Pfr. Martin Dubberke

«Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.» (Lukas 15,10)

Gedanken zum Lehrtext des 9. November

Der 9. November ist für uns Deutsche ein schwieriges Datum, das in jeder Freude auch die Trauer präsent sein lässt. Dreimal innerhalb von 71 Jahren wurde der 9. November zu einem Tag deutscher Zeitenwende. Am 9. November 1918, als Philip Scheidemann die Deutsche Republik vom Reichstag ausrief und damit das Ende der Monarchie endgültig besiegelt wurde. Dann der 9. November 1938, die Reichspogromnacht, als der Nationalsozialismus für alle sichtbar, das deutsche Judentum zu zerschlagen, zu morden begann und dann einundvierzig Jahre später, die Öffnung der Mauer, die das Ende der DDR und der deutschen Zweistaatlichkeit einläutete.

Die Spuren sehe ich jeden Tag. Ich wohne nicht weit vom Reichstag entfernt. Und manchmal fahre ich abends noch eine Runde mit dem Fahrrad bis zum Brandenburger Tor, durch das ich dann durchfahre und mich jedes Mal aufs Neue freue, dass das möglich ist. An dieser Stelle spüre ich immer das Wunder des Mauerfalls. Gleichzeitig höre ich aber immer wieder die Stimmen der Vergangenheit, die Stiefel, die durch das Tor zu Marschmusik marschieren.

An dem Haus, in dem ich wohne ist eine Gedenktafel für Mascha Kaleko, die jüdische Dichterin, die hier einmal gelebt und den Holocaust überlebt hat. Ich sehe die Stolpersteine, die fast vor jedem Haus in meiner Straße angebracht wurden. Sie stehen für die vielen Menschen, die ermordet wurden.Und die deutlichste: Ich komme jeden Tag nach Potsdam zum Arbeiten. Das wäre vor 22 Jahren nicht möglich gewesen.

Was aber hat das nun alles mit Gott zu tun, der uns doch die unheimliche Freiheit des Handelns gegeben hat?

Ich denke, die Antwort darauf lautet: Verantwortung. Wir haben durch unsere Großväter gesehen, wo die Weimarer Republik geendet hat. Wir haben durch unsere Väter und Großväter gesehen, wo das Dritte Reich geendet hat. Und wir haben es selbst erfahren, woran die DDR zugrunde gegangen ist. Immer stand die nicht stattfindende Freiheit im Vordergrund. Alle Systeme waren klar in ihren Erwartungen: Der uniforme Mensch. Der Mensch, der funktioniert. Wer sich den Menschen so denkt und ihn so behandelt, lädt Sünde auf sich.

Und hier greift für mich der Lehrtext: «Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.» (Lukas 15,10)

Und damit komme ich zu etwas absolut entscheidendem, der Umkehr. Zur Umkehr gehört, dass ich Gott erzähle, was ich auf mich geladen habe und ich meditiere bei der Gelegenheit darüber, wie es soweit kommen konnte und stelle fest, das mich Gott liebt, weil ich Buße tue. Und Buße ist die absolute Abkehr vom alten Leben und damit ein Neubeginn, in den das Alte als ein Nie-wieder integriert wird.

Amen.