Martin Dubberke | Pfarrer

Exorzismus als Seelsorge – Seelsorge als Exorzismus

Die Krankheitsgeschichte der Gottliebin Dittus

Zur Seelsorge bei Johann Christoph Blumhardt

Vorwort zur Seminararbeit

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um das an manchen Stellen veränderte und um den Scharfenberg’schen Deutungsversuch erweiterte Referat „Die Krankheitsgeschichte der Gottliebin Dittus oder Exorzismus? als Seelsorge“, das ich im Sommersemester 1990 im Rahmen des Seelsorgeseminars gehalten habe. Aufgrund einer Reihe von Gesprächen, die ich im Anschluß an das Referat mit Kommilitoninnen, Kommilitonen und Freunden geführt habe, möchte ich eigens für diese Arbeit ein neues Vorwort schreiben, quasi als Niederschlag dieser Gespräche, unter anderem aber auch um meine eigene Position hervorzuheben. Im Zentrum der Gespräche standen natürlich die Spukerscheinungen, Dämonen, etc., mit denen die meisten arge Schwierigkeiten hatten, da wie es auch in meinem ersten Vorwort anklingt das Ganze doch recht unwahrscheinlich klingt. Ich glaube, daß hier Scharfenberg und auch Bovet hinsichtlich der Deutung und Erklärung sehr behilflich sein können  sind. Auffällig war auch, daß man in den Gesprächen kaum auf Blumhardts Arbeit einging, daß Blumhardt in den Gespräche~ eher eine untergeordnete Rolle spielte, was durchaus auch auf die reichhaltigen Schilderungen der Spukerscheinungen im Rahmen des Referates zurückzuführen sein kann. Daher erwähne ich in dieser Fassung eine Reihe der Vorfälle nicht mehr, denn im Grunde genommen, ist mir auch an einer vollkommenen Klärung der Spukerscheinungen  auch hinsichtlich ihrer Wahrhaftigkeit  nicht gelegen, da in meinen Augen der Tenor auf Blumhardts ausharrender, ständig begleitender Seelsorge liegt, in dessen Mitte das Gebet und die Gotteszugewandtheit  eine also christozentrische Seelsorge  und überdies auch die Gemeinde im Sinne der Gemeinschaft, des Gemeinsamseins  wie es im dritten Kapitel zum Ausdruck kommt  steht und obendrein die felsenfeste Gewißheit: „Jesus ist Sieger!“

Martin Dubberke

Berlin-Halensee, den 3. August 1990

Vorwort zum Referat

Die Krankheitsgeschichte der Gottliebin Dittus ist eine höchst abenteuerliche Angelegenheit. Bei der Lektüre des gleichnamigen Aufsatzes Johann Christoph Blumhardts d.Ä. von 1844, der stellenweise den Charakter eines Gruselreißers hat und an die VincentPriceFilme der fünfziger Jahre erinnert, schwankte ich stets zwischen glauben wollen, glauben können und nicht glauben können und nicht mehr glauben wollen. Immerhin stammt dieser Tatsachenbericht von einem Pfarrer, und sollte man nicht einmal mehr einem Pfarrer glauben können? Zu ungeheuerlich ist es, was Blumhardt hier schildert, zu ungeheuerlich für einen Menschen, der sich am Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts mit dieser Krankengeschichte auseinandersetzt. Spannend ist es aber alle mal. Ich selbst bin für mich nicht überall zu befriedigenden Antworten gekommen und so wird es am Ende vielleicht mehr offene als beantwortete Fragen geben. Zu Beginn meines Referates werde ich in einem kurzen biographischen Abriß den Pfarrer Johann Christoph Blumhardt vorstellen, damit wir wissen, wer und was für ein Mensch dieser Pfarrer in Möttlingen war. Dem wird in gleicher Absicht ein kurzer biographischer Abriß der Gottliebin Dittus folgen. Und um noch etwas Lokalkolorit zu haben oder den soziokulturellen Hintergrund kennen zu lernen, werde ich noch etwas über Möttlingen zur Zeit um 1840 herum sagen. Alsdann werde ich chronologisch die wichtigsten Stationen der Krankheitsgeschichte Gottliebins schildern. In einem dritten Schritt werde ich auf Blumhardts Seelsorgeverständnis eingehen und versuchen in Form eines „Konzeptes“ kurz zufassen. Und in einem letzten Schritt werde ich einen Lösungsversuch medizinischer, psychologischer und parapsychologisch Art vorstellen.

Martin Dubberke

Berlin-Halensee, den 22. Mai 1990

1. Die Hauptpersonen und das soziokulturelle Umfeld

1.1 Johann Christoph Blumhardt d.Ä.

Am 16. Juli 1805 in Stuttgart geboren, wuchs Blumhardt auch in Stuttgart auf. 1820 tritt er in das Theologische Seminar Schöntal ein. Im Herbst 1824 geht er zum Studium der Theologie nach Tübingen. Dort gehört zu seinen Studierkollegen u.a. auch Wilhelm Hoffmann, der Sohn Gottlieb Wilhelm Hoffmanns, welcher Besessene unter der Anrufung des Namens Jesus-Jehova heilte. Hier in Tübingen hörte Blumhardt auch Vorlesungen bei Adam Karl August Eschenmayer der in seinem „Archiv für tierischen Magnetismus“ über die Teufelsaustreibungen, die Johann Josef Gaßner praktizierte geschrieben hatte. Nach seinem Vikariat wird Blumhardt 1830 Lehrer am Mission haus in Basel, wo er Zeuge wurde, wie der Präsident der Basler Mission Nikolaus von Brunn besessene Kinder behandelt hat und Geisterstimmen, die aus dem Bauch kamen, durch Handauflegung und Gebet vertrieb, eine Methode, die Blumhardt selbst später auch bei Gottliebin Dittus anwandte. 1837 verläßt er Basel und wird Pfarrverweser in Iptingen, wo er dem Geisterseher Johannes Gommel begegnet. Im Juli 1838 übernimmt er dann die Pfarrstelle in Möttlingen, dem Ort der Handlung, wo dann auch zwischen Herbst 1841 und Ende 1843 der als „Kampf in Möttlingen“ in die Geschichte gegangene Fall der Gottliebin Dittus stattfindet. In Möttlingen bleibt er bis 1852. Weitere Daten nach 1844 vernachlässige ich. Am 25. Februar 1880 stirbt Blumhardt im Alter von 74 Jahren. Blumhardt kam also aus einem Umfeld, in dem  ich formuliere es einmal ganz überspitzt  Geistererscheinungen und Dämonen nichts Ungewohntes waren. So verkehrten Blumhardts Eltern in Kreisen, die vom Heitersbacher Pfarrer Christian Gottlob Preziger beeinflußt waren, der daselbst abgeschiedenen Geistern gepredigt haben soll. Über den schon genannten Eschenmayer kam es zur Bekanntschaft mit Justinus Kerner, der sich mit Okkultismus befaßte und die Seherin von Prevost betreute. Blumhardts Schwiegervater, der Pfarrer Karl Köllner, hatte die Hellseherin Fanny Ehrmann in sein Haus aufgenommen. D~ zu wirkte in dessen Gemeinde der Basler Johann Jakob Wirz seines Zeichens Hellseher und Heiler von Besessenen.

Wir sehen also, daß die Existenz oder zumindest die Überzeugung, daß es solche gäbe, zu Blumhardts Zeiten nichts Außergewöhnliches war, ja anscheinend etwas ganz Alltägliches war. „Blumhardt hielt bis an sein Lebensende an der realen Existenz von Dämonen fest, weil er sie selbst so deutlich erlebt hatte.“

1.2 Gottliebin Dittus

Als zwölftes von dreizehn Kindern wurde Gottliebin Dittus am 13. Oktober 1815 in Möttlingen geboren. Sie wuchs in verhältnismäßig ärmlichen Verhältnissen auf. Kinderkrankheiten, die sie hatte, versuchte man durch Besprechungen zu heilen. In der Familie Dittus gab es auch Fälle von Inzest. Bis 1829 besuchte sie die Schule in Möttlingen. Im gleichen Jahr wurde sie durch den Ortspfarrer Barth, dessen besonderer Liebling sie war, konfirmiert. Er versorgte sie auch mit Büchern aus der Pfarrbibliothek. Da er sich selbst für Heilungs und Dämonengeschichten interessierte erhielt sie höchstwahrscheinlich auch über ihn eine relativ dezidierte Kenntnis von diesen Dingen.

