Martin Dubberke | Pfarrer

Heute morgen in der S-Bahn – eine fast wahre Geschichte

Es ist kurz nach sechs Uhr. Ein kalter unangenehmer Morgen. Ein Mann mit dunkler Haut steigt in die S-Bahn ein. Er ist wie ich auf dem Weg zur Arbeit. Er setzt sich auf einen dieser Klappsitze im Fahrradabteil. Links von ihm sitzt eine Frau, die auch jeden Morgen auf dem gleichen Platz sitzt und dort in ihrem eReader ein Buch liest. Ich kenne sie mittlerweile schon seit vielen Jahren. Vor einer Weile schleppte sie sich noch an dicken Romanen wie der „Lumpensammlerin“ oder die „Pfeiler der Macht“ ab. Zu seiner Rechten sitzt ein junger Mann, der eine Zeitung liest. Auch jemand, der fast jeden Morgen mit seiner Zeitung auf dem gleichen Platz sitzt.

Der Mann mit der dunklen Haut und der Strickmütze setzt sich zwischen die beiden und nimmt aus seinem Rucksack ein kleines, schwarzes, in Leder gebundenes Buch, das ein Reißverschluss davor schützt, in der Tasche aufzugehen und beschädigt zu werden. Er öffnet den Reißverschluss und ich sehe den Goldschnitt. Es ist ein kleine Bibel und er beginnt zu lesen.

Das kleine Buch weckte die Neugier des Zeitungslesers. Er schaute rüber. So etwas hatte er noch nicht gesehen. Ein Buch mit Reißverschluss nd goldenen Seiten. Ich konnte sehen, wie er anfing, den Bibelleser zu beobachten. Und er tat, was mancher tut, er las von der Seite aus ein wenig mit und ich konnte sehen, dass er damit nichts anfangen konnte. Ich glaube, er hielt den Bibelleser für einen Irren oder zumindest einen Menschen, der nicht ganz voll zu nehmen war. Doch dann siegte seine Neugier und er fragte: „Entschuldigen Sie, was ist das für ein Buch?“

Der Mann mit der dunklen Haut und der grauen Strickmütze antwortete: „Die Bibel!“

„Die Bibel? – mh  – Liest man die nicht nur in der Kirche?“

„Nein, die kann man überall lesen. Ich lese jeden Morgen darin.“

„Aha… Und ist sie spannend?“

„Allemal.“

Dem Zeitungsleser scheinen die Fragen auszugehen. Es ist gut zu erkennen, weil er jetzt wieder in die Zeitung schaut. Zwei Stationen später – und es scheint ihm keine Ruhe gelassen zu haben – fragt er wieder:

„Sagen Sie mal, ich meine, ich habe ja da keine Ahnung, aber sind Sie sicher, dass es diesen Gott gibt? Oder ist das einfach nur eine spannende Romanfigur?“

Die Frau mit den Mittelalterromanen kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Auch der Mann mit der Bibel muss jetzt schmunzeln:

„Naja, für die einen ist er sicherlich so etwas wie eine interessante Romanfigur. Aber für die meisten ist er Gott. Verstehen Sie: Gott. Der, der die Erde erschaffen hat.“

„Das glaube ich nicht.“

„Das ist ihnen unbenommen“, entgegnet ihm der Bibelleser.

Der Zeitungsleser hat angedockt. Er will es jetzt wissen:

„Was verbinden Sie denn mit Gott? Was ist Gott?“

Der Bibelleser schmunzelt weise: „Gott ist Liebe. Gott ist Frieden. Gott ist der Erfinder der Zehn Gebote. Er hat die Sintflut gemacht und die die Fluten des Roten Meeres getrennt, damit das Volk Israel vor den Ägyptern fliehen konnte. Gott ist Weisheit und er hat uns seinen Sohn, also Jesus Christus, geschenkt. Gott ist der Allmächtige, Ewige ohne Anfang und Ende, der da war, der da ist und der da sein wird.“

„OK, für mich bleibt Gott eine Romanfigur.“

Und zum ersten Mal stellt nun der Bibelleser eine Frage: „Warum?“

„Na, sie haben mir doch gerade den besten Beweis geliefert. Sie haben gesagt: Gott ist Frieden. Und? Haben wir Frieden? Nein! Schauen Sie sich doch nur an, was da in Paris passiert ist oder hören Sie mal  den Pegida-Leute zu. Was hat das mit Liebe zu tun? Das sind doch die besten Beweise, dass Gott nur eine bessere Romanfigur ist, die nur als Vorwand genutzt wird, aber doch nicht wirklich ernst genommen wird. Wenn es wirklich ihren Gott gäbe, dann müsste doch überall Frieden sein, dürfte es keine Kriege und Anschläge geben.“

Der Bibelleser schaut ihn an und sagt ganz langsam: „Wissen sie, genau das ist das Problem. Die Leute verstehen Gott nicht. Sie haben vollkommen recht, wenn sie sagen, dass etliche Menschen ihn missbrauchen, um ihre eigenen, egoistischen Interessen durchzusetzen. Das ist traurig. Wenn ich sie richtig verstanden habe, kennen sie die Bibel überhaupt nicht.“

Der Zeitungsleser nickt mit dem Kopf.

