Es kam einfach über mich

Gewalt in Beziehungen

Wenn Menschen in Beziehung leben, dann läuft nicht immer alles reibungslos. Das ist keine neue Erkenntnis. Das Beziehungsleben ist von verschiedenen Erfahrungen geprägt, die Menschen zu dem gemacht haben, was sie heute sind.

Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für innere Versprechen, die Menschen sich selbst geben. Sie können dazu führen, dass Reibungen in Beziehungen entstehen, aber auch, dass Beziehungen explodieren. Gewalt in Beziehungen, auch Gewalt im sozialen Nahbereich genannt, ist seit gut zehn Jahren ein zentrales Thema für die Mannege – Information und Beratung für Männer. Jedes Jahr suchen rund siebzig Männer unsere Einrichtung auf, weil sie mit ihrer Gewalt an das Ende ihrer Beziehungen geraten sind.

Es kommt nicht aus heiterem Himmel

„Es kam einfach über mich.“ So leiten die meisten Männer ihre Antwort auf die Frage ein, was Sie in der Beratung wollen. Dem als Entschuldigung dienenden Satz folgt in den meisten Fällen das einem Schwur gleichende Statement: „Ich möchte nicht mehr gewalttätig sein.“ In dieser ersten Beratungssequenz wird immer wieder deutlich, daß die Männer in aller Regel die eigene Verantwortung für die Tat leugnen, denn was über einen kam, dafür kann Mann nicht die Verantwortung tragen. Und daß es über einen kam, das liegt ihrer Meinung nach in der Regel am Gegenüber, also dem Opfer. Gleichzeitig macht der Wunsch, nicht mehr gewalttätig sein zu wollen, deutlich, daß sich der Mann im Glauben wähnt, seine Gewalt hätte nichts mit ihm selbst zu tun. Sie erscheint ihm als etwas, das von außen auf ihn gekommen sei, als etwas, worauf er nur noch reagiert hätte. Und so versucht er gleich zu Anfang, dem Berater den Auftrag zu geben, ihm zu sagen, wie er Gewalt in Zukunft vermeiden kann. Er will Rezepte.

An dieser Stelle findet die erste Enttäuschung statt. Er bekommt keine Rezepte. Ein solcher Auftrag ist unannehmbar. Stattdessen wird ihm den Auftrag zurückgegeben: „Was muss ich tun, um in Zukunft nicht mehr gewalttätig zu handeln?“ Dafür muss er lernen, dass Gewalt immer der Kontrolle und Macht über sein Gegenüber dienen soll, was nichts anderes bedeutet als die Abwehr seiner eigenen Ohnmacht. Doch dies wahrzunehmen und sich selbst einzugestehen ist vielen kaum möglich und nur schwer einzugestehen.

Deshalb findet er immer wieder neue Erklärungen für seine Gewalt, wie z.B.: „Daran ist nur meine Arbeitslosigkeit schuld“ Der Mann hat scheinbar den Grund für seine Gewalt entdeckt und weiß auch Abhilfe: „Ich muß mir nur wieder eine Arbeit suchen.“

D.h. aber wieder: Er übernimmt keine Verantwortung für sein aktives Handeln, sondern macht dafür eine Situation verantwortlich. Alles andere würde bedeuten, dass er selbst unfähig wäre, eine Situation handhaben und damit die Situation vollmächtig unter Kontrolle haben zu können, ergo: ein richtiger Mann zu sein. In Wirklichkeit aber gesteht der Mann nichts anderes als seine Ohnmacht ein, wenn er sagt, dass es über ihn gekommen sei, seine besondere Belastung, Ursache für sein gewalttätiges Handeln gewesen sei.

Auf diese Weise beschreibt er nichts anderes als seine Hilf- und Machtlosigkeit, folglich seine Ohnmacht. In seinem Kontrollverlust – also dem Moment des Zuschlagens – manifestiert sich seine mangelnde Fähigkeit mit einer alltäglichen oder besonderen Belastung umgehen zu können. In Wirklichkeit war er also nicht in der Lage, in dieser Situation angemessen und verantwortlich zu handeln.

Gewalt hat einen Ursprung

Herr A. ist 21 Jahre alt und seit einem Jahr verheiratet. Seine Frau ist 22 Jahre alt. Sie haben eine gemeinsame Tochter. Die Eltern sind geschieden, seit er fünf Jahre alt war. Herr A. hat versucht, seine Frau erwürgen. Als er seine Tat schildern soll, kann er sich an nichts erinnern. Er weiß nur noch, dass er es getan hat und dann weggerannt ist. Er weiß auch nicht, was der eigentliche Auslöser war. Im Laufe der Gruppenarbeit sagt er, dass er um jede Stunde für sich hätte kämpfen müssen, es einfach keinen Spielraum mehr in der Beziehung gäbe.

Später wird deutlich, daß er und seine Frau nie über ihre eigenen Bedürfnisse miteinander gesprochen haben, sondern es zahlreiche unausgesprochene Versprechen gegeben hat, die immer etwas Grenzenloses hatten. Damit konnten in der Beziehung auch gegenseitige Grenzüberschreitungen, wenn sie als solche gespürt wurden, nicht angesprochen werden, weil es offiziell keine Grenzen gab.

Das Aussprechen hätte einen Verrat, ein Aufkündigen der Loyalität dem anderen gegenüber bedeutet. Eine solche Situation bedeutet für den schwächeren Partner das Erleben von Ohnmacht. Diese Beziehung ist nicht mehr gleichberechtigt und gleichverpflichtet. Beide Partner waren nicht in der Lage dieses Dilemma anzusprechen, weil es für den einen die Aufgabe von Vorteilen bedeutet hätte und für den anderen den Verlust von Zuwendung.

Auf die Frage, was er sich geschworen hat, als er das erste Mal in seinem Leben Ohnmacht erlebt hat, antwortete er: „Ich werde nie wieder unterliegen.“

Dahinter stand als Schlüsselerlebnis, fortgesetzt von seinem Vater so verprügelt worden zu sein, dass er sich nur noch auf dem Boden, an der Wand zusammenkauern konnte, weil kein Entrinnen möglich war. Dies machte er von seinem fünften bis fünfzehnten Lebensjahr mit, bis er zurückschlug.

Was kann ich lernen, um in Zukunft nicht mehr gewalttätig zu sein?

An diesem Punkt angelangt, wird es möglich, Handlungsspielraum zu entwickeln, weil der Mythos, dass es über einen gekommen ist, nicht mehr stimmt. Fragt man den Mann nun, was er in der Beratung erreichen will, dann kommen solche  Antworten:

  • Lernen, offener über Gefühle, Probleme und Ängste zu reden
  • Aufmerksamkeit für sich selbst und für das Gegenüber lernen
  • lernen mit seinen eigenen Grenzen und denen des Partners umgehen zu können
  • zuhören lernen
  • Selbständigkeit nicht aufgeben zu lernen
  • Notbremse ziehen können
  • Wann merke ich, daß ich die Grenze eines anderen überschreite?
  • Wo bin ich verwundbar?

Das anfänglich pauschale Ziel, nicht mehr gewalttätig sein zu wollen, weicht konkreten Zielen, nachdem man erfahren hat, dass der eigentliche Ursprung bei sich selbst zu suchen ist.

1999 geschrieben für die Zeitschrift „Queer“