Martin Dubberke | Pfarrer

Haben wir das Warten wirklich verlernt?

Auf Ämtern, an Haltestellen oder bei Ärzten – früher verbrachte man viel Zeit mit Warten. Doch das reine Warten – ohne Ablenkung durch Surfen, Spielen, Chatten – stirbt aus. Der Preis dafür ist hoch.

Quelle: Psychologie: Warum wir das Warten nicht verlernen dürfen – DIE WELT

Hat man früher wirklich mehr Zeit mit Warten verbracht, ohne sich dabei die Zeit zu vertreiben? Zumindest Christoph Driessen scheint dieser Meinung zu sein, wenn man seinen Artikel zum Thema Warten in der „Welt“ vom 8. Mai liest.

Ja, ich teile durchaus seine Beobachtung, dass heute viele Menschen an der Haltestelle oder in der S-Bahn oder, oder, oder ihren Blick in ein Tablet oder ein Smartphone versenken. Aber seien wir mal ehrlich: Was haben die Menschen früher auf dem Bahnhof oder im langen Wartegang einer Behörde gemacht? – Genau! Gelesen. Sie haben ihre Zeitung oder ihre Illustrierte oder ein Buch gelesen.

Auch heute liegen noch beim Arzt die Zeitungen aus dem Lesezirkel. Noch immer sagt man, wenn man sie dafür entschuldigen möchte, dass man was in einem Bunten Blatt gelesen hat, dass man das beim Arzt oder Friseur gelesen hat.

Wo früher in der S-Bahn die Menschen Zeitung gelesen haben, lesen sie heute häufig ihre Zeitung digital. Und wer früher im Wartezimmer oder in Bahn und Bus Kreuzworträtsel gelöst hat, der löst in seinem Smartphone heute ein Sudoku oder sucht Zerstreuung mit Candy Crush…

Und seien wir ehrlich, ich bin über manche Wartezeit nicht traurig, weil ich dann in Ruhe mein Buch – eBook 😉 – weiterlesen kann.

Natürlich haben die modernen Medienbegleiter das Bild in der Öffentlichkeit verändert. Wer früher seinen Kopf hinter einer Zeitung versteckt hat, der liest seine Zeitung heute oft digital und, wer ein gedrucktes Tausend-Seiten-Buch morgens in der S-Bahn gelesen hat, der liest es heute in seinem eBook-Reader.

Das ist meine Beobachtung im öffentlichen Nahverkehr oder beim Arzt oder bei anderen Wartegelegenheiten. Und morgens in der S-Bahn treffe ich schon seit vielen Jahren die gleichen Menschen. Man grüßt sich, weil man sich mittlerweile kennt und manchmal kommt man sogar miteinander ins Gespräch, weil es keine trennende Zeitungswand mehr gibt. Ich sehe Gesichter und nicht mehr Schlagzeilen am Morgen und am Nachmittag, was mir in der Regel deutlich besser gefällt.

Und immer wieder die gleiche Beobachtung: Es wird gelesen, gelesen, gelesen, mit dem Blick in die Ferne geschweift oder gedöst. Warten ist noch immer eine Zeit des Überbrückens und der Kreativität. Daran hat sich aus meiner Sicht und Erfahrung nicht viel geändert.