[S. 84] G. weiß schon aus ihrer Kindheit Umstände zu erzählen, die auf Nachstellungen hindeuten, sie in das Netz der Zauberei zu verflechten; und ich bedaure, sogleich aufs neue etwas berühren zu müssen, das in der Regel zu dem märchenhaftesten Aberglauben gerechnet wird und das ich doch jetzt Ursache habe, nicht mehr so ganz wegwerfen zu dürfen. Sie stand bald nach ihrer Geburt in Gefahr, unsichtbar weggetragen zu werden. Ihre Mutter, die vor zehn Jahren gestorben ist, erzählte ihr oft, sie habe das Kind neben sich im Bette gehabt, und im Schlafe sei ihr plötzlich bange um das Kind geworden, sei erwacht, habe das Kind nicht gefühlt und ausgerufen: „Herr Jesus, mein Kind!“ Da fiel etwas an der Stubentüre zu Boden, und es war das Kind. Dasselbe kam auf ähnliche Weise noch einmal vor.

Die Kinder, in deren Stelle die Sage sogenannte Wechselkinder gesetzt werden läßt, scheinen, wenn die Sache einige Realität hat, nach Schlüssen aus einer weiteren Erfahrung dazu bestimmt gewesen zu sein, Zauberern in die Hände zu fallen, um durch diese in das ganze Gebiet der Zauberei von früh auf eingeweiht zu werden. Solche abergläubisch lautende Dinge hatten für mich früher nie eine [S. 851] Bedeutung und bekamen sie in diesem Falle erst durch die Betrachtung über die mit der G. gemachten Erfahrungen.

Bald kam das Kind zu einer Base [Maria Barbara Dittus geb. Künstle], die allgemein als böse Person gefürchtet war und die zu dem siebenjährigen Kind sagte: „Wenn du einmal zehn Jahre alt bist“ (dies der auch sonst laut gewordene Termin der Möglichkeit einer Einweihung in die Zauberei)_dann will ich dich etwas Rechtes lehren“; ferner: „Wenn du nur nicht G. hießest und andere Paten hättest, so wollte ich dir große Macht in der Welt verschaffen.“ Dergleichen Äußerungen kamen schon dem Kinde bedenklich vor; und unter den stillen Gedanken, die es sich darüber machte, fiel ihm jedes Mal der Spruch ein: „Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und ist unbegreiflich, wie Er regieret“, mit dem Sinn, daß doch Gott allein es sei, der die Welt regiere.

Die Base starb, als das Kind erst acht Jahre alt war. Indessen wurden auch bei dem letzteren, wie eben der Unverstand des Volks es zur Gewohnheit gemacht hatte, je und je sympathetische oder zauberartige Mittel bei Krankheiten angewendet, woher es kam, daß sie, wie andere, in einige Verstrickung geriet. “ 2

So hat es Blumhardt selbst in seinem Aufsatz geschildert. Von 1829 an steht Gottliebin bei verschiedenen Familien in Weil und Altburg bei Calw in Diensten. Um 1836 bekommt sie Unterleibsgebrechen, die von ärztlicher Seite erfolglos behandelt werden. Schließlich muß sie 1838 ihre Arbeit aufgeben und nach Möttlingen zurückkehren.

Die Familie befindet sich in finanziellen Schwierigkeiten, die als chronisch zu bezeichnen sind.  Dazu sind jene Jahre durch zahlreiche Todesfälle in der Familie geprägt:

  • 1834 ihre Schwester Maria Barbara,
  • 1835 ihre Schwester Margaretha,
  • 1836 ihre Schwester Christina,
  • 1838 ihre Mutter,
  • 1839 ihre Vater und ihre Bruder Johann Michael,
  • 1840 ihr Onkel Ludwig Friedrich Dittus.

Insgesamt gab es zwischen 1830 und 1840 insgesamt siebzehn  Todesfälle in dieser Familie.  1840 zeigen sich dann die ersten Anzeichen der Krankheit. Nimmt sie 1840/41 noch eine ablehnende Haltung Blumhardt gegenüber ein, so sucht sie ihn im Herbst 1841 in seinem Arbeitszimmer auf. Der bis zum 28. Dezember 1843 dauernde Kampf in Möttlingen beginnt.

Nach ihrer Genesung wird sie Kindergärtnerin und von den Blumhardts ins Haus aufgenommen.

  • 1855 heiratet sie, wird Mutter dreier Söhne. Am 26. Januar
  • 1872 stirbt sie nach längerer Krankheit.

1.3 Möttlingen in der Zeit um 1838

Als Blumhardt 1838 seinen Dienst in Möttlingen antrat, fand er eine Gemeinde vor, die sein Vorgänger im Amt Pfr. Barth als „zu todt gepredigt…“ und „des Evangeliums überdrüssig“ 3 beschrieb und überdies die unangenehme Eigenschaft hatte, in der Kirche mit Beginn der Predigt einzuschlafen, was vielleicht auch an dessen Predigtstil lag. Hierzu möchte ich Blumhardts Biographen Schulz zitieren, der sich hier auf Zündel 4 bezieht. Ich will dies tun, weil hier auch etwas für Blumhardt Charakteristisches ausgesagt wird, das auch für seinen Umgang mit Gottliebin von großer Bedeutung ist:

„Blumhardt gebrauchte auf der Kanzel keine andere Sprache als im mitmenschlichen Gespräch, so daß sein Predigtstil der Konversation und dem Gespräch entsprach. Er selbst meinte, daß seine Sprache umso sachlicher und nüchterner werde, je „voller sein Herz war“. Durch seinen Predigtstil vermochte Blumhardt auch die einfachen Leute zu erreichen und anzusprechen. Barth dagegen wird als der Intellektuellere dargestellt., dessen Predigten die Tendenz hatten, eher zu ausgefeilt zu sein, dafür aber für die große Zahl der regelmäßigen Zuhörer“ etwas hoch, so daß sie „schließlich theilweise Ermüdung und Abstumpfung der Zuhörer bewirkten“.“ 5

Von weiterer Bedeutung für den Fall Gottliebin Dittus ist aber auch die allgemeine Umgebung, das direkte soziale Umfeld. Die Gegend um Möttlingen herum war gekennzeichnet durch eine allgemein verbreitete Armut und  ich sage es mit einem modernen Begriff  eine schlechte Infrastruktur. Kam es irgendwo zu einem Unfall oder erkrankte jemand, so dauerte es oft zu lange bis ein Arzt kommen konnte und zum anderen konnten sich ihn die wenigsten leisten, und so wandte man sich in solchen Fällen gerne magischen Praktiken, abergläubischen Manipulationen und der Zauberei zu, einem Umstand, dem sich Blumhardt entschieden entgegenstellte, nicht mit dem Vorwurf, sich abergläubischem Unsinn hinzugeben, sondern gegen das erste Gebot zu verstoßen. Er brachte das auf die Formel: „Soviel euch der Teufel geleistet hat, soviel wird auch der Heiland tun.“ 6 Man kann also mit einer gewissen Leichtigkeit sehen, daß Blumhardt bei seinem Amtsantritt in seiner Gemeinde einer vorzüglichen Nährboden für Abergläubisches aller Art vorfand. Wie sich die Situation nach 1843 änderte, wird Gegenstand des dritten Kapitels sein.

2. Die Krankheitsgeschichte der Gottliebin Dittus

2.1 Vorbemerkung

In diesem Kapitel werde ich die Krankheitsgeschichte Gottliebins nach Datum, Erscheinungen, Blumhardts Maßnahmen, deren Wirkung geordnet referieren. Dabei lasse ich der besseren Anschauung halber sehr oft Blumhardt selbst zu Wort kommen, wahrscheinlich öfter als ich sollte, aber Blumhardt erzählt, schildert so eindringlich, daß es mir schwer fällt in diesem Kapitel nur nüchterne Fakten wiederzugeben. Eine tabellarische Zusammenfassung dieses Kapitels findet sich im Anhang dieser Arbeit.

