Martin Dubberke

Zu meinem Gedächtnis

Ich halte hier in der einen Hand ein Brot und in der anderen einen Kelch. Für manch einen sind das eben nur Brot und Kelch. Für uns Christinnen und Christen ist es aber mehr. Für uns ist es der Leib und das Blut Jesu Christi.

Während es für die einen Lebens- und Genussmittel sind, sind sie für uns Ausdruck der ewigen Verbundenheit mit Jesus Christus.

Das Brot und der Wein erinnern uns an die Gemeinschaft, die die Jünger mit Jesus Christus hatten. Brot und Wein sind hier Ausdruck der Gespräche über den Glauben, die Welt, die Sorgen, die Befürchtungen, die Hoffnungen und Erwartungen, die die Jünger hatten. In diesen Tischrunden konnten die Jünger alle Fragen stellen, so wie Schüler es nun einmal tun. In diesen Runden konnte alles zur Sprache kommen, auch die Konflikte, die sie miteinander hatten. Wenn Menschen zusammenleben oder zusammenarbeiten, gibt es auch Konflikte und Meinungsverschiedenheiten, unterschiedliche Ansichten. All das konnte hier in dieser Runde geklärt werden.

Jesus war ein aufmerksamer Zuhörer, der sich in die Menschen hineindenken konnte, der spürte, warum eigentlich jemand diese oder jene Frage gestellt hat. Er war als wahrer Gott und wahrer Mensch eben auch ein wahrer Menschenversteher. Er war aber auch klar in der Sache. Im Mittelpunkt stand und steht bei ihm immer das Wort Gottes in seiner eigentlichen Bedeutung. Und mit seinen Fragen, führt er die Menschen genau an diesen Punkt, die eigentliche Bedeutung des Wortes Gottes zu erfassen, zu verstehen und sich zu eigen zu machen.

Wo immer Menschen zum Essen zusammenkommen, entsteht Gemeinschaft, Kommunikation und Erweiterung des eigenen Horizonts.

Das gemeinsame Essen ist der Mittelpunkt einer Familie, eines Teams von Kolleginnen und Kollegen oder einer Haus- und Wohngemeinschaft. Man geht den Tag über seine eigenen Wege, sie kreuzen aber am Tisch führen sie wieder alle zusammen.

Ich denke an den Esstisch im Speisezimmer meiner Eltern. Wie viele Geschichten, Dramen, Streitigkeiten, Lachen hat dieser Tisch erlebt. Dieser Tisch der allmählich vereinsamt, weil immer mehr Mitglieder der Familie nicht mehr leben, weggezogen sind oder einfach nur aus Altersgründen nicht mehr kommen können, war das eigentliche Zentrum unserer Familie, – nicht der Fernsehapparat.  Hier haben wir als Kinder unseren Eltern die Fünf in Mathe gestanden oder die Eins in Deutsch präsentiert. Hier haben wir über Politik debattiert. Hier haben wir Streitigkeiten geschlichtet. Hier haben wir zugehört, wenn uns der Vater die Welt erklärt hat.

Jede und jeder von uns hat so einen Tisch in seinem Leben. Es gibt sogar Esstische, die über Generationen in einer Familie das Zentrum bilden, weil sie von einer Generation an die nächste vererbt werden. Es sind aber auch diese, an denen wir unseren Eltern gesagt haben, dass wir nun einen eigenen Tisch haben werden, weil wir ausziehen. Also, wird an solchen Tischen auch Abschied genommen.

So ist es auch hier. Am Abend hat man noch gemeinsam Abendbrot gegessen, sich einander Geschichten erzählt oder gestritten und beim Frühstück ist ein Platz verweist, weil einer aus der Tischgemeinschaft gestorben ist.

