Martin Dubberke | Pfarrer

Einige Frauen von uns haben uns aus der Fassung gebracht

Aber auch einige Frauen von uns haben uns aus der Fassung gebracht, die am frühen Morgen bei der Gruft gewesen sind.
(Lukas 24,22)

Aus der Fassung bringen, erschrecken, in Bestürzung versetzen, in große Aufregung versetzen… das können Frauen bei Männern erreichen.
Männer leben im Aufbruch. Und mancher Aufbruch geschieht, weil Mann nicht anders kann, weil Mann aus der Ruhe gebracht wurde, in Aufregung, Bestürzung versetzt worden ist, aus der Fassung geraten ist und dem nun auf den Grund gehen muß.

Männerleben im Aufbruch, weil festes, gewohntes, traditionelles in der Rolle, im Leben nicht mehr ist, wie es war. Was fest war, ist im Fluß. Was gestern noch unumstößliche Wahrheit zu sein schien, ist heute nicht mehr wahr.

Frauen können Männer aus der Fassung bringen. Ein Schelm, wer jetzt nur in erotischen Dimensionen denkt.

Frauen sind Männern oft einen Schritt voraus. Sie stehen früher auf, gehen einer Sache einer Sache früher auf den Grund.

Frauen waren die ersten am Grab. Frauen waren die ersten, die den Auferstandenen gesehen haben. Frauen, waren die ersten, die es erzählten und Männer waren es, die ihnen keinen Glauben schenken wollten.

Männer glaubten und glauben auch noch heute, daß sie so wie sie sind, richtig sind. Richtige Männer, richtige Kerle, zweifelsohne Mannsbilder. Unumstößlich wahr.

Enttäuschte Hoffnung. Auch Männer haben Hoffnungen und Träume, etwas woran sie glauben… Ideale und Idole. Werden sie enttäuscht, ziehen sie sich zurück in die Einsamkeit. Ein Rückzug.

Auch die beiden Emmaus-Jünger waren enttäuscht und traten den Rückzug an. Was sollten sie noch in Jerusalem. Sie hatten ihre ganze Hoffnung auf diesen Jesus gesetzt. Er sollte Israel erlösen. Freiheit. In diesen Tagen ist viel von Freiheit die Rede. Vor zehn Jahren gab es viel Hoffnung in Deutschland, und seit Jahr und Tag wird sie weniger und weniger und man zieht sich zurück, igelt sich ein in seine kleine heile Welt.

Männer sind wie Igel. Sie rollen sich ein, verkrümeln sich in eine Ecke und wehe, man will ihnen helfen, dann lassen sie einen ihre Stacheln spüren.

Die Emmaus-Jünger waren richtige Kerle, echte Männer. Sie hatten Abschied genommen von der Tradition, der Verhärtung und Verkrustung, die mit ihr einher ging und sich auf einen neuen Weg begeben. Sie folgten Jesus, weil sie sich von ihm versprachen, ein von alledem befreites Leben führen zu können, frei atmen und sich bewegen zu können, nicht mehr auf ihre alten Rollen festgelegt zu sein.

Sie waren auf dem besten Weg, bis ihr Idol, Jesus, der ihnen so übermächtig erschien, der scheinbar mühelos gegen alle Konventionen im Glauben und Leben anging und diese hinter sich ließ, einen üblen, widerlichen, scheußlichen, brutalen Tod am Kreuz starb. Die Jünger waren verunsichert, fühlten sich aufs Kreuz gelegt.

Wie sicher war er nun der neue Weg? Die Leitfigur war tot. Konnte ein Toter noch eine Leitfigur sein? Er war doch gescheitert. Also war er ohnmächtig.

Hoffnungen waren zerstört. Also, zog Mann sich zurück, um zum alten Tagesgeschäft zurückzukehren. Der Glaube an die Kraft des Neuen schien zerstoben durch die tödliche Verunsicherung.

Dafür hatten sie nun alle einmal ihr altes Leben aufgegeben, Ihre Berufe an den Nagel gehängt und zum Teil sogar ihren Besitz veräußert und ihre Familien verlassen. Aber nun, so scheinbar kurz vor dem Ziel, verlieren sie den Kapitän, den, der ihnen vorangeht und es ihnen vormacht. In der Regel erreichen uns solche Einbrüche, wenn wir kurz vor dem neuen Ufer angekommen sind. Nur schwimmen wir dann nicht geradewegs auf die neue Welt zu, sondern kehren an das alte Ufer zurück. Das kennen wir, da können wir uns sicher bewegen. Also, Männer sind auf der einen Seite halt pragmatisch und berufen sich auf das Bewährte, auf der anderen Seite aber räsonnieren sie, bejammern sich selbst. Denn das Selbstmitleid haben wir Männer erfunden, weil Mann nur selbst mit sich selbst Mitleid haben darf, denn sobald es ein anderer mit einem hat, ist Mann kein Mann mehr.

Die Emmaus-Jünger sind blind vor Selbstmitleid, so blind, daß sie nicht mitbekommen, wer auf ihrem Rückzug an das alte Ufer neben ihnen geht. Dabei hätten sie es wissen können. Sie hätten nur die Augen aufmachen müssen. Sie hätten den Frauen, die das offene Grab und den Engel gesehen hatten, nur glauben müssen. Sie haben es aber nicht. Es hat sie zwar in Aufregung versetzt, sie verunsichert, sie bestürzt, aber keine wirkliche Wirkung bei ihnen hinterlassen. Sie haben den Frauen nicht glauben können, weil es so einfach wie unglaublich war.

So war es auch vor dreißig Jahren, als die Frauenbewegung, die in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihren Anfang genommen und in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts ein jähes Ende gefunden hatte, wieder auferstand. Sie verunsicherte die Männer mit Wahrheiten, die diese oft bis heute nicht glauben wollen. Das ändert sich auch heute noch oftmals erst, wenn ein Mann selbst die Erfahrung dieser Wahrheit macht.

Es ist heute nicht anders als vor zweitausend Jahren. Wollen wir Männer uns ändern und Abschied nehmen von fragwürdigen Männerbildern, so wie Jesus es uns nahegebracht hat fragwürdige, eigennützige, Macht erhaltende verfälschte Bekenntnisse, die immer ein die da Oben und die Unten schaffen, nicht nur zu erkennen, sondern auch von diesen, die das Leben so einfach und bequem – gerade für uns Männer – machen, Abschied zu nehmen, las sen wir Männer uns auch heute noch schwer durch die Erfahrungen anderer mitreißen. Wir sind heute noch immer auf die direkte Erfahrung angewiesen, so wie die Emmaus-Jünger auf die direkte Erfahrung mit dem Auferstandenen angewiesen waren, um weiter glauben zu können und den von Jesus angegangenen Weg weitergehen und vollenden zu können. So ungeduldig wir Männer auch sein können, aber wir Männer sind eben manchmal schwer von Begriff, weil wir mehr auf unseren zündenden Verstand vertrauen als auf das Brennen in unseren Herzen. Das hat auch schon Jesus erkannt, als er die beiden Jünger fragte: „Begreift ihr denn nicht?“

„Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns auf diesem Weg redete und uns dabei die Schrift öffnete?“ Männer, begreift … mit dem Herzen!

Amen.

Männersonntag 1999
Text: Lukas 24, 13-33a