Martin Dubberke | Pfarrer

Lila, Lila – oder „per aspera ad astra“

Ja, ich gebe es zu: Martin Suter gehört zu meinen Lieblingsautoren. Ich liebe seine Art zu erzählen. Ich kann mich nicht erinnern, auch nur ein Buch von ihm gelesen oder gehört zu haben, in dem es ein wirkliches Happy End gab. Alle Geschichten entwickeln sich leise im Kleinen und breiten sich dann allmählich aus. Die Handlungsfäden verzweigen sich mehr und mehr. Plötzlich wird eine neue Geschichte erzählt, bei der man zu sich sagt: “Schön, aber warum erzählt er mir jetzt diese Geschichte?” Und schon bestimmt diese kleine Geschichte die große Geschichte. So auch hier.

Der literaturverliebte Kellner David, wird von zwei Menschen, die in ihm den Mann für immer sehen oder im anderen Fall die nicht versiegende Geldquelle, aus der man bequem seinen Lebensunterhalt herauspressen kann, bestimmt. David führte ein unspektakuläres Leben bis er auf Marie trifft. Marie erkannte sein Potential als Mann. David blähte nicht, sondern war einfach David, kein egozentrischer Blender wie die anderen Männer in ihrem Leben.

David hatte in einem gebrauchten Nachtschrank ein Romanmanuskript gefunden. Das gab er der Studentin Marie, die es für einen Roman von David hielt und bei einem Verlag einreichte. Es passiert, was passieren muss. Der Roman wird publiziert und David berühmt, ein echter Star. Sein Erfolg und der Bestand seiner Liebe basiert auf einer Lüge, die er nicht begangen hat, aber schließlich billigend in Kauf genommen hat.

Eine solche Geschichte geht natürlich nur bis zu einem bestimmten Grad gut. Da gibt es zum einen den echten Autor des Buches, der verschollen ist und zum anderen den Druck, einen zweiten Roman schreiben zu müssen. Aber wie soll man schreiben, wenn man noch nie geschrieben hat? Er wollte immer schreiben. Hat er doch in der Schule stets sehr gute Aufsätze verfasst. Das kennt man doch. Schreiben scheint so einfach, wenn man einen PC hat. Einfach tippen, tippen, tippen und erzählen. Aber so einfach ist es nicht. Suter beschreibt das virtuelle weiße Blatt Papier am Anfang einer Geschichte so beklemmend, dass es kaum auszuhalten ist. Da blickt David auf den Bildschirm und der kleine Cursor schreit ihn irgendwann fast an, endlich in die Tasten zu hauen… Aber es will nicht, weil es in ihm keine Geschichte gibt, die er erzählen könnte. Es gibt in ihm noch nicht den Schmerz, der neue Dimensionen im Leben und Erfinden von Geschichten aufbricht. Auch wenn eine Geschichte nicht autobiographisch geprägt sein muss, bedarf es doch des emotionalen Zugangs zu den Brüchen im Leben und dem Seelenleben.

David, noch jung und lebensunerfahren, muss nun wachsen und unter gigantischem Tempo nachreifen. Das gelingt ihm mal mehr und mal weniger. Und er muss mit der Lüge leben lernen, die ihn immer wie gehetzt wirken lässt. Er kann nie wirklich zur Ruhe kommen und genießen.Der Druck in der Beziehung wächst, der später noch durch Jackie als Dritten im Bunde, auf die Spitze getrieben wird.

Es ist ein Druck, unter dem David nur wachsen oder zerbrechen kann. In seiner Not geht er soweit, sich durch einen Mord seine Freiheit zurückholen zu wollen. Das Schicksal kommt ihm zuvor, aber es tritt nicht der gewünschte Effekt ein. Ganz im Gegenteil.Martin Suter lässt diesen inneren Druck belastend spürbar werden, denn David ist ein sympathischer Junge und Marie eine liebende Frau, wie man sie sich wünscht. Als Leser hoffe ich – trotz gegenteiligem Klappentext – immer auf ein Happy End. Aber ich weiß, Happy Ends sind Suters Sache nicht, weil es einfach zu einfach und zu langweilig wäre.

Aber wenn ich noch einmal darüber nachdenke und seine Bücher, die ich schon gelesen habe, Revue passieren lasse, muss ich mich korrigieren. Suter schreibt Happy Ends, aber – und das ist das subtile bei ihm – es sind nicht die klassischen, die auf den ersten Blick erkennbar sind.

So auch hier. David ist am Ende nicht gescheitert, sondern durch Schmerz und Verlust bereit, den nächsten und entscheidenden Schritt in seinem Leben zu gehen, nämlich sein Leben selbstbestimmt aus sich selbst heraus zu leben. Marie und Jackie haben ihn auf ihre Weise in die Enge getrieben und ihm damit die Weite zur Freiheit eröffnet, in der man sein eigenes Leben lebt. Das Schicksal hat David auf 352 Seiten oder etwas verkürzt nach fünf Stunden und sechsundfünfzig Minuten den Weg zu einem schmerzhaften Happy End und einer gigantischen Reifung geebnet.

Und dann ist das Buch plötzlich vorbei. Dabei hätte es doch jetzt immer so weitergehen können oder eigentlich erst richtig anfangen können…

Diogenes Hörbuch
5 Std. 58 Min.
Erschienen im Nov. 2009

ISBN 978-3-257-80285-6