2.2 Die Krankheitsgeschichte

Im Februar 1841 zieht Gottliebin zusammen mit ihren Geschwistern in das neu gekaufte Haus in der Brunnengasse drei. Hier fällt sie während des Tischgebets in Ohnmacht, hat Erlebnisse mit Zaubergeld und Zaubermehl. Es treten zum ersten Mal die Klopf und Poltergeräusche auf. Erst im Herbst 1841 sucht Gottliebin Pfr. Blumhardt auf, bleibt aber ganz allgemein in dem, was sie sagt. Blumhardt ergreift aber noch keine Maßnahmen. Vom Dezember 1841 bis Februar 1842 leidet sie an einer Gesichtsrose. Sie nimmt Blumhardt gegenüber eine ablehnende Haltung ein, was zur Folge hatte, daß er sie nicht mehr besuchte. Im April 1842 erfährt dann Blumhardt erstmals vom Spuk im Hause der Gottliebin und den Erscheinungen Verstorbener. Es ist allerdings nicht Gottliebin, sondern Verwandte, die Blumhardt von diesen Vorfällen berichten. Blumhardt verbietet Gespräche mit den Erscheinungen und fordert zum ernstlichen und gläubigen Gebet auf.

Endlich, im April 1842, erfuhr ich zum ersten Male durch zwei ihrer Verwandten, die mich um [S. 81] Rat fragen wollten, etwas Näheres von dem Spuk im Hause, der bereits nicht mehr verschwiegen werden konnte, weil das Gepolter der ganzen Nachbarschaft bemerklich wurde. G. sah damals ganz besonders häufig die Gestalt eines zwei Jahre vorher verstorbenen Weibes von hier mit einem toten Kinde auf den Armen.  Dieses Weib, erzählte sie (den Namen verschwieg sie vorsichtig und sagte sie nur mir später), stehe immer auf einer gewissen Stelle vor ihrem Bett und bewege sich zuweilen zu ihr her und wiederhole oft die Worte: „Ich will eben Ruhe haben“ oder: „Gib mir ein Papier, so komme ich nicht wieder usw.  Nun wurde ich gefragt, ob man ein Näheres bei der Gestalt erfragen dürfe. Mein Rat war, G. dürfe sich durchaus in kein Gespräch mit der Gestalt einlassen, um so mehr, da man nicht wisse,  wieviel: Selbsttäuschung mit unterlaufe, jedenfalls gewiß sei, daß man in entsetzliche Verirrungen und Torheiten geraten könne, wenn man mit der Geisterwelt sich einlasse; sie solle ernstlich und gläubig beten, so werde die Sache nach und nach von selbst aufhören.“ 1

Im April ’42 gibt es auch den ersten Fund von Zaubermitteln in Form von in berußtem Papier eingewickelten Geld. Blumhardt verbrennt das Papier, was allerdings ohne Wirkung bleibt. Ebenso verhält es sich mit dem zweiten Fund vierzehn Tage später. Wieder handelt es sich um in berußtes Papier gewickeltes Geld. Dazu finden sich diesmal noch Schachteln mit Knochen, Salz, Kreide und einem Zettel mit Geheimschrift unter dem Stubenboden. Wieder verbrennt er die Gegenstände, wieder ohne Wirkung. Im Mai 1842 nimmt der Spuklärm dann so zu, daß der behandelnde Arzt Dr. Späth im Hause der Dittus übernachtet und Zeuge der Geräusche wird. In der Folge führt dann Blumhardt am 3. Juni eine Untersuchung des Hauses durch, an der der Teppichfabrikant Kraushaar und die Gemeinderäte sowie der Schultheiß und Mose Stanger teilnahmen. Diese Untersuchung lieferte allerdings keinerlei Erkenntnisse. Vom 17. Juni an treten dann verstärkt Krämpfe auf. Blumhardt besucht zwar Gottliebin, ergreift aber sonst keine Maßnahmen. Am 26. Juni vollzieht sich dann allerdings die Wende. Gottliebin hat im Beisein Blumhardts einen Anfall. Er betet mit ihr zusammen und die Krämpfe hören daraufhin auf.

„An einem Sonntag abend kam ich wieder zu ihr, als mehrere Freundinnen anwesend waren, und sah schweigend den schrecklichen Konvulsionen zu. Ich setzte mich etwas entfernt nieder. Sie verdrehte die Arme, beugte den [Kopf] seitwärts und krümmte den Leib hoch empor, und Schaum floß abermals aus dem Munde. Mir war es klar geworden, daß etwas Dämonisches hier im Spiele sei  nach den bisherigen Vorgängen; und ich empfand es schmerzlich, daß in einer so schauderhaften Sache so gar kein Mittel und Rat solle zu finden sein. Unter diesen Gedanken erfaßte mich eine Art Ingrimm; ich sprang vor, ergriff ihre starren Hände, zog ihre Finger gewaltsam, wie zum Beten, zusammen, rief ihr in ihrem bewußtlosen [S. 19] Zustande ihren Namen laut ins Ohr und sagte: „Lege die Hände zusammen und bete: Herr Jesu, hilf mir!‘ Wir haben lange genug gesehen, was der Teufel tut; nun wollen wir auch sehen, was Jesus vermag.“ Nach wenigen Augenblicken erwachte sie, sprach die betenden Worte nach; und alle Krämpfe hörten auf, zu großem Erstaunen der Anwesenden.  Dies war der entscheidende Zeitpunkt, der mich mit unwiderstehlicher Gewalt in die Tätigkeit für die Sache hineinwarf. Ich hatte vorher auch nicht den geringsten Gedanken daran gehabt; und auch jetzt leitete mich ein unmittelbarer Drang, von dem ich den Eindruck noch so stark habe, daß eben er später oft meine einzige Beruhigung war, weil er mich überzeugte, daß ich nicht aus eigener Wahl und Vermessenheit eine Sache unternommen hätte, deren schauerliche Entwicklungen ich mir damals unmöglich hätte vergegenwärtigen können.“ 2

Im Juli 1842 treten Geisterstimmen Verstorbener auf, von denen sie besessen wird. Blumhardt ist hier nun immer nur noch mit Zeugen anwesend und betet mit Gottliebin, woraufhin die Besitzung aufhört.

Schon wollte ich gute Hoffnungen fassen, als ich vernahm, man höre wieder ein Klöpfeln, wie mit Fingern um die G. her; und dann bekomme sie plötzlich einen Schlag auf die Brust und sinke zurück; auch sehe sie dieselbe weibliche Gestalt, die sie in ihrem eigenen Logis gesehen hatte. Ihren Aussagen nach war das eine (keinerlei Verwandte, außer zwei, nun auch verstorbenen Schwestern [Johanna und Elisabeth Sixt], zurücklassende) zwei Jahre [S. 22) vorher verstorbene Witwe [Catharina Christiane Weiß geb. Sixt], die auf ihrem Totenbette heftige Gewissensbisse bekommen, schwere Sünden mir bekannt und nur wenig Ruhe vor dem Tode gefunden hatte. Als ich mit meinen gewöhnlichen Begleitern [Schultheiß Christian Friedrich Kraushaar und Mose Stanger] (denn ohne bestimmte Augen und Ohrenzeugen wollte ich niemals dort sein) hinkam, hörte ich wirklich bald die unheimlichen Töne. Sie selbst lag im Bett, war bei sich und fühlte keine Beschwerden. Plötzlich war’s, als führe es in sie, und ihr ganzer Leib geriet in Bewegung. Ich sprach sodann einige Worte als Gebet und erwähnte dabei des Namens Jesu. Sogleich rollte sie die Augen, schlug die Hände auseinander, und eine Stimme ließ sich hören, die man augenblicklich für eine fremde erkennen mußte (nicht sowohl wegen des Klanges als wegen des Ausdrucks und der Haltung in der Rede). Es rief: „Den Namen kann ich nicht hören!“ Alle schauderten zusammen. Ich hatte noch nie etwas der Art gehört und wandte mich in der Stille zu Gott, Er möge mir Weisheit und Vorsicht schenken und namentlich vor unzeitiger Neugier mich bewahren. Endlich wagte ich etliche Fragen, mit dem bestimmten Vorsatz, mich nur auf das Notwendigste zu beschränken und auf meine Empfindung zu merken, wenn es etwa zu [S. 23] viel wäre, zunächst mit Bezug auf jenes Weib, etwa so „Hast du denn keine Ruhe im Grab? “  „Nein!“  „Warum nicht? “  „Das ist meiner Taten Lohn.“  „Hast du denn“, fuhr ich fort (nur still voraussetzend, daß es jene Person sei)“,mir nicht alle Sünden gestanden?  „Nein, ich habe zwei Kinder gemordet und im Acker begraben.“ „Weißt du denn jetzt keine Hilfe mehr? Kannst du nicht beten? “  „Beten kann ich nicht.“  „Kennst du denn Jesum nicht, der Sünden vergibt? “  „Den Namen kann ich nicht hören“.  „Bist du allein? “  „Nein!“  „Wer ist denn bei dir? “  Die Stimme antwortete zögernd, zuletzt rasch herausfahrend: „Der Allerärgste.“

So ging das Gespräch noch eine Weile fort; und die Redende klagte sich auch der Zauberei an, um deren willen sie des Teufels Gebundene sei. Schon siebenmal, sagte sie, sei sie ausgefahren, jetzt gehe sie nicht mehr. Ich fragte sie, ob ich für sie beten dürfe, was sie erst nach einigem Bedenken gestattete, und gab ihr endlich zu verstehen, daß sie im Leibe der

G. nicht bleiben könne und dürfe. Sie schien wehmütig zu flehen, dann wieder trotzig zu werden; ich aber gebot ihr mit ernster Stimme auszufahren,  jedoch nicht im Namen Jesu (was ich lange nicht wagte) , worauf sich schnell die Szene änderte, indem G. die Hände stark [S. 24] aufs Bett niederschlug, womit die Besitzung vorüber zu sein schien.“ 3

Bis zum Ende des Monats steigert sich die Zahl der Dämonen von vierzehn auf 175 und schließlich auf 425. Als Folge der Berührungen durch die Dämonen hat Gottliebin Brandwunden und Blattern am Hals.