Zu unserem Leben gehört auch der Abschied. Und Gründonnerstag ist ein solcher Tag des Abschieds. Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngern, mit denen er gemeinsam gelebt hat, mit denen er gemeinsam durch das Land gezogen ist, mit denen er spannende und aufregende Geschichten erlebt hat, die Zeugen seiner Reden, seiner Wunder geworden sind. Jesus verabschiedet sich, weil er weiß, dass er sterben wird.

Gründonnerstag ist auch ein trauriger Tag. Das Grün, das im ersten Moment so hoffnungsfroh klingt, kommt eigentlich von greinen – also Weinen – , so dass der Gründonnerstag eigentlich Greindonnerstag heißen müsste.

Die Oboe meines Vaters mit von ihm gebauten Rohren | Bild: Martin Dubberke
Die Oboe meines Vaters mit von ihm gebauten Rohren | Bild: Martin Dubberke

Ich habe Ihnen hier etwas mitgebracht. Das ist klein und unscheinbar. Es ist ein Rohr, das man oben in eine Oboe steckt, um sie spielen zu können. Dieses Rohr hat mein Vater gebaut, der mittlerweile seit ein paar Jahren tot ist. Und manchmal nehme ich dieses kleine Rohr, stelle es für ein paar Minuten in ein kleines Glas mit etwas Wasser, stecke es in die Oboe und spiele eine kleine Melodie auf der Oboe meines Vaters. Und mit einem Mal bin ich mit meinem Vater auf eine wunderbare Art und Weise verbunden. Ich blase in das Rohr und der Ton erklingt, weil mein Vater das Rohr gebaut hat und mir als mein Lehrer beigebracht hat, wie ich das Instrument spielen kann. Und dann schwingen in diesem Moment gewissermaßen unsere Seelen in einem Einklang. Wir alle haben solche Erinnerungen und Erinnerungsstücke in unserem Besitz, um die wir kämpfen, wenn wir umziehen oder in ein Seniorenzentrum oder ins Betreute Wohnen ziehen. Kleine Erinnerungsstücke, die uns heilig sind, weil sie eine Verbindung zu jemanden oder eine Erinnerung herstellen, zu jemandem, der schon lange nicht mehr unter ist, aber für unser Leben wichtig gewesen ist.

Ich glaube, dass das ein guter Moment ist, um den Predigttext aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 11, die Verse 23 bis 26 vorzulesen:

Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis.

Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.

Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern. Am kommenden Tag wird er ermordet werden. Und so stiftet er an diesem Abend das, was wir ein Sakrament nennen. Ein Sakrament ist ein Zeichen des Heils. Und er sagt, dass wir das zu seinem Gedächtnis machen sollen. So oft wir das Abendmahl feiern, erinnern wir uns das letzte Mahl. Sooft wir das Abendmahl feiern erleben wir die Gegenwart Jesu Christi. Er ist dann in unserer Mitte wie damals, als er mit seinen Jüngern um den Tisch herum gesessen hat. Wann immer wir das Abendmahl miteinander einnehmen, sind wir untereinander und mit ihm verbunden. Wann und wo auch immer wir das Abendmahl miteinander feiern, werden wir daran erinnert, dass wir am Tisch das ansprechen und miteinander zu klären, was uns voneinander trennt, damit wir wieder Gemeinschaft erleben können. Und wenn wir heute am Gründonnerstag miteinander das Abendmahl feiern, spüren wir in der Nähe zu Ostern, dass der neue Bund in seinem Blut, das für unsere Sünden vergossen wurde, einen fröhlichen Anfang einer neuen und unbelasteten Beziehung zwischen Gott und uns bedeutet.

Und so hat auch nach rund zweitausend Jahren das Abendmahl nichts von seiner Wirkung als ein Zeichen des Heils, als Heilmittel verloren. Im Brot und Wein und dem Wort erfahren wir, dass uns Gott nahekommt und nahe ist.

Amen.

Predigt am Gründonnerstag über den 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 11, die Verse 23 bis 26 im Evangelischen Seniorenzentrum „Kurt Bohm“ in Ketzin, 18. April 2019