Worauf es wirklich ankommt

Gedanken zu Losung und Lehrtext

Losung

Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe. Psalm 90,10

Textmeditation

Das ganze Leben nur ein Schein? Da lebe ich siebzig oder vielleicht auch achtzig Jahre und alles, was mir das Leben schön gemacht hat, alles was mir Spaß oder Erfüllung gebracht hat, meine Karriere, meine Ehe, meine Kinder, alles, was mir das Leben köstlich gemacht hat, soll am Ende nur vergebliche Mühe gewesen sein.

Wie demotivierend. Da hängen mir am frühen Morgen die Schultern runter und eigentlich könnte ich mich ja wieder ins Bett legen, weil ja ohnehin alles vergebliche Mühe ist. Ich könnte ein deutlich entspannteres Leben führen, das nicht mehr in enge Zeitfenster eingepfercht ist. Aber mir macht das doch eigentlich Spaß. Der Zeitdruck macht das Leben doch auch irgendwie spannend. Es ist immer die sportive und adrenalinfördernde Herausforderung: Schaffe ich es? Und wenn ich es geschafft habe, dann kommt dieses wunderbare Gefühl der Erleichterung.

All das, was ich tue soll also vergebliche Mühe für meine Familie, mein Leben, die Firma gewesen sein?

Der Vers, der als Losung ja seines Zusammenhangs beraubt ist, ist ein echter Motivationskiller. Ich kann und will das nicht glauben und schlage deshalb die Bibel auf, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die Bibel irgendwo die Motivation killen will. Und dabei stolpere ich dann über den Vers:

12Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Genau das ist es. Ohne diesen Vers ist die Losung des Tages nicht zu verstehen. Wir leben gerne in den Tag hinein. Damit meine ich nicht, dass wir plan- und gedankenlos sind, aber wir machen eine Menge in unserem Leben, das bei uns dann zuweilen das Gefühl hinterlässt, ich hätte mit meiner Lebenszeit auch etwas sinnvoller umgehen können.

Da hat man ein Projekt begonnen, viel Arbeit, Energie und Herzblut investiert und dann wird es abgeblasen. Man war mit jemandem verabredet, aber der ist dann nicht gekommen und hat es nicht für nötig gehalten, abzusagen. Das sind so manchmal die Momente, wo man gerne sagt: Ich hätte meine Lebenszeit auch angenehmer vergeuden können.

Und genau das ist das entscheidende Stichwort „vergeuden“. Wir leben in aller Regel nicht in dem Bewusstsein, dass das Leben auch innerhalb der nächsten zehn Minuten vorbei sein könnte. Weiß ich, ob ich, wenn ich nach dieser Andacht den Raum verlasse und die Treppe zu meinem Büro raufgehe, nicht einen Herzinfarkt bekomme und einfach tot die Treppe runterfalle?

Wir wissen nicht, was in den nächsten zehn Minuten wirklich passieren wird, auch wenn wir einen minutiös durchgeplanten Kalender oder eine Tagesordnung haben. Das Leben kann jeden Moment vorbei sein. Und dann?

Mir wird immer deutlicher, dass die Losung doch kein Motivationskiller ist, sondern eine Aufforderung, sein Leben bewusster zu leben, Entscheidungen anders zu treffen, so zu treffen, dass ich vor dem Hintergrund meiner eigenen Vergänglichkeit, darauf bedacht bin, nicht einfach so in den Tag hineinzuleben, sondern immer wieder auch die Sinnfrage zu stellen. Ist es sinnvoll, das zu tun, was ich gerade tue oder vergeude ich gerade mein Leben, die mir von Gott geschenkte Lebensspanne?

Und hier kommt dann der Lehrtext ins Spiel: Was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. 2.Korinther 4,18

Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich, dass ich zeitlich bin. Wenn ich jemanden lange nicht gesehen habe, sehe ich, dass auch er zeitlich ist. Wenn ich mich manche Entscheidung anschaue, sehe ich, dass sie zeitlich ist.

Aber wenn ich auf Gott sehe, den ich ja nicht sehen kann, naja, nicht wirklich, nicht so, wie ich jetzt sie, die sie vor mir sitzen, sehen kann, aber wenn ich ihn im Blick habe, dann ist das die Orientierung, die mir hilft, mit der ich mein Leben bewusster und nicht so selbstverständlich lebe.

Gott mahnt mich immer wieder an, mal einen Gang runter zu schalten, das, was ich tue mal in Ruhe anzuschauen und auf den Prüfstand zu stellen. Gott, der mir das Leben geschenkt hat, will mich vor Vergeblichem bewahren.

Amen.