Martin Dubberke | Pfarrer

Schnittstellen

Wir stehen noch ganz am Anfang eines neuen Jahres. Und wir sind heute im Rahmen dieses Neujahrsempfangs zusammengekommen, um einander zu vergewissern, dass wir gemeinsam in das neue Jahr gehen und bei einer Tasse Kaffee den Blick nach vorne wagen und auch miteinander Rückschau halten, um sagen zu können: Schau, das haben wir geschafft!

Gleichzeitig haben wir heute aber auch hier in Oranienburg unseren Inauguration Day, wenn wir nachher eine Kollegin mit dem Segen Gottes für Ihr Amt als Haus- und Pflegedienstleitung unseres Evangelischen Seniorenzentrums „Elisabethstift“ ausstatten werden und im gleichen Moment aus ihrer Vorgängerin eine sogenannte Alt-Haus- und Pflegedienstleitung wird. Auch sie wollen wir mit dem Segen Gottes für den neuen Lebensabschnitt ausstatten.

So befinden wir uns heute an der Schnittstelle zwischen zwei Jahren, der Schnittstelle eines Amtswechsel, der Schnittstelle zwischen Vergangenem und Zukünftigen. All diese Schnittstellen sind das, was wir Gegenwart nennen. Die Gegenwart ist das Verbindungsglied zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und das Kontinuum in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist die Gegenwart Gottes. Der klassische Kanzelgruß aus der Offenbarung des Johannes hält uns das noch einmal vor Augen:

„Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.“ (Offenbarung 1,4)

Eigentlich ist es ja üblich, dass man sich für so eine Andacht Gedanken über die Tageslosung oder so frisch im Jahr über die Jahreslosung macht. Die Tageslosung fand ich ehrlicherweise ein wenig schwierig für heute und die Jahreslosung hatte auch ihren Reiz, vor allem, wenn man den vollständigen Vers aus Hesekiel 36, 26 nimmt:

Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben
und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.

Aber ich habe mich dann für den Predigttext entschieden und Sie werden merken, warum ich das getan habe. Er steht im 2. Mose 33,17b-23:

17 Der Herr sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.
18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!
19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21 Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Mose, der ja nun in einem besonderen Kontakt zu Gott stand, äußert einen großen Wunsch: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Er will Gottes Angesicht sehen. Ich denke, viele von uns haben sich schon mal die Frage gestellt, wie Gott aussieht. Wäre es nicht toll, wenn man mal Gott von Angesicht zu Angesicht sehen könnte? Vielleicht ist er ja dieser alte, weise Mann mit dem langen weißen Bart? So, wie ihn viele Künstler und zuweilen auch Karikaturisten dargestellt haben. Vielleicht ist er aber auch dieser Gott, der auch wie eine Mutter ist, ja eine Frau? Aber, mal Hand auf’s Herz? Was ändert es, wenn ich Gott mal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe?

Es wird Sie vielleicht nicht überraschen, wenn ich sage, dass mich das nie interessiert hat. Gut, als Kind habe ich natürlich diese Vorstellung von einem Gott gehabt, der da oben in den Himmeln zwischen den Wolken auf einem Thron sitzt, einen weißen Bart hat und genau aufpasst, was ich tue. Aber das ist schon sehr lange her und liegt lange, lange Zeit vor meinem Theologiestudium.

Als ich diesen Predigttext sah, sprach er mich sofort an. Ich ahnte aber noch nicht, warum das so ist. Es war so ein unbestimmtes Gefühl. Und dann habe ich mir einfach gesagt: Lass Dich überraschen, was er Dir erzählen wird. Und dann habe ich ihn, so wie ich das immer tue, drei- viermal hintereinander gelesen und die Bibel wieder zugeschlagen und ihn auf mich wirken lassen.

Nach dem Lesen ging mir dann immer nur die eine Frage durch den Kopf: Warum, Dubberke, geht es Dir nicht so wie Mose? Warum sagst Du nicht einfach zu Gott: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!?

Gut, die Antwort kenne ich ja aus der Bibel. Also, bleibt die Frage, warum habe ich nicht den Wunsch, seine Herrlichkeit zu sehen? Als Pfarrer müsste ich doch eigentlich das unstillbare Bedürfnis haben, ihn zu sehen.

Also, schlage ich noch einmal die Bibel auf. Lese den Text und bleibe an zwei Stellen hängen:

Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. … Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Das ist doch spannend. Ich kann sein Angesicht nicht sehen, weil ich es nicht überleben würde. Das löst Fantasien über sein Angesicht aus. Aber ich darf hinter ihm hersehen und sehe dann seine Herrlichkeit. Oder anders gesprochen: Ich kann die Herrlichkeit Gottes erst sehen, wenn er an mir vorübergezogen ist.

Und was hat Gott noch mal zu Mose gesagt?

Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

Das ist der Schlüssel. Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen, warum ich noch nie auf die Idee gekommen bin, Moses Satz zu sagen: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ – Weil ich in meinem Leben schon das eine oder andere Mal Gottes Herrlichkeit sehen und erfahren durfte. Und wenn Sie ehrlich sind, wird es Ihnen nicht anders in Ihrem Leben ergangen sein.

Ich sehe die Fragezeichen in Ihren Gesichtern. Sie glauben mir noch nicht. Also, noch einmal: Mose konnte und durfte die Herrlichkeit Gottes nur von hinten sehen, nachdem Gottes Güte, Gnade und sein Erbarmen vor seinem Angesicht vorübergezogen waren.

So ist es auch noch heute. Wir erfassen Gottes Herrlichkeit und sein Wirken erst, wenn es schon an uns geschehen ist. Die Erfahrung seiner Güte, seiner Gnade und seines Erbarmens lässt uns rückschauend seine Herrlichkeit sehen. Und genau das löst Dankbarkeit aus.

Und damit macht Gott deutlich, dass es nicht darauf ankommt, sein Gesicht zu sehen, sondern sein Wirken zu erfahren, in dem ich seine Herrlichkeit erkennen kann.

Das Gesicht Gottes ist eine Äußerlichkeit, die mich vom Wesentlichen ablenken würde. Menschen, die sich an Äußerlichkeiten orientieren, nehmen in aller Regel nicht das Eigentliche war. Und genau das kann tödlich enden.

Wenn Gott im Vorübergehen über Mose seine Hand hält, geht es um Bewahren und Vertrauen. Wenn ich einem anderen die Augen zuhalte, dann stelle ich ihm damit auch die Frage, ob er mir vertraut. Es ist etwas, auf das ich mich einlassen muss. Und sich auf Gott einzulassen, heißt, Gott zu vertrauen.
Und genau darum geht es: Gott vertrauen, sich in seine Hand zu begeben, auf seine Güte, Gnade und sein Erbarmen zu hoffen und die Zeit, in die mich Gott stellt, als meine von ihm gegebene Zeit zu erfassen und mich der Aufgabe zu stellen, die mir Gott aufgetragen hat. Und wenn diese Zeit vorbeigegangen ist, werde ich auch seine Herrlichkeit sehen. Und diese Erfahrung wird mich durch die nächste Zeit und das nächste Vorhaben Gottes mit mir tragen.

„Ein jedes Ding hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“
(Kohelet 3, 1)

Amen.

Andacht im Rahmen des Neujahrsempfangs des Diakonischen Werks Oberhavel im Evangelischen Seniorenzentrum „Elisabettstift“ in Oranienburg