Martin Dubberke | Pfarrer

Vom Umkehren und Vergeben

„Und, haben Sie heute schon vergeben?“

Zugegeben, das ist nicht unbedingt die klassische Frage, mit der man ein Gespräch beginnt. Normalerweise fragte man ja: „Na, und wie geht’s?“ Naja, eben so die Floskel, auf die es in der Regel die semi-gelogene Antwort: „Geht so“ als Antwort gibt.Ich hätte da noch eine andere Frage als Gesprächsopener: „Wann wurde Ihnen eigentlich zum letzten Mal vergeben?“

Versuchen Sie das ruhig mal. Sie werden mit Sicherheit spannende Antworten bekommen und zuerst in ein verdutzte Gesichter schauen.

Und ich bin mir sicher, dass die meisten diese Frage nicht beantworten können, weil das ja auch hieße, dass sie sich für ein Fehlverhalten entschuldigt hätten. Das ist ja heute auch nicht mehr wirklich üblich.

Und warum? – Keine Bange, ich bin heute nicht mit dem moralischen Bein aufgestanden, aber mich treibt seit heute Morgen einfach diese Frage um. Warum entschuldigen wir uns nicht mehr richtig. Also, ich meine jetzt nicht solche Sachen, wo man reflexartig „Entschuldigung“ oder „O, tut mir leid“ sagt, weil man jemandem wirklich mal auf den Fuß getreten ist oder versehentlich den Kaffee verkippt hat.

Vielleicht bin ich ja eher mit meinem pessimistischen Bein aufgestanden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass man sich nicht mehr entschuldigt, weil man gar kein Fehlerbewusstsein hat, weil das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ eher zu einer egoistischen Kurzformel verkommen ist, bei der sich die Menschen nur noch den Teil mit „Liebe dich selbst“ merken können.

Ob ich ein Beispiel habe? – Eines??? – Viele. Eines erzähle ich, weil es so typisch scheint. Ich kam auf dem S-Bahnhof Westkreuz dieser Tage mit einem jungen Paar ins Gespräch, nachdem wir gemeinsam zwei Vertreter des Sicherheitsdiensts der Deutschen Bahn vergeblich versucht hatten, dazu zu bewegen, das Rauchverbot auf Bahnhöfen durchzusetzen, weil sie nicht gegen den Raucher vorgegangen sind, der da geraucht hat, obwohl es doch verboten ist. Ich vermute mal, dass wir deshalb nicht erfolgreich waren, weil die beiden mit einem Kaffee und dem Feuerzeug in der Hand selbst auf dem Weg zu einer Zigarette waren.

Mir erzählte das Paar dann eine Geschichte, die sie kürzlich auf dem Bahnhof Alexanderplatz erlebt hatten. Da ging eine Frau auf einen Raucher zu und bat ihn darum, die Zigarette auszumachen. Das machte der Mann, allerdings im Gesicht der Frau.

Das ist jetzt ein recht extremes Beispiel, aber ein nicht ungewöhnliches. Statt zu einem Fehlverhalten zu stehen, versucht der Sünder – wenn ich mal diesen alten Begriff benutzen darf – aus dem, der um das Abstellen des Fehlverhaltens bittet, den eigentlichen Sünder zu machen nach dem Motto: „Wenn die mich nicht angesprochen hätte, hätte ich das nicht machen müssen.“

Von der Politik brauchen wir da gar nicht zu reden. Wir müssen nur uns selbst anschauen, wie wir miteinander umgehen, wie wir unseren Ehepartnern, Kindern, Freunden, Kollegen, Nachbarn oder einfach anderen Menschen in Geschäften oder auf der Straße begegnen. Wo bzw. an welcher Stelle ist unser eigener erster Impuls eher auf dem „Liebe dich selbst“?

Also, wann haben Sie sich zum letzten Mal entschuldigt? So richtig entschuldigt? Und wie haben Sie sich entschuldigt? Haben Sie sich rausgeredet oder alles so richtig zugegeben?

Geschah Ihr Fehlverhalten aus Unachtsamkeit oder mit Bedacht?

Ich muss selbst überlegen, wann ich mich das letzte Mal entschuldigt habe…

Es fällt mir viel leichter, mich daran zu erinnern, wann ich einem anderen eine Vorhaltung gemacht habe oder mich mit jemand anderem über das Fehlverhalten eines anderen ausgetauscht habe. Und ich fürchte, das wird Ihnen nicht anders gehen.

