Martin Dubberke | Pfarrer

Ein Mensch sieht vor Augen, was gut ist…

Da stehe ich gestern Morgen vor dem Spiegel, habe mir mit dem Rasierpinsel so richtig schön das Gesicht eingeseift, lege den Rasierer an und halte für einen Moment inne. Ich schaue mir tief in die Augen, die mir fröhlich und entspannt entgegenschauen. Und ich frage mich: Was sehe ich da eigentlich?Gut, sie sind braun-grün. Und dann versuche ich auf den Grund meiner Augen zu schauen und denke: Ach, eigentlich ein ganz sympathischer Blick… Ich setze den Rasierer an und ziehe einmal durch. Dabei stelle ich mir die Frage, was wohl ein anderer als ich jetzt in meinen Augen sehen würde… Man sagt ja, dass die Augen der Spiegel der Seele seien. Was würde er wohl sehen? Dass ich gut gelaunt bin, weil wir heute lieben Besuch bekommen oder, dass ich noch immer keine Idee für die Andacht bei MEDIKUS am Dienstag habe?

Am Abend, als dann der Besuch wieder das Haus verlassen hat, die Kinder im Bett liegen und deutlich wird, dass nun das Wochenende allmählich wieder zum Wochenanfang mutiert, setze ich mich an meinen Schreibtisch, streichle zart mein iPhone, um die Losungen zu öffnen und muss schmunzeln:

Ein Mensch sieht, was vor Augen gut ist;

der Herr sieht das Herz an. 

1. Samuel 16,7

Spontan denke ich: Vielleicht sollte ich morgen mal alle Kolleginnen und Kollegen zu Beginn der Andacht fragen, was sie wohl in den Augen des anderen heute Morgen gesehen habe. Und dann frage ich jeweils beim Betroffenen nach, ob das stimmt, was wir dann gehört haben würden.

Aber dann verwerfe ich den Gedanken, weil ich mir sicher bin, dass die meisten wahrscheinlich sagen würden: „Ach, heute sieht sie aber müde aus…“

Aber mal Spaß beiseite. Mir gefällt dieser kurze Vers, der so ein wenig an den „Kleinen Prinzen“ erinnert. Sie wissen schon: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

Er macht auf charmante Weise deutlich, dass es zwischen Mensch und Gott einen Unterschied gibt. Wir Menschen sehen, was vor Augen gut ist. Auch wenn wir noch so gut auf den Grund einer Seele zu schauen vermögen, wenn wir aufmerksam sind oder gar versuchen, mit dem Herzen zu schauen. Es bleibt vor unseren Augen immer etwas verborgen, das vielleicht nicht einmal unser Gegenüber von sich weiß. Wir können über den anderen immer nur ahnen, aber nicht wirklich wissen. Und das wiederum macht deutlich, dass wir untereinander auf Vertrauen angewiesen sind. Ein Mensch sieht, was vor Augen gut ist, gibt mir zu verstehen, dass ich auch über einen anderen Menschen nicht richten kann, weil mir das letzte Wissen, der letzte Einblick fehlt, der nur Gott möglich ist: Der Herr sieht das Herz an. Und weil wir genau das trotz aller Gottesebenbildlichkeit nicht mit letzter Sicherheit vermögen, hat uns der liebe Gott ein Geschenk gemacht, mit dem wir diesen Mangel unserer Fähigkeiten ausgleichen können: Die Nächstenliebe, die dafür sorgt, dass wir einander vorbehaltlos annehmen dürfen. Ist das nicht ein genialer Schachzug unseres HERRN? Naja, deshalb ist Gott ja auch Gott.

Aber Gott wäre nicht Gott, wenn er damit nicht noch eine zweite Botschaft verbinden würde. Denn, wenn Gott das Herz ansieht, heißt das, dass vor Gott mein Innerstes nicht verborgen bleibt. Also, das, was mich ausmacht, was mich beschäftigt oder mir eine Last auf die Schulter legt, die ich vor anderen zu verbergen versuche oder auch vor mir selbst. Vor Gott kann ich es nicht verbergen. Es ist unmöglich, vor ihm ein Geheimnis zu haben. Er liest in uns wie in einem offenen Buch. Also, wenn Gott mein Herz ansieht, dann ist das auch seine Einladung an mich und jeden einzelnen von uns, ihm gegenüber offen zu sein. Es hat keinen Sinn etwas vor ihm zu verheimlichen und daher können wir ihm leichtwerdenden Herzens alles anvertrauen und das wiederum – Sie werden es ahnen – ist die berühmte Einladung zur Tasse Kaffee mit Gott.

Morgenandacht bei MEDIKUS am 15. Dezember 2015