Weihnachten beginnende Kreis schließt sich zu Ostern. Auch diese beiden Tage sind durch die gleiche liturgische Farbe – nämlich das Weiß – miteinander verbunden.

Es ist also kein Zufall, dass die Evangelienlesungen in der Adventszeit ausgerechnet in die letzte Lebensphase Jesu fallen. Der Einzug in Jerusalem untermauert noch einmal den Anspruch Jesu, auf seine Weise König zu sein.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.
Es kommt der Herr der Herrlichkeit.“

Da haben wir es. Am Ende erwarten wir nicht nur ein kleines Kind, sondern auch in Gestalt des Kindes unseren Heiland, unseren König.

Was bedeutet das für unser Leben, in unserer Welt?

Wir feiern Jahr für Jahr in aller Welt die Geburt dieses Königs. Ist das nicht schon allein ein Wunder, dass in aller Welt, egal in welcher Sprache und Nation, die Menschen der Geburt dieses Kindes gedenken und es eine Nacht und zwei Tage feiern?

Ist dieses Gedenken und Feiern nicht auch zugleich die Anerkennung seiner weltumspannenden Macht und Herrschaft?

Nicht nur Balduin Vogelsang – so nenne ich mal den Otto Normalverbraucher – feiert Weihnachten, sondern auch ein Trump oder Putin. Und ich muss in diesem Moment an die Geschichte von Nebkadnezar denken, der sich in seiner Herrschaft absolut gesetzt hat und meinte, alles ohne Gott gemacht zu haben. Da hatte er allerdings die Rechnung ohne Gott gemacht. Dieses Denken bekam ihm nämlich sehr schlecht, weil er von Gott verstoßen wurde und am untersten und äußersten Rand der Gesellschaft leben musste, bis er so geläutert war, dass er wieder König sein durfte und er zu einem der weisesten Herrscher wurde. Das ist das Schicksal solcher Menschen, dass wer sich absolut setzt, perspektivisch früher oder später absolut zum Scheitern verurteilt ist.

Doch wie bereiten wir uns vor?

Ich empfehle dazu noch einmal einen Blick auf das Antependium am Altar.

Fastenzeit bedeutet, dass ich mich aus allem anderen herausnehme und mich auf das Wesentliche konzentriere, in mich gehe und darüber nachdenke, was ich von all dem, was Jesus mir geboten hat, vergessen habe; woran ich mich nicht gehalten habe und vor allem, warum ich mich daran nicht gehalten habe und warum ich so gehandelt habe. In dem Wissen um das bevorstehende Heil kann ich ehrlich zu Gott sein und deshalb auch ehrlich zu mir.

In der Epistel aus dem Römerbrief haben wir heute sehr deutlich gehört, was das bedeutet:

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

Und damit stellt sich die Frage, wem ich was schuldig geblieben bin.

Meiner Frau, meinen Kindern, meinen Freunden oder Kollegen? Was bin ich Gott schuldig geblieben? Wenn es mir gelingt, dem Advent die Hektik zu nehmen, ihn nicht als kommerziell orientierte, religionsübergreifende oder religionsbefreite Shoppingtour zu verstehen, sondern in das goldene Licht der Kerzen einzutauchen. Dann werde ich von ganz alleine ruhig und stille werden, um mit Gott zu sprechen und ihm die Frage stellen: Was bin ich Dir schuldig geblieben?

Die Antworten könnten dabei überraschend klingen:

„Kannst Du Dich noch an den zum Himmel riechenden obdachlosen, alten Mann in der S-Bahn erinnern? Du hast seinen Gestank ausgehalten, aber Du hast ihm nichts gegeben. Was macht Dich so sicher, dass es nicht vielleicht mein Sohn war, der da in Gestalt eines alten Mannes gesessen hat?“

„Du meinst, es war neulich Dein Sohn, der da zum Himmel gestunken hat?“

„Ja, und er hat genau das getan, was er schon früher getan hat. Er hat auf das hingewiesen, was in unserer Gesellschaft bis zum Himmel stinkt, wo unser Handeln gefordert ist. Wo auch Du gefordert bist!“

„Ich erinnere mich – „Was du dem Geringsten unter euch getan hast, das hast du mir getan.“

„Du hast es erfasst“, gratuliert Gott zur neu gewonnenen Erkenntnis und stellt sogleich die nächste Frage: „Und was machst Du nun aus der Erkenntnis?“

„Tja, was mache ich aus der Erkenntnis?“ frage ich mich selbst auch, während ich so an meinem Schreibtisch sitze und noch einmal auf den Predigttext aus der Offenbarung des Johannes schaue – nebenbei gesagt – Kapitel 5, die Verse 1-5:

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.

Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.

Ein Buch, versiegelt mit sieben Siegeln. Naja, die Bücher von damals waren Buchrollen. – Das ist schon fast so wie heute die Bücher, die wir auf unseren Tablets oder Rechnern nur noch sollen. Und wenn diese Rolle von innen und von außen beschrieben war, dann muss es ein wirklich umfangreiches Buch gewesen sein.

Mit sieben Siegeln hat man dem römischen Recht folgend ein Testament verschlossen. Hält Gott da seinen letzten Willen in der Hand?

Das Buch bleibt verschlossen, niemand kann es lesen, niemand wird für würdig befunden, das Buch zu öffnen und zu lesen.

Was steht in diesem letzten Willen Gottes? Wer erbt und wer erbt nicht?

Der Seher, der diese Szene vor seinem inneren Auge sieht, ist traurig und weint, weil auch er wohl zu denen gehört, die nicht würdig genug sind, das Buch aufzutun und dort hineinzusehen.

Doch einer der Ältesten spricht zu ihm: „Weine nicht!“

Ja, so ist es manchmal, wir können es einfach nicht sehen und deshalb nicht verstehen. Wir stehen vor einer Sache und verstehen sie beim besten Willen nicht, weil uns die Einsicht fehlt. Und dann weinen wir vor lauter Verzweiflung.

Das sind die Momente, wo unsereins dankbar ist, wenn er von jemandem getröstet wird, der einem beim Sehen und Verstehen hilft.

Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.

Der Älteste sagt nichts anderes, als dass der Schlüssel zum Inhalt des Buches nicht mehr gesucht werden muss, weil er da ist. Jesus Christus, der Überwinder des Todes. Er hat die Macht und auch das Recht, Gottes Testament zu öffnen und das Testament zu vollstrecken, also den abschließenden Heilswillen Gottes zu vollziehen.

Mit so einer Zusage am ersten Advent, kann unsereins erst einmal wunderbar aufatmen.

Naja, und wenn ich noch einmal auf das Buch mit den sieben Siegeln schaue und mir vor Augen halte, dass es sich hierbei um ein Testament handelt, dann weiß ich, dass der andere – also Gott – seine Sachen geregelt hat.

Und so lädt mich ausgerechnet ein Buch mit sieben Siegeln dazu ein, mein Leben, dass mir vielleicht auch zuweilen so vorkommt als hätte es sieben Siegel, zu ordnen und neu auszurichten.

Ich weiß, was mich in der Heiligen Nacht erwartet: ein großartiges Geschenk.

Und bei dem Gedanken daran, klingt wieder die Zeile aus unserem Lied in meinem Ohr:

Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich Dir?

Ich glaube, die Antwort zu kennen: Mit Dankbarkeit. Und meine Dankbarkeit zeigt sich in der Ausrichtung meines Lebens nach seinem Gebot. Der Advent bietet mir die Möglichkeit dazu, mich diesem Ziel in vier Etappen zu nähern.

Amen.

Gottesdienst am 1. Sonntag des Advents 3. Dezember 2017 in der Königin Luise Gedächtnis-Kirche.