Also, wann und wofür habe ich mich das letzte Mal entschuldigt? – Ja, doch bei meiner Frau. Wenn Sie jetzt aber glauben, dass ich Ihnen verrate, wofür, dann haben Sie sich getäuscht. So privat werde ich dann doch auch wieder nicht.

Aber ich glaube, ich weiß, warum es den Menschen so schwerfällt, sich nicht zu entschuldigen, sondern eher anzugreifen. Ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass die Menschen das Gefühl dafür verloren haben, dass es eine Instanz gibt, die mich in meinem Verhalten wahrnimmt. Und damit meine ich jetzt nicht das mangelnde Wachpersonal, das die Hausordnung durchsetzt. Damit meine ich auch nicht, dass es nicht mehr den Schutzpolizisten auf der Straße gibt, der Fehlverhalten gleich anspricht. Was für ein schönes Wort: SCHUTZpolizist. Ich sage immer, die innere Sicherheit ist in dem Moment bedroht, wo jemand im Nichtraucherbereich raucht und es nicht geahndet wird. Wer die Erfahrung macht, dass das Überschreiten von Grenzen keine Sanktion zur Folge hat, nimmt das Überschreiten der nächsten Grenze in Angriff, weil er nichts zu befürchten hat.

Ich glaube, dass verdammt viele Menschen das Gefühl dafür verloren haben, dass es noch eine andere Instanz gibt, die sich das alles anschaut. Wobei ich ehrlicherweise nicht daran glaube, dass Gott da mal – wie im Alten Testament – eine Stadt oder ein Land platt machen wird, weil wir das schon ganz alleine selber machen können.

Nein, ich bin kein Pessimist, sondern Realist, weil ich sehe, was geschieht und ahne, was noch geschehen wird. Und warum tue ich das? Weil auf der Hand liegt, was passiert, wenn es uns nicht gelingt umzukehren auf den Weg, den uns Gott so einladend anbietet.

So, ich kann natürlich die ganzen Großkopferten kritisieren und sagen, dass die nur an ihren eigenen Machterhalt denken und über Leichen gehen. Aber, mal Hand aufs Herz, über welche Leichen gehen denn wir Tag für Tag, um unseren Kopf durchzusetzen?

Wir können nicht von uns selbst ablenken, indem wir immer auf die anderen, die da oben verweisen.

Denken wir nur an Zachäus, den Zöllner. Niemand hat ihn gezwungen, die Hälfte seines Besitzes den Armen zu geben und diejenigen, die er betrogen hat, vierfach zu entschädigen. Er hätte das noch über Jahre hin machen können. Hat er aber nicht, weil er durch das Vorbild Jesus erkannt hat, dass er auf dem falschen Weg war, dass das, was er getan hat, vielleicht möglich war, aber nicht rechtens.

Weil er das erkannt hat, ist ihm Heil widerfahren. Aber gleichzeitig wird daran noch etwas anderes deutlich: Es bedarf Vorbildern, die den Anstoß geben, etwas im eigenen Leben zu ändern. Es bedarf Menschen, die nicht müde werden, das, was Gott von uns erwartet, einladend und mit Freude vorzuleben.

Und das Schöne ist – und das liebe ich so an meinem Glauben – , dass immer Umkehr möglich ist, wenn man von seinen üblen Gedanken loslässt und sich zum Herrn bekennt, also sich auf den Weg Gottes einlässt und so selbst für andere zur Einladung wird, sich zum Herrn zu bekennen.

Ach ja, ehe ich es vergesse:

Losung und Lehrtext für heute lauten:

Der Übeltäter lasse von seinen Gedanken
und bekehre sich zum HERRN,
denn bei ihm ist viel Vergebung.
Jesaja 55,7

 

Zachäus trat herzu und sprach zu dem Herrn:
Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen,
und wenn ich jemanden betrogen habe,
so gebe ich es vierfach zurück.
Jesus aber sprach zu ihm:
Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.
Lukas 19,8-9

Lasst uns Vorbilder werden!

In diesem Sinne: Amen.

Wochenandacht im LAFIM über Losung und Lehrtext aus Jesaja 55,7 und Lukas 19,8-9 am 28. Juni 2018.