Martin Dubberke | Pfarrer

Hoffen und Harren

Hoffen und Harren hält manchen zum Narren. – Wer so spricht, hat auf den, die oder das Falsche gehofft, hat vielleicht auf einen Menschen gehofft.

Hoffen und Harren hält manchen zum Narren. Jeder von uns kennt diesen Spruch und jeder von uns hat ihn schon mal zu hören bekommen oder selbst zu jemandem gesagt, um ihm damit zu verstehen zu geben, dass er einen Fehler gemacht hat oder um ihm zusagen, dass die erlittene Enttäuschung doch abzusehen war. Also, die Hoffnung ein falsch verstandenes Aushalten gewesen ist. Wer diesen Satz sagt, setzt Hoffen und Harren miteinander gleich.

Ich muss hier an eine Situation denken, die ich neulich erlebt habe, und wo ich mir vorkam wie in einer Fernsehserie, dem Traumschiff oder so. Ich war bei der Physiotherapie und lag da mit meiner Fangopackung auf der Liege, während im Nachbarraum, der von meinem nur durch eine leichte Schiebetür getrennt war, eine Patientin meinem Physiotherapeuten von ihrem Leid erzählte: Wie angespannt und in welcher unfreundlichen Arbeitssituation sie sich befinden würde und die Chefin auch gegen sie arbeiten würde. Dabei hatte ihre Stimme immer einen weinerlichen Ton. Und dann fiel der alles entscheidende Satz: „Wissen Sie, ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich daran etwas ändern könnte.“

Mein Physiotherapeut war glücklicherweise so freundlich, nicht den Satz mit Hoffen und Harren zu sagen. Aber ich bin ehrlich: Mir ging er natürlich durch den Kopf als in dem Moment empfundenes Mitleid mit der armen Seele, die nebenan auf der Liege lag. Und ich dachte, dass sich ihr Problem nicht unter den magischen Händen meines Physiotherapeuten auflösen würde, weil sie auf das Falsche hoffte.

Hoffen und Harren ist immer Ausdruck dafür, dass ich oder jemand darauf hofft, dass sich etwas oder jemand ändert, besser wird oder es sich irgendwie schon richten wird. Hoffen und Harren ist aus meiner Sicht die vorprogrammierte Enttäuschung. Warum?

Hoffnung ist mit einer Vision verbunden. Mit Hoffnung ist etwas verbunden, das nicht ist, aber in Zukunft sein könnte. Hoffnung ist dabei eine in ihrem innersten Wesen positive Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes Realität wird, Gestalt annehmen wird, aber letztendlich keine Gewissheit darüber besteht. Das ist die Realität von Hoffen. So wie meine Söhne jedes Mal, wenn ich mit ihnen in einen Saturn oder Mediamarkt oder wie sie alle heißen gehe, hoffen, dass ich ihnen endlich die ersehnten Smartphones kaufe. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt.

Hoffen als Gewissheit ist der Motor, die Motivation, in die Zukunft zu schauen und sie zu gestalten aber nicht ergeben zu leben.

Wissen Sie eigentlich noch, was damit gemeint ist: Guter Hoffnung zu sein?

Genau! Damit war früher die Schwangerschaft gemeint. Ein schönes Bild. Guter Hoffnung zu sein, dass das, was im eigenen Körper heranwächst, gesund und fröhlich in die Welt kommt.

Im Ersten Brief der Korinther, Kapitel 13, Vers 13 schreibt Paulus:

Nun bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.

Warum aber ist die Liebe die größte unter ihnen, die größte Tugend? – Weil sie aus Glaube und Hoffnung erwächst. Ohne Glaube und Hoffnung gäbe es keine Liebe. Ohne Glaube und Hoffnung wäre keine Liebe möglich.

Glaube und Hoffnung aber haben einen gemeinsamen Ursprung. Darauf verweisen uns heute Losung und Lehrtext:

Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf Dich verlässt.
Psalm 84,13

Wo keine Hoffnung war, hat Abraham auf Hoffnung hin geglaubt.
Römer 4,18

Im Psalm 84 unterstreicht der Vers 6 in besonderer Weise, was hier wirklich gemeint ist:

Wohl den Menschen,
die dich für ihre Stärke halten,
und von Herzen dir nachwandeln.

Das heißt: Einzig und allein auf Gott kann ich mich verlassen. Einzig und allein er, wird mich nicht enttäuschen, wie es Menschen tun können, weil Menschen eben fehlbar geschaffen sind .

Doch wenn ich Gott für meine Stärke halte und ihm von Herzen nachwandle, hoffe ich auch gleichzeitig auf Gott. Und dann hoffe ich, dass er mich auf diesem Weg in meinem Leben begleitet, so wie ich ihm nachfolge. Und natürlich kann es da zu Situationen im Leben kommen, wo ich das Gefühl habe, keine Hoffnung mehr zu haben, dass es sich ausgehofft hat. Aber für diesen Fall schreibt Paulus, dass Abraham auf Hoffnung hin geglaubt hat. Und da ist sie wieder, die Kombi von Glaube und Hoffnung. Das hat nichts mit Harren zu tun, sondern das ist Hoffnung in ihrer reinsten Form, weil ich mich fest auf Gott verlasse.

Amen.

Wochenandacht im LAFIM am 21. Juni 2018 über Losung und Lehrtext