Nach jenen vierzehn Dämonen steigerte sich die Zahl schnell zu 175, dann zu 425. Eine nähere Beschreibung von den einzelnen Auftritten kann ich nicht mehr geben, da alles zu schnell und zu mannigfaltig aufeinander folgte, als daß ich Einzelnheiten sicher im Gedächtnis behalten konnte. Nach dem letzten dieser Kämpfe trat auf etliche Tage Ruhe ein. Doch drängten sich des Nachts viele Gestalten um das Bett der Person, nach ihrer Aussage; und auch ihre Wärterin wollte um jene Zeit etliche Gestalten erblickt haben. Auch geschah es, daß sie sich in einer Nacht und im Schlafe plötzlich von einer brennenden Hand am Hals gefaßt fühlte, welche alsbald große Brandwunden zurückließ. Bis die Wärterin (ihre Tante), die im gleichen Zimmer schlief, das Licht anzündete, waren bereits gefüllte Blattern um den ganzen Hals her aufgefahren; und der Arzt [Dr. Späth], der am folgenden Morgen kam, konnte sich nicht genug darüber verwundern. Der Hals wurde erst nach mehreren Wochen wieder [S. 27] heil. Auch sonst bekam sie bei Tag und bei Nacht Stöße an die Seite oder auf den Kopf oder faßte es sie an den Füßen, daß sie plötzlich, entweder auf der Straße oder auf der Treppe oder wo es war, niederstürzte, wovon sie Beulen und andere Schäden davontrug.“ 4

Im August/September entdeckt Blumhardt Gebet und Wort Gottes als die Waffe im Kampf.

„Mein nächster Gedanke war: jetzt bist du fertig, jetzt geht’s in die Zauberei und Hexerei hinein; und was willst du gegen diese machen? “ Wenn ich aber das jammernde Mädchen ansah, so schauderte mich’s vor der Möglichkeit der Existenz jener Finsternis und vor der Unmöglichkeit der Hilfe. Es fiel mir ein, daß es Leute gebe, denen man geheimnisvolle Künste zur Abwehr vor allerlei dämonischen Übeln zuschrieb, und sympathetische Mittel, welchen immer unbedingter Hohe und Niedere huldigen. Sollte ich etwa nach dergleichen Dingen mich umsehen? Das hieße, wie ich längst überzeugt war, Teufel mit Teufel vertreiben. Ich erinnerte mich alsobald an eine Warnung, die ich schon einmal bekommen hatte, da ich damit umging, etwa den Namen Jesu an die Türe der Wohnung der Kranken zu heften oder sonst des etwas zu versuchen, weil eben guter Rat oft schwer zu finden war. Unter solchen Gedanken las ich morgens die Losung der Brüdergemeinde jenes Tags, welche lautete: „Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihr’s denn nun im Fleisch vollenden? “ Gal. 3,3. Ich verstand den Wink, und Gott sei gepriesen, der mich geleitet hat, stets [S. 32] bei den lauteren Waffen des Gebets und Wortes Gottes zu bleiben!

Soll, durchfuhr es mich, gläubiges Gebet nicht auch wider obige Satansmacht, worin sie nun bestehen möge, etwas auszurichten vermögen? Was sollen denn wir arme Menschlein machen, wenn hier nicht direkte Hilfe von oben zu erflehen ist? Ist Satan hier im Spiel, ist’s recht, es dabei zu belassen? Und kann das nicht durch den Glauben an den wahrhaftigen Gott niedergetreten werden? Wenn Jesus gekommen ist, die Werke des Teufels zu zerstören, soll solches nicht hier vornehmlich festgehalten werden? Gibt’s eine Zauberei und Hexerei, ist’s nicht Sünde, sie unangetastet ihr Spiel treiben zu lassen, wenn eine Gelegenheit sich zeigt, ihr mit Ernst die Spitze zu bieten? Mit solcherlei Gedanken arbeitete ich mich in den Glauben an die Kraft des Gebets auch in dieser Sache, bei welcher kein anderer Rat sonst übrig war, hinein, und ich rief der Kranken zu: „Wir beten, sei’s was es wolle, wir probieren’s; wir verspielen wenigstens nichts mit dem Gebet; und auf Gebet und Gebetserhörung weist uns die Schrift fast auf jeder Seite; der Herr wird tun, was Er verheißt!“

So entließ ich sie mit der Versicherung, ihrer gedenken zu wollen, und mit der Weisung, IS. 3.31 mir wieder Bericht zu bringen. “ 5

Am 26./27. August begeht Gottliebin einen zweifachen Selbstmordversuch durch Fenstersprung und Erhängen. Es kommt zu Blutungen am Oberleib und Besitzungen. Blumhardt greift wieder zum Gebet und diesmal auch zu Lobgesängen. Aber erst nach Stunden kommt Gottliebin zur Ruhe.

Indessen war die Arbeit jener Nacht noch lange nicht vorüber. Während wir noch umherstanden, auch Lobgesänge sangen, sank die Kranke rückwärts  wie sonst, wenn Dämonisches sie überfiel. Es kamen zornige Drohworte, bei denen ich aber leicht Stille gebieten konnte. Dann kehrte die Besinnung scheinbar zurück. „Sie können jetzt gehen!“ sagte sie.  „Kann ich aber ruhig sein? “ entgegnete ich.  „Warum denn nicht? “ fuhr sie fort, „Sie trauen einem auch gar nicht.“  „So? ‚, sagte ich, „nein, ich traue dir nicht“, worauf ich [S. 36] Hut und Stock wieder beiseite legte. Noch sprach ich ein kurzes Gebet, als es hohnlachend ausbrach und sagte: „Du hast recht getan, daß du nicht gegangen bist; du hättest’s verspielt und alles verloren.. Ich achtete nicht sehr auf das Gesprochene und sprach und handelte auf die gewöhnliche Weise. Plötzlich brach mit ganzer Stärke der Zorn und Unmut der Dämonen los, und es wurde eine Menge Äußerungen folgender Art vernommen, meist mit heulender und wehklagender Stimme: Jetzt ist alles verspielt! Jetzt ist Alles verraten! Du verstörst uns ganz! Der ganze Bund geht auseinander! Alles ist aus! Alles kommt in Verwirrung! Du bist schuld daran mit deinem ewigen Beten! Du vertreibst uns doch noch! Wehe, wehe! Alles ist verspielt! Unser sind 1067, und derer, die noch leben, sind auch viele!“  Von denen, die noch leben, hieß es: „Aber die sollte man warnen! Oh, wehe ihnen, Wehe! Sie sind verloren!“ Ich sagte hier dazwischen hinein: „Die noch leben, können sich bekehren; Gott vermag sie wohl noch zu retten! Denket ihr nur an euch!“  Da erhielt ich mit starker Stimme die Antwort: „Sie haben sich mit Blut verschrieben!“  „Wem denn? “  „Dem Teufel, dem Teufel!“  Von solchen Blutverschreibun[S. 37]gen wurde später oft die Rede, bisweilen mit dem Beisatze: „Gott verschworen, ewig verloren“, als ob solche Verschworene keiner Bekehrung und Rettung mehr fähig wären. Doch schienen sie das mehr nur von sich, den Verstorbenen, zu sagen. Im gegenwärtigen Augenblicke zeigte sich bei den Dämonen nur Verzweiflung, weil der Weg in den Abgrund ihnen gewiß schien. Das Gebrüll der Dämonen, die zuckenden Blitze, die rollenden Donner, das Plätschern der Regengüsse, der Ernst der Anwesenden, die Gebete von meiner Seite, auf welche die Dämonen nach oben beschriebener Weise ausführen  das alles bildete eine Szene, die sich kaum wird jemand auf eine der Wirklichkeit entsprechende Weise vorstellen können.