„Sehen sie. Ich verrate Ihnen etwas: Die ganze Bibel ist voll von brutalen Geschichten, wo Menschen meinen, im Sinne Gottes gehandelt zu haben. Überall finden Sie Mord und Todschlag, auch Vergewaltigungen. Ganz am Anfang gibt es auch schon das erste Kapitalverbrechen, wo Kain seinen Bruder ermordet.“

„Ja, aber warum lesen Sie dann diese Bibel? Wen wollen sie ermorden?“

Der Bibelleser muss wieder schmunzeln: „Das ist eine gute Frage. Und die Antwort ist eigentlich auch wieder ganz einfach: Mit jeder Geschichte wird deutlich, dass sich Gewalt, das Böse nicht auszahlt. Kain hat mit seinem Brudermord nicht den gewünschten Effekt erzielt. Ganz im Gegenteil. Er war nun bis ans Ende seiner Tage enger an ihn gebunden als es ihm lieb war. Außerdem wird mit Hilfe der Bibel deutlich, dass die schlechten Seiten des Menschen leider dazu gehören, man sie aber nicht leben muss. Dafür hat Gott einem ja ’ne ganze Menge Regeln auf den Weg gegeben und – weil er weiß, wie vergesslich wir Menschen sind – alles dann auch noch in eine Formel gefasst: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Ich kann nur sagen: Wenn alle Menschen dieses Gebot beherzigen würden, würde sich eine Menge in dieser Welt ändern.“

Plötzlich zeigt der Zeitungsleser mit dem Finger auf eine Stelle in der Bibel: „Schauen Sie mal, da steht:

„HERR, in deiner Hand ist Kraft und Macht, und es ist niemand, der dir zu widerstehen vermag.“

„Ja, das ist 2. Chronik 20 Vers 6.“

Und irgendwie denke ich, das ist doch die Losung von heute, über die Du heute noch eine Andacht halten musst. Und ich sage mir: Pass jetzt gut auf…

Also, der Bibelleser sagte:

„Ja, das ist 2. Chronik 20 Vers 6.“

„Ja, ja, das ist jetzt aber egal, was das ist. Das stimmt doch auch wieder nicht. Die Leute widerstehen ihrem Gott doch nicht. Sie ignorieren ihn.“

„Ja, das ist traurig aber war. Die Gottvergessenheit oder Ignoranz – wie sie es nennen – ist ein großes Problem. Sie ist leider ein Nebeneffekt der Freiheit, die uns Gott gegeben hat. Aber ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern: Wenn ihnen mal Gott begegnet, werden Sie mit jeder Faser ihres Seins zwingend notwendig spüren, dass Sie ihm nicht widerstehen können.“

Ich schaue von meinem Platz gegenüber die beiden genau an und habe das Gefühl, dass beim Zeitungsleser der Groschen gefallen ist und er sagt zu dem Bibelleser:

„Danke für das Gespräch!“

„Danke, dass sie mich gefragt haben.“

„Ich würde Sie gerne wiedersehen, wenn es möglich wäre und mich weiter mit Ihnen unterhalten.“

„Gerne“, antwortet der Bibelleser.

„Haben Sie vielleicht eine Emailadresse oder so?“

„Nein“, antwortet der Bibelleser: „Ich habe etwas viel besseres.“ Und er drückt ihm seine Bibel in die Hand. Wenn Sie die aufschlagen, werden Sie mich finden.

Irgendwie erinnert mich das alles an den Lehrtext aus Matthäus 28, 18-19:

Christus spricht: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker.

Der Zeitungsleser bedankt sich, verabschiedet sich und verlässt den Zug.

Plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter, die mich sanft schüttelt. Ich öffne die Augen und schaue in die Augen des Bibellesers, der zu mir sagt: „Endstation. Sie waren eingeschlafen.“

Und ich denke: „Haste mal wieder gut geträumt.“ Während er noch seine Hand sanft auf meiner Schulte liegen lässt, sehe ich, dass er noch immer die Bibel mit dem Reißverschluss in der anderen Hand hält, doch jetzt hat sie einen roten Ledereinband. Ich schaue ihm in die Augen und sage nur: „Amen!“ Er lächelt mich an, denn er weiß, dass ich ihn erkannt habe.

Wochenandacht im LAFIM am 21. Januar 2015

Die Andacht wurde eingereicht zum Predigtpreis 2015.