Martin Dubberke | Pfarrer

Sei unser Arm alle Morgen, dazu unser Heil zur Zeit der Trübsal!

Wenn man diesen Vers so einfach aus dem Kontext herausgerissen hört, könnte man glatt denken, dass es sich um den Hilferuf depressiver Morgenmuffel handelt oder von jemandem, der mal wieder die Nacht durchgemacht hat und am Morgen drauf Trübsal leiden muss.

Das wäre auch ein schöner Einstieg am Morgen, wo jeder noch Reste der bleiernen Bettschwere mit sich herumträgt und noch ein wenig Trübsal bläst, weil der morgendliche Stapel auf dem Schreibtisch noch so hoch ist.

Aber es ist ein wenig anders gemeint. Wir befinden uns geschichtlich im babylonischen Exil. Die Babylonier hatten 597 vor Christus Jerusalem und das Königreich Juda erobert und die Bevölkerung nach Babylonien umgesiedelt. Das Volk war fern der Heimat, enteignet, musste Sklaven und Frondienste leisten, wurde unterdrückt. Jesaja schreibt hier über die Hoffnung, irgendwann einmal wieder mit Gottes Hilfe in die Heimat zurückkehren zu können, von der Sehnsucht wieder zu Hause zu sein und damit wieder frei zu sein.

Das Exil währte 58 Jahre, also für damalige Verhältnisse mehr als ein Lebensalter. Das war echte Trübsal. Für uns heute ist das unvorstellbar. Wir können uns nur schwer hineinversetzen, was es bedeutet, die Heimat zu verlieren, fremd zu sein, nicht Teil der Gesellschaft zu sein.

Wer nach 58 Jahren das Exil verließ, ging zwar in die Heimat, doch auch irgendwie in die Fremde, weil er die Heimat ja nur aus Erzählungen kannte. Solche Erfahrungen prägen ganze Familien. Da wird in der Fremde von der Heimat erzählt, werden Traditionen hochgehalten. Da spielen Sprache, kulturelle und religiöse Momente eine große Rolle, aber auch Gerichte, bestimmte Speisen und Rezepte.

Und ich könnte mir vorstellen, dass unter uns einige sitzen, die aus ihrer Familiengeschichte heraus eine solche Erfahrung mitbringen.

In meiner Kindheit spielte ein besonderer Dialekt eine Rolle, der seinen eigenen Klang hatte. Und in diesem Klang lag die Heimat meiner Familie. Auch die Küche und die Geschichten von weiten Landschaften spielten eine Rolle.

Sie kamen alle von einem Ort, zu dem ich nicht kam, weil er nicht nur zerstört, sondern auch ein fremdes Land geworden war, wo man nicht hinkam.

2010 – also 65 Jahre nachdem meine Familie unfreiwillig ihre Heimat verlassen hatte – bin ich zum ersten Mal in die Heimat meiner Familie nach Ostpreußen gekommen.

Es war komisches Gefühl. Ich war fremd und doch fühlte ich mich vertraut. Es gab eine innere Verbindung zu dem Land, aus dem meine Familie einst kam, wo sie über Jahrhunderte einen Hof hatten, die Frucht aus der Erde brachten.

Als ich dort stand und in die sanfte Weite der Landschaft schaute, verstand ich meinen Großvater, meine Tante, meinen Onkel, meine Mutter. Sie alle hatten und haben einen Rest dieser Heimat in sich, eine Sehnsucht und da sind dann Königsberger Klopse nicht einfach nur Königsberger Klopse. Und wenn jemand Ostpreußisch spricht, was selten geworden ist, dann ist das der Klang meiner Kindheit.

Die verlorene Heimat meiner Mutter, hat auch die Erziehung geprägt. Meine Geschwister und ich haben viele Entscheidungen in unserem Leben getroffen, die ier ihren Ursprung hatten. Wen das interessiert, dem empfehle ich von Anne-Ev Ustorf das Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“. Das hat mir an vielen Stellen die Augen geöffnet.

Aber warum erzähle ich das? Ich leide ja kein Trübsal. Ganz einfach, weil noch immer Menschen in unserer Welt ihre Heimat verlieren, weil es Kriege gibt mit Waffen und mit Geld, weil noch immer jeden Tag Millionen Menschen Sehnsucht nach ihrer Heimat haben, Trübsal leiden und die Hoffnung nicht aufgeben, ihre Heimat wiederzusehen.

Sei unser Arm alle Morgen, dazu unser Heil zur Zeit der Trübsal! Jesaja 33, 2

Das erinnert mich daran, dass Frieden nicht selbstverständlich ist, sondern eine Gnade und nur mit Gottes Hilfe möglich ist.