Nach einigen Stunden jedoch wurde alles ruhig, und ich schied freudiger als je von der Kranken. “ 6

Bis Ende 1842 bricht die Kette der Schmerzen, Erbrechen und Blutungen nicht ab. Blumhardt versucht dem mit Gebeten entgegen zu wirken, was auch jedes Mal ein Aufhören und Zurückdrängen der Symptome zur Folge hat.

„Denn dazwischenhinein kamen immer wieder grauenhafte Szenen vor. Die Kranke wurde unaufhörlich gequält. Namentlich wurde ihr Leib in jener Zeit oft außerordentlich aufgedunsen, und sie erbrach ganze Kübel voll Wasser, was dem Arzte [Dr. Späth], der je und je dabei war, besonders rätselhaft war, da man garnicht begreifen konnte, woher das viele Wasser käme.

Sie bekam ferner öfters Schläge auf den Kopf, Stöße in die Seite, dazu heftiges Nasenbluten, Bluterbrechungen, Not mit dem Stuhlgang und anderes; und bei allem, was mit ihr vorging, schien es eine lebensgefährliche Wendung nehmen zu wollen. Aber durch Gebet und Glauben wurde es unschädlich gemacht oder zurÜckgedrängt.“7 

Ab 8. Februar 1843 hat Gottliebin Entrückungserlebnisse, Ferngesichte, hört Geisterstimmen, diverse Gegenstände treten aus dem Körper hervor. Sie begeht wieder Selbstmordversuche, Dämonen fahren aus. Blumhardt wirkt dem mit Gebeten entgegen, vor allem, wenn die Gegenstände nicht so ohne weiteres aus dem Körper hervortreten wollen, was dann zur Folge hatte, daß die Gegenstände aus dem Körper hervortraten.

„Zu Anfang des Dezember 1843 hatte G. ein Nasenbluten, das gar nimmer aufhören wollte. [S. 66] Wenn sie eben eine Schüssel voll Blut verloren hatte, so fing’s wieder an; und es ist unbegreiflich, wie bei so ungeheurem Blutverluste das Leben erhalten werden konnte. Auffallend war, daß das Blut zugleich einen sehr scharfen Geruch hatte, aber immer besonders schwarz anzusehen war. Der Grund davon lag in einer zauberischen Vergiftung, deren nachher gedacht werden wird. In dieser Not traf sie mehrmals der Arzt, der zwar etwas verschrieb, aber wohl selbst schwerlich viel Hoffnung von der Wirkung der Arznei hatte. Nun machte ich in jener Zeit nachmittags 1 Uhr auf einem Gange zum Filial, der mich an ihrem Hause vorbeiführte, einen kurzen Besuch bei ihr. Sie saß frisch umgekleidet und sehr erschöpft auf einem Stuhle. Auch war die Stube eben vom Blut gereinigt worden, das den Morgen vorher reichlich geflossen war. Sie deutete mir auf dem Kopfe mehrere Stellen und sagte, da stecke etwas; wenn das nicht herauskomme, so müsse sie sterben. Ich konnte eben nichts Besonderes fühlen, sagte aber, weil ich Eile hatte, nach meiner Rückkehr wolle ich wieder einkehren. Nach mir kam der Arzt, Dr. Späth, zu ihr, der zwei Stunden bei [S. 67] ihr verweilte und sich vieles erzählen ließ, auch wirklich etwas Hartes an obigen Stellen fühlen konnte. Er merkte, daß etwas vorgehen werde, und wollte es auswarten, wurde aber zuletzt schnell zu einer Niederkunft nach Simmozheim gerufen. Um 4 Uhr befand ich mich wieder in der Nähe des Orts. Da sprang mir jemand entgegen, ich möchte doch schnell zu G. kommen. Ich eilte, und überall sah ich voll Schrecken die Leute zum Fenster heraussehen, die mir zuriefen: „Herr Pfarrer, es tut not.“ Ich trat ein; aber ein Blutdunst erstickender Art wollte mich wieder heraus treiben. Sie saß in der Mitte der kleinen Stube, hatte vor ihr einen Kübel, der wohl zur Hälfte mit Blut und Wasser gefüllt war, und die ganze Länge der Stube vor ihr und hinter ihr floß eine breite Blutlache. Sie selbst war über und über mit Blut so überzogen, daß man die Kleider kaum mehr erkannte. Denn man denke sich  das Blut rieselte lebhaft aus beiden Ohren, aus beiden Augen, aus der Nase und sogar oben auf dem Kopfe in die Höhe. Das war das gräßlichste, das ich je gesehen habe. Es hatten’s verschiedene Leute zum Fenster herein bemerkt, ob gleich diese sich [S. 68] scheuten dazubleiben. Im Augenblick wollte ich ratlos sein. Doch faßte ich mich; und ein kurzer und ernster Seufzer brachte vorerst das Bluten zum Stillstande. Dann ließ ich ihr das Gesicht waschen, das nicht mehr zu erkennen war, und den Kopf, worauf ich die Stelle am Kopfe anfühlte, in der sich etwas befinden sollte. Auf dem Vorderkopfe oberhalb der Stirn gewahrte ich bald etwas, und ein kleiner, aber verbogener Nagel bohrte sich empor. Am Hinterkopfe drehte und arbeitete sich innerhalb der Haut etwas weiter herab, und endlich kam ein verbogener Bretternagel zum Vorschein. Das Bluten aber hatte von nun an ein Ende. Die erste Ohnmacht, in die sie bei meinem Eintritt fiel, konnte auch überwunden werden wie die nachfolgenden, und am Abende fühlte sie sich wieder ziemlich wohl und gestärkt. Was könnte ich nicht alles erzählen, wenn ich Zeit gehabt hätte, ein Tagebuch zu führen!“ 8

Im Laufe der Zeit zwischen dem 24. und 28. Dezember 1843 greift die Besessenheit auch auf die Geschwister über. Blumhardt greift wieder zum Gebet und diesmal auch zum Fasten, woraufhin die Dämonen ausfahren. Am 28. Dezember ’43 fährt dann in der Anwesenheit Blumhardts der ‚Satansengel‘ aus .

Daneben ließ sich dennoch der Dämon aus ihr ebenso bestimmt vernehmen, der sich diesmal nicht als einen abgeschiedenen Menschengeist, sondern als einen vornehmen Satansengel ausgab, als das oberste Haupt aller Zauberei, dem vom Satan die Macht dazu erteilt worden sei und durch den dieses Höllenwerk nach den verschiedensten Seiten [S. 100] hin zur Förderung des satanischen Reichs sich verzweigt hätte, mit dem aber nun, da er in den Abgrund fahren müsse, der Zauberei der Todesstoß gegeben werde, an dem sie allmählich verbluten müsse.

Plötzlich, gegen 12 Uhr um Mitternacht, war es, als erblickte er den geöffneten Feuerschlund. Da dröhnte aus der Kehle des Mädchens zu mehreren Malen, ja wohl eine Viertelstunde andauernd, nur Ein Schrei der Verzweiflung, mit einer erschütternden Stärke, als müßte das Haus zusammenstürzen. Grausenerregenderes läßt sich nichts denken, und es konnte nicht fehlen, daß nicht die Hälfte der Bewohner des Orts, nicht ohne besonderen Schrecken, Kenntnis von dem Kampfe bekam. Dabei befiel die Katharine ein so starkes Zittern, daß es war, als wollten sich alle ihre Glieder voneinander abschütteln. Schien so der Dämon lauter Angst und Verzweiflung zu sein, so war nicht minder riesenhaft sein Trotz, indem er Gott herausforderte, ein Zeichen zu tun, und nicht eher auszufahren vorgab, als bis ein den ganzen Ort erschütterndes Zeichen vom Himmel erfolgt wäre, damit er nicht so gemein wie andere Sünder seine Rolle niederlegen, sondern ge[S. 101]wisserrnaßen unter Ehren in die Hölle fahren müsse. Solches schauerliche Gemisch von Verzweiflung, Bosheit, Trotz und Hochmut ist wohl schwerlich je irgendwo erblickt worden.

Unterdessen schien in der unsichtbaren Welt immer rascher sein erwarteter Untergang vorbereitet zu werden. Endlich kam der ergreifendste Augenblick, welchen unmöglich jemand genügend sich vorstellen kann, der nicht Augen und Ohrenzeuge war. Um 2 Uhr morgens brüllte der angebliche Satansengel, wobei das Mädchen den Kopf und Oberleib weit über die Lehne des Stuhls zurückbog, mit einer Stimme, die man kaum bei einer menschlichen Kehle für möglich halten sollte, die Worte heraus: Jesus ist Sieger! Jesus ist Sieger!“ Worte, die, so weit sie ertönten, auch verstanden wurden und auf viele Personen einen unauslöschlichen Eindruck machten. Nun schien die Macht und Kraft des Dämons mit jedem Augenblicke mehr gebrochen zu werden. Er wurde immer stiller und ruhiger, konnte immer weniger Bewegungen machen und verschwand zuletzt ganz unmerklich, wie das Lebenslicht eines Sterben[S. 101]den erlischt, jedoch erst gegen 8 Uhr morgens.

Das war der Zeitpunkt, da der zweijährige Kampf zu Ende ging. Daß dem so sei, fühlte ich so sicher und bestimmt, daß ich nicht umhin konnte, am Sonntag, tags darauf, da ich über den Lobgesang der Maria zu predigen hatte, meine triumphierende Freude merken zu lassen.“ 9

3. Versuch einer Darstellung der seelsorgerlichen Behandlung bei Blumhardt
oder
Blumhardts „Seelsorgekonzept“

Um erst einmal eventuelle Mißverständnisse auszuräumen, sei gesagt, daß es sich bei dem, was Blumhardt getan hat, nicht um einen Exorzismus im römischkatholischen Sinne handelt. Wer jemals einen Blick in Rituale Romanum geworfen hat, wird mir hier zustimmen können. Blumhardt verzichtete bewußt auf alle rituellen Manipulationen, die einem Aberglauben entwachsen sind. Es waren die Waffen des Gebetes und des Wortes Gottes, mit denen er kämpfte. Und der Schlachtruf lautete: „Jesus ist Sieger!“

Bei Blumhardts Vorgehensweise steht Jesus im Mittelpunkt. Schulz beschreibt das in seiner BlumhardtBiographie überaus treffend:

Nenn in Bezug auf Blumhardts Predigt vom ‚Exorzismus‘ die Rede ist, so darf das nicht mit irgendwelchen rituellen oder sonstigen Manipulationen verwechselt werden, sondern es wird noch deutlicher werden, daß es dabei von der Christusmitte her um eine schlichte Reinigung der Atmosphäre geht und um eine Entlarvung eines falschen Denkens.“1 

Blumhardts Seelsorge ist nicht von seiner Verkündigung zu trennen. Es ging um eine ausharrende Begeleitung vor dem Hintergrund des anhaltenden Gebets und des Anrufens des Namens Jesu. Wichtig war aber auch, daß Blumhardt in seinem Kampf nicht allein war, sondern sich auf Mitchristen stützen konnte. In seiner Verteidigungsschrift gegen Herrn Dr. de Clementi bringt Blumhardt das sehr deutlich zum Ausdruck:

„In meinem Bericht steht es umständlich, wie ich mit meinem Schultheißen und einem anderen tief gegründeten Christen meiner Gemeinde wöchentlich zwei bis dreimal in meinem Studierzimmer betete; und unvergeßlich sind mir die heißen Gebete, die hier diese Männer zu Gott emporschickten um Weisheit und Kraft und Hilfe. Wir durchsuchten miteinander die ganze Heilige Schrift und bestärkten und ermahnten einander; ja nicht weiter uns gehen zu lassen, als die Schrift uns führe. Daß wir Wunder thun wollten, kam uns nicht entfernt in den Sinn. Tief bekümmert aber waren wir, daß der Teufel sollte so viel Macht noch haben, und daß solche, von niemand erkannten Satansnetze über die Menschheit sollten ausgebreitet seyn. Unser herzliches Mitleiden betraf so nicht bloß die arme Person, deren Jammer wir vor uns sahen; sondern wir jammerten und seufzten vor Gott über die Millionen, die, von Gott abgewichen, in die heimlichen Bande der Zauberei verstrickt wären. Wir beteten, daß Gott doch wenigstens in diesem Falle uns Sieg geben, und den Satan unter unsere Füße treten lassen wolle.“  2

Dieses und seine der Gemeinde nicht entrückte Sprache machten den Erfolg seiner Wirkung aus. Und so blieb auch die erfolgreiche Behandlung Gottliebins für die Gemeinde nicht ohne Wirkung. Die zuvor träge und schlafende Gemeinde wurde im wahrsten Sinne des Wortes erweckt. Blumhardt hält nach der Heilung Gottliebins eine Predigt, die nicht zu Buße auffordert, sondern eine Triumphpredigt ist, eine Lobpredigt über den Lobgesang der Maria. Es setzte die Erneuerung der Gemeinde ein. In der kommenden Zeit kamen nicht nur Menschen aus seiner Gemeinde zu ihm, zur Beichte, Bekenntnis der Sünden, der Bitte um Vergebung und Absolution. Blumhardt erkennt die Wirkung der Macht der Vergebung Christi. Fassen wir also die wesentlichen Punkte Blumhardts Seelsorgeverständnisses zusammen:

  1. persönliches Gebet des Seelsorgers im Anrufen des Namens Jesu,
  2. bruderschaftliche  heute: geschwisterliche Korrektur; auch der Pfarrer braucht jemanden, der ihn „beseelsorgt“ und stützt, d.h., der Pfarrer ist selbst in diese Gemeinschaft eingebunden und kann nur mit ihrer Hilfe seinem Auftrag gerecht werden; hierher gehört auch das gemeinschaftliche Gebet,
  3. durch Fasten verstärkte und disziplinierte Konzentration und Hoffnung auf das Handeln des Christus,
  4. Schriftstudium  alleine und in der Gemeinschaft, Vergebung.

4. Neuere Deutungen der Krankheitsgeschichte der Gottliebin Dittus

4.1 Vorbemerkung

In diesem Kapitel werde ich auf zwei Deutungsversuche eingehen, zum einen auf den psychoanalytischen resp. tiefenpsychologischen Versuch Joachim Scharfenbergs, der sich ’nur‘ dem ‚eigentlichen‘ Krankheitsbild widmet und die parapsychologischen Erscheinungen, Momente außer acht läßt und zum anderen Theodor Bovet, der in seinem Aufsatz „Zur Heilungsgeschichte der Gottliebin Dittus“ 1 sich nicht nur auf die rein medizinische resp. psychologische Diagnose beschränkt wobei er im Grunde genommen auf das gleiche Ergebnis wie Scharfenberg kommt, es aber nicht so gründlich herleitet  , sondern sich auch um eine Erklärung der parapsychologischen Erscheinungen bemüht.

4.2 Joachim Scharfenberg

Scharfenberg analysiert das seelsorgerliche Bemühen Blumhardts um Gottliebin Dittus und liefert dabei gleichzeitig auch eine Analyse ihrer Krankheit und Krankheitsgeschichte wobei besonders die Kindheit der Gottliebin von Bedeutung ist, der ständige Wechsel der Bezugspersonen, der mit dem Tode der Mutter einsetzt, als Gottliebin sich im sechsten Lebensjahr befindet, dem Höhepunkt der Identifizierungstendenzen im Leben eines Kindes. Scharfenberg dient hierbei der Bericht Blumhardts als Anamnese im Sinne der modernen Psychologie. Ich gehe hier nicht mehr näher auf die Kindheit Gottliebin ein, da ich dies schon unter 1.2 ausreichend getan habe, sondern lasse hier Scharfenberg selbst zu Wort kommen, der die Kindheit Gottliebins wie folgt zusammenfaßt:

„Ungeborgenheit und Ungesichertheit der frühen emotionalen Beziehungen, frühe Berührung mit Bereichen, die auf illegitime Weise Macht und Einfluß versprechen, durch andere Erziehungseinflüsse jedoch unter das scharfe Verdikt der Werke der Finsternis“ gestellt sind und deshalb aus dem Bewußtsein abgeschoben, verdrängt werden müssen, ( … )  dies stellt das Material dar, mit Hilfe dessen dem kundigen Psychologen die ungeheure Konfliktspannung, unter der Gottliebin stand, als ein verstehbares und durchaus sinnhaftes Ergebnis ihrer bisherigen Lebensgeschichte erscheinen muß.“ 2

Als 1838 Johann Christoph Blumhardt in Möttlingen Barth als Pfarrer ablöst, ist damit auch wieder ein Wechsel der Bezugsperson für Gottliebin, des Lieblings Barths, verbunden. Ihr Versuch durch eine ausführliche Beichte ihrer Vergangenheit in eine ähnliche Beziehung zu Blumhardt zu geraten, scheiterte daran, wie Scharfenberg sagt, daß Blumhardt mit dieser Form der Seelsorge nicht viel anzufangen wußte. Wir erinnern uns an die anfänglich ablehnende Haltung, die Blumhardt  sogar noch zu Beginn der Krankheit  Gottliebin einnahm.

„Kann es verwundern, daß das Unbewußte dieses bedauernswerten Mädchen geradezu angespornt wurde, mit Hilfe jener anderen, dunklen Möglichkeit [gemeint sind die magischen Praktiken; Anmerkung des Autors], die in ihr bereitlag, sich jenes Maß an Zuwendung und Aufmerksamkeit zu verschaffen, das sie unbedingt brauchte?“ 3

Es kommt zu den schon ausführlich beschriebenen Erkrankungen und  nennen wir es  Phänomen. Blumhardt sieht den Konflikt und versucht ihn im unversöhnlichen Antagonismus zwischen Dämonischem und Göttlichen einzufangen. Er bringt damit die ‚dämonische Komponente‘ Komponente ins Spiel. Wichtig ist in diesem Zusammenhang für Scharfenberg nun Blumhardts Aufforderung an Gottliebin: „Lege die Hände zusammen und bete: Herr Jesu, hilf mir, wir haben lange genug gesehen, was der Teufel tut, nun wollen wir auch sehen, was der Herr Jesus vermag.“ 4 

Damit ermöglicht er Gottliebin eine Entlastung, den Kampf gegen diese finsteren Mächte nicht mehr im eigenen Innern weiter zu kämpfen. Alles ist nun auf die Dämonen zurückzuführen.

Der Seelsorger Blumhardt tritt an die Stelle der Dittus und übernimmt ihre Sache. Und so wird  so Scharfenberg  ihre en gültige Heilung durch die Aufnahme in Blumhardts Familie an Kindes Statt besiegelt. Bildhaft gesprochen gelangte mit dieser ‚Adoption‘ Gottliebin Dittus nach einer Odyssee der Bezugspersonen in den sicheren bezugsfesten Hafen einer Familie.

4.3 Theodor Bovet

Das Bestechende an seinem Versuch ist, daß er so einleuchtend ist, auch wenn es schwerfällt, sich manchem Gedanken gang anzuschließen. Was seinen Erklärungsansatz so sympathisch macht, ist, daß er einfach manches in dem Bereich läßt, den man zwischen Himmel und Erde nennt, und keine krampfhaften Antworten auf Fragen sucht, die wir heute  150 Jahre später  nicht mehr beantworten können, weil wir nicht dabei gewesen sind. Zudem nimmt Bovet auch die bekanntesten Argumente bekannter Mediziner und Psychologe auf.

Bovet fragt, ob man bei Gottliebin eine Diagnose stellen kann. Er, der er selbst Mediziner war, geht davon aus, daß ein moderner Psychiater, der die Krankheitsgeschichte liest, zu dem Schluß kommen muß, daß es sich um eine Hysterie handelt. Die Hysterie bietet ein überaus vielfältiges Krankheitsbild, das in hundert verschiedenen Symptomen einen Hilferuf an die umgebenden Menschen darstellt. Auf Gottliebin angewandt, muß man nach ihrem eigentlichen Leiden suchen, das ihrer Person derart gefährdet, daß sie ihre Umgebung um Hilfe anfleht. Da sich die ersten Symptome schon im Alter von einundzwanzig Jahren zeigten, muß man ihre Kindheit nach möglichen Gefährdungen untersuchen. Wie wir schon lasen, kam Gottliebin sehr früh mit Zauberpraktiken in Berührung, ich weise hier nur auf Gottliebins Tante hin, die sie auch in die Zauberei einführen wollte.

Hier kann auch späterhin ein Zwiespalt entstanden sein, wenn man an die enge Beziehung zu Pfr. Barth denkt. Zum anderen hatte sie auch schon mehrere schwere Krankheiten zu überwinden, so 1836 eine Nierenkrankheit, die zahlreiche Unterleibsbeschwerden nach sich zog. Dazu kommen noch die zahlreichen Todesfälle in der Familie. Gottliebins Krankheit kann also eine Hysterie gewesen sein ein Hilfeschrei in ihrem inneren Durcheinander, wie Blumhardt es nennt, wieder festen Boden unter den Füßen, eine Ordnung zu finden. 5 Blumhardt sagt: “ Dieser Mensch ist durcheinander. Der „Durcheinanderwerfer“ von Beruf heißt in der Bibel ‚Diabolos‘ (diaballein durcheinanderwerfen), zu deutsch der Teufel.“ 6

Damit sind aber noch nicht die Gestalten, Lichtlein, Nägel, Blutungen, Klopfgeräusche etc. erklärt. Bovet führt hier den Begriff ‚Spuk‘ ein, einen Begriff, der ein Sammelname für eine Reihe von Erscheinungen ist, deren Gemeinsamkeit darin liegt, daß sie gleichermaßen unerklärlich und für den menschlichen Verstand anstößig sind. Solche Spukphänomene sind im allgemeinen an sogenannte Spukhäuser gebunden und bevorzugen die Anwesenheit eines Mediums, sie können auch ganz an das Medium gebunden sein. Letzteres träfe auf Gottliebin Dittus zu.

Das Problem für uns heute ist nun allerdings, daß die Spukphänomene im Hause der Gottliebin als gesicherte Tatsache angesehen werden müssen, nachdem Blumhardt und eine Reihe vertrauenswürdiger Männer das Haus am 3. Juli 1842 gründlich untersucht haben, die Geräusche hörten, aber keine Ursache für die Erscheinungen finden konnten. Jetzt haben wir schon eine Diagnose und eine Identifizierung der Spukerscheinungen als solche. Was ist aber nun mit den Dämonen, von denen Blumhardt berichtet, die von Gottliebin Besitz ergriffen und zum Teil in der Kirche ausfuhren? Das heißt, es gibt zwei schwerwiegende Probleme:

  1. die Besessenheit und damit verbunden
  2. die Existenz von Totengeistern.

Die Besessenheit bezeichnet Bovet als eine ‚überwertige Idee‘, die man nicht mehr los wird  „Ich bin von dieser Sache regelrecht besessen“. Nun stellt sich aber die Frage, ob Gottliebin einfach nur hysterisch war oder wirklich von den Geistern Verstorbener besessen war. Es ist eine Frage, die genauso wenig plausibel zu beantworten ist wie die der Spukphänomene, und zudem sind sich hier nicht einmal die Parapsychologen einig. Die einen sagen, daß die Totengeister Geister wirklicher Personen seien (spiritistische Hypothese), die anderen sagen, daß es sich um abgespaltene Teilpersönlichkeiten des Mediums handelt, die aus seinem Unbewußten heraus reden (animistische Hypothese). Das erklärt aber nicht die Blutungen, die Blumhardt gesehen hat. Bovet hält diese für hysterische Blutungen. Am fragwürdigsten erscheinen mir aber die aus Auge, Nase, Kopf und Oberleib austretenden Gegenstände. Nun besteht ja durchaus die Möglichkeit, daß sich Gottliebin diese Gegenstände selbst unter die Haut gebracht haben kann und die Nägel, den Sand, die Glasscherben, die sie erbrach, verschluckt haben kann. Warum aber gab es keine Wunden? 7 Blumhardt schreibt es jedenfalls so, denn bei den selbstverursachten Wunden floß ja das Blut. 8 Bovet versucht das mit der Möglichkeit des ‚Apportes‘ zu erklären, „den telekinetischen Transport von Gegenständen oder deren Teilen von einem Ort zum anderen ohne erkennbare Ursache und selbst durch feste Wände hindurch, verbunden mit plötzlichem Verschwinden und Wiedererscheinen` So könnte man  mediale Fähigkeiten vorausgesetzt  bei Gottliebin echte Apporte auf einen unbewußten Drang nach Selbstzerstörung zurückführen, wofür auch die Selbstmordversuche und Selbstverstümmelungen sprächen. Unbeantwortet bleibt die Frage der Weissagungen und Entrückungen in fremde Länder. Letzteres kann  bleibt man auf Bovets Spuren  nach meiner Ansicht eventuell auf die Lektüre der Bücher aus dem Hause Barth zurückzuführen sein, z.B. Reiseberichte, etc., durch die sie eine Kenntnis ferner Länder gewonnen haben könnte. Aber was ist mit den Katastrophen, die sie voraussah und die dann auch eintrafen? Ich weiß nicht  wenn ich ehrlich sein soll  bis wohin ich bereit bin der Interpretation Bovets zu folgen. Und so möchte ich die Arbeit mit einem Zitat Blumhardts schließen, das ich guten Gewissens unterschreiben kann: „Ich ließ es dahingestellt sein, wie weit ich alles für Wahrheit anzunehmen hätte, und war froh, ihrer nur los zu werden.“ 10

Anhang zu Kapitel 2:
Die Krankheitsgeschichte der Gottliebin Dittus

DATUM SYMPTOME/ERSCHEINUNGEN/SPUK BLUMHARDTS MASZNAHMEN WIRKUNG
Feb. 1841 Nach Einzug in das neu gekaufte Haus Brunnengasse 3: Ohnmacht bei Tischgebet. Erlebnisse mit Zaubergeld, Klopf und Poltergeräusche im Haus keine keine
Herbst ’41 Gottliebin sucht Blumhardt auf, bleibt aber ganz allgemein keine keine
1841/42 Dezember bis Februar: Gesichtsrose, nimmt Blumhardt gegenüber eine ablehnende Haltung ein Blumhardt besucht sie nicht mehr keine
April ’42 Blumhardt erfährt vom Spuk und den Erscheinungen Verstorbener durch Verwandte  verbietet Gespräche mit der Erscheinungfordert zum ernstlichen und gläubigen Gebet auf nicht bekannt
1. Fund von Zaubermitteln (in berußtes Papier gewickeltes Geld) verbrennt das Papier in der Hoffnung auf Wirkung keine
14 Tage später 2. Fund von Zaubermitteln (dito, dazu Schachtel mit Knochen, Salz, Kreide, Zettel mit Geheimschrift) unter dem Stubenboden dito dito
Mai 1842 Zunahme des Spuklärms, Dr. Späth (Arzt) übernachtet im Haus und wird Zeuge der Geräusche Am 3. Juni 1842 wird eine Untersuchung des Hauses durchgeführt; mit dabei: Teppichfabrikant Kraushaar, Gemeinderäte, Schultheiß, Mose Stanger keine Erkenntnisse
17.6.1842 verstärktes Auftreten der Krämpfe Besuch, sonst keine Maßnahmen keine
26.6.1842 Anfall im Beisein Blumhardts Gebet: Herr Jesu, hilf mir!“ Aufhören der Krämpfe
W E N D E BEGINN DERSEELSORGE
Juli 1842 Auftreten von Geisterstimmen Verstorbener (Besitzung) Blumhardt ist mit Zeugen anwesend (er kommt nur noch mit Zeugen), Gebet Ende der Besitzung
Ende Juli Steigerung der Dämonen von 14 auf 175 auf 425, Brandwunden und Blattern am Hals als Folge der Berührungen der Dämonen, Krämpfe, etc. Besuch und wahrscheinlich Gebete Ausfuhr der Dämonen
8./9.1842 Blumhardt entdeckt Gebet und Wort Gottes als die Waffe im Kampf
26./27.8. zweifacher Selbstmordversuch (Fenstersprung, Erhängen), Blutungen am Oberleib, Besitzungen Singen von Lobgesängen, Gebete Ruhe nach Stunden
Ende ’42 Schmerzen, Erbrechen, Blutungen Gebete Aufhören und Zurückdrängen der Symptome
ab 8.2.43 Entrückungserlebnisse, Ferngesichte, Geisterstimmen, Hervortreten diverser Gegenstände aus dem Körper, Selbstmordversuche, Ausfuhr von Dämonen Gebete Gegenstände kommen hervor
Dez. 1843 Übergreifen der Besessenheit auch auf die Geschwister (24.28. Dezember) Gebete, Fasten Ausfuhr
28.12.1843 Ausfahren des ‚Satansengels‘: „Jesus ist Sieger!“ Anwesenheit Ausfuhr

Anmerkungen

1. Kapitel

1 Johann Christoph Blumhardt, Der Kampf in Möttlingen, Bd. 2, Göttingen, 1979, S. 16

2 Johann Christoph Blumhardt, Der Kampf in Möttlingen, Bd. 1, Göttingen, 1979, S. 68f

3 Michael T. Schulz, Johann Christoph Blumhardt, Göttingen, 1984, S. 57

4 Fr. Zündel, Johann Christoph Blumhardt  Ein Lebensbild, Zürich, 5 1887

5 Michael T. Schulz, Johann Christoph Blumhardt, Göttingen, 1984, S. 56

6 Michael T. Schulz, Johann Christoph Blumhardt, Göttingen, 1984, S. 68 (= Zündel, S. 215)

2. Kapitel

1 Johann Christoph Blumhardt, Der Kampf in Möttlingen, Bd. 1, Göttingen, 1979 (im weiteren: JCB, DKiM 1), S. 35

2 JCB, DKiM 1, S. 40

3 JCB, DKiM 1, S. 41f

4 JCB, DKiM 1, S. 43f

5 JCB, DKiM 1, S. 45f

6 JCB, DKiM 1, S. 47f

7 JCB, DKiM 1, S. 52f

8 JCB, DKiM 1, S. 61f

9 JCB, DKiM 1, S. 75f

 

3. Kapitel

1 Michael T. Schulz, Johann Christoph Blumhardt, Göttingen, 1984, S. 57

2 Johann Christoph Blumhardt, Verteidigungsschrift gegen Herrn Dr. de Clementi, zu Hoffnung bei Bern, Reutlingen, 1850, S. 42f (=Schulz, S. 60)

4. Kapitel

1 Theodor Bovet, Zur Heilungsgeschichte der Gottliebin Dittus, in: JCB, DKiM 1, S. 131

2 Joachim Scharfenberg, Religion zwischen Wahn und Wirklichkeit, Hamburg, 1972, S. 159

3 Joachim Scharfenberg, Religion zwischen Wahn und Wirklichkeit, Hamburg, 1972, S. 161

4 JCB, DKiM 1, S. 40

5 JCB, DKiM 1, S. 21

6 JCB, DKW 1, S. 21

7 JCB, DMM 1, S. 60, Zeile 19f

8 JCB, DKiM 1, S. 60, Zeile 22

9 Fanny Moser, Der Okkultismus, Täuschungen und Tatsachen, Zürich, 1935, S. 646 und 811ff (A JCB, DKiM 1, S.19)

10 JCB, DKW 1, S. 54,Zeile 34ff

Literaturverzeichnis 

1. Quellen

Johann Christoph Blumhardt, Die Krankheitsgeschichte der Gottliebin Dittus, in: Johann Christoph Blumhardt (Hrsg. von Gerhard Schäfer), Der Kampf in Möttlingen, Bd. 1, Göttingen 1979

Johann Christoph Blumhardt, Verteidigungsschrift gegen Herrn Dr. de Valenti, in: Johann Christoph Blumhardt (Hrsg. von Gerhard Schäfer) Der Kampf in Möttlingen, Bd. 1, Göttingen 1979

2. Sekundärliteratur

Theodor Bovet, Zur Heilungsgeschichte der Gottliebin Dittus, in: Johann Christoph Blumhardt (Hrsg. von Gerhard Schäfer), Der Kampf in Möttlingen, Bd. 1, Göttingen 1979

Joachim Scharfenberg, Religion zwischen Wahn und Wirklichkeit, Hamburg 1972

Michael T. Schulz, Johann Christoph Blumhardt, Göttingen 1984

Fr. Zündel, Johann Christoph Blumhardt  Ein Lebensbild, Zürich 5 188

 

Seminararbeit:

EXORZISMUS ALS SEELSORGE –

SEELSORGE ALS EXORZISMUS

Die Krankheitsgeschichte der Gottliebin Dittus

Zur Seelsorge bei Johann Christoph Blumhardt

Seminar:

SeelsorgeKurs II im Sommersemester 1990

Dozent:

Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns