Martin Dubberke | Pfarrer

Heilige Nacht

Liebe Heilig-Abend-Gemeinde,

warum sind Sie heute alle hier? Warum sehe ich heute auch mir unbekannte Gesichter? – Weil heute Heilig Abend ist. Der Heilige Abend weckt in uns allen die Sehnsucht nach einer heilen Welt, einer heilen Stadt, einer heilen Familie, einer heilen Liebe. Diese Sehnsucht treibt uns zu dem goldenen Kerzenschein, der von der Krippe ausgeht, in die Kirche.

Uns eint die Hoffnung, die Sehnsucht nach einer heilen Welt und das ganz besonders in diesen Tagen. Unsere Herzen sind offen für die Botschaft der Heiligen Nacht.

Sind unsere Herzen aber auch offen für die Freude, die mit dieser Nacht verbunden ist?

Ich habe in den zurückliegenden Tagen an vielen Stellen die Frage gehört und auch gelesen, ob man in diesem Jahr am Ende des Gottesdienstes das Weihnachtslied der Weihnachtslieder singen darf: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…“ Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen – und auch in den einschlägigen Foren – Pfarrer gesagt haben: „Geht gar nicht!“ Und das zum Teil mit drei Ausrufezeichen.

Ich dahingegen denke: Ja, es geht gar nicht anders. Es geht, weil dieses Lied zwei absolut wichtige Aussagen enthält, zwei Sätze einer großen Glaubensgewissheit. Die eine:

Welt ging verloren, Christ ist geboren.

Und die andere:

Christ ist erschienen, uns zu versühnen.

Das Lied stammt aus trauriger Zeit. Wenn man weiß, dass Johann Daniel Falk, der Dichter dieses Liedes, innerhalb weniger Tage vier seiner sieben Kinder durch Typhus verloren hat, spürt man noch viel mehr, welche Glaubenskraft und Zuversicht in diesen Zeilen stecken.

Christ ist geboren, damit diese Welt nicht verloren geht, weil Gott uns mit der Geburt Jesu eine neue Chance gegeben hat:

O du fröhliche, o du selige, o du gnadenbringende Weihnachtszeit.

Der Mensch hat mit seinem eigenmächtigen, Gott vergessenem Handeln immer wieder die Existenz von Menschen, einer Gesellschaft oder der Welt gefährdet und Gott damit überhaupt nicht gefallen. Gott hat es mit uns Menschen nicht so leicht.

Wir verhalten uns da oft wie Kinder, die nicht das tun wollen, was die erfahrenen Eltern von einem wollen. Und wie oft bringen uns unsere eigenen Kinder an den Punkt, an dem wir am liebsten mit Feuer und Schwert strafen wollen? Gott hat das selbst oft genug getan. Doch mit der Geburt Jesu hat er seine Strategie uns Menschen gegenüber geändert. Christ ist erschienen, uns zu versühnen.

Das heißt: Heil ohne Sühne ist nicht möglich. Die Heilige Nacht ist so etwas wie Gottes gnadenvoller Schlussstrich unter unserem, gottvergessenen, egozentrischen Leben. Gott sagt: Ich will mit Dir neu anfangen, weil ich dich liebe.

Das darf uns demütig werden lassen. Und in dieser Demut dürfen wir erkennen, dass es keine einfachen Lösungen gibt, wie sie manche so gerne als heilsbringend propagieren und so viele gerne zu glauben bereit sind. Auch daran erinnert uns die Heilige Nacht.

O du fröhliche, o du selige, o du gnadenbringende Weihnachtszeit.

Die Heilige Nacht stellt auch die Macht der Mächtigen in Frage. Nicht umsonst hat Herodes versucht, den Säugling Jesus töten zu lassen. Er hatte Angst um seine eigene Macht. Angst um die eigene Macht ist aber ein schlechter Ratgeber der Mächtigen. Das erleben wir leider immer wieder, auch in unserem Land, bei unseren Mächtigen und Möchtegern-Mächtigen und unserem Volk.

Die Heilige Nacht macht deutlich, dass die wirklich einfachste Lösung, die größte Herausforderung ist, der wir uns zu stellen haben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.« Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Matthäus 22, 37-40)

Auch daran erinnert uns die Heilige Nacht. Heil kann nur entstehen, wenn wir dem Vorbild des Heilands – unseres Heilands – Jesus Christus folgen. Er ist der einzige Heiland, neben dem es keinen anderen gibt.

Und so vorbereitet, möchte ich den Predigttext aus dem Evangelium des Johannes 3, 16-21 lesen:

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.

Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Retten, nicht richten. Davon können auch wir lernen. Retten statt Richten ist die zentrale Botschaft der Heiligen Nacht. Der Mensch neigt viel zu leicht zum Richten. Viel zu schnell erhebt er sich zum Richter über andere. Das geht ganz schnell und einfach und es macht mich vielleicht auch noch populär.

Doch Retten ist viel gefährlicher und kann, wie uns das Leben Jesu zeigt, den Einsatz des eigenen Lebens bedeuten. Auch Lukasz Urban hat am 19. Dezember sein Leben eingesetzt, um das Leben von Menschen am Breitscheidplatz zu retten.*

Dietrich Bonhoeffer, der auch sein Leben eingesetzt hat, um zu retten und zu bewahren, schrieb am 19. Dezember 1944 im Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes – da, wo heute die Topographie des Terrors ist – angesichts des drohenden Todes, sein wohl berühmtestes Gedicht, das er seiner Verlobten Maria von Wedemeyer, als Ausdruck seiner Liebe, seiner Hoffnung, seiner Gottgewissheit und des Trostes zu Weihnachten schenkte. In diesem Sinne möchte ich mit den drei letzten Strophen dieses Liedes meine Predigt beschließen:

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Amen.

Predigt am Heiligen Abend in der Königin-Luise-Gedächtnis-Kirche 2016

 

*Zum Zeitpunkt der Predigt gingen die Ermittler noch davon aus, dass Lukasz Urban versucht hat, ins Steuerrad zu greifen, um weitere Opfer zu vermeiden. Die Untersuchungen haben dann aber ergeben, dass er zu diesem Zeitpunkt schon tot war.