Martin Dubberke | Pfarrer

Wer liebt und geliebt wird, ist auch in seiner Schwachheit stark

„Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“

Sprachlosigkeit. Mir geht dieses Wort nicht mehr aus dem Kopf, wenn ich den Anfang des Predigttextes lese. „Sprachlosigkeit“.

Manchmal geht es mir nicht gut. Das kommt vor. Und wenn mich dann jemand fragt: „Na, was ist?“ Muss ich antworten: „Ich weiß nicht. Mir ist irgendwie komisch.“

So ein unbestimmtes Gefühl, das sich nicht mit Worten, sondern eher mit einem Seufzen fassen lässt, einem unaussprechlichen Seufzen.

Ich muss aber auch an meine Söhne denken. Die sind jetzt beide acht Jahre alt. Und manchmal benimmt sich der eine und manchmal der andere etwas seltsam. Dann wissen meine Frau und ich, dass wieder irgendwas im Busch ist. Und wenn ich dann frage: „Na, wat is’, mein Junge?“ bekomme ich keine Antwort. Das Kind weicht aus, greift nach einem Spielzeug und versucht, mich zur Luft zu erklären. Oder ich bekomme als Antwort: „Nichts. Alles ok, Papa!“ Und schon malt er weiter oder fängt an, irgendetwas aus Lego zu basteln…

Und irgendwann gelingt es uns dann vielleicht mit dem einen oder anderen Trick, weil wir ja unsere Jungs kennen, das Geheimnis zu lüften. Dann kann es sein, dass sie zum Beispiel in der Schule Mist angestellt haben, der jetzt wieder irgendwie gerade gebogen werden muss. Das kann bedeuten, dass sie sich bei jemandem entschuldigen müssen oder, dass Unrecht, das ihnen angetan wurde, wieder beseitigt werden muss. Das eine müssen sie mit unserer Hilfe selber machen und beim anderen können wir als Eltern Fürsprecher ihres Seufzens werden und ihnen unter die Arme greifen.

Das, was ich gerade am Beispiel meiner Jungs beschrieben habe, kennen wir alle selbst viel zu gut. Zum einen, weil wir selbst Kinder gewesen sind und uns nicht nur an die lustigen Seiten des Kindseins erinnern können, sondern auch an Dinge, die nicht so toll gelaufen sind, wo wir dankbar waren, wenn uns jemand geholfen hat, etwas auszusprechen, was wir lieber als Geheimnis für uns behalten hätten, weil es so schmerzlich unangenehm für uns war, darüber zu sprechen, auch weil es mit Angst verbunden war.

Das ist ein Verhalten, das wir auch heute noch kennen und zum Teil nicht selten genug leben. Wir flüchten vor Dingen, vor denen wir Angst haben. Wir können manchmal auch unsere Angst nicht in Worte fassen, ja können vielfach nicht einmal sagen, wovor wir Angst haben. Es ist einfach so ein unbestimmtes Gefühl. Und wie soll man dann beten?

Dem guten Protestanten fällt es in seiner falsch verstandenen Bescheidenheit oft sehr schwer, für sich selbst einzutreten und sich selbst wichtig zu nehmen. Es fällt ihm leichter, für andere einzutreten und zu beten und dafür dann auch die richtigen Worte zu finden. Für sich selbst bleibt oft Sprachlosigkeit.

Auf der anderen Seite gibt es auch viele Situationen, die uns sprachlos machen. Da geschehen Dinge, die können wir kaum fassen. Und das müssen nicht unbedingt die großen Katastrophen der Zeitgeschichte sein. Das können die vielen kleinen und großen Dinge sein, die uns tagtäglich im Leben geschehen: Eine Krankheit, eine Kündigung, ein Unfall, der Tod… alles Dinge, die uns sprachlos machen.

In dieser Situation finde ich es tröstlich, dass, auch wenn ich nur seufze, weine und meine Sprache verloren habe, ich nicht alleine bin und mein Kummer nicht unausgesprochen ins Leere geht, sondern es jemanden gibt, der mein Seufzen hört und gewissermaßen dechiffriert. Der Geist, der uns dann vertritt. Er ist es, der uns wie ein guter Freund in den Arm nimmt und am Zittern und Zagen, am Seufzen und Schweigen deutlich spürt, was wir nicht sagen können, wofür wir keine Worte zu finden vermögen.

Das Wissen darum, dass es jemanden gibt, der unser Seufzen in Worte wandelt, gibt mir persönlich den Mut, die Worte zu finden und auch auszusprechen, weil es jemanden gibt, vor dem es keine Geheimnisse geben kann. Wenn es mir gelingt, den Bann der Sprachlosigkeit zu durchbrechen, beginnt meine Freiheit, die eine Gabe des Geistes ist.

Das ist etwas, das ich auch aus meiner Beratungsarbeit kenne. Seit nunmehr zwanzig Jahren berate ich Männer und mittlerweile auch Frauen, die in ihrem Leben gewalttätig geworden sind. Kein einfaches Thema. Kein Thema, bei dem es nur Schwarz oder nur Weiß gibt, sondern auch viele Grautöne. Die meisten dieser Menschen tragen ein Geheimnis mit sich rum, das sie so gut gehütet haben, dass Sie es selbst schon gar nicht mehr kennen. Aber dennoch nimmt sie dieses Geheimnis gefangen. Sie können nicht so leben, dass sie sich frei fühlen. Sie tragen schwer daran und sind oft tragische Persönlichkeiten. Ihre Angst, dass jemand das Geheimnis entdecken und gegen sie verwenden kann, macht sie zu Gejagten, die nichts weniger sein wollen, als Gejagte. Sie versuchen entweder unauffällig zu leben oder sie versuchen ihr Leben so zu gestalten, dass sie mit aller Gewalt die Enthüllung ihres Geheimnisses zu vermeiden suchen.

In beiden Fällen spielt die Sprachlosigkeit eine große Rolle. Und wie will ich beten, wenn mir die Sprache fehlt, das Wort, um es auf den Punkt zu bringen? Ja, wenn ich zuweilen gar nicht weiß, worum ich Gott bitten soll.

Ich helfe diesen Menschen, ihre Sprache wiederzufinden. Gemeinsam buddeln wir in den Tiefen ihrer Seele und sieben und sieben und sieben, bis wir die manchmal kleine Ursache finden. Und nicht selten braucht man einen Bagger, um die Ursache freizuschaufeln. Und was glauben Sie, was passiert, wenn es uns wirklich miteinander gelingt, dieser Sprachlosigkeit ein Ende zu verschaffen. Wenn der Mensch nach Jahren oder Jahrzehnten endlich seine Angst beim Namen nennen kann, weil er in einer Runde sitzt, in der niemand mit dem Finger auf ihn zeigen wird, sondern sich jeder einzelne darüber freut, dass es ihm endlich gelungen ist.

Die Sprachlosigkeit macht uns schwach. Und in der Schwachheit neigt der Mensch dazu, nur sich selbst zu vertrauen. Denn wir leben – und so war es auch kaum anders zu Paulus Zeiten – in einer Welt, in der Schwachheit nicht unbedingt zu den Tugenden gehört, die gesellschaftlich akzeptiert sind und einen weiter bringen.

Sprachlosigkeit macht einsam.

Und jetzt kommt dieser Paulus daher und sagt im Prinzip: „Na, und wenn schon! Was soll’s? Biste eben sprachlos und schwach. Ist doch ok. Der Geist hilft unserer und Deiner Schwachheit auf. Was soll’s, wenn Du einfach nur seufzt und so Deiner Bedrückung Luft machst? Du hast den Geist und der vertritt Dich vor Gott unserem Herrn. Da kann gar nichts schief gehen.“

Gott, was für ein Befreiungsschlag!!! Einmal tief durchatmen und die Nähe Gottes genießen.

Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.  Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Und damit bin ich schon wieder fast am Anfang. „Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist.“

Eben habe ich noch gesagt, dass man manchmal einen Bagger braucht, um an das Geheimnis ranzukommen. Dieses Baggern, Buddeln, Graben, Sieben ist das Erforschen des Herzens und damit das Suchen nach dem, was unseren Sinn davon abhält, sich auf den Geist zu konzentrieren, sein Leben so auszurichten, dass es auf Gottes Spur ist.

Und dann sagt Paulus: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“

Jesus spricht:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Matthäus 22, 37-40)

Und schon wieder bin ich damit erneut fast am Anfang, nämlich meiner Sprachlosigkeit, meiner Schwachheit. Ich sagte eben auch, dass der Protestant in seiner falsch verstandenen Bescheidenheit, sich selbst oft nicht ernst genug nimmt und eher für andere als sich selbst die rechten Worte findet.

Diese falsch verstandene Bescheidenheit ist Ausdruck einer mangelnden Liebe zu sich selbst und damit auch zu Gott. Es ist Ausdruck der eigenen Schwachheit und damit der Angst davor, mit seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen nicht ernstgenommen, sich nicht akzeptiert zu fühlen, und damit in der ewigen Angst zu leben, vielleicht doch nicht erwählt zu sein. Angst davor zu haben. Nicht so zu sein, wie es Gott gefallen könnte. Angst davor zu haben, aufzufallen. Aber nur wer sich selbst liebt – und das haben wir von Jesus gelernt – kann auch andere lieben. Nur, wer sich selbst liebt, kann andere Menschen lieben und damit auch Gott lieben. Und nur, wer sich selbst liebt, ist für andere attraktiv. Nur wer sich selbst liebt, kann wiedergeliebt werden. Und wer liebt und geliebt wird, ist auch in seiner Schwachheit stark.

Predigt am Sonntag Exaudi über Römer 8, 26-30. Gehalten am 1. Juni 2014 in der Sankt Nikolai Kirche in Oranienburg und der Schmachtenhagener